Sloterdijks Herausforderung

von Johanna Rahner

Johanna Rahner

Johanna Rahner

Lehrstuhlinhaberin für Dogmatik, Dogmengeschichte und ökumenische Theologie bei Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen
Johanna Rahner, geb. 1962, promovierte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und ist seit 2014 Professorin für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie an der Eberhard-Kalrs Universität Tübingen
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Du musst dein Leben ändern – Über Anthropotechnik Book Cover Du musst dein Leben ändern – Über Anthropotechnik
Peter Sloterdijk
Frankfurt a.M., Suhrkamp
2009
723

In seinem neuen großen Essay über die Natur des Menschen betreibt Peter Sloterdijk Märchen-Kritik: Als Kritik des Märchens von der Rückkehr der Religion könnte man seine Thesen verstehen. Doch nicht die Religion kehrt zurück. Es verschafft sich vielmehr etwas ganz Fundamentales in der Gegenwart Raum: Der Mensch als Übender, als sich durch Übungen selbst erzeugendes Wesen. Rainer Maria Rilke hat den Antrieb zu solchen Exerzitien zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Form gefaßt: »Du mußt dein Leben ändern.« In seinem Plädoyer für die Ausweitung der Übungszone des einzelnen wie der Gesellschaft entwirft Peter Sloterdijk eine grundlegende und grundlegend neue Anthropologie. Den Kern seiner Wissenschaft vom Menschen bildet die Einsicht von der Selbstbildung alles Humanen. Seine Aktivitäten wirken unablässig auf ihn zurück: die Arbeit auf den Arbeiter, die Kommunikation auf den Kommunizierenden, die Gefühle auf den Fühlenden ... Es sind die ausdrücklich übenden Menschen, die diese Existenzweise am deutlichsten verkörpern: Bauern, Arbeiter, Krieger, Schreiber, Yogi, Rhetoren, Instrumentalvirtuosen oder Models. Ihre Trainingspläne und Höchstleistungen versammelt dieses Buch zu einer vergnüglich-instruktiven Lektüre von den Übungen, die erforderlich sind, ein Mensch zu sein.

 

(Auszug aus Johanna Rahners Vortrag “Zwischen Projektion und Wahn“)

Sloterdijks jüngstes Werk wird von manchen zu Recht als der seit Feuerbach prinzipiellste Angriff auf Religion (Klaus Müller) bewertet. Denn bei ihm handelt es sich um das Großprojekt einer fundamentalen Naturalisierung von Religion überhaupt. Das macht sich zweifelsfrei in der Grundthese Sloterdijks geltend, so etwas wie Religion oder Religionen gebe es überhaupt nicht. Was unter diesem Titel firmiere, sei nichts anderes als ein Ensemble von Techniken der Selbstvervollkommnung, mit denen der Mensch seit je versuche, sich über seine konstitutionellen Defekte hinweg zu etwas zu stilisieren, was mehr ausmacht, als er de facto ist:

Peter Sloterdijk bei einer Lesung aus seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern". Foto von Rainer Lück in Wikipedia s.v. Sloterdijk

Peter Sloterdijk bei einer Lesung aus seinem Buch “Du mußt dein Leben ändern”
Foto von Rainer Lück, CC BY-SA 3.0

„Ich werde zeigen, dass eine Rückwendung zur Religion ebenso wenig möglich ist wie eine Rückkehr der Religion – aus dem einfachen Grund, weil es keine ‚Religion’ und keine ‚Religionen gibt, sondern nur missverstandene spirituelle Übungssysteme, ob diese nun im Kollektiven – herkömmlich: Kirche, Ordo, Umma, sangha – praktiziert werden oder in personalisierten Ausführungen – im Wechselspiel mit dem ‚eigenen Gott’, bei dem sich die Bürger der Moderne privat versichern. Damit wird die leidige Unterscheidung zwischen ‚wahrer Religion’ und Aberglaube gegenstandslos. Es gibt nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige, mehr oder weniger ausbreitungswürdige Übungssysteme. Auch der falsche Gegensatz zwischen Gläubigen und Ungläubigen entfällt und wird durch die Unterscheidung zwischen Praktizierenden und Ungeübten bzw. anders Übenden ersetzt. … Das wirklich Wiederkehrende, das alle intellektuelle Aufmerksamkeit verdiente hat eher eine anthropologische als eine ‚religiöse’ Spitze – es ist, um es mit einem Wort zu sagen, die Einsicht in die immunitäre Verfassung des Menschenwesens. Nach mehrhundertjährigen Experimenten mit neuen Lebensformen hat sich die Einsicht abgeklärt, dass Menschen, gleichgültig unter welchen ethnischen, ökonomischen und politischen Bedingungen sie leben, nicht nur in ‚materiellen Verhältnissen’, vielmehr auch in symbolischen Immunsystemen und rituellen Hüllen existieren.“ (Du musst dein Leben ändern, 12f)

