Die facebook-Diskussion

von grenzfragen

fnt2_155“Ich kann Teile der Kritik gegen Kessler nachvollziehen” … “Martin Neukamm kämpft gegen Windmühlenflügel” … “Die Beweislast liegt nicht nur auf Seiten der Theologie”

Die naturalistisch-wissenschaftliche Kritik Martin Neukamms an dem Schöpfungsverständnis Hans Kesslers und der Kirchen wurde auf facebook im “Forum Naturwissenschaft Theologie” ausführlich diskutiert. Hier finden Sie eine thematisch sortierte Auswahl.

I. Ontologischer Naturalismus – Emergenz

Ist eine einheitliche Weltsicht möglich? – ontologischer Naturalismus – Erkenntnistheorie – Beantwortet der Naturalismus alle Fragen? – Emergenz als Erklärung? – Subjektivität – Teilnehmerperspektive des Wissenschaftlers – Kann man Logik naturalisieren?

Frank Vogelsang:
Erst einmal möchte ich sagen, dass ich Teile der Kritik gegen Kessler nachvollziehen kann. Auch manche liberale theologische Positionen neigen dazu, an der Vorstellung festzuhalten, dass Theologie eine geschlossene, vollständige Weltsicht begründen kann, nur hier in der Variante, dass man die Naturwissenschaften mit einbezieht (Das Buch habe ich nicht gelesen, aber ich kenne einige andere Ansätze, die ebenso funktionieren). Ich glaube, dass das nicht funktioniert und auch die Theologie in eine komische Rolle drängt. Doch – ich glaube auch nicht, dass die Naturwissenschaften eine solche Weltsicht etablieren kann. Deshalb überzeugt mich der ontologische Naturalismus überhaupt nicht. Nicht theologische Argumente stehen dagegen, sondern philosophische:
Worüber Sie keine Rechenschaft ablegen ist: Wer entwickelt die naturwissenschaftlichen Theorien und mit welcher Intelligenz entwickelt er/sie die Theorien? Die Theorien fallen ja nicht vom Himmel oder sind einfach so wahr, sondern sind mühsam errungen. Wenn man aber die Forschenden in die Betrachtung mit einbezieht, wird das Bild gleich viel komplizierter:
Welchen Status hat zum Beispiel die Sprache in einem ontologischen Naturalismus? Was ist Wahrnehmung? Warum gibt es Neuronenverbände, die Ich sagen können? Die Naturwissenschaften sind immer dann stark, wenn man die eigene Existenz nicht berücksichtigen muss, sondern nur auf das Objekt sieht. Doch wer betrachtet das Objekt? Wäre der ontologische Naturalismus nicht wunderbar kompatibel mit einer Welt, die genauso ist wie die unsere – nur ohne jedes Bewusstsein?
– Aber ich möchte noch ein ganz anderes Argument nennen – Wenn es so sei, dass mit Hilfe des Naturalismus die ganze Welt beschrieben wäre, kristallin und durchsichtig – wäre auch nur eine einzige Frage, die Ihr und mein Leben ausmacht, beantwortet? Wie möchte ich leben? Was ist sinnvoll? Was sollte ich nicht tun? Von den drei großen Kantschen Fragen wäre eine beantwortet: Was kann ich wissen? aber die anderen beiden wären noch nicht einmal berührt: Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Ob in einer solchen Theorie nicht doch noch Entscheidendes fehlt?

 

Martin Neukamm:
“Wenn man aber die Forschenden in die Betrachtung mit einbezieht, wird das Bild gleich viel komplizierter: Welchen Status hat zum Beispiel die Sprache in einem ontologischen Naturalismus? Was ist Wahrnehmung? Warum gibt es Neuronenverbände, die Ich sagen können?” – Aus naturalistischer/neurobiologischer Sicht sind “Wahrnehmung” und “Ich-Bewusstsein” schlicht Emergenzphänomene. Auch wenn wir sie wegen der ungeheuren Komplexität des Neokortex freilich nicht durchschauen können, bedeutet das nicht, dass den Phänomenen etwas Immaterielles oder gar Transnaturales anhaftet. Die Verlockung scheint mir unter Religiösen allzu groß zu sein, dort, wo es kompliziert wird, und wo noch nicht alles erklärt worden ist, einer Erklärung vorzugreifen und Gott ins Spiel zu bringen. Dabei wäre Gott (ich habe das schon angedeutet) selbst keine Erklärung. Im Gegenteil, er würde noch mehr Fragen aufwerfen.
Um nicht missverstanden zu werden, sei rasch dazu gesagt, dass es außer Naturwissenschaften viele andere, wichtige kognitive Felder menschlichen Strebens gibt: die Philosophie etwa oder die Musik. Und ja, auch Religion mag durchaus eine sinnstiftende Wirkung haben, ich mag das gar nicht in Abrede stellen.

“Wie möchte ich leben? Was ist sinnvoll? Was sollte ich nicht tun? Von den drei großen Kantschen Fragen wäre eine beantwortet: Was kann ich wissen? aber die anderen beiden wären noch nicht einmal berührt: Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Ob in einer solchen Theorie nicht doch noch Entscheidendes fehlt?” – Sicher, die Naturwissenschaft deckt hier zunächst nur den Bereich des Wissens ab. Aber auch die Philosophie erfährt eine “Naturalisierung”. Die Geisteswissenschaften sind, um es in den Worten Bernulf Kanitscheiders auszudrücken, nicht mehr allein die genuinen Verwalter von Emotion, Sinnstiftung und Moral… http://www.martin-neukamm.de/naturalismus.pdf

Frank Vogelsang:
Ja, genau darauf zielen meine Argumente! Ich bin sicher Christ und argumentiere auch als Theologe, aber hier vermute ich zunächst ohne jede theologische Anteile reden zu können. Denn zunächst einmal geht es darum, die Wirklichkeit in ihrer ganzen Vielfalt beschreiben zu können! Das ist durchaus kompatibel mit atheistischen Positionen und mein Referenzphilosoph war, so viel ich weiß, auch Atheist (Merleau-Ponty).
Wirklichkeit zeigt sich in sehr unterschiedlichen “Dimensionen”, ich bevorzuge das Wort “Erscheinungsweisen”. Da sind die Naturwissenschaften eine, aber nicht die einzige. Sie sind sicherlich auch die bevorzugte für eine Beschreibung der Welt, weil es ihnen gelingt, Ordnungen zu bestätigen (Naturgesetze etc). Das ist ihr großartiger Erfolg. Aber es gibt eben auch Dinge, die sich nicht so schön geordnet zeige, ästhetische Erfahrungen, Musik, Sinnerfahrungen usw. Doch die sind nicht nur sekundär wirklich und “eigentlich nichts anderes als” materielle Prozesse. Genau hier unterscheiden wir uns wohl deutlich. Mir geht es darum, dass, was unsere Kultur als “subjektiv” abtut, als eigenständigen Teil der Wirklichkeit zu behaupten, ohne deshalb irrwitzige Sonderentitäten annehmen zu müssen. Die rationalen Standards zu halten, ist für mich sehr wichtig (das wissen Sie, denke ich auch aus der Tagung). Aber deshalb zeigt sich nicht alles nach den Bedingungen unserer endlichen menschlichen Rationalität. Was bleibt? Es bleibt die Möglichkeit zu staunen und immer wieder Neues zu entdecken.

Zur Emergenz muss ich eine Bemerkung machen: der beste Kommentar darauf, wofür “Emergenz” ist dieser berühmte Wissenschaftscartoon And then a miracle occurs… Man weiß nicht wie, aber plötzlich – durch Emergenz – ist die kausale Ordnung der Neuronen in eine logische der Gedanken überführt. Die Antwort ist: You should be a bit mor explicit on this.
http://blogs.popart.com/wp-content/uploads/2011/12/then_a_miracle_occurs.jpg

Martin Neukamm:
“Zur Emergenz muss ich eine Bemerkung machen: der beste Kommentar darauf, wofür “Emergenz” ist dieser berühmte Wissenschaftscartoon And then a miracle occurs…” – Da haben wir sie also wieder – die berühmte Lücke, die als Erkenntnisgrund für die Existenz Gottes herhalten muss… 🙂 Im Ernst, mir ist schleierhaft, warum so viele Religiöse ein Problem mit “Emergenz” haben. Dem haftet nichts Rätselhaftes an, ständig sind wir damit umgeben. Damit sind Systemeigenschaften gemeint, die auf der Ebene der Elemente noch nicht vorhanden sind, nur im Wechselspiel der Elemente auftauchen. “Flüssig”, “lebendig” oder “leitet den elektrischen Strom” sind einfache Beispiele dafür. Beim Leben gehen wir beide noch d’accord, wie ich annehme, nur beim Bewusstsein soll das, wegen des Komplexitätsgrades, plötzlich nicht mehr gelten? Ein einzelnes Neuron denkt nicht, ein komplexes Bündel aus raffiniert verschalteten Neuronen dagegen schon. Ohne Gehirn kein Gedanke und kein Bewusstsein! Meine Leber ist sich nicht selbst bewusst, mein Bauch auch nicht…. Im Übrigen ist das ein Cartoon, der eigentlich im Zusammenhang mit “Intelligent Design” auftaucht. Ich hoffe, Sie stecken nicht Naturalismus und ID in dieselbe Schachtel.

Frank Vogelsang:
Die Emergenz-Kritik hat nicht direkt an die Frage der Existenz Gottes geknüpft! Es geht hier erst einmal um eine kritische Sichtung von Argumenten innerhalb eines Diskussionszusammenhangs, ganz außerhalb von Theologie. Es ist doch offenkundig, dass dieses Wort eingeführt worden ist, um die Vollständigkeit einer Ordnung abzusichern. Es ist in keiner Weise fruchtbar. Haben Sie schon einmal gehört, dass mit dem Konzept der Emergenz etwas Neues gefunden wurde? Es soll nur Bestehendes abgesichert werden. Das Emergenz-Wort hat in etwa die Rolle wie das Handeln Gottes beim Intelligent Design! Es soll eine bestimmte Sicht vollständig machen. Ich bin gegen beides. Ich glaube nicht daran, dass wir uns die Welt in einer schönen, handlichen Ordnung zu Eigen machen können. Ihre Beispiele sind darüber hinaus nicht triftig. Dazu empfehle ich das wohl in Deutschland führende Buch zum Problem von Achim Stephan (Emergenz….) (er ist übrigens für den Gebrauch des Begriffes). Man muss klar zwischen einer starken Emergenz und einer schwachen Emergenz unterscheiden. Sie haben Beispiele für die schwache Emergenz geliefert. Die sind völlig unproblematisch. Doch die Behauptung der starken Emergenz ist hoch spekulativ. Ich pflichte da Alva Noe sehr bei, der sagt, ein Gehirn denkt nicht, wie ein Bauch verdaut. Es geht dabei um Grundverschiedenes, weil Gedanken sich kategorial von Verdauungsresten und Energiegewinn unterscheiden. Ich kenne keine physikalische Beschreibung von Gedanken, wohl aber von Verdauungsresten.

II. Schöpfung – Beweis – Spekulation

Neuzeitliche Wissenschaft ist auf christlichem Fundament entstanden – Existenz Gottes ist genauso wahrscheinlich/unwahrscheinlich wie physikalische Theorien über Stringtheorie oder Multiversen

