Gärten: Spiegel für den Umgang des Menschen mit der Natur

von Regine Kather

Regine Kather

Regine Kather

Lehrtätigkeit seit 1985 an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, u. a. in der Erwachsenenbildung. Veröffentlichungen u. a.: Was ist Leben? Philosophische Positionen und Perspektiven (2003); Person - Die Begründung menschlicher Identität (2007); Die Wiederentdeckung der Natur (2012).
Regine Kather

Vom 31. Juli bis 4. August beschäftigte sich die Sommerakademie der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart theoretisch und praktisch mit dem Garten: Interdisziplinäre Vorträge, Exkursionen zur Landesgartenschau in Überlingen und in den Garten von Hermann Hesse, Besuch eines Permakultur-Gartens in Dornbirn und des neuen Gartenstrandes in Lindau.

Eindrucksvoll: Der Garten von Hermann Hesse. Nach dem Bau des Hauses 1907 wurde der Garten von Hesse selbst geplant und atmet den Geist der damals gegründeten ökologischen Landbewegung, die den Kreislauf des Lebens in den Gärten erlebbar werden ließ.

Regine Kather eröffnete die Sommerakademie mit einem historischen Überblick über die Gartenkultur und einem Plädoyer für zeitgemäße naturnahe Gärten. Eine Zusammenfassung.

Quelle des Lebens und Ausdruck von Kreativität – Die Bedeutung von Gärten in Geschichte und Gegenwart

Überall, wo es Men­schen gibt, gibt es Gärten. Allerdings hat jede Kultur ihre eigene Garten­form entwickelt, die verrät, wie der Mensch seine Stellung in der Natur sieht. Man denke etwa an die streng symme­tri­sche Li­nien­führung in Frankreich, an die mittelal­terli­chen Gemü­se- und Kräu­ter­gärt­lein der Klöster, die heute in Österreich wiederbelebt werden, an die großzügigen Park­anla­gen italie­ni­scher Re­nais­sance­vil­len, an Schlossgärten mit von Teppichmustern inspirierten Blumenbeeten, an die naturnahen englischen Gärten und an japani­sche Gärten als Orte religiöser Kontemplation, schließlich an botanische Gärten mit Sammlungen seltener Pflanzen, Rosarien wie im Dortmunder Westfalenpark, an Alpengärten, Friedhofsgärten und Steingärten, an Dachgärten und vertikale Gärten in Städten und schließlich an Schrebergärten, die sich inzwischen gerade bei Intellektuellen zunehmender Beliebtheit erfreuen. …

Ökologische, ethische und ästhetische Aspekte von Gärten

Unabhängig von der Größe des Gartens kommt ihm heute auch eine ökologische Bedeutung zu, die für frühere Jahrhunderte irrelevant war. Gärten können einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz und zum Ausgleich des städtischen Mikroklimas leisten; und sie sind CO2-Senken und beeinflussen damit den anthropogenen Klimawandel. Noch heute bestehen etwa 2,6% der Gesamtfläche Deutschlands aus Gärten. Damit haben 36 Millionen Menschen Gärten, zu denen sich etwa 58 Millionen Balkone und Terrassen gesellen. Am 13. Juni 2021 war der Tag des Gartens, am 5. Juni der Weltumwelttag, am 22. Mai der Internationale Tag der biologischen Vielfalt und am 20. Mai der Weltbienentag. Die Initiative ‚Tausende Gärten – Tausende Arten‘ im Bundesprogramm Biologische Vielfalt, gefördert vom Bundesamt für Naturschutz, wirbt für naturnahe Gärten mit heimischen Wildpflanzen. Gärten bieten daher die Möglichkeit, buchstäblich im Umkreis der eigenen vier Wände mit Natur-, Arten- und Klimaschutz zu beginnen und damit die eigene Freiheit kreativ zu nutzen unabhängig von staatlichen Regularien und globalen Entwicklungen, die sich dem eigenen Einfluss entziehen.

