Gottes Wille und das Coronavirus

von Thomas Jay Oord

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Thomas Jay Oord

Der Theologe, Philosoph und Wissenschaftler für multidisziplinäre Studien lehrt an der Northwest Nazarene University in Nampa, Idaho. Arbeitsschwerpunkte: herrschaftsfreie Liebe, Theodizee, offener Theismus, Postmoderne, Beziehung zwischen Religion und Naturwissenschaft; Natur- und Tierfotografie. Veröffentlichungen unter anderem: The Uncontrolling Love of God (2015); God Can't - How to Believe in God and Love (2019)
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(Auszüge aus einem Beitrag von Thomas Jay Oord, übersetzt von Michael Jung)

Ich bin nicht überrascht, dass einige Leute Gott beschuldigen, vielleicht genauer: es Gott anrechnen. Ich lese Social Media Beiträge, die sagen: Das Coronavirus (Covid 19) ist Gottes Wille. Unsere derzeitige Not ist Teil eines vorherbestimmten göttlichen Plans. …

Ich glaube nicht, dass das Coronavirus Gottes Plan ist. Gott verursacht keine Pandemie, die einige Menschen tötet, viele unglücklich macht und weitreichende nachteilige Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Gott hat dieses Übel nicht verursacht! …

Ein besserer Weg

Es gibt einen besseren Weg über Gottes Willen und das Coronavirus zu denken. Dieser Weg sagt: Gott will das Virus besiegen. Gott wünscht leidenschaftlich, die Tode und die Zerstörung abzuwenden, die wir aktuell sehen. Dieser Weg sagt: Gott liebt jeden Menschen und alle Dinge, vom allerkomplexesten zum allergeringsten. Und Gott betreibt immerzu den Kampf gegen das Coronavirus, auf allen Ebenen der Existenz und der Gesellschaft.

Dieser bessere Weg sagt: Gott kann das Coronavirus nicht eigenhändig (!) besiegen. Gott braucht unsere Hilfe und Mitwirkung. In dieser Zeit des Ringens benötigt Gott das Beste der Medizin, das Beste von gesellschaftlichen Führungskräften, das Beste von jedem von uns. Ich nenne diese Sichtweise „die nicht-kontrollierende Liebe Gottes“, und ich habe akademische und allgemein verständliche Bücher geschrieben, die ihre Einzelheiten erläutern. (Leicht zu lesen ist mein meistgekauftes Buch „God Can‘t: How to Believe in God and Love after Tragedy, Abuse and Other Evils [Erläuterung MJ: Sehr empfehlenswert, leider bisher nur auf englisch erhältlich]). Diese Sichtweise sagt: Gottes Liebe ist ihrem Wesen nach nicht-kontrollierend. Und weil Gott jeden Menschen und jede Sache liebt, deshalb kann er niemanden und nichts kontrollieren. Der nicht-kontrollierende Gott der Liebe ist die allerwirksamste Macht im Universum! Aber Liebe zwingt nicht den eigenen Weg auf (1 Kor 13,5), selbst der stärkste Liebhaber kann keine Kontrolle über andere ausüben.

Gottes Wille für uns

Was ist Gottes Wille? In gewissem Sinn ist es derselbe heute wie jeden Tag: Gott zu lieben, andere zu lieben, die ganze Schöpfung zu lieben, einschließlich uns selbst. In unserer aktuellen Krise konkretisiert sich Gottes spezifischer Wille. Gott ruft und lockt jede Person, jede Familie, jede Gemeinschaft und jede politische Struktur zu spezifischen Reaktionen der Liebe. Diese spezifischen Berufungen entsprechen jeweils speziell dem, was jedes Geschöpf in je seiner Situation tun kann. Gott ruft und lockt uns alle zu liebenden Taten im Licht dessen, was jedem möglich ist.

Für die meisten von uns: ‘soziales Abstandhalten’ kann eine bedeutsame Form von Liebe sein. Vorräte untereinander aufzuteilen – einschließlich Toilettenpapier – kann auch eine sein. Mit Mitarbeitern des Gesundheitswesen zu kooperieren, kann ein kraftvoller Ausdruck von Liebe sein. Vernünftige Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, kann eine Tat der Liebe sein. Und so weiter … Wir sind jederzeit herausgefordert zu lieben. Unsere momentane Krise stellt uns vor neue Herausforderungen zu entdecken, was die Liebe gerade jetzt erfordert. Ich verpflichte mich, mein Bestes zu tun, genau wahrzunehmen und dann auf Gottes Rufe zur Liebe zu antworten.

Ich hoffe, Sie machen mit. Gott tut es auch.