Frank Großmann:
Das Problem scheint mir zu sein, dass Martin Neukamp glaubt, Kreationismus, ID oder TE a la Kessler wollen ihm Schöpfung belegen. Das mag es ja auch geben, aber ich denke, zumeist geht es doch darum zu zeigen, dass Schöpfung in Anbetracht der wissenschaftlichen Hard Facts zumindest eine Denkmöglichkeit ist. Insofern kämpft Martin Neukamm gegen Windmühlenflügel. Letztlich geht es bei diesen letzten Fragen um mehr oder weniger plausibel; darum, welcher weltanschauliche Rahmen die Fakten besser integriert. Und natürlich hat eine transzendente Gottheit mehr Plausibilität als ein immanenter Sonnengott oder eine Zahnfee. Neuzeitliche Wissenschaft ist immerhin auf dieser Grundlage – ein intelligenter Schöpfer muss eine intelligible, vernünftig durchstrukturierte Welt geschaffen haben – entstanden…
Ansonsten, wie sagte Bonhoeffer so schön: Einen Gott den es gibt, gibt es nicht. Gott erst gibt, dass es etwas gibt. – Hier die Kategorien auseinander zu halten, Gott als den „ganz Anderen“ zu denken – eben transzendent – scheint Naturalisten sehr schwer zu fallen. Es müsste doch dann einen Energiefluss vom Schöpfer zur Schöpfung gegeben haben, schreibt Martin Neukamm. Wenn Gott der Schöpfer ist, wer hat dann Gott geschaffen?, fragt R. Dawkins – Sicher, wenn man an Theistische Evolution denkt, muss an irgendeiner Stelle der Punkt kommen, an dem Gott dem entwickelten Menschen seinen Geist einhaucht – das Paradies. Und es stimmt auch, dass Evolution das Werturteil „..und es war sehr gut“ in ein anderes Licht stellt. Aber kann es eine materielle Welt ohne Leid geben? Kann eine Welt, in der es Leid gibt, nicht trotzdem paradiesisch ohne Sünde sein? Wer auf T.E. setzt, muss sich mit solchen Fragen auseinander setzen. Da man aber auf dieser Welt ganz real immer wieder neu erleben kann, dass Menschen, die zur Erfahrung Gottes in Jesus Christus durchdringen, zwar nicht sündenfrei werden, aber doch ein enorme innere Befreiung von destruktiven Tendenzen erleben, zwar nicht frei von Leid aber doch so froh, wie sie es nie für möglich gehalten hätten – scheint mir ein Nein zur ersten und ein Ja zur zweiten Frage nicht ausgeschlossen zu sein…
Verwunderlich finde ich das immer wieder vorgebrachte „Sparsamkeits-Argument“. Wenn man sich anschaut, welche im Grunde abenteuerlichen Konstrukte in der Physik kursieren – siehe bspw. Stringtheorie, Multiversen – kann doch nun von wissenschaftlichem Minimalismus auch nicht die Rede sein (interessant in diesem Zusammenhang “Auf dem Holzweg durch das Universum” v. Unzicker). Ebenso ist es inkonsequent – etwa wie Mr. Dawkins – zu sagen, man gibt der Existenz Gottes eine Wahrscheinlichkeit von ca. 2% (immerhin viel mehr als die, sich in Kenia Malaria einzufangen, und trotzdem schlucken viele Touristen Tabletten), dieser Spur aber kategorisch nicht nachgehen zu wollen. Nur mal theoretisch angenommen, sämtliche kreationistische Positionen würden sich erhärten – das Universum und die Erde wären nachweisbar jung usw. – Naturalisten müssten weiterhin kategorisch einen Schöpfer ausschließen. Oder umgekehrt – wenn es tatsächlich einen Schöpfer gibt, würde Wissenschaft die unter dieser Prämisse forscht, sehr wahrscheinlich kontinuierlich mehr Erkenntnis generieren als dogmatisch-naturalistische Wissenschaft. Warum also nicht beide Ansätze gelten lassen?

Frank Vogelsang:
Schöne Beobachtungen, vielen Dank! Die Bemerkung zu Dawkins ist richtig gut, ich werde es mir merken! Allerdings: die Möglichkeit, dass kreationistische Theorien sich erhärten ist, so vermute ich, weit geringer als 2% :-), so würde ich nicht argumentieren. Letztere ist eine der zentralen Herausforderungen der Gegenwart aus Sicht der Theologie: Wo kann die Theologie noch produktiv sein? – Da verstehe ich durchaus auch die Skeptiker und Naturalisten, wenn man sieht dass die Theologie sich auf diffuse Größen wie die Subjektivität zurückgezogen hat oder aber sich kreationistisch objektiv verausgabt…

Frank Großmann:
Stimmt- die Frage ist, warum Christentum oft so unerlöst daher kommt…
Mir ging es im Übrigen nicht um die Wahrscheinlichkeit des Kreationismus, sondern um die Konsequenzen, die ein erkenntnistheoretischer Vorentscheid haben könnte oder hat. Und die Inkonsequenz die darin liegt, dass Naturalisten sagen: Wir bestreiten ja gar nicht die Möglichkeit eines Schöpfers! – gleichzeitig aber alles tun, um Leute die mit dieser Möglichkeit auch im Rahmen der Wissenschaft ernst machen, zu diskreditieren. Überhaupt dieser Habitus – als wäre die neuzeitliche Wissenschaft auf atheistischen Grundlagen gewachsen… Nicht mal für die Evolutionstheorie gilt das, Darwin hat sie schließlich als engagierter Christ entwickelt.
In den Sozialwissenschaften ist die Frage übrigens noch viel brisanter. Man muss sich nur vergegenwärtigen, welche Konzepte seit der Aufklärung auf rein naturalistischer und welche auf Grundlage christlicher Anthropologie entstanden…
Ein interessantes Buch zum Thema, dass M.N. hier behandelt, ist übrigens “Gott und die Gene” von Francis Collins, seinerzeit Leiter des Human Genome Project…

III. Theologie – bleib bei deinem Leisten!

Die vielen metaphysischen, kosmlogischen, biologischen Fragen – Fragen nach Geist und Materie etc. überfrachten die Theologie!

Hermann Aichele:
Nochmals durchgelesen. Ich finde immer noch, Martin Neukamm spießt zu Recht etwas auf, das bei Theologen ein oft begangener Weg ist, der sich aber als Holzweg, als Sackgasse erweisen wird. Ich schrieb ja bereits einen andern Kommentar am 31. Mai:

Ich finde es schade, wenn niemand auf diesen Text von M.Neukamm eingeht. Ich denke, hier werden ein paar Ecken ausgeleuchtet, in denen ziemlich viele Theologen es sich noch behaglich einrichten zu können meinen – im Halbdunkel gut munkeln? Vielleicht könnten Sie, Martin Neukamm, nochmals hier im Forum Naturwissenschaft… auf eine andere Weise auf den Text verweisen.
Ich denke, Theologen müssten endlich zugeben, dass (schon seit der Frühzeit der Menschheitsgeschichte an) im Zuge der Notwendigkeit, Lebenszusammenhänge, Lebenserfahrungen, Lebensäußerungen auf die Reihe zu bringen und sich drüber zu verständigen — dass dadurch Gottesvorstellungen entstanden sind. Wenn’s dann heißt, Menschen hätten sich das doch “nur ausgedacht”, könnte man drauf verweisen, dass es einiges Ausgedachte gibt, dessen sich die Menscehn nicht schämen müssen. Und womöglich könnte man auch sagen: Sie haben durch ihr Ausdenken nicht einfach etwas er-funden; sondern Vor-Gefundenes in ihrer Weise mit menschlichem Antlitz versehen, mit Gottesvorstellungen ihre Erfahrungen, Widerfahrnisse humanisiert…
So, aber dann finde ich es immer wieder schlimm, wenn durch raffiniert ausgetüftelte Theologie die Gottesvorstellungen immer wieder mit Zusammenhängen überfrachtet werden, für die sie inicht gemacht wurden und nicht gedacht werden müssten: die vielen metaphysischen, kosmlogischen, biologischen Fragen – Fragen nach Geist und Materie oder Aufspüren von Wirklichkeitslücken, in denen Wunder doch noch, naturwissenschaftlich gesehen, denkbar wären…
Mose, die Propheten oder Jesus – wenn man die nach solchen Dingen fragen würde und sagen, dass sich Theologen damit abmühen – die würden wohl sagen: Leute, ihr hättet was Gescheiteres zu tun – in dieser Welt, die aus unendlich vielen Wunden blutet.
Ich wollte manchmal schon Entsprechendes in die Theologie hineinrufen; aber ich würde doch ein paar Verbündete brauchen. Deshalb in dieser Deutlichkeit mal nur in diesem Zwischenruf.