Gerade angesichts der Wohnraumverdichtung in Städten und dem Bemühen, eine weitere Zersiedlung des Umlandes zu verhindern stellt sich unter einer veränderten Perspektive wieder die Aufgabe, Städte zu begrünen und bisher ungenutzte, langweilig und trostlos aussehende Flächen zu nutzen: Baumscheiben an Straßenrändern, Brachen, Garagendächer, Mauern, Streifen zwischen Gebäuden oder Hinterhöfe. Dafür gilt es, die Pflanzen zu finden, die mit den jeweiligen Lebensbedingungen zurechtkommen: Sukkulenten etwa, die sich auf trockenen Garagendächern mit nur wenig Erde wohl fühlen, rankende Pflanzen wie Kletterrosen, Clematis oder Efeu, die hohe Spaliere an Mauern brauchen, Schattenstauden wie Farne oder Funkien, die durch ihre unterschiedlichen Grüntöne Leben vor das eintönige Grau von Mauern bringen. Sogar die drei oder vier Quadratmeter eines Grabes auf Friedhöfen können so gestaltet werden, dass rund ums Jahr ein paar Pflanzen blühen und die Insekten erfreuen.

Mit ihrer lebendigen, sinnlich-ästhetischen Dimension bieten Gärten sogar in Megacities mit vielen Millionen Einwohnern einen Freiraum, um den Alltag mit seiner Umtriebigkeit und einem an Funktionalität und Nutzen orientiertem Denken zu überschreiten.

© DerWeg auf Pixabay

Ein Beispiel hierfür ist Tokio mit knapp 10 Millionen Einwohnern, in der die an der Zentradition orientierten Gärten Inseln der Ruhe und einer kontemplativ-meditativen Einstellung sind. Das beginnt bereits mit der Art der Gartenpflege, die manuell erfolgt, ohne lärmende Maschinen, Rasenkantentrimmer und Heckenscheren. Schon dadurch werden die Gärten zu einem Ort der Ruhe inmitten einer von der modernen Technik beherrschten und extrem dicht besiedelten Stadt mit ihrem Gedränge, vielen Hochhäusern und teils überirdisch verlaufenden S-Bahnen. Zwei Personen können eine Kiefer, die etwa so hoch ist wie ein erwachsener Mensch, mehr als zwei Stunden bearbeiten, wobei jeder Zweig einzeln in die Hand genommen, eingekürzt und dann die Nadeln wieder so ausgerichtet werden, dass man den Schnitt nicht sieht. Anders als im westlich geprägten Denken, das den Garten primär unter ökologischer Perspektive betrachtet, so dass er unweigerlich eine funktionale Bedeutung gewinnt, betont der Zengarten die ästhetische Dimension. Er ist genau dann gelungen, wenn man nicht den Eindruck hat, dass er einem Zweck dient oder nur die Sicht eines bestimmten Künstlers oder einer bestimmten Zeitströmung ausdrückt. Er sollte, obwohl künstlich, vollkommen natürlich wirken. Alle Teile sollten so aussehen, als ob sie sich mit innerer Notwendigkeit genau an dem Ort befinden, an den sie gehören; und sie sollten den Raum einnehmen können, der es ihnen ermöglicht, sich so zu präsentieren, dass ihre Gestalt optimal zum Ausdruck kommt. Würde man nur ein Element herausnehmen, würde die Gesamtwirkung verändert. Im Einzelnen zeigt sich das Ganze; beides gehört zusammen. Einen Zengarten anzulegen gleicht daher nicht dem planenden Gestalten eines Landschaftsarchitekten; und er entsteht nicht durch das sorgfältige Abwägen unterschiedlicher Interessen und Ideen, die es bei der Gestaltung zu berücksichtigen gilt. Der Künstler will dem Material nicht seine Ideen aufprägen, indem er es nach seinen Zielen arrangiert. Er versteht sich auch nicht als jemand, der durch schöpferische Genialität hervorsticht oder von den Mächten des Unbewussten oder äußeren Reizen getrieben wird. Im Gegenteil: Es muss von sich selbst zurücktreten, um zu einem mitwirkenden Teil in der Gartengestaltung zu werden. Er schafft nicht aus der Gegenüberstellung zu Pflanzen, Bäumen oder Steinen, sondern aus der Teilhabe an ihnen. Vollendet wirkt daher ein Garten, wenn die innere Einheit des Lebens im Arrangement von Pflanzen, Wasser und Steinen sichtbar wird. Es entsteht eine Beziehung zwischen Mensch und Natur, die Sinnliches und Geistiges umgreift. Dadurch vermittelt ein Zengarten dem Betrachter das Gefühl, für einen Augenblick selbst an der großen Ordnung der Dinge teilzuhaben. Nur unausgesprochen gewinnt ein Zengarten eine ethische Dimension, indem der Mensch lernt, sich selbst zurückzunehmen und anderes mit Respekt zu behandeln.

