Templeton Prize an George Ellis

von George F. R. Ellis

George F. R. Ellis
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George F. R. Ellis

Professor für Angewandte Mathematik bei Universität von Capetown, Südafrika
George Ellis ist Kosmologe und Professor für Angewandte Mathematik an der Universität von Capetown, Südafrika. Seine Forschungen konzentrieren sich auf Relativitätstheorie, Kosmologie und neuerdings auf die Entstehung von Komplexität. Als Mitglied einer Arbeitsgruppe des vatikanischen Observatoriums befasst sich Ellis seit 18 Jahren intensiv mit dem Dialog von Naturwissenschaft und Religion.
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ellis2Der angesehene Wissenschaftler George F. R. Ellis, ein führender Vertreter der theoretischen Kosmologie, ist mit dem Templeton Preis 2004 für seine innovativen Beiträge zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Religion geehrt worden. Der mit über 1,4 Millionen Dollar dotierte Preis wurde ihm am 5. Mai im Buckingham Palace übergeben.

Juni 2004 hatte forum-grenzfragen in Philadelphia die Gelegenheit zu einem Gespräch mit George Ellis. Sie hören eine leicht gekürzte Fassung des Interviews. Die deutsche Zusammenfassung erstellte Regine Kather.

Das Interview

Zusammenfassung (deutsch)

Ellis ist der Gewinner des Templeton Preises des Jahres 2004. Der Sinn des Preises ist das Verstehen der Entwicklung des Verhältnisses von Religion und Naturwissenschaft der letzten dreihundert Jahre und die Ermutigung zum Dialog zwischen beiden sowie zu einer spirituellen Entwicklung. Zunächst wurden religiöse Personen wie Mutter Theresa damit geehrt, in den letzten acht Jahren dann jedoch vor allem Wissenschaftler, die sich für den interdisziplinären Dialog engagiert haben wie I. Babour oder A. Peacocke. Der Preis bezieht sich auf das gesamte Lebenswerk.
Ellis selbst hat vor 18 Jahren, als er Mitglied einer Gruppe von Menschen des vatikanischen Observatoriums wurde, begonnen, sich intensiv mit dem Dialog von Naturwissenschaft und Theologie zu befassen. Das Ergebnis sind immerhin fünf Bücher, das sechste wird in Kürze erscheinen. Das ursprüngliche Forschungsgebiet von Ellis ist die physikalische Kosmologie. Hinzugekommen sind seit einigen Jahren die Forschungen zur Emergenz komplexer Formen, insbesondere in Verbindung mit der Funktion des Gehirns und der Entstehung von Bewusstsein.
Die Kosmologie führt fast unvermeidlich zur Diskussion des Verhältnisses von Naturwissenschaft und Religion: Die Frage nach dem Ursprung des Universums mündet in die, ob es einen letzten Grund von allem gibt. Für Ellis kann die Physik diesen Grund selbst nicht erklären; die ‘Hypothese Gott’ entzieht sich der physikalischen Überprüfbarkeit. Ellis distanziert sich damit von den Versuchen, die Gott mit Hilfe physikalisch-mathematischer Theorien nachweisen wollen.

Ellis selbst ist von einer evolutionären Interpretation des kosmologischen Geschehens überzeugt. Allerdings ist auch die Verbindung der physikalischen mit der biologischen Evolution nur plausibel zu machen, nicht jedoch empirisch testbar. Auch die These, es gäbe nicht nur ein Universum, sondern ein Multiversum, die inzwischen von vielen vertreten wird, ist nicht testbar. Ellis sieht in ihr jedoch kein grundsätzliches Argument gegen die Annahme eines Schöpfers. Warum sollte Gott nicht ein Multiversum bevorzugen? Es gibt offensichtlich verschiedene theologische Interpretationen des Kosmos.

Viel entscheidender für uns heute ist jedoch die Frage: Lernt Gott? Nimmt Gott selbst an der Evolution des Universums teil? Ellis unterstützt die Annahme der Prozesstheologie, dass Gott kein in sich ruhendes, invariantes Sein ist, sondern sich mit der Entwicklung des Universums selbst verändert. Dabei ist für ihn die im christlichen Mittelalter verbreitete Unterscheidung zwischen dem immanenten Sein Gottes, und einem transzendenten, zwischen Gott und Gottheit, grundsätzlich plausibel und akzeptabel. Als ‘lernend’ wäre dann nur der immanente Aspekt Gottes zu sehen.
Welchen Sinn macht dann aber noch die Annahme der Omnipotenz Gottes? Dieser Gedanke, so Ellis, wird plausibel, wenn man ihn mit der Idee der Kenosis verbindet, die vor allem in der protestantischen Theologie, in ähnlicher Weise aber auch in der jüdischen Kabbala verbreitet ist. Gott wäre fähig, alles zu tun, aber er entschied sich, sich selbst zu beschränken, um damit Lebewesen zu ermöglichen, die frei und verantwortlich handeln.