Meine Einleitungsbemerkung ist etwas ungerecht hart gewesen: In der von Neukamm berechtigterweise kritisierten Art möchten Theologen es sich nicht „behaglich einrichten“, um im Dunkeln gut zu munkeln. Das gibt es auch: Theologen, die von der erkenntnistheoretischen Debatte nur lernen, man könne nicht alles wissen; und die deshalb ihre angenommenen Glaubens-Inhalte unverfroren behaupten – so wie jetzt der unsägliche Klaus Berger.
Aber nein, ich weiß von vielen Theologen, die sich ehrlich in der erkenntnistheoretischen Debatte abmühen – es sich nicht behaglich machen und beispielsweise in der Diskussion um Materie und Geist die letzten verästelten Gedankengänge durchforschen. Um dem Glauben Freiraum zu verschaffen – ein sturmfreies Gebiet zu sichern, ein feste Burg…
Ich halte es dennoch für einen Holzweg, nämlich fürs wirkliche Glaubensleben unbrauchbar. Darauf weist schon Neukamm auf seine Weise hin: „Das Ziel der Religionen besteht darin, den Glauben an die Obhut Gottes zu vermitteln…“
Schärfer noch sein Urteil, dass es immer noch und immer wieder der alte Lückenbüßergott ist. Und hier in der Diskussion der scharf-bissige Hinweis: „Dass wir die Realität nicht erkennen wie sie ist, ist die schlechteste Begründung für Gott“ – und eben darauf bezogen: „wie könnte die Theologie daraus Nektar saugen?“ Genau! Und es hat doch mit dem, was kirchlich wichtig und (heils)notwendig ist, doch eigentlich recht wenig zu tun.
Deshalb in meinem früheren Kommentar die Klage:
„Ich finde es immer wieder schlimm, wenn durch raffiniert ausgetüftelte Theologie die Gottesvorstellungen immer wieder mit Zusammenhängen überfrachtet werden, für die sie nicht gemacht wurden und nicht gedacht werden müssten: die vielen metaphysischen, kosmologischen, biologischen Fragen – Fragen nach Geist und Materie oder Aufspüren von Wirklichkeitslücken, in denen Wunder doch noch, naturwissenschaftlich gesehen, denkbar wären…“ – hätte auch sagen können: auf Biegen oder Brechen denkbar gemacht werden müssen…
Mir kommt es vor wie in A.Flews Gärtnergleichnis – zB hier: http://www.muenster.org/august/philosophie/projekte/9798132/flewgotteshypothese.htm.
Die Spekulationen werden immer diffiziler und immer lebensfremder – und werden so für den Atheismus zu einer Steilvorlage. Hätten die Reisenden doch dem unsichtbaren Gärtner ein Fest bereitet und wären selber durch ihre Freude dran gewachsen, wie Paul Gerhardt wünscht, in Gottes Garten als schöne Blum und Pflanze zu bleiben…
Und so wird auch die alte Schöpfungsgeschichte, die durchaus ihren befreienden psychologischen und soziologischen Sinn hat (nicht bloß als Illusion – @ Heinz-Hermann Peitz – , sondern als Ermutigungsgeschichte für ein kleines Volk, das sich zwischen den Großmächten nicht zerreiben ließ) – so wird diese Geschichte mit Inhalten überfrachtet, für die sie wirklich nichts kann, beispielsweise mit creatio ex nihilo und creatio continua und mit Spekulationen über Geist und Materie.
Das Überfrachten dieser Geschichte schadet ebenso wie das Überfrachten unserer Gottesvorstellungen mit allen möglichen und unmöglichen theoretischen Spekulationen. Ist ein bisschen – ich muss zum Schluss kommen – wie wenn einer das Wort „Ich sagt“. Zur Rede gestellt, das Ich gebe es doch gar nicht, versteigt er sich in immer mehr Spekulationen über das Ich als eigene Entität. Aber das bringt nichts, mit dem Argumentieren um das Ich hat man schon verloren. Vgl dazu Christian Hoppes erhellenden Blogbeitrag von vor 5 Jahren „Fußball und Gott“ – http://www.scilogs.de/blogs/blog/wirklichkeit/2008-06-26/fu-ball-und-gott
So auch bei Gott, wenn man ihn als eigenes Wesen erklären will, mit mehr oder weniger interessanten Verhaltensweisen: „Er lädt ein, wirbt, lockt…“ (so habe, berichtet, ja Kessler formuliert) – dann hat man schon verloren.
Ich rede von Gott deshalb möglichst nur unter dem Blickwinkel, wie Menschen sich über ihre Lebenserfahrungen, Widerfahrnisse, Projektionen, Hoffnungen… zu verständigen und dadurch eine tragfähige Lebensmelodie zu finden versuchen.
Punkt mal hier. Der Kommentar wurde so lange, dass ich versucht bin, ihn (in den nächsten Tagen) bei mir als eigenen Blogpost zu bringen