Naturnaher Garten: Frühsommer © Regine Kather

Unter ökologischer Perspektive bietet sich ein naturnaher Garten an: Wer Insekten wie Hummeln, Wildbienen und Schmetterlinge ansiedeln will, muss darauf achten, dass möglichst rund ums Jahr einige Pflanzen blühen. Der Reigen kann im Spätwinter mit Christrosen und Zaubernuss beginnen und mit Herbstastern, Chrysanthemen und Eisenhut enden, die bis in den November blühen. Es ist erstaunlich, wie schnell Hummelköniginnen und Wildbienen die ersten Blüten in einer Landschaft entdecken, die sonst noch gänzlich kahl ist.

Doch blühende Pflanzen, die einen durchs Jahr begleiten, haben nicht nur einen ökologischen Nutzwert. Während im Frühjahr das leuchtende Gelb der Narzissen, das Weiß blühender Felsenbirnen und das intensive Blau von Leberblümchen die dunkle Jahreszeit vertreiben, vermittelt das leuchtende Rot der Blätter von Ahorn und Aronia, das Dunkelblau des Eisenhutes und das Violett der Raublattaster ein Gefühl der Wärme kurz vor dem nahenden Winter. Farben wirken durch ihre Ästhetik auf die menschliche Psyche und stimmen auf die jeweiligen Jahreszeiten ein. Als Komposition, in der viele Nuancen und Kontraste zusammenspielen, wirken sie belebend und entspannend zugleich.

Gärten sind jedoch nicht statisch, sie verändern sich mit den Jahreszeiten, mit ihren Bewohnern, mit Pflanzen, die wachsen oder auch eingehen. Insofern sind auch sie immer nur für kurze Zeit in einem idealen Zustand. Doch gerade ihre Veränderlichkeit ist Ausdruck ihrer Lebendigkeit. Sie sind, anders als Gabionenmauern oder reine Kiesgärten mit ein paar immergrünen Sträuchern kein Abbild einer bestimmten Vorstellung. Als Orte des Lebens müssen sie sich verändern, sie sind ein Raum, in dem sich etwas entwickeln kann. Das Zusammenspiel von Formen und Farben ist daher, wie die japanische Kirschblüte, vergänglich. Erst im nächsten Jahr wird man alte Bekannte wieder sehen. Ein Garten bedeutet Wandel, aber auch die Wiederkehr des Vertrauten in der Folge der Jahre. Dennoch gleicht kein Jahr dem anderen.

Ein naturnaher Garten sollte möglichst eine Wasserquelle, einen kleinen Teich, Bachlauf oder auch nur Wasserstellen für Vögel und Insekten enthalten, zu denen sich manchmal auch Libellen oder Eidechsen gesellen. Dabei kann auch ein kleiner Garten viele verschiedene Elemente enthalten, Steine, einen Wassertrog und einen Baumstumpf etwa, die Beeten einen Akzent verleihen. Sie erfreuen das Auge und sind zugleich ökologisch nützlich. Auf diese Weise kann man verschiedene Lebensräume für die Bedürfnisse unterschiedlicher Pflanzen und Tiere schaffen: Schattenliebhabende Pflanzen etwa unter Bäumen oder sonnenhungrige und trockenheitsverträgliche Pflanzen mit Steingartenelementen auf südseitig ausgerichteten Flächen.

