Zur Methode und Reichweite der Biologie

von Mathias Gutmann

Mathias Gutmann

Mathias Gutmann

Gutmann studierte Philosophie, Geschichte, Zoologie, Biophysik und Botanik. 1995 wurde er am Institut für Philosophie bei Peter Janich promoviert und 1998 in Biologie. Gutmann war von 2002 bis 2008 als Juniorprofessor für „Anthropologie zwischen Biowissenschaften und Kulturforschung“ tätig, hat sich zusätzlich zur Juniorprofessur mit einer Schrift über Die Medialität des Erfahrens habilitiert. Seit 2008 ist Gutmann Professor für Technikphilosophie.
Mathias Gutmann

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Zur Methode und Reichweite der Biologie

Vortrag auf der RSNG-Jahrestagung “Methode und Reichweite der Naturwissenschaften”, 28.-30.09.2012
Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim

    Einige Thesen zum Vortrag

    1. Versteht man unter (Natur-) Wissenschaften spezialisierte menschliche Praxen, welche es erlauben, transsubjektiv geltendes Wissen bereitzustellen, so ergibt sich die Differenz zur „Lebenswelt“ analytisch. Es empfiehlt sich also, eine aspektuelle Unterscheidung zwischen „(natur-)wissenschaftlichen“ und „lebensweltlichen“ Aussagen vorzunehmen, bestimmt bezüglich einschlägiger Geltungskriterien.
    2. Biologie bezieht ihre methodischen Anfänge der Konstitution ihrer ersten Gegenstände aus lebensweltlichen Praxen und dem darin erworbenen umgänglichen Wissen (Züchtung, Kultivierung etc.). Hinzu tritt nicht biologisches Wissen aus dem Umgang mit Artefakten (etwa Maschinen verschiedenen Typus) sowie wissenschaftliches Wissen, dessen Geltung ohne relevanten Bezug zum biologischen Wissen ist (physikalisches, chemisches, informatisches, elektrotechnisches etc.).
    3. Der Ausdruck „Leben“ erscheint danach in zwei grundsätzlich unterschiedenen logischen Grammatiken, deren eine die Redeform der Biologie bestimmt (theoretische Sätze).
    4. Der Übergang von biotischen zu biologischen Gegenständen vollzieht sich unter Modellierung von Lebewesen als funktionalen Einheiten; hierbei spielen Metaphern eine systematisch hervorragende Rolle, da sie die Übertragung von Regelwissen in einen neuen (jetzt biologischen) Bereich gestatten.
    5. Modellierungen von Lebewesen als Organismen sind an inferentielle Kontrolle gebunden; sie bestimmen die jeweiligen organismischen Konstruktionen als auf die Modell-Basis bezogene Darstellungen im Sinne des ens qua ens. Das Verfahren der Modellierung ist iterativ, wobei die methodischen Anfänge verlassen werden; eine Reduktionsvermutung (hinsichtlich der Anfänge) ist kaum zu verteidigen.
    6. Genetik ist lebensweltlich in umgänglichem Wissen um Lebewesen fundiert. Es handelt sich um einen Typenausdruck, der unterschiedlichste Forschungsprogramme übergreift. Die Familienähnlichkeit ist begründet in der Erklärung der Hervorbringung von Lebewesen oder Teilen derselben (in organismischer Beschreibung).
    7. Erklärungen sind an eine Abschichtung von – im Prinzip – voneinander unabhängigen semantischen Ebenen gebunden, welche iterativ funktionelle Verhältnisse konstituieren. Es liegen in der Regel metaphorische Ellipsen vor, die, expliziert, komplexe Modellierungen beinhalten – so ist etwa die Nutzung technischer Ausdrücke Anzeige kybernetischer Modellierung, die aber regelmäßig ontologisch verstanden werden („es gibt genetische Schalter“).
    8. Als Produktionstechnik reduziert sich Genetik auf die Nutzung von Verfahren zu Zwecken der Manipulation von Lebewesen. Diese Zwecke sind dann nicht mehr wissenschaftlicher Natur.
    9. Werden die beschreibungssprachlichen Mittel, welche der Technik entstammen wörtlich verstanden, so greift das Ingenieursparadigma über. Es wird dann verbatim Leben konstruiert.
    10. Der Begriff „Gen“ wird damit multi-sem; methodologisch gesehen liegen verschiedene Formen von Ausdrücke vor (Abstraktoren, Reflexionsbegriffe etc.). „Das Gen“ hat keinen trivialen Referenten (ontologisch etwa kausale Faktoren, Entwicklungsressourcen, funktionale Regelkreise, Allelfrequenzen).
    11. Evolution“ ist ein theoretischer Term; er gehört einer Metasprache an, welche auf gelungene funktionale Modellierungen und geltendes biologisches Wissen referiert.
    12. Evolutionsbiologische Rekonstruktionen fingieren einen Hervorbringungsvorgang, dessen Resultat den methodischen Anfang repräsentiert. In der Darstellung erfolgt ein Richtungswechsel, da nun vom Ursprung (nicht vom Anfang) her berichtet wird.
    13. Evolutionstheoretische Reflexionen stellen die Strukturelemente von Evolutionstheorien bereit. Sie haben ihren Anfang in einer Aufforderung, den in 12 markierten Kontext zu fingieren und die Rekonstruktion der Antezedenten der existierenden Lebewelt unter Beschränkung auf naturwissenschaftliche Methoden vorzunehmen.
    14. „Die“ Tiere wären danach nur uneigentlich Resultat von Geschichte, „die“ Menschen nur uneigentlich Resultat von Evolution.
    15. Der Mensch erscheint als biologischer Gegenstand nur insofern er token eines (organismisch strukturierten) types ist. Der Mensch insofern er Mensch ist, gehört zu den Konstitutiva der (Natur-)Wissenschaft selber und wird folglich in ihr nicht angetroffen.
    16. Wird nicht nur in der Form theoretischer Sätze auf „den“ Menschen referiert, sondern werden praktische Satze zugelassen, so können „selbsthafte“ Gegenstände konstruiert werden, in welchen Menschen wesentlich sich bestimmen (etwa „Geschichte“).

    Beiträge der Tagung

    Nach William Grassie muss die neue evolutionäre Kosmologie (die "große Geschichte") frühere religiöse Kosmologien ersetzen. Diese können nach wie vor metaphorisch und metaphysisch interpretiert werden, nicht jedoch buchstäblich als Schilderung realer Ereignisse. In der "Großen Geschichte" findet Grassie phantastische Anknüpfungspunkte für Transzendenz.