Heinz-Hermann Peitz:
Hermann Aichele hat schon lange eine Antwort auf seinen ausführlichen und wichtigen Beitrag verdient. Zunächst einmal Punkte der Zustimmung: Lückenbüßergötter, Wirklichkeitslücken für Wunder etc. brauchen wir nicht, und biblische Gottesvorstellungen sind nicht für beispielsweise evolutive Fragen konzipiert. Wenn sich auf diese Fragen dann eine „raffiniert ausgetüftelte Theologie“ bezieht, geht der Konsens mit Aichele noch so weit, dass dies „fürs wirkliche Glaubensleben“ – zwar nicht unbrauchbar, aber doch – sekundär ist. Darauf macht aber der Kesslertext selbst aufmerksam: „Die Evolution ist gar nicht das eigentliche Wirken Gottes, sie ist, um mit Luther zu sprechen, eher das befremdliche, uneigentliche Wirken Gottes, in dem er sich nur sehr undeutlich zeigt und verborgen bleibt.“ (Kessler 2009, 163). Und dennoch stellt sich Kessler theologisch den Fragen, die von der modernen Naturwissenschaft aufgeworfen werden. Dieses zu unterlassen halte ich – im Gegensatz zu Aichele – für einen „Holzweg“. Dann bliebe christliches Denken in einer naturwissenschaftlich geprägten Welt ein Fremdkörper, und wir hätten aufgegeben, auch in einer Sprache, in der Martin Neukamm sich heimisch fühlt, „Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Dies hielte ich für einen Fideismus, der dem christlichen Glauben keine Integrationskraft (nicht Vereinnahmung) zutraut und sich sektiererisch zurückzieht. Die ganze Kirchengeschichte ist doch ein gutes Zeugnis davon, wie christliches Denken in konstruktiven Dialog mit den Verständnishorizonten der jeweiligen Kulturen getreten ist, ohne von vornherein „schon verloren“ zu haben. Ein Beispiel ist der Dialog mit der hellenistischen Philosophie, aus dem dann die genannte Vorstellung einer creatio ex nihilo hervorgegangen ist, auch wenn dies eine „Überfrachtung“ biblischer Gottesvorstellungen sein mag. Ich halte christliches Denken für vernünftig genug, dass es mit einer naturwissenschaftlichen Vernunft in Dialog treten kann. Und auch wenn dies gegenüber dem existenziell gelebten Glauben ein Nebenschauplatz ist: Wenn wir nicht verdeutlichen können, dass Gott als Schöpfer und Vollender der Welt denkbar ist, dann ist auch dem gelebten Glauben das Fundament entzogen. Eine je neue Theologie der Natur zu formulieren ist damit kein Holzweg, sondern fundamentale Notwendigkeit!

 

IV. Was ist wirklich?

Kein direkter Zugriff auf die Wirklichkeit – Ermöglichung des Gottesgedankens – gegen ontologischen Naturalismus – Ist nur das existent, was empirischen Kriterien genügt? – Gott kann den Kriterien empirischer Forschung nicht genügen

Martin Neukamm:
[Zitat aus einem vorangegangenen Beitrag:] “Realität (Masse in allen Formen und sei es in geistiger) kann sich kaum ein Materialist vorstellen, oder?” – Mag sein, aber wie könnte die Theologie daraus Nektar saugen? Dass wir die Realität nicht erkennen wie sie ist, ist die schlechteste Begründung für Gott. Falls das nicht in Ihrer Absicht gelegen sein sollte, ziehe ich mein Argument zurück.

 

Heinz-Hermann Peitz:
Die Theologen können daraus in der Tat Honig saugen, aber freilich nicht so, wie Sie vermuten. Denn Sie haben natürlich Recht: “Dass wir die Realität nicht erkennen wie sie ist, ist die schlechteste Begründung für Gott”. Aber: Wenn auch die Naturwissenschaften die Realität nicht erkennen wie sie ist, dann ist die Aussage “alles naturwissenschaftlich nicht Beschreibbare ist nicht existent” (ONTOLOGISCHER Naturalismus) eine metaphysische Weiterführung, die begründungspflichtig ist. Die Beweislast liegt also NICHT – wie Sie behaupten – nur auf Seiten der Theologie.

Martin Neukamm:
Der ontologische Naturalist sagt ja nicht, “alles naturwissenschaftlich nicht Beschreibbare” sei “nicht existent”. Vielmehr nimmt er eine skeptische Haltung ein und wartet auf eine überzeugende Begründung. Bezüglich aller Existenzbehauptungen wird so verfahren. Wir sagen ja nicht, es sei genauso plausibel, dass “Russells Teekanne” existiert wie dass sie nicht existiert. Wir sagen, dass beim gegenwärtigen Stand der Dinge die These nicht empirisch begründet und daher unplausibel ist.

Heinz-Hermann Peitz:
Die Einseitigkeit beginnt doch dann, wenn nur das als plausibel existent angesehen wird, das empirischen Kriterien genügt, wie sie die Naturwissenschaft aufstellt. (morgen mehr, ich muss heute Schluss machen).

Martin Neukamm:
“Die Einseitigkeit beginnt doch dann, wenn nur das als plausibel existent angesehen wird, das empirischen Kriterien genügt”. – Es braucht so etwas wie Wahrheitskriterien, um die Existenz von etwas zu folgern: wohl begründete Prämissen, empirische Hinweise, plausible Verbindungsmechanismen, Konsistenzargumente, eine Erklärungsfunktion, in jedem Falls auch semantische Klarheit usw. Hier habe ich aber meist das Gefühl, dass die Theisten dem Begründungsproblem beharrlich ausweichen: Weder wird gesagt, wer Gott sei (Charakterisierungen erfolgen meist durch Negation von Eigenschaften), noch, wie er mit der Welt interagiert, worin der Erklärungswert von “Gott” besteht oder was beim gegenwärtigen Stand der Dinge überhaupt für seine Existenz spricht.