Im Rasen sollte man kleine Inseln mit Wiesenblumen, mit Margeriten, Glockenblumen oder orangefarbenem Habichtskraut solange stehen lassen, bis sie Samen gebildet haben, um sich weiter auszusäen. Hier finden auch viele der sog. Unkräuter wie Kratzdisteln, Wegwarte, Heidenelke, Taubnessel, Ackerwinde, Klee, Löwenzahn und Gänseblümchen ihren Platz, die in Beeten stören würden. Die Wiesenanteile werden dadurch von Jahr zu Jahr bunter und bieten Schmetterlingen und Wildbienen Nahrung. Für das Frühjahr kann man gelbe und weiße Narzissen einpflanzen, die den noch bräunlichen Rasen beleben.

Um die zahllosen kleinen Kreaturen zu schonen, sollte man auf den Einsatz von Pestiziden, Herbiziden, Fungiziden und Schneckenkorn soweit wie möglich verzichten und nach anderen Strategien der Bekämpfung von Unkraut, Blattläusen und Schnecken suchen: Dicht bepflanzte Beete etwa unterdrücken das Unkrautwachstum weitgehend; ein Kräuterring, so wusste schon Hildegard von Bingen, kann Schnecken in Obst- und Gemüsebeeten abschrecken; die Ansiedlung von Spatzen, Meisen und co., denen man Nistplätze und Nahrung anbietet, hilft gegen Läuse und Schnecken. Viele Vögel brauchen das tierische Eiweiß, um im Frühjahr, wenn die Läuseplage die Rosenblüte gefährdet, ihre Jungen zu füttern.

Naturnaher Garten: Herbst © Regine Kather

Blühende Sträucher erfüllen ökologische ebenso wie ästhetische Bedürfnisse: Im Frühjahr blühen sie lange vor Stauden und Rosen; im Sommer tragen sie Früchte, die nicht nur Amseln und Spatzen schmecken, sondern sich auch für Marmeladen eignen, die man in keinem Geschäft kaufen kann; und im Herbst verfärben sich die Blätter in leuchtenden Gelb- und Rottönen. Und während des ganzen Jahres bieten sie kleinen Vögeln, die uns durch ihren Gesang erfreuen, Schutz und Nistplätze. Eine Hecke, die aus verschiedenen Wildobststräuchern besteht, aus Sanddorn, Aronia, Berberitze, Holunder, Wildrose, Wildpflaume und Schlehe, bietet, anders als die beliebte Hecke aus einem Dutzend Thujas, nicht nur eine optisch abwechslungsreiche Begrenzung zu Nachbarn; sie trägt auch zum Erhalt von Pflanzen bei, die noch vor 70 Jahren für unser mitteleuropäisches Landschaftsbild typisch waren. Heute wird man ihnen nur noch in größerer Zahl begegnen, wenn man nach Osteuropa reist.

Dabei greift der Rat, nur einheimische Pflanzen anzusiedeln, zu kurz: Die Unterscheidung zwischen einheimischen Pflanzen und Neuankömmlingen (Neophyten) ist nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Viele Pflanzen, etwa Tulpen oder Rosen, Tomaten und Kartoffeln, die wir als einheimisch empfinden, stammen aus anderen Weltgegenden, aus dem Iran oder Südamerika. Entscheidender ist daher die Frage, ob sie für das jeweilige lokale Klima geeignet sind und sich ökologisch einfügen.

Ein naturnaher Garten sollte auch Pflanzengemeinschaften berücksichtigen, Gruppen von Pflanzen also, die ähnliche Vorlieben haben in Hinblick auf Boden, Licht und Feuchtigkeit: Heide etwa passt zu Wachholder, Kulturheidelbeeren, Azaleen, Rhododendren und zu der üppig und zuverlässig blühenden Wildhortensie Annabelle. Sie alle mögen eher saure, feuchte Böden und ergänzen sich so gegenseitig.

