Nahtoderfahrung und ihre Bedeutung für die Theologie

von Enno Édzard Popkes

Enno Édzard Popkes

Enno Édzard Popkes

Professor für Geschichte und Archäologie des frühen Christentums und seiner Umwelt bei Universität Kiel
Popkes studierte Evangelische Theologie und Philosophie. Theologische Promotion, dann Habilitation im Rahmen des Graduiertenkollegs „Leitbilder der Spätantike“. Lehrt als Professor für Geschichte und Archäologie des frühen Christentums und seiner Umwelt an der Universität Kiel. Forschungsschwerpunkte: Thanatologie, Nahtoderfahrung, platonisches Christentum.
Enno Édzard Popkes

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Das Thema der Nahtoderfahrung stellt nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern auch für die Theologie eine Herausforderung dar. Prof. Dr. Enno Edzard Popkes griff diese Spannung in seinem Vortrag „Nahtoderfahrung und ihre Bedeutung für die Theologie“ auf und zeigte die Beziehungen zwischen den nachösterlichen Berichten über den auferstandenen Jesus und Nahtoderfahrungen.

    Einleitend strukturierte Popkes das Phänomen der Nahtoderfahrungen indem er es mit (Begleit-) Erscheinungen kontextualisierte und auf Fragen aufmerksam machte, die im Hinblick auf Nahtoderfahrungen beachtet werden müssen. Zugleich wies er darauf hin, dass Nahtoderfahrungen immer individuell seien und sich nicht eindeutig systematisieren ließen.

    Nach dieser Einführung thematisierte der Referent Diskussionen, die seit der Antike die Vorstellungen über Nahtoderfahrungen prägen. Besonderes Augenmerk legte er dabei auf die platonische Philosophie und die apokryphe Schrift des Thomasevangeliums. Letzteres sei – so die These von Popkes – ein Zeugnis für die hohe Pluralität an Auferstehungskonzepten, die im frühen Christentum noch anzutreffen war, aber später durch den Prozess der Kanonisierung des Neuen Testaments verdrängt oder gezielt ausgeschieden wurden.

    (1) Jesus sagt: Wenn sie zu Euch sagen: „Woher seid ihr gekommen?“ Dann sagt zu ihnen: „Wir sind aus dem Licht gekommen, dem Ort, wo das Licht aus sich selbst heraus entstanden ist und in ihrem/unserem Bild erschienen ist.“ (EvThom 50)

    Im Thomasevangelium werde ein Auferstehungskonzept favorisiert, das – im Gegensatz zu den meisten neutestamentlichen Zeugnissen – nicht von einer Auferstehung des Körpers ausgehe. Vielmehr werde in platonischer Auffassung eine Trennung von Körper und Seele im Moment des Todes postuliert. Nach dem Thomasevangelium erklärt Jesus seinen Schülern, dass sie aus dem Licht kommen und auch wieder dorthin zurückkehren. Diese letztgenannte Lesart ließe sich auch mit vielen Nahtoderfahrungen in Verbindung bringen, denn auch hier ist bei einigen Berichten die Rede von einer starken Lichtmetaphorik oder von dem Gefühl der Trennung zwischen Seele und materiellem Körper. Das Thomasevangelium präsentiere daher ein vollkommen anderes Auferstehungsverständnis als die neutestamentlichen Schriften.

    Somit endete Popkes mit einem Plädoyer für eine kritische Relecture dieses apokryphen Evangeliums und dessen inhärenten Konzepten, Auferstehung zu denken.

    (Ludwig Motz)

    Beiträge der Tagung (inkl. Link zu den Projektvorstellungen)

    Unter dem Titel "Erfahrung und Transzendenz" ging es vom 1. bis 3. Oktober 2021 um die "Deutung von religiöser Erfahrung in Lebenswelt, Theologie und Naturwissenschaften" - so der Untertitel. Die Dokumentation des Kongresses im Rahmen des "Religion and Science Network Germany" (RSNG) enthält die Hauptvorträge und die Projektvorstellungen.

    Mutschler möchte zunächst einmal die Diskontinuität zwischen Spiritualität und Wissenschaft deutlich herausarbeiten. So stehe eine naturwissenschaftliche Weltbeschreibung für eine objektivierende Beobachterperspektive. Ganz anders die Kontemplation, die eher für die subjektive Betroffenheitsperspektive stehe. Der Wunsch nach Vereinbarkeit finde nicht immer eine glatte Lösung. Gerade der gläubige Mensch zeichne sich dadurch aus, Unvereinbares einfach stehen lassen und erdulden zu können.

    Das Thema der Nahtoderfahrung stellt nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern auch für die Theologie eine Herausforderung dar. Prof. Dr. Enno Edzard Popkes griff diese Spannung in seinem Vortrag „Nahtoderfahrung und ihre Bedeutung für die Theologie“ auf und zeigte die Beziehungen zwischen den nachösterlichen Berichten über den auferstandenen Jesus und Nahtoderfahrungen.

    Auch in diesem Jahr gab es zahlreiche Projektvorstellungen auf akademisch hohem Niveau. Wie üblich stellt die Auswahl zunächst Projekte vor, die dem Schwerpunkt “Erfahrung und Transzendenz” zuzuordnen sind, es folgen Projekte mit anderen interdisziplinären Fragestellungen.