Frank Großmann:
Sie fragen, was es für einen Sinn haben könnte, Gott in den Wissenschaften ins Spiel zu bringen…
Historisch ist zunächst einmal auffällig, dass wir laut Evolutionstheorie vor 200.000 Jahren Menschheitsgeschichte stehen, dass über Jahrtausende in verschiedensten Hochkulturen frei gedacht und geforscht werden konnte; die exakte neuzeitliche Wissenschaft aber gerade 500 Jahre alt ist – entstanden ausgerechnet zu der Zeit und in der Weltregion, in der die Bibel-Lektüre allgem. zugänglich wurde und man so christlich war wie kaum je zuvor. Nicht genug damit, waren die herausragenden Geister auch noch besonders fromm und stellen ständig Bezüge zwischen ihrem theologischem Hintergrund und ihrer naturwissenschaftlichen Forschung her. Dass die Schöpfung bis ins kleinste durchstrukturiert ist; wie „durchdacht“ und geplant , wie selbst Einstein immer wieder sinngem. sagte, ist etwas, dass eher naturalistischem Denken nicht unbedingt naheliegend erschien. Man denke an Hume, seine Aussagen zur Naturgesetzlichkeit, seine ambivalente Haltung gegenüber Newton…Nun sagen manche Naturalisten – gut, vielleicht war es historisch so, aber heute benötigen wir die „Hypothese Gott“ nicht mehr.. Aber es bleibt dabei – was für das Unternehmen Wissenschaft konstituierend war, kann nicht auf einmal schädlich oder überflüssig sein.. Mag sein, dass der nötige weltanschauliche Grundbestand für die Erforschung der Natur inzwischen auch in säkularisierter Form vorliegt und funktioniert…Relevant wird die Sache aber spätestens in dem Bereich, wo Natur- und Sozialwissenschaft sich überschneiden. Da ist man mit dem naturalistischen Ansatz immer wieder schnell auf einer schiefen Ebene. Polygenismus und Rassismus bei Voltaire und Hume; Eugenik und Euthanasie bei Haeckel oder dem ersten UNESCO-Direktor J. Huxley, oder in der Gegenwart bei Peter Singer; unverantwortliche, reduktionistische Schnellschüsse seitens der Hirnforschung – W. Singer, Schwaab – um nur mal ein paar Beispiele zu nennen.. Noch deutlicher wird das Ganze im Bereich der „reinen“ Sozialwissenschaft. John Locke, auf dem die gesamte liberale Staatstheorie des Westens aufbaut, begründet ständig theologisch, hielt gar an der Verbalinspiration der Bibel fest…Man vergleiche sein Gesellschaftsmodell mit dem seines eher naturalist. Zeitgenossen T. Hobbes…Wie verheerend wirkte sich der Naturalismus in den Wirtschaftswissenschaften aus und wie gut die Korrektur durch eine Wirtschaftstheorie auf der Grundlage christl. Antropologie – (Stichworte: Ordoliberalismus, W. Eucken – > Soziale Marktwirtschaft, L. Erhard) … Oder der – ich nenne es mal „christlich-soziale“ Ansatz (Subsidiarität, Karitas, Solidarität, Sozialstaatlichkeit), mit Bad Godesberg auch zu einem guten Teil durch die Sozialdemokratie übernommen – gegenüber dem naturalistischen Marxismus… usw. usw.
Verglichen mit den Irrwegen, die der Naturalismus regelmäßig einschlägt, sind Randerscheinungen wie der Hardcore-Kreationismus doch Kleinigkeiten!

 

Heinz-Hermann Peitz:
Martin Neukamm beklagt, “dass die Theisten dem Begründungsproblem beharrlich ausweichen: Weder wird gesagt, wer Gott sei (Charakterisierungen erfolgen meist durch Negation von Eigenschaften), noch, wie er mit der Welt interagiert, worin der Erklärungswert von “Gott” besteht oder was beim gegenwärtigen Stand der Dinge überhaupt für seine Existenz spricht.“ Hier spricht sich deutlich das Bedürfnis des Naturwissenschaftlers nach definitorischer Klarheit und Objektivierbarkeit aus. Nur ist dieses Bedürfnis beim „Gegenstand Gott“ grundsätzlich (!) nicht zu befriedigen: Wie soll man den Indefiniten definieren? Heutige Theologie bereut es geradezu, in der Vergangenheit allzu affirmativ mit Prädikaten umgegangen zu sein, und damit viele Missverständnisse (z. B. bei Einstein) hervorgerufen zu haben. Darum kann eine negative Theologie, die Neukamm bedauert, sehr heilsam sein (wobei ich die radikale Form überzogen finde). Sie macht – wie eigentlich jede Theologie – darauf aufmerksam, dass Gott kein Gegenstand neben anderen ist, deren kausale Beziehung von einem Metastandpunkt aus beschrieben werden könnte – wie dies bei manchen naturwissenschaftlichen Gegenständen erfolgreich betrieben werden kann.
Und darum ist es auch nicht ganz redlich, Kessler in der Zitatbeschränkung als Ignoranten hinzustellen: „Wie das Zusammenspiel zwischen dem transzendent-immanenten Gott und den Geschöpfen … zu denken sein könnte, weiß ich auch nicht“. Entscheidend ist Kesslers Fortführung: „Wir können es letztlich auch gar nicht wissen, weil wir nicht die Gesamtübersicht über das Ganze des Weltprozesses haben, erst recht dann nicht, wenn in ihm noch eine ganz andere göttliche Dimension wirksam ist“. Wir können „nicht Welt und Gott zusammen überschauen“, sondern finden „uns immer schon innerhalb dieser Ganzheit vor, so dass wir sie nicht objektivieren, sondern allenfalls uns ihr ahnungsweise annähern können. … Wir haben keine Standpunkt-enthobene Gesamtschau, sondern immer nur Froschperspektiven.“

V. Erbsünde und Erlösung?

Gibte es im evolutiven Weltbild noch Erbsünde? Erlösung = Umprogrammierung?

Heinz-Hermann Peitz:
Die heftigste Keule, die Martin Neukamm gegen die Kirchen schwingt, ist freilich die Aussage, dass der Kreationismus „mit den christlichen Kernbotschaften eher korrespondiert als das liberalisierte Schöpfungsverständnis Kesslers“. Dass die Kirchen das anders sehen, verwundert nicht. Aber man kann C. F. v. Weizsäcker bemühen, dem die Äußerung zugeschrieben wird, dass man die Bibel entweder wörtlich oder ernst nehmen kann. In diesem Sinne dürften die Kirchen der christlichen Kernbotschaft näher sein als die Kreationisten.
Den eigentlichen Grund dafür, „dass sich Kesslers Schöpfungsverständnis nur schwer mit christlichen Kernbotschaften, etwa der Erlösungsthese, harmonisieren lässt“, erblickt Neukamm darin, „dass es in einer natürlichen Welt keine Erbsünde gibt“, von der man erlöst werden müsste. Dagegen setze ich mit aller Deutlichkeit: Selbstverständlich gibt es in der natürlichen Welt Erbsünde, auch wenn der säkulare Zeitgenosse dies nicht so nennt. Wer würde bestreiten, dass es mächtige Schuldverstrickungen gibt, die jeder individuell-persönlichen Entscheidung als „Erblast“ vorausliegt, und von denen sich keine Gesellschaft frei machen kann? Nicht zuletzt der von Ihnen, Herr Neukamm, (und mir) so geschätzte Kabarettist Volker Pispers brandmarkt mit prophetischer Gabe genau diese Strukturen 😉
Nach der prophetischen Analyse, wäre eine Durchbrechung dieser wirkmächtigen, vorausliegenden, universellen Strukturen eine echte Befreiung, sprich Erlösung. Man muss also Adam und seine Neigung zu verbotenen Äpfeln nicht historisch verstehen, um eine „Erlösungsthese“ zu vertreten.