Auch der Klimawandel ist für Gärtner keine Katastrophe. In dem vom Ulmer Verlag herausgegebenen Pflanzenmagazin ‚GartenPraxis‘ wird immer wieder zu einem pragmatischen Umgang damit aufgefordert: Zum einen mussten alle Pflanzen, die keine Neuzüchtungen sind, bereits mehrfach Klimaveränderungen überleben, und mehr oder weniger große Temperaturschwankungen müssen sie im Lauf eines Gartenjahres ohnehin aushalten. Der Winter 2020/21 etwa war bis in den Mai länger und kälter als die Winter der letzten 30 Jahre, der Sommer 2021 ist zumindest bei uns sehr viel feuchter. Solche Schwankungen sollten die meisten Pflanzen aushalten – vorausgesetzt, man setzt nicht nur auf Exoten und Spezialisten. Eine gewisse Erwärmung würde sogar die Chance beinhalten, Pflanzen im Garten anzusiedeln, die bisher in der eigenen Region nicht wuchsen. Statt sich auf eine bestimmte Art von Rhododendren, Phloxen oder Hortensien zu fixieren sei es daher besser, so der Rat, sich an neue klimatische Herausforderungen in der Auswahl der Pflanzen anzupassen. Im Übrigen, so heißt es im Editorial der Juni-Ausgabe 2021, solle man auch sogenannte ‚Klimawandelverlierer‘ nicht gleich abschreiben, sondern darauf vertrauen, dass die Natur, wie in vielen anderen Situationen auch, ‚einen Weg finden wird.‘

Viele einzelne Gärten können wiederum zum Teil eines Biotopverbunds werden, wie ihn der Ornithologe Peter Berthold am Bodensee geschaffen hat. Die Verbindung größerer und kleinerer naturnah gestalteter Ökosysteme hat in dicht besiedelten Gegenden eine große Bedeutung, da man keine großen, zusammenhängenden Flächen unter Schutz stellten kann. Schon 1999 rief das Bundesland Niederösterreich eine Aktion ins Leben, um die ökologische Bewirtschaftung privater und öffentlicher Gärten zu unterstützen: Die Initiative „Natur im Garten“ sollte die Vielfalt im Garten fördern. Inzwischen zählen Schaugärten, die im Jahr 2009 von immerhin 2,9 Millionen Touristen besucht wurden, zum festen Bestandteil des niederösterreichischen Tourismus. Seit 2010 gibt es auch Vernetzungen vor allem nach Tschechien, Slowenien und Ungarn.  Auch durch Schulen und Kindergärten versucht man die Philosophie des ökologischen Gärtnerns der Bevölkerung nahe zu bringen, Nationalparkzentren und historische Gärten wie Schloss Hof unterstützen an bestimmten Tagen im Jahr diese Aktion. Nach 20 Jahren, also im Jahr 2019, haben immerhin 15 500 Gärten in Niederösterreich die Auszeichnung ‚Natur im Garten‘ erhalten.

Doch bei aller Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und paradiesischen Zuständen sollte man auch den Garten nicht nur als heile Welt sehen: Wetterextreme können buchstäblich die Obstblüte verhageln, späte Fröste das schon ausgepflanzte Gemüse dezimieren, zu viel oder zu wenig Regen den Pflanzen zu schaffen machen. Mit der Unterstützung einer Art lockt man immer auch andere Arten an: Wer Vögel füttert, wird damit auch Mäusen eine Freude bereiten; Falken wiederum beobachten die Ansammlung kleiner Vögel und jagen sie im Winter. Und die niedlichen Eichhörnchen sind geschickte Nesträuber. Die lästigen Schnecken wiederum sind unter funktionaler Perspektive eine Nahrungsgrundlage für Igel, Siebenschläfer, die Larven von Glühwürmchen und Blindschleichen. Und nicht jede Pflanze ist willkommen und kann sich in beliebiger Menge aussäen. Dennoch ist die Grenze zwischen Kraut und Unkraut nicht starr: Es liegt in der Hand des Gärtners zu entscheiden, in welcher Ecke auch ein ‚Unkraut‘ hübsch aussehen und sich einfügen kann.

