Grenzerfahrungen an der Schwelle zum Jenseits

von Regine Kather

Regine Kather

Regine Kather

Lehrtätigkeit seit 1985 an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, u. a. in der Erwachsenenbildung. Veröffentlichungen u. a.: Was ist Leben? Philosophische Positionen und Perspektiven (2003); Person - Die Begründung menschlicher Identität (2007).
Regine Kather

Trotz aller naturwissenschaftlichen Erfolge – so die Philosophin Regine Kather – sei das Unbehagen an einer rein materialistischen Deutung des Lebens nie vollständig erloschen. Ist der Geist wirklich nur ein kraftloses Erzeugnis materieller Vorgänge? Berücksichtigen die wissenschaftlichen Modelle tatsächlich das ganze Spektrum menschlicher Erfahrungen? Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach Jenseits und Unsterblichkeit lohne sich daher ein Blick auf die Argumente und Beobachtungen philosophischer und religiöser Lehren.
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      Zusammenfassung

      Die Philosophin bezog in ihrem Vortrag „Die Endlichkeit des Leibes und die Hoffnung auf Unsterblichkeit“ auch die „Grenzerfahrungen“ von Nahtod-Erlebnissen mit ein. Sie erinnerte daran, dass es schon im Gilgamesch-Epos, bei den Ägyptern, bei Homer und in den griechischen Tragödien Berichte von „Jenseitsreisen der Lebenden wie der Toten“ gebe. Platon habe als erster philosophisch die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele unabhängig vom Leib erörtert. Unsterblich sei die Seele aber nicht aus eigener Kraft, sondern „in der Teilhabe am höchsten Sein, an der Idee des Guten, Wahren und Schönen, die den Kosmos und damit den Bereich des Werdens und Vergehens überschreitet“. Dabei bestimmten die im Jenseits ganz offenbaren guten und schlechten Taten das Schicksal der Seele, weshalb man sich schon im diesseitigen Leben an den wahren, zeitlos gültigen Werten orientieren solle, „statt die Zeit mit vergänglichen Freuden zu vergeuden“.

      Auch nach Platon lässt sich die Hoffnung auf Unsterblichkeit nicht beweisen. Sie werde erst „in einer sich schlagartig einstellenden intuitiv-mystischen Erfahrung gewiss“, wie Kather betonte, und bleibe deshalb „eine Angelegenheit vernunftgestützten Glaubens“. Hilfreich dafür sei die Einsicht, dass nicht das organisch gebundene körperliche Leben, wohl aber der immaterielle „Geist“, der dem göttlichen Geist „ähnlich“ sei, am ewigen Leben teilhaben könne: „Das höhere Selbst untersteht nicht mehr den Gesetzen dieser Welt, von Physik, Biologie und Psychologie. Sein Wirken vollzieht sich nicht in Raum und Zeit, sondern in einer immerwährenden zeitlosen Gegenwart, der Ewigkeit.“ Dies habe schon Plotin (3. Jh.) herausgestellt, der sich zugleich fragte, wie seine Seele überhaupt aus der Schau des Göttlichen gefallen und in den Leib geraten ist.

      „Denn anders als im irdischen Leben ist im ewigen der geistige Leib vollständig Ausdruck des geistigen Lebens. Sein und Schein treten nicht mehr auseinander, das Äußere ist mit dem Inneren identisch.“

      Fließendes Licht In dieser jenseitigen Wirklichkeit ist auch nach der christlichen Mystik alles vom „fließenden Licht der Gottheit“ (Mechthild von Magdeburg) eingehüllt. Mit der Auferstehung erlangt der Leib seine „ursprüngliche Gesundheit und Kraft“ zurück, ist er vollständig „von der vernünftigen Seele beherrscht“ (Augustinus). Nach Johannes Scotus Eriugena (Hoftheologe Karls des Großen) ist der sinnliche Leib „ein Produkt der Seele nach dem Sündenfall“; ursprünglich sei der Mensch leib- und geschlechtslos wie die Engel konzipiert gewesen. Die Erlösung als Vergöttlichung beziehe aber auch den Leib im Sinn eines vergeistigten Leibes mit ein.

      Im 20. Jahrhundert war es die französische Philosophin und Mystikerin Simone Weil, die hoffte, „aus diesem elenden Fleisch herauszutreten, es in seinem Winkel hingekauert allein zu lassen und in der unerhörten Schönheit der Gesänge und Worte eine reine und vollkommene Freude zu finden“.

      Wirklich nahrhaft ist für Weil das „Urerlebnis der Kommunion“ mit Gott als geistigem „Mittelpunkt des Universums“. Regine Kather sah hier Analogien zum „Astralkörper“ der Kabbala und zur „Hülle der Glückseligkeit“ als innerstem feinstofflichem Körper im Hinduismus, aber auch zur „Lichterfahrung“ in Nahtod-Erlebnissen. Diese außerordentlichen Erfahrungen, die mit wachsender Klarheit und Bewusstheit einhergingen, blieben oft lebenslang präsent und führten zu einer Neuorientierung im Wertebewusstsein.

      Kather zitierte den niederländischen Kardiologen Pim van Lommel: „Wir haben einen Körper, doch wir sind Bewusstsein.“ Nicht die Materie sei Ursprung des Geistes, sondern der Geist Ursprung auch der materiellen Prozesse. Nahtod-Erlebnisse seien ein Fingerzeig auf die endgültige Transformation, „die erst möglich wird, wenn Menschen nicht mehr in ihren Körper zurückkehren müssen, um ihr Leben zu vollenden“.

      Der Vortrag wurde im Rahmen der Tagung „Unsterbliche Seele – Auferstehender Leib. Neue philosophische und theologische Konzepte“ vom 27.-28. Juni 2014 im Tagungshaus Weingarten gehalten.


      Die Beiträge der Tagung