Die Relevanz lebensweltlicher Zeitkonzepte

von Ulrich Beuttler

Ulrich Beuttler

Ulrich Beuttler

Pfarrer in Backnang und Lehrstuhlvertreter bei Systematische Theologie II (Ethik), Uni Erlangen-Nürnberg
PD Dr. Ulrich Beuttler studierte Physik und Theologie. Promotion 2005 über "Gottesgewissheit in der relativen Welt“; Habilitation über "Gott und Raum - Theologie der Weltgegenwart Gottes" in Systematischer Theologie. Seit 2010 Vertretung des Lehrstuhls Systematische Theologie II (Ethik), Erlangen.
Schwerpunkte: Schöpfungslehre, Gotteslehre, Anthropologie, Religionsphilosophie, Fundamentaltheologie, Dialog mit den Naturwissenschaften.
Ulrich Beuttler

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Ulrich Beuttler: “Die Mathematisierung der Natur bedeutet zugleich die Krise der Naturwissenschaften, überwindbar durch Wiederentdeckung der Lebenswelt”

Vortrag von PD Dr. Ulrich Beuttler bei der Tagung „Zeit in Lebenswelt, Wissenschaft und Religion“ (Jahreskongress 2015 des Religion and Science Network Germany), 27.-29. September 2015, Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim.

Mit dem Vortrag will Ulrich Beuttler die Zeit neben Raum und Leben als ein Fundament des Wirklichen einführen. Zeit charakterisiere das Beständige, das Sein der Welt, obwohl Zeit auch die Welt als vergänglich, als flüchtig charakterisiert. Zeit sei logisch widersprüchlich (Mc Taggart), aber genau so real.

Vortrag und Diskussion

      Gliederung des Vortrags

      1. These und Vorgehen

      Die Zeit ist „überall und an allem“ (Aristoteles, Physik), die Zeit ist der „Horizont des Seins“(Heidegger), die Zeit ist „der universale Horizont von Welt“ (G. Picht). Zeit ist, neben Raum und Leben, das Fundament des Wirklichen. Zeit charakterisiert das Beständige, das Sein der Welt, obwohl Zeit auch die Welt als vergänglich, als flüchtig charakterisiert. Zeit ist logisch widersprüchlich (Mc Taggart), aber genau so real.

      2. Die Lebenswelt als Sinnfundament der Wissenschaft

      Die Mathematisierung der Natur bedeutet zugleich die Krise der Naturwissenschaften, überwindbar durch Wiederentdeckung der Lebenswelt, „nichts anderes als ein universaler, unthematischer Horizont präreflexiven, praktischen Lebens“ (Husserl) und zugleich „Geltungsboden der Wissenschaft“.

      3. Ontologie und Struktur der Zeit

      Zeit hat doppelte Gestalt, „phänomenale“ und „transzendentale“ (Picht). Zeit ist ein echtes komplementäres Phänomenen: Die Zeit hat wie die Zahl die Doppelstruktur von „gezählter Zahl und zählender Zahl“ (Aristoteles u. Hegel nach Derrida). Zeit als Fluss setzt Zeit als Bleiben voraus.

      4. Die Erkennbarkeit und der Ort der Zeit

      Zeit ist epistemisch flüchtig (Augustin), die Gegenwart ein fliehender Punkt, der Ausdehnung nur in der distentio animi und Wirklichkeit nur in der die Ewigkeit imitierenden Seele hat.

      5. Der Fluss der Zeit

      Dagegen Albert Magnus: Zeit hat außerseelische Realität, sie hat Sein in der Sukzession. Ebenso Newton: Das gleichförmige Fließen macht das Wesen der Zeit aus und bildet ihre Ewigkeitsdimension. Die objektive Realität der Zeit gründet in der „transzendentalen Idealität“ Gottes.

      6. Die Gegenwart und das Werden der Zeit

      Die Gegenwart setzt die Zeit als Kontinuum fort, da sie die Möglichkeit der Sukzession in sich trägt (Leibniz). Das Jetzt ist nach Bergson Quelle des Werdens und selbst echte Zeit, „wahre Dauer“. Ihre Ausdehnung ist nach Husserl ein Präsenzfeld, welches den Zusammenhang der Impressionen stiftet. Der Zeitfluss ist ein doppelter: der äußere Strom der Ereignisse und Impressionen, und das innere Fließen des retentionalen Präsenzfeldes, dieses hat eine Art Innenausdehnung. Gegenwart als kairos ist „Atom der Ewigkeit“ (Kierkegaard). Zeit ist der Ort der Möglichkeit des Erscheinens von sinnhaftem Sein, ein Aufleuchten von „realer Gegenwart“ (G. Steiner).

      7. Die Verschränkung der Zeiten und die irreale Realität der Zeit

      Jedoch: Die Dimension der Gegenwart ist nicht das ganze Zeit-sein, sondern Präsenzfeld, in dem die Zeiten gegenwärtig sind – und darüber hinaus stehen. „Zeit kann es nur geben, wo sie nicht gänzlich entfaltet ist, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht im gleichen Sinne sind. Es ist der Zeit wesentlich, sich zu bilden, und nicht zu sein, nie vollständig konstituiert zu sein.“ (Merleau-Ponty) Dies verdeutlicht die Figur des Chiasmus: Die Zeiten sind wechselseitig ineinander verschränkt. Damit geht sich Zeit selbst voraus und reproduziert sich selbst. Zeit ist Ursache und Wirkung, aber Kommen und Gehen der Zeit bilden keinen Kreis. Zeit ist nicht reversibel. Ihre Irrealität ist ihre Realität. „In diesem Sinne sind wir älter und jünger als wir selbst“ (B. Waldenfels).

      8. Zeit und Sinn in der Beschleunigungsgesellschaft

      Die Beschleunigung aller Lebensbereiche führt zu einer totalen Gleichzeitigkeit, zu „Simultanten“ (K.H. Geißler) und „rasendem Stillstand“ (Paul Virilio). Die Beschleunigungsgesellschaft gibt das illusionäre Versprechen des ewig Gleichzeitigen, in der säkularen Gesellschaft ein „funktionales Äquivalent für die (religiöse) Verheißung des ewigen Lebens“ (H. Rosa). Tatsächlich existiert aber die sinnleere „flüchtige Moderne“ (Z. Baumann) mit ihren „Nicht-Orten“ (M. Augé), ihrer „Un-Zeit“ und „Dyschronie“ (B.-C. Han). Zeit ist ohne ihr Anderes, die Ruhe, die Heimat illusionär. Zeit ist nur lebenswerte und lebensfähige Zeit, wenn sie geschenkte, also von oben oder von innen, jedenfalls sinnhaft gefüllte Zeit ist, für den, der sagen kann: Meine Zeit steht in deinen Händen (Ps 31,6).

      Ausgewählte Beiträge der Tagung