Trauer um Jürgen Audretsch

von grenzfragen

Ein bedeutender Denker des Dialogs zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie ist am 14. September im Alter von 76 Jahren verstorben. Jahrzehnte seines Lebens hat sich der Physiker Jürgen Audretsch dem interdisziplinären Gespräch gewidmet. So leitete er seit 1999 an der Evangelischen Akademie Baden zusammen mit dem Theologen Klaus Nagorni die Tagungsreihe „Theologie und Naturwissenschaft im Gespräch“, die fast vollständig in der Reihe “Herrenalber Forum” publiziert wurden.

Kritische Nachfrage von Jürgen Audretsch (zweiter von rechts) im Arbeitskreis forum-grenzfragen, hier zum Thema “Information”

Ein Jahr später hat Audretsch dann an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart den Arbeitskreis forum-grenzfragen mitbegründet, der auch der vorliegenden Website ihren Namen gegeben hat. Zweimal jährlich diskutierte die akademische Runde ausgewählte Themen, die von GastreferentInnen als Impuls eingebracht wurden: Ein Denkraum, der vorschnelle Harmonisierungen entlarvt, tragfähige Beziehungsmöglichkeiten diskutiert und zahlreiche Ideen für Folgetagungen beigesteuert hat. Die Beiträge dieser Website verdanken sich nicht unwesentlich der Initialzündung dieses Kreises.

Audretsch wurde dabei nicht müde, in konstruktiver Hartnäckigkeit theologische Aussagen auf den wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Prüfstand zu stellen. Auch die eigene Disziplin nahm er von der kritischen Reflexion nicht aus und lehnte überzogene Geltungsansprüche eines naiven physikalischen Realismus genauso ab wie allzu simple Popularisierungen.

Reden wir darüber …

Ein exemplarisches Zeugnis des interdisziplinären Engagements ist Audretschs Begegnung mit dem Philosophen Hans-Dieter Mutschler an der Schnittstelle ihrer Disziplinen: Wozu braucht der Physiker Naturphilosophie? Beschreibt die Quantentheorie Wirklichkeit? Was ist Emergenz? Hat die letzte Unerkennbarkeit der Natur mit der Unerkennbarkeit Gottes zu tun?

Wir freuen uns sehr, dass es der Verlag C. H. Beck anlässlich dieses Nachrufs ermöglicht hat, mit der Wiedergabe dieses Gesprächs unsere Wertschätzung auszudrücken.

Reden wir darüber  – Ein naturphilosophisches Gespräch zwischen Jürgen Audretsch und Hans-Dieter Mutschler

Auszug aus dem Buch von Jürgen Audretsch, Die sonderbare Welt der Quanten, München : Beck 2008, 156-176.

Über das Interdisziplinäre hinaus ist es eine Stärke dieses Buches, dass Audretsch hier eine völlig neue und originelle Ontologie der Physik entwickelt. Seine Idee ist, dass man auch noch so verwegene theoretische Begriffe der Physik ontologisch verankern muss, auch wenn sich diese Verankerung in der Geschichte der Physik wandelt: Newton muss die Lebenswelt voraussetzen, Maxwell die Newtonsche Physik, die Quantentheorie die Elektrodynamik usw. Die ontologische Basis ändert sich also mit dem Fortschritt der Wissenschaft. Zur Ausformulierung dieses bestechenden Programms ist Jürgen Audretsch leider nicht mehr gekommen.

Wir sind dankbar für zwei Jahrzehnte gemeinsamer interdisziplinärer Arbeit und die akademische wie persönliche Bereicherung.

Hans-Dieter Mutschler

Heinz-Hermann Peitz