(Die vollständige Übersetzung als pdf-Datei)


Mehr über Oords Umgang mit der Theodizeefrage erfahren Sie in dem 13-minütigen Interview, das Heinz-Hermann Peitz Juni 2019 mit Thomas Jay Oord geführt hat. Es ist mit deutschen Untertiteln versehen, die im Abspielfenster unten rechts (die drei waagerechten Striche – erscheinen nach Betätigung des Abspielbuttons) zu aktivieren sind.

    Zur theologischen Vertiefung dient das Fachgespräch mit Andreas Losch und Johannes Grössl, das in Englisch dokumentiert ist.


    Die Facebook-Diskussion dieses Beitrags

    Mary B Moritz Sehr interessant. Ist Gott nicht zu menschlich dargestellt? Oder in einem gewissen Sinne zu idealistisch? Ja, ich weiss, “nicht-kontrollierende Liebe” ist eines der Paradigmen von Thomas Jay Oord. Ja, Gott ist Liebe, aber auch Weisheit und Allmacht. Sehr bemerkenswert ist hier Eleonore Stump, The God of the Bible and the God of the Philosophers.

    Mary B Moritz Mir fehlt auch der Aspekt des Bittgebetes, den Papst Franziskus jetzt so stark betont.

    Heinz-Hermann Peitz Beim Thema Bittgebet fällt mir immer das Gebet um Gerechtigkeit von Karl Rahner ein: “Herr, gib, was Du uns gebietest, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit in der Welt. … Geh – sagst Du – und tu, was Du von mir erbittest. Dann habe ich getan, was Du willst”. Das ist (ziemlich) kompatibel mit Oords “uncontrolling love” und der Aussage, Gott könne das Coronavirus nicht im Alleingang besiegen (so würde ich “singlehandedly” übersetzen).

    Mary B Moritz Ja, dass wir Menschen mittun müssen, das ist sehr schön herausgearbeitet. Und vielleicht müssen wir auch berücksichtigen, dass Oord in einem anderen Kontinent beheimatet ist, wo die Soziallehre der Kirche leider auch in manchen katholischen Kreisen ein Fremdwort ist. Und wo man frei nach Qualtinger sagt, “Der Papa wird’s schon richten, das ghört zu seinen Pflichten, dazu ist er ja da, der Herr Papa!” Und wer sind wir, Gott vorschreiben zu dürfen was Er zu tun hat?

    Martin Neukamm In der Konsequenz kommt man nicht umhin, am Eigenschaftstripel Gottes zu rütteln: Entweder, er WEISS nichts von Corona, oder er KANN es nicht besiegen oder es ist ihm schlicht Schnuppe. Oder, schlimmer noch, er WILL die Menschheit leiden sehen.

    Der Autor behauptet, Gott KÖNNE nichts gegen Corona tun ohne den Menschen. Anscheinend möchte er so das Postulat von Gottes Allgüte retten. Aber das scheint mir eine steile These zu sein, wenn man bedenkt, dass man Gott ein Allmachtspotenzial zuschreiben musste, um ihm zum Demuirgen zu machen. Einer, der Naturgesetze und Feinabstimmungen bewerkstelligen konnte, soll nun außerstande sein, ein läppisches Virus auszuschalten? Eine solche Behauptung erscheint mir ziemlich willkürlich. (Nebenbei, wer hat das Virus eigentlich erschaffen? Okay, das ist eher eine Frage, mit der sich ID-Kreationisten herumschlagen müssen…)

    Heinz-Hermann Peitz Das ist natürlich DER klassische Einwurf, den manche zurückweisen, insofern er auf einem missverständlichen Allmachtsbegriff beruht. Was heißt “Allmacht“? Alles Beliebige machen können – hölzerne Eisen und dreieckige Kreise? Die rhetorische Frage “Einer, der Naturgesetze und Feinabstimmungen bewerkstelligen konnte, soll nun außerstande sein, ein läppisches Virus auszuschalten?” scheint mir gar nicht so trivial. Wie oft müsste er dann ausschalten, eingreifen, intervenieren. Entstehung des Lebens als permanente Rückrufaktion? Es sind doch genau die “Naturgesetze und Feinabstimmungen” die notwendig sind, um letztlich freies Leben zu ermöglichen, aus denen dann auch Viren entstehen können. Kann man tatsächlich das eine haben wollen, ohne das andere in Kauf zu nehmen? Michael Ruse soll einmal gesagt haben: “Gott hätte eine andere Welt schaffen können, aber nicht diese Welt anders” – diese Welt, in der Freiheit möglich sein soll.

    Übrigens zur Virenentstehung: Oord im obigen Video, 2:37.