 

„Für einen Augenblick war das ethische Programm der Gegenwart scharf ins Blickfeld gekommen, als Marx und die Junghegelianer die These artikulierten, der Mensch selbst erzeuge den Menschen. … Wenn aber der Mensch tatsächliche den Menschen hervorbringt, so gerade nicht durch die Arbeit und deren gegenständliche Resultate, auch nicht durch die neuerdings viel gelobte ‚Arbeit an sich selbst’, erst recht nicht die alternativ beschworene ‚Interaktion’ oder ‚Kommunikation’: Er tut es durch sein Leben in Übungen. … Es ist Zeit, den Menschen als das Lebewesen zu enthüllen, das aus der Wiederholung entsteht.“ (ebd. 13f)

Klassiker im Hintergrund

Unverkennbar stehen hier beide Klassiker der Religionskritik im Hintergrund; doch vor allem Nietzsche ist der unverkennbare Kronzeuge für Sloterdijks Ausführungen (vgl. ebd. 16). Sloterdijk liefert so etwas wie eine spirituell-übungstechnische Umsetzung des genealogischen Prinzips Nietzsches und seiner Aufforderung zur Selbstkonstruktion. Und wenn dabei die ‚ewige Widerkehr des Gleichen’ auch noch übungstechnische Erfolge zeitigt, umso besser.
So durchmisst Sloterdijk quasi unter dem Stichwort der ‚Selbstoptimierung’ das Phänomen Religion in seinen verschiedensten Erscheinungsformen: von den Askesepraktiken des Fernen Ostens über antike Vervollkommnungstechniken und christliche Exerzitien bis zu der paganen Religionsneustiftung namens „Olympische Spiele“ und Scientology und dem chemisch-nanotechnischen Programm des Neuro-Enhancement (d.h. der pharmakologischen Optimierung intellektueller Leistungsfähigkeit). Es ist die von Nietzsche als Ideal der Zukunft angesehene Selbstkonstruktion des Menschen, durch die der Mensch den Über-Menschen hervorbringt und – geleitet von den Idealen der Selbstperfektionierung – an seiner Selbstformung arbeitet. Sloterdijk bestreitet zwar jegliche naturalistischen Absichten und verwehrt sich sogar gegen den Vorwurf, dass eins er an einer Funktionalisierung des Religiösen arbeite. Er nehme ausschließlich interne Übersetzungen vor, „dank welcher die anthropotechnischen Binnensprachen in den spirituellen Systemen selbst explizit gemacht werden“ (ebd. 32), um ihren Gehalt zu verdeutlichen. Und diese Explikation des wahren Sinns von Religion sei nichts anderes als ein weiterer und überfälliger Akt von Aufklärung: „Die hier vorgeschlagene Übersetzung der religiösen, spirituellen und ethischen Tatsachen in die Sprache und Optik der allgemeinen Übungstheorie versteht sich als ein aufklärungskonservatives Unternehmen.“ (ebd. 17). Denn Religion, Spiritualität und Ethik bilden allenfalls das Material, das es neu unter einem aufschlußgebenden Blickwinkel zu interpretieren gelte (ebd. 15). Und am Ende steht dann auch die Abschaffung der Religion, wie Sloterdijk in einem Interview zu seinem Werk bekennt: „Mein Buch macht […] den Versuch, das Erhabene in die Ethik zurückzuversetzen. Deshalb muß auch die Religion dran glauben: Wer sich auf die Ethik der absoluten Überforderung einlässt, braucht den Vorwand ‚Religion’ nicht mehr.“

