Der Verlust des Himmels – Zur Bedeutung des modernen Weltbildes für die Theolgie

von Dirk Evers

Dirk Evers
Follow me

Dirk Evers

Professor für Systematische Theologie/Dogmatik bei Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Studium der Theologie in Münster, Tübingen und Madurai (Südindien). 1999 Promotion, 2005 Habilitation. 2005-2010 Forschungs- und Studieninspektor am FORUM SCIENTIARUM der Universität Tübingen. Seit 2010 Professor für Systematische Theologie/Dogmatik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Forschungsschwerpunkte u.a.: Verhältnis Theologie-Naturwissenschaften (Kosmologie, