Verwundbarkeit und die Botschaft von Weihnachten

von grenzfragen

Wie kaum eine andere Zeit haben die immer wieder neuen Wellen der Corona-Pandemie die Verwundbarkeit des Menschen offengelegt. “Vulnerabilität” ist längst nicht mehr Fachsprache, sondern inzwischen ein gängiges Schlagwort des Alltags geworden. Nun ist es kein Zufall, dass ausgerechnet der Kern der Weihnachtsbotschaft ein Lehrstück über die Verletzlichkeit des Menschen darstellt. Hildegund Keul hat das eindrucksvoll in Worte gefasst.

 

Auch Jesus, das Kind in der Krippe, ist verwundbar. Es kann sich nicht selbst schützen vor den Unbilden des Wetters, vor dem gefährlichen Angriff wilder Tiere oder vor der Gewaltsamkeit anderer Menschen. Es zeichnet das aus, was die Wissenschaften heute »hohe Verwundbarkeit« nennen. Um leben zu können, braucht das Kind den Schutz, die Unterstützung und die hingebungsvolle Zuwendung anderer Menschen. Hiervon erzählen die Weihnachtsgeschichten. Sie führen die Verletzlichkeit des neu geborenen Lebens vor Augen – und die verblüffende Bereitschaft von Menschen, diesem Kind bedingungslos Schutz, Zuwendung und Liebe zu schenken. ** Aber nicht nur die Menschen reagieren an Weihnachten auf ihre Verwundbarkeit. In dem neugeborenen Kind kommt Gott zur Welt, so sagt es der christliche Glaube. Gott wird geboren als Mensch. Damit stellt er sich jener Verwundbarkeit, der alle Menschen ausgesetzt sind. Dies ist ein Wagnis. Gott schafft nicht nur eine äußerst zerbrechliche Welt – und überlässt sie dann ihrem Schicksal. Sondern in Jesus Christus stellt sich Gott selbst der Verwundbarkeit. Und das aus freien Stücken. Die Geburt als Mensch aus Fleisch und Blut macht Jesus verletzlich. Das zeigt bereits das Neugeborene in der Krippe. Und Jesus wird tatsächlich verwundet, wird gemartert und gekreuzigt bis in den Tod. ** Die Weihnachtsgeschichten sind ein Lehrstück darüber, wie Menschen mit der Tatsache umgehen, dass sie verletzlich sind – sie selbst und die Anderen, mit denen sie zu tun haben. (Hildegund Keul, Weihnachten – Das Wagnis der Verwundbarkeit, Düsseldorf : Patmos 2015, 10-11)

In diesem Sinne darf ich Ihnen eine frohe Weihnachtszeit wünschen!
Heinz-Hermann Peitz