Für Ellis zeigt sich das Wirken Gottes in der Feinabstimmung des Universums, die die Wissenschaften enthüllten. Sie ist eine Bedingung, dass es Lebewesen geben kann, die diese Bedingungen betrachten können. Damit wird die Frage nach dem Sinn gerade dieses Universums unabweisbar. Diese Frage kann die Physik freilich nicht mehr beantworten, denn die physikalische Kosmologie berücksichtigt aufgrund ihrer Methode nur einen sehr eingeschränkten Satz von Daten. Es gibt jedoch viele andere Daten, die auf dem menschlichen Leben basieren. Hierzu gehören vor allem auch moralische Erfahrungen, die Erfahrung, daß Menschen Ziele und Zwecke verfolgen, die von ethischer Relevanz sind, die über Gut und Böse entscheiden. Und ohne Zweifel sind auch wir selbst mit dieser Fähigkeit ein Teil des Universums. Also kann die physikalische Kosmologie keine Theorie des ganzen Universums liefern.
Wieso aber spricht Ellis von einem ‘christlichen anthropischen Prinzip’? Diese Einschränkung nimmt er im Interview zurück und spricht umfassender von einem ‘religiösen anthropischen Prinzip’. Dieses beinhaltet, dass das Universum so konstituiert ist, dass Wesen mit moralischen Fähigkeiten existieren können. Diese Fähigkeit ist keine spezifisch christliche, sondern eine allgemein-menschliche. Lediglich bei der Frage, ob Gott Schöpfer oder nur Seinsgrund ist, müsste man dann zwischen den östlichen und den abrahamitischen Traditionen unterscheiden. Wenn Gott nur die Gesetze der Welt gründet, dann genügt auch ein apersonaler Seinsgrund; nur wenn es einen absoluten Anfang gäbe, dann wäre dies ein Argument für einen Schöpfergott.
Sind die physikalischen Theorien völlig neutral gegenüber philosophischen und theologischen Sinndeutungen? Oder gibt es eine gewisse Affinität bestimmter Theorien zu bestimmten Sinndeutungen? Heute versuchen die meisten wissenschaftlichen Theorien zu zeigen, dass die Entwicklung des Universums ohne die Annahme eines übergreifenden Sinnhorizontes erklärt werden kann. Das Problem dabei ist jedoch, dass die Existenz von Leben, und vor allem bewusstem Leben, dabei nicht genügend berücksichtigt wird. Die Physik hat sich dabei in einem epistemologischen Problem verfangen: Sie ignoriert (methodisch) die Existenz von Bewusstsein, obwohl sie es in Form der Person des Forschers, der Absichten und Ziele verfolgt, selbst voraussetzt.

Die Physik ist daher nur eine unvollständige Erklärung der Welt, da sie die menschlichen Formen der Verursachung als Grundlage von Handlungen und ethischen Urteilen nicht berücksichtigt. Doch fast alles, was wir hier in diesem Zimmer sehen, ist ein Resultat menschlicher Zwecksetzungen. Insofern erklärt die Physik fast nichts von dem, was hier in diesem Raum ist.
Zu berücksichtigen sind auch die religiösen Erfahrungen der Menschen in allen Epochen und Kulturen. Einige Erfahrungen mögen eine Illusion sein, mit Sicherheit jedoch nicht alle. Es gibt eine Art ‘Kanal’, ‘Tunnel’ (channel), durch den sich Gott den Menschen in Offenbarungen mitteilt. Gott wirkt zwar nicht mittels physikalischer Kausalität oder durch konkrete Handlungen in die Menschenwelt hinein, aber durch die Vermittlung von Einsichten. Die ‘Sorge’ für die Welt besteht daher nicht nur in der Erhaltung der physikalischen Gesetze, sondern auch im Gewähren von Einsichten, die ein Mensch sonst nicht gehabt hätte.

Wir brauchen daher die Anerkenntnis, dass die Verbindung von Zufall und gesetzmäßiger Notwendigkeit keine vollständige Erklärung der Welt geben kann. Wenn man also die Existenz von (bewusstem) Leben berücksichtigt, dann sind physikalische Theorie nicht mehr völlig gleichgültig gegenüber Sinndeutungen. Zumindest die Theorien sind eindeutig abzulehnen, die nicht erklären können, wie es zur Evolution des (bewussten) Lebens und der mit ihm verbundenen Möglichkeit zweckgeleiteter Verursachungen gekommen ist. Die Konzeption des freien Willens und der Verantwortung müssen sich grundsätzlich mit der physikalischen Theorie des Universums vereinbaren lassen.

Die These, die Physik müsse letztlich alles erklären können, ist dabei keineswegs nur für einen kleinen Kreis von Wissenschaftlern von Interesse. Sie ist für das kulturelle Leben insgesamt gefährlich, denn sie untergräbt die Fundamente der Humanität.Die Quantenphysik ist dabei für Ellis, wie für Penrose, eine Möglichkeit, schon in der materiellen Welt eine gewisse Indeterminiertheit zu finden. Letztlich brauchen wir jedoch eine Theorie der Natur, die darauf verzichtet, diese vollständig szientistisch zu erklären. Ellis vertritt einen Dualismus, der von einem Monismus umgriffen wird. Kausalität und Finalität sind zwei verschiedene Aspekte des einen Universums.

(Regine Kather)

Siehe auch: Ellis zu Methode, Möglichkeiten und Grenzen der Naturwissenschaft, 7. August 2014