    Thomas Jay Oord Mary and Martin – Thanks for your good responses. I’m resisting the urge to respond, in part because my German language skills are horrible! But I’m happy to say your good comments and questions are addressed in two of my books soon available in the German language: The Uncontrolling Love of God, and God Can’t. I’ll send Heinz-Hermann Peitz a note to pass on to you when those translated books are available this summer.

    Martin Neukamm @Heinz-Hermann Peitz: “Gott hätte eine andere Welt schaffen können, aber nicht diese Welt anders.” – Warum nicht? Er kann doch angeblich Wunder tun – warum nicht in dieser Welt? Er müsste auch nicht STÄNDIG eingreifen oder beliebig Absurdes tun. Es hätte vollkommen genügt, das ERSTE Virus, das auf den Menschen übersprang, unschädlich zu machen, oder dafür zu sorgen, dass “Patient Zero” nicht hunderte weitere Menschen ansteckt. Welchen Sinn haben noch Bittgebete, wenn Gott solches nichts leisten kann? Angeblich fällt “kein einziger Spatz auf die Erde, ohne dass euer Vater es zulässt”. Gerade der Pan(en)theismus soll für Gottes Wirken und seine Interventionen offen sein.

    Heinz-Hermann Peitz Dahinter steht ein falsches Wunderverständnis, das unter Wunder das Außerkraftsetzen von Naturgesetzen versteht. Und solche Eingriffe müssten in der Tat STÄNDIG passieren: Denken Sie an das Erdbeben von Lissabon, die Pest, die spanische Grippe, Tsunamis, Krebszellen eines unschuldigen Kindes; oder – wenn Sie auch das malum morale einbeziehen wollen – Auschwitz oder die Misshandlung eines Kindes. STÄNDIG eben! Wunder sind für Thomas Jay Oord nur “in Kooperation mit der Schöpfung” möglich (obiges Video 7:38). Auch Bittgebete sind keine magische Beeinflussung Gottes. Das ist nicht erst ein Immunisierungsargument moderner Theologie, sondern urbiblisch: “Lass diesen Kelch an mir vorübergehen” hat schon bei dem nicht funktioniert, der das innigste Gottesverhältnis hatte. Und: Der Panentheismus setzt gerade nicht auf Interventionen wie der klassische Theismus, von dem er sich absetzt, sondern auf eben diese Kooperationsbeziehung. All das und viel, viel mehr findet sich dazu auf forum-grenzfrage unter dem Stichwort “Theodizee“.

    Mary B Moritz Vielleicht sei an dieser Stelle kurz hinzugefügt: 

    Der von Thomas Oord vertretene ‘Open Theism‘ ist spannend, aber doch recht verschieden vom klassischen Theismus. Open Theism “zwingt” Gott gleichsam dazu, nicht in diese Welt einzugreifen, im Hinweis auf die Freiheit, die er dem Menschen und der Natur gewährt hat. Ich weiß jetzt nicht, ob dies auch von Oord verteten wird, aber in einer Leseart des Open Theism ist es auch so, dass Gott genauso wie der Mensch „im Dunklen tappt, was die Zukunft betrifft“, und ein Eingreifen Gottes somit unabsehbare Folgen haben könnte. Hier sehe ich eine Schwierigkeit: Zeitbegriffe wie Vergangenheit, Gegenwart (Jetzt) und Zukunft sind keine objektiv überall gleichermaßen feststehenden Parameter, sondern gemäß Relativitätstheorie in einem Kontinuum zu sehen. Was ist dann für Gott Gegenwart und Zukunft? Warum soll der Zeithorizont Gottes derselbe sein wie der Zeithorizont des Menschen (sofern er sich nicht mit rasender Geschwindigkeit bewegt, und die Zeit sich so verschiebt)? Somit ist die Frage, ob Dinge, die für uns Menschen in der Zukunft liegen, auch für Gott in der Zukunft sind. Und wenn ja, warum? Ist Gott nicht außerhalb der Zeit? Im klassischen Theismus bieten Boethius und Molina hier Denkansätze, die nicht veraltet sind.