Frank Vogelsang:
Der Begriff der Sünde ist heute nur noch schwer zu vermitteln, dabei leistet er etwas sehr Wichtiges: er ermöglicht einen Weg zwischen den Extremen “Die Welt ist wunderbar, alles so natürlich und rein” und “Die Welt ist schrecklich, alles Sinnlosigkeit und Leiden”. Manche Leute schwanken von einer Seite zur anderen: Die Welt an sich ist gut, weil natürlich, die Welt des Menschen ist schlecht, weil umweltzerstörend usw… Beides aber sind Verkürzungen, wenn man aber Mittelwege sucht, muss man irgendwie zwischen besser und schlechter unterscheiden, hier kann gerade die Sünde helfen….

Martin Neukamm:
@ Heinz-Hermann Peitz: “Dagegen setze ich mit aller Deutlichkeit: Selbstverständlich gibt es in der natürlichen Welt Erbsünde, auch wenn der säkulare Zeitgenosse dies nicht so nennt. Wer würde bestreiten, dass es mächtige Schuldverstrickungen gibt, die jeder individuell-persönlichen Entscheidung als ‘Erblast’ voraus liegt…” – Der Begriff “Sünde” ist das Problem: Wenn die Verhaltens-prädispositionen des Menschen sein stammesgeschichtliches Erbe sind, Gott aber durch Evolution wirkt, dann hat Gott das “sündige Verhalten” beim Menschen selbst hervorgebracht. Es gibt dann keine Erbsünde mehr, sondern bestenfalls unvollkommenes Schöpfungshandeln. Aus evolutionärer Sicht gibt es auch kein “gut” und kein “böse”, sondern nur adaptives oder malaptives Verhalten. Wofür aber ist dann Christus am Kreuz gestorben – um den Menschen von seinen malaptiven Neigungen, die in früheren Epochen der Stammesgeschichte, als der Mensch noch in kleinen Grüppchen lebte, noch sinnvoll waren, zu erlösen?

“Nach der prophetischen Analyse, wäre eine Durchbrechung dieser wirkmächtigen, voraus liegenden, universellen Strukturen eine echte Befreiung, sprich Erlösung.” – Seit es den Menschen gibt, gibt es auch Kriege. Daraus kann man schließen, dass es die Menschheit als Ganzes überfordert, nachhaltig den Pfad der Friedfertigkeit zu beschreiten. Jene Verhaltensstrukturen, die regelmäßig die Emotionen überkochen lassen, vereiteln dies konsequent. Diese sind nicht Resultat bewusster Entscheidung, sondern erblich bedingt und tief im menschlichen Gehirn verankert. Der Mensch ist irrationaler als er glaubt. Eine “Erlösung” könnte m.E. nur darin bestehen, das Verhaltensrepertoire des Menschen “umzuprogrammieren”, so dass er friedfertiger wird. Bei den Koalas hat es ja ganz gut geklappt 🙂 Bleibt die Frage, ob eine Reduktion der Emotivität nicht auch nachteilige Effekte zeitigen würde, wie etwa lethargisches Verhalten, Unfähigkeit zur Faszination, das Fehlen von Leidenschaft und Neugierde etc. Kurzum: wäre der Mensch dann noch das, was ihn auszeichnet?

Heinz-Hermann Peitz:
Zum Begriff der Sünde bei Martin Neukamm. Ich stimme darin mit Ihnen überein, dass „Verhaltensdispositionen des Menschen sein stammesgeschichtliches Erbe sind“. Aber Dispositionen sind noch nicht die frei getane Handlung selbst; hier kommen Freiheit, Schuld und (theologisch) Sünde ins Spiel. Schuld und Sünde können sich strukturell verfestigen. Dieses restlos auf Gene und Hirn zurückzuführen, ist für mich wieder der bekannte Naturalismus. Entsprechend Ihre Lösung: Gentechnik statt Kulturtechnik. Sie nehmen in der alten Debatte um Natur und Erziehung eine noch einseitigere Positionierung ein als Dawkins, wenn dieser schreibt: „Lasst uns verstehen lernen, was unsere eigenen egoistischen Gene vorhaben, und wir haben dann vielleicht die Chance, ihre Pläne zu durchkreuzen“ (Das egoistische Gen, Berlin 1978, 3). Dass diese kulturelle Durchkreuzung der Dispositionen im Laufe der Menschheitsgeschichte gar nicht so schlecht funktioniert hat, zeigen die groß angelegten Untersuchungen des Evolutionspsychologen Stephen Pinker (Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit, 2011) und des Kirchenhistorikers Arnold Angenendt (Toleranz und Gewalt, 2007).

Martin Neukamm:
Heinz-Hermann Peitz: “Dass diese kulturelle Durchkreuzung der Dispositionen im Laufe der Menschheitsgeschichte gar nicht so schlecht funktioniert hat, zeigen die groß angelegten Untersuchungen des Evolutionspsychologen Stephen Pinker” – Ja, ich behaupte ja nicht, dass der Mensch, als vernunftbegabtes Wesen, durchweg emotionsgetrieben agiert oder agieren muss. Der Begriff der Schuld hat nach wie vor seine eigene Wertigkeit. Spannend aber bleibt die Frage, wie Sie in diesem Kontext den biblizistischen Begriff der _Erbsünde_ liberal-theologisch umdefinieren möchten.

 