Will man einen Garten voller Leben, mit möglichst vielen kleinen oder größeren Besuchern, dann muss man deren Eigenarten und ihre spezifischen Bedürfnisse respektieren. Sie haben ihr eigenes Lebensziel und damit auch einen Wert, der ihnen nicht erst durch unsere Pläne und Vorlieben zukommt. Mit Albert Schweitzer gesprochen kann von der Ehrfurcht vor dem Leben sprechen; man erlebt Freude an den Mitkreaturen und Sorge um sie.

Garten als Ort der Selbstbegegnung

Der Garten ist durch seine Herausforderung immer auch ein Ort der Selbstbegegnung, durch die man viel über sich selbst lernt: seine Ungeduld, seine Erwartungen, seine Frustrationstoleranz, seine Ausdauer, seine Fähigkeit, sich auf anderes einzustellen und über seine ästhetischen Vorlieben. Will man den Garten nicht jedes Jahr neu bepflanzen, dann benötigt man neben Weitsichtigkeit eine gewisse Phantasie, um sich vorzustellen, wie er in drei oder vier Jahren aussehen könnte. Dabei gibt es keine Garantie, dass der Einsatz von Erfolg gekrönt sein wird. Um angesichts der Fülle von Pflanzen nicht wahllos einzukaufen, benötigt man zudem die Fähigkeit zur Selbstbeschränkung. Die Kunst des Gärtnerns beruht daher auf dem Zusammenwirken von Planung, Phantasie, Wissen, Erfahrung und Vorstellungskraft mit der unverfügbaren Eigendynamik von Lebewesen. Man kann einen Garten nicht konstruieren wie ein Haus oder eine Maschine. Trotz aller eigenen Planung benötigt man die Fähigkeit, etwas wachsen zu lassen, man braucht Geduld und muss sich auf andere, nicht-menschliche Zeitskalen einstellen. Will man einen Garten und nicht nur einen Balkonkasten, dann kann man Pflanzen nicht einfach nur fertig kaufen und dann nach ein paar Wochen wieder entsorgen.

Gärten dienen heute in besonderem Maß der Erholung von Leib und Seele: Viele Menschen üben heute beruflich überwiegend sitzende Tätigkeiten in klimatisierten Gebäuden aus. Nicht nur, dass dadurch die Anpassung an die Außentemperatur immer schwerer wird; nur noch 40% der Erwachsenen schaffen es noch, wöchentlich mindestens 2.5 Std. körperlich aktiv zu sein, wie die WHO beunruhigt feststellt. Ein Garten ersetzt in vielerlei Hinsicht das Fitnessstudio, indem er alle Bewegungsarten fordert: bücken, strecken, Gewichte heben und balancieren, er schult die Kondition und unterstützt das Immunsystem, da man oft bei Wind und Wetter draußen sein muss. Die Jahreszeiten, nicht der eigene Terminplaner, geben einem vor, was zu tun ist: Johannisbeeren lassen sich nur im Sommer ernten – und sie müssen geerntet werden, damit sie nicht einfach verschrumpeln und abfallen; Frühjahrszwiebeln müssen im Herbst eingesetzt werden. Dadurch vermittelt der Garten eine zeitliche Struktur, die der modernen Lebenswelt fehlt, in der alles zu jeder Zeit möglich zu sein scheint. Dadurch gewinnt er nicht nur eine Bedeutung für die Erfahrung der großen Natur, sondern auch für die biologischen Rhythmen des menschlichen Körpers. Nach wie vor werden etliche dieser Rhythmen durch natürliche Prozesse, vor allem durch den Wechsel von Licht und Dunkelheit aktiviert und koordiniert. Ein Leben ständig gegen die eigenen biologischen Rhythmen fördert Schlafstörungen, Übergewicht und Alterungsprozesse.