    Ich würde auch vorschlagen, den Begriff „Open Theism“ zu verwenden, denn der Begriff „Panentheism“ wird auch in der Orthodoxen Theologie verwendet, und zwar durchaus im „klassischen Sinn“. Gott ist gleichermaßen immanent und transzendent, wie es Papst Johannes Paul II einmal formuliert hat,: “As Creator, God is in a certain sense “outside” of created being and what is created is “outside” of God. At the same time the creature fully and completely owes to God its own existence (its being what it is), because the creature has its origin fully and completely from the power of God. Through this creative power (omnipotence) God is in the creature and the creature is in him. However, this divine immanence in no way diminishes God’s transcendence in regard to everything to which he gives existence.” – John Paul II, 15 Jan 1986

    Die Frage, warum Gott Dinge wie das große Erdbeben in Lissabon, Tsunamis, die spanische Grippe und das Corona-Virus zulässt, ist aber in jedem Fall (ob Open Theism oder klassischer Theismus) eine Frage, die nicht nur Leibniz beschäftigte, der antwortete, dass wir in der „best möglichen Welt“ leben. Und, wie erwähnt, gibt es bei „Forum Grenzfragen“ viel Material zum „Theodizee-Problem“. Die Frage ist wirklich, ob sich diese Frage quasi „philosophisch“ lösen lässt. Ich persönlich denke nicht, ich bin mir auch nicht sicher, dass wir es versuchen sollten. Wir können das Leid vielleicht wirklich nur im Blick auf das Geheimnis Gottes und das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus verstehen. Und aus der Verheißung der Geheimen Offenbarung, dass diese Welt nicht die endgültige ist, und auch wir Menschen „nicht hier unsere endgültige Heimat haben“ (vgl Hebr 13,14). Und somit bleibt das Leid letztendlich ein Geheimnis, aber eines, das wir mit Gott im Gebet besprechen dürfen und sollen.

    Martin Neukamm Ich finde auch die Argumentation von Thomas Jay Oord im Video nicht überzeugend. Seine These lautet sinngemäß, Gott schaffe keine Fakten, weil er die Menschen zu nichts zwingen, ihnen in seiner Selbsthingabe Freiheiten lassen wolle. Aber eine (Natur-) Katastrophe wie die Corona-Pandemie hat nichts mit Selbsthingabe und Freiheit zu tun. Im Gegenteil, sie erzeugt massives Leid und schränkt die Freiheiten der Menschen ein.

    Ein Beispiel: Als liebender Vater werde ich meinem 3-jährigen Kind diverse Freiheiten lassen. Doch wenn ich sehe, dass es auf den Teich zuläuft, hat es nichts mit Selbsthingabe zu tun, wenn ich die Gefahr ignoriere und meinem Kind die “Freiheit” lasse, zu ertrinken. Ich werde auch nicht “locken” und sagen, dreh um, sondern ich werde es packen und vom Wasser wegziehen. Was also hat es mit Liebe zu tun dabei zuzusehen, wie ein tödliches Virus auf die Menschheit überspringt?

    Vollkommen unverständlich war für mich die Metapher eines lockenden Gottes im Zusammenhang mit einem tödlichen Virus. Wer soll da wohin gelockt werden? Könnte ich nicht weit eher behaupten, es wurde ein Virus dazu überredet, auf den Menschen überzutreten? Sein vermeintlicher “Zweck” besteht ja gerade darin, Lebewesen zu infizieren. Das kann man m. E. entweder nur mit einem mitleidlosen Gott – oder mit einem sinnfreien Naturprozess erklären, der kein Leid kennt.

    Thomas Jay Oord @Martin Neukamm: Thanks for your good comments, Martin. I address your concerns in my box. For instance, I address how you as a father can use your body to constrain your three-year-old, but God does not have that kind of body. I encourage you to read the book God can’t. It will be appearing in German later this year. But if you read English, you can read that version now.

    Heinz-Hermann Peitz An dieser Stelle von meiner Seite aus ein kleiner “Cut”, an dem ich mich für die Beiträge bedanke, die klassisch sind und ins Zentrum der Herausforderungen der Theologie gehen. Wenn die letzten Antworten von Thomas Jay Oord und mir mit Verweisen enden, so sind das keine Ausflüchte. Es kann schlicht nicht ernsthaft erwartet werden, dass in einem Facebook-Beitrag ein so gewichtiges Problem abschließend geklärt werden kann. Darum gern noch einmal der Hinweis auf das Stichwort “Theodizee” bei forum-grenzfragen, wo in 30 z. T. sehr ausführlichen Beiträgen von renommierten deutschsprachigen Theologen (z. B. Hans Kessler), Philosophen (z. B. Holm Tetens) und Naturwissenschaftlern (z. B. Gerhard Haszprunar) um dieses Thema gerungen wird. Auch die Beiträge von Oord finden sich hier – inkl. der Dokumentation eines kontroversen Fachgesprächs über seine Thesen.

    Eine thematisch ähnliche Facebook-Diskussion fand übrigens über die Thesen von Holm Tetens statt und ist in diesem Forum dokumentiert.
    Wer der Position von Martin Neukamm ausführlicher nachgehen möchte, lese dessen naturalistische Kritik an Hans Kessler.

     

    (Quelle: www.facebook.com/hhpeitz, Stand 29. März 2020, 19:15 Uhr)