Nutzen bedeutet nicht Projektion

Doch was ist von diesem Anspruch zu halten? Dass der Mensch aus Religion und Glaube und der damit verbundenen Praxis auch Nutzen zieht, beide also auch über einen anthropotechnischen Gehalt und damit einen gewissen ‚Wellness-Charakter’ verfügen, belegt nicht zwangsläufig bereits deren Projektionscharakter. Das Faktum anthropotechnischer Wirkung religiöser Praxis und ihre Rekonstruierbarkeit können nicht per se Religion und Transzendenz als illusionär beweisen. Im Gegenteil! Nehmen wir die Verankerung und Relevanz des Religiösen auch in ihrer biologisch-naturalen Dimension ernst (und vieles spricht dafür; vgl. die eingangs erwähnten Beiträge aus Evolutionsbiologie und Neurowissenschaften) so wäre sehr erstaunlich, wenn sie nicht wirklich auch über biologisch-naturale Wurzeln verfügten, also das Glaube und Religion dem Menschen auch ‚gut’ täten (individuell und evolutionär betrachtet!). Damit ist dieses Faktum aber nicht einfach allein aus sich selbst, also rein naturalistisch erklärbar. Diesem erkenntnistheoretischen Denkfehler der Ableitung eines ‚allein’ und ‚nur’ aus der Realität des Faktums selbst unterliegt manch biologistisch-naturalistischer Naturwissenschaftler bis heute immer wieder.Die theologische Kritik muss aber noch einen Schritt weitergehen. Was ist von den Nietzscheanischen Phantasien einer Selbstoptimierung durch anthropotechnische Selbstgestaltung (und bei Sloterdijk reicht das bis hin zu biotechnischen Züchtungsverfahren; vgl. seine Elmauer Rede über die ‚Regeln für den Menschenpark’!) zu halten? Es ist wohl kaum erstaunlich, dass gerade in einer Zeit, in der Selbstverwirklichung mitsamt einer bewusst überfordernden Ethik als Religionsersatz zum Fetisch geworden ist, Martin Luthers Grunderkenntnis des ‚allein aus Gnade in Jesus Christus gerechtfertigten Sünders’ immer noch oder erst recht wieder grundlegend befreiend wirkt. So lautet der gegenüber jeglichem Selbstoptimierungszwang entscheidende christliche Grundsatz eben nicht ‚Du sollst’ oder ‚Du musst’, sondern ‚Du bist’! Du musst dir dein Dasein, dein Leben, dein ‚du-selbst-sein-dürfen’ nicht machen, verdienen, rechtfertigen, weder durch moralisches Spitzenverhalten, noch durch das, was du selbst leistest und dir daher ‚leisten’ kannst. Es genügt, dass es dich gibt, weil Gott gesagt hat: ‚Sei!’ und: ‚Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen!’ ‚Selbst sein’ und trotz Schuld wieder ‚ein anderer werden’ zu können und das nicht restlos aus eigener Kraft tun zu müssen, das ist das entscheidende Versprechen des Christentums. Nur im Horizont einer solch grundlegenden, transzendenten Bejahung entkommt der Mensch wirklich jener prinzipiellen ‚Angst ums Dasein’, in die jede auf sich allein gestellte, rein aufs Diesseits konzentrierte Existenz notwendig gerät. Selbst die subtilste Selbstveredelungs- und Selbstrechtfertigungstaktik und -technik schafft es nämlich nicht, das Ärgernis des Todes aus der Welt zu schaffen. Christliche Hoffnung gründet und begründet sich in diesem ‚Funken von außen’, diesem Gegenüber’, das Glaubende ‚Gott’ nennen. Sie provoziert mit dem Zusage, dass sich die Lücke zwischen dem, was ist, und dem, was als Erhofftes sein könnte, nicht durch unser Zutun, sondern durch das eines ganz Anderen schließen wird und gerade in diesem Modus der Hoffnung (Immanuel Kant würde sagen: als Postulat) das entscheidende ‚Humanum’ wahrt. Diese Option ins ‚Spiel des Lebens’ einzubringen und sie offenzuhalten, ist die bleibende Aufgabe von Theologie!