Theismus vs. Naturalismus – Gott denken nach Holm Tetens

von grenzfragen

Schule von Athen
Schule von Athen

Schule von Athen: Platon deutet in die Vertikale, Aristoteles in die Horizontale
Abbildung gemeinfrei

Im online frei verfügbaren aktuellen Heft des Magazins „Melchior“ vergleicht der Philosoph Holm Tetens in einem Interview die Plausibilitäten von Theismus und Naturalismus. Die kontroverse Diskussion dieses Beitrags auf Forum-Naturwissenschaft-Theologie war so interessant, dass wir sie eigens dokumentiert haben.

Mit „Gott denken“ trägt das Interview denselben Titel wie Holm Tetens 2015 erschienenes Buch über eine rationale Theologie. Damit ist offenbar eine Wende im Denken Tentens‘ markiert, sofern er „jetzt die Gottesfrage auch philosophisch wieder ernst nehme“ (71). Tetens will dadurch im intellektuell verbreiteten Klima des Naturalismus die Gottesfrage vom Geruch des Peinlichen, aber auch von der Verdrängung ins rein Private und subjektiv Beliebige befreien. Es geht um den öffentlichen Diskurs von „nachvollziehbaren Gründen und Gegengründen“ (72) für die Existenz Gottes. Und: „Sich darüber zu verständigen, was es heißt, mit Hoffnung zu leben, ist keine Privatangelegenheit“ (75).

Genau um diese Hoffnung und ihre lebenspraktischen Konsequenzen geht es Tetens; den Aufweis der bloßen Denkmöglichkeit Gottes findet er „letztlich sogar intellektuell langweilig und belanglos“ (74). Gleichwohl stellt sich Tetens den Argumenten für und gegen den Gottesglauben, der die diskursive Auseinandersetzung mit dem Naturalismus nicht zu fürchten brauche. So könne man „auch bei den Naturalisten von einem Glauben sprechen“ (72), da die Grundannahme des weltanschaulichen Naturalismus, wonach die wissenschaftlich beschreibbare Welt die ganze Wirklichkeit darstellt, selbst über das wissenschaftlich Beweisbare hinausgehe.

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“Der Glaube unterliegt selbstverständlich auch Kriterien der Rationalität” (Holm Tetens)
Abbildung © Melchior Magazin

Und der Haupteinwand gegen einen allgütigen Gott, die Existenz der physischen und moralischen Übel, bringe „auch die Gegenseite in arge Bedrängnis“, und so herrsche in dieser Hinsicht „in Wahrheit Waffengleichheit“ (74). Hier wäre es wünschenswert gewesen, nicht nur die Freiheit des Menschen als (Teil-)Antwort auf die Frage nach dem moralischen Übel ins Feld zu führen, sondern auch bekannte Überlegungen zum physischen Übel (z. B. Klaus von Stoschs “natural law defense”). Wenn Tetens diese für nicht tragfähig hält, wäre dies – zumindest im Buch – einer Erwähnung wert gewesen.

Immerhin – so bringt Tetens „die relative, weil mit dem Naturalismus verglichene Vernünftigkeit des Erlösungsglaubens“ in seinem Buch (2015, 78) auf den Punkt – vermöge „nur der Theist … in der Hoffnung zu leben, dass die Welt gut wird, ohne dass er die Übel und Leiden in der Welt mit Resignation, tragischer Auflehnung, zynischem egoistischen Hedonismus oder illusionärem Selbsterlösungswahn quittieren muss“ (ebd. 77). Der Schlusssatz des Buches könnte auch gut der Abschluss des Interviews sein: „Es gab schon einmal Zeiten, da hat Metaphysik die Denkenden getröstet. Es waren beileibe nicht die schlechtesten oder wahrheitsfernsten Zeiten der Philosophie“ (ebd. 90).

Zur Vertiefung des Themas

Verfolgen Sie die Diskussion dieses Beitrags in unserer Dokumentation.

Außerdem: Herbert Rommel und Hans-Dieter Mutschler stellen sich der Theodizeefrage bei der Tagung “Das Leid in der Welt: Argument FÜR Naturalismus und GEGEN Theismus?” 2013 im Tagungshaus Weingarten.