Heinz-Hermann Peitz:
Martin Neukamm fragt noch einmal nach einer „liberal-theologischen Umdefinierung“ des Begriffs der Erbsünde. Ich greife noch einmal das auf, was ich unter „Schuldverstrickung“ als Teilaspekt benannt habe. Unter Erbsünde könnte man verstehen, dass ein Individuum in eine Situation der Gottferne (Sünde) hineingeboren wird, die seinen eigenen freien Entscheidungen vorausliegt. Nicht irgendein „liberaltheologischer Umdefinierer“, sondern Benedikt XVI. sagte einmal, „dass wir alle einen Tropfen des Gifts von jener Denkweise in uns tragen, wie sie in den Bildern aus dem Buch Genesis veranschaulicht wird“. Allgemeine Merkmale: Vorgegebenheit, Universalität, Mächtigkeit. Das können evolutiv gewordene Dispositionen sein, aber auch kulturell verfestigte Strukturen.
Als Beispiel mag das Ingroup-Outgroup-Verhalten dienen: Kin Selection mit Altruismus gegenüber Verwandten und eigener Gruppe bei entsprechender Feindseligkeit gegenüber Nichtverwandten und Fremden. Dies ist als stammesgeschichtliches Erbe (Christian Vogel) und primäre Form sozialer Organisation angesehen worden. Zum Universalismus ist der Mensch weder von der Natur noch von der frühen Kultur her disponiert, dazu bedarf es erlösender Kulturarbeit. Jesus hats versucht, indem er das alttestamentliche „Liebe deinen Nächsten“ auf „Liebe deinen Feind“ ausgeweitet, die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt und die Annahme von Randgruppen praktiziert hat. Dawkins Behauptung „Jesus war ein Anhänger der gleichen Gruppenmoral – in Verbindung mit Feindseligkeit gegenüber Außenstehenden -, die im Alten Testament als selbstverständlich vorausgesetzt wird“, strotzt also von abgrundtiefer Ignoranz.Kaum jemand hat unverdächtiger (und eindrücklicher) die potenzielle Erlösungsfunktion eines Christus ins Wort gesetzt wie der Agnostiker Umberto Eco. Eco stellt sich vor, der Mensch hätte „in einem bestimmten Moment, wenn er zur Erfüllung der Zeit gelangt ist, die religiöse, moralische und poetische Kraft, das Modell des Christus zu konzipieren, das Modell der universalen Liebe, der Vergebung für die Feinde und des zur Rettung der anderen geopferten Lebens. Wenn ich ein Reisender aus einer fernen Galaxie wäre, und vor einer Spezies stünde, die sich dieses Modell zu geben gewusst hat, würde ich überwältigt ihre enorme theogone Energie bewundern und würde diese jämmerliche und niederträchtige Spezies, die so viele Gräuel begangen hat, allein dadurch als erlöst betrachten, dass sie es geschafft hat, sich zu wünschen und zu glauben, dies alles sei Wahrheit.“

VI. Handeln Gottes – Handeln des Menschen

Handeln Gottes in der Welt – Handeln des Menschen in der Welt – Willensfreiheit

Heinz-Hermann Peitz:
In der Debatte möchte ich einen wichtigen Einwand nicht vorenthalten, den Hans Dieter Mutschler eingebracht hat: “Wichtig nun ist, dass Martin Neukamms Argumentation genauso gegen den Menschen gerichtet werden kann, wie er sie gegen Gott richtet. Sind wir denn in der Lage, in die Welt einzugreifen, wenn sie kausal geschlossen ist? Wenn man das ebenfalls ableugnet, kann man Wissenschaft Treiben nicht mehr verstehen, denn in jedem Experiment wird vorausgesetzt, dass wir eingreifen können. Aber wenn wir Menschen aufgrund von Motiven, die etwas Geistiges sind, in die Materie eingreifen können, wieso Gott nicht?”

Martin Neukamm:
Mir erschließt sich Mutschlers Einwand nicht. Menschliches Handeln ist per se naturalistisch, göttliches Handeln (per definitionem) gerade nicht. Menschen sind endliche, unvollkommene Wesen, die Naturgesetze weder beeinflussen noch überwinden können. Sie sind ein Produkt der Natur und agieren in der Natur. Das Postulat der kausalen Geschlossenheit wird also auch durch menschliches Handeln nicht außer Kraft gesetzt. (Bei Tieren, die etwas “wollen” oder bei chemischen Verbindungen, die bestimmte “Affinitäten” besitzen, nimmt das doch auch niemand an…)

Hildegard Peters:
Mir scheint, Mutschlers Einwand muss noch etwas zugespitzt werden: Die Argumentation Martin Neukamms, das Konzept der creatio continua sei inkonsistent, weil nicht erklärt werden könne, wie der transtendent-immanente Gott als kausaler Wirkfaktor mit der Materie interagiere, richtet sich nicht gegen das Handeln des Menschen in der Welt im Allgemeinen, sondern gegen die WILLENSFREIHEIT des Menschen. Will man menschliche Entscheidungen rein naturalistisch erklären, so muss man Willensfreiheit zu einer Illusion erklären, denn nicht die Person selbst ist dann Urheber ihrer Entscheidungen, sondern kausal miteinander verknüpfte neuronale Ereignisse legen fest, wie eine Entscheidung ausfällt. (Der Kompatibilismus als mögliche Lösung des Problems erscheint mir als ein fauler Kompromiss.)

In Anlehnung an Jürgen Habermas möchte ich aber die Frage aufwerfen, ob sich Naturalisten, die aus dem genannten Grund die Willensfreiheit des Menschen bestreiten, nicht in pragmatische Selbstwidersprüche verstricken, denn sie halten ja aus GRÜNDEN an dieser Behauptung fest. Sind Gründe aber identisch mit Ursachen (neuronale Korrelate), so hängt es nicht von der Vernunft ab, welche Gründe als plausibler angesehen werden, sondern allein von neuronalen Gesetzmäßigkeiten. Im Diskurs setzt auch der Naturalist voraus, das sein Gegenüber sich aus guten Gründen für oder gegen eine Position entscheidet und nicht weil neuronale Gesetzmäßigkeiten ihm keine andere Wahl lassen. …(bin mich nicht ganz sicher, ob ich den Gedankengang Habermas’ korrekt wiedergegeben habe…)

In der Frage nach der Willensfreiheit lässt sich (zumindest bisher) auch nicht beantworten, wie Gründe, die nicht identisch mit Ursachen sind, mit dem Gehirn “interagieren”, um freie Entscheidungen zu ermöglichen und diese in Handlungen umzusetzen. Es stellt sich hier also das gleiche Problem wie bei der Frage des Handelns Gottes in der Welt im Sinne der creatio continua in der Evolution. Lehnt man letztere aber auf Grund der Annahme, das allein kausal beschreibbare weltimmanente Gesetzmäßigkeiten in der Welt wirksam sind, ab so muss redlicher Weise auch die menschliche Willensfreiheit verabschiedet werden. Vielleicht gerät aber dann die menschliche Vernunft in einen Selbstwiderspruch.

Grundlagen und Bezüge der Diskussion

Übel und Leid in einer Welt, deren Entwicklung als Selbstorganisation beschrieben wird - wo wirkt da Gott? Schöpfung und Vollendung, Wunder und Gebetserhörung, gar die Rede von Allmacht scheinen einer naiven, weil magischen Vorstellungswelt zu entstammen. Hans Kessler stellt auf einer Abendveranstaltung zur Diskussion, wie man heute angesichts der genannten klassischen wie modernen Herausforderungen sinnvoll von Wirken Gottes reden kann.