Wie wichtig Gärten für das psychische Wohlbefinden sein können, bezeugen die Erfahrungen von Menschen während des Corona-Lockdowns 2020: Die Neue Züricher Zeitung befragte prominente Persönlichkeiten, wie sie mit den Einschränkungen ihres gewohnten Lebens umgehen würden. Der eigene Garten, so antwortete nicht nur die Nobelpreisträgerin Nüsslein-Vollhart, sei gerade in dieser Situation für ihr seelisches Gleichgewicht entscheidend. Er vermittele ihr das Gefühl von Sinn und Befriedigung.

“Flower your mind”: Schon wenige Minuten Beschäftigung mit Pflanzen reichen aus, um sich entspannter zu fühlen. Julia von Berlepsch führte theoretisch und praktisch in Gartentherapie ein.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man also sagen: Einerseits ist auch ein naturnaher Garten keine Wildnis, in der man alles sich selbst überlässt; andererseits beruht er nicht nur auf menschlichen Plänen wie ein Acker und ein Bewässerungssystem. Weder entsteht er von selbst wie der wilde Bach oder ein Urwald; noch richtet er sich nur nach den eigenen Konzepten. Er bildet durch seine Eigendynamik eine ständige Herausforderung und ist doch ein Ort der Entspannung und des eher kontemplativen Betrachtens. Man muss ihn gestalten und gleichzeitig anderen Kreaturen Raum geben für ihre Entwicklung. Genau das macht ihn im wörtlichen Sinn zu einem Lebensraum. Anders als die Wildnis, in der die Vielzahl von Kreaturen und die anorganischen Prozesse selbst eine Ordnung ausbilden, ist der Mensch ein wirkender Teil in der Entstehung der Ordnung. Dadurch passt nicht jede Pflanze hinein, und nicht alles kann sich frei aussäen. Der Philosoph Heinrich Rombach formuliert: Der Garten „muss so angelegt sein, daß sich in ihm die Natur ungezwungen entfalten kann, und doch auch wieder so, daß man darin die glückliche Hand des Menschen erkennt. Beides darf aber … nicht in der Form einer Mischung vorliegen, sondern es muß als ursprüngliche Einheit entstehen und von Grund auf aus einem Guß sein.“

Einen einheitlichen Gartenstil wie im Barock gibt es allerdings nicht mehr. Dennoch ist der Garten ein Sehnsuchtsort geblieben. In ihm erleben sich Menschen als einen Teil der Natur, die sie zugleich gestalten, formen und pflegen. Vermittels ihres Leibes nehmen sie mit allen Sinnen, aber auch mit Gefühlen und ihrem Geist an ihm teil. Sie sind, wie Johann Wolfgang von Goethe in seinem ‚Fragment über Natur‘ formuliert, Zu­schauer und Teil­nehmer zugleich. Aufgrund ihrer Lebendigkeit gewinnt die Natur immer wieder ein neues Gesicht, das Menschen seit Jahrtausenden mit der ihnen eigenen Kreativität in einer Fülle unterschiedlicher Gartenanlagen einzufangen versuchen.

 „Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unver­mögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. … Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie. … Sie spielt ein Schau­spiel: ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt sies für uns, die wir in der Ecke stehen. … Gedacht hat sie und sinnt bestän­dig; aber nicht als ein Mensch, sondern als Natur. Sie hat sich einen eigenen allumfassen­den Sinn vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann. Die Menschen sind all in ihr und sie in allen. Mit allen treibt sie ein freundliches Spiel, und freut sich, je mehr man ihr abgewinnt… Ihr Schau­spiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschau­er schafft. … Sie hüllt den Menschen in Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. … Jedem erscheint sie in einer eigenen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namen und Termen und ist immer dieselbe.”

(Der vollständige Beitrag von Regine Kather folgt an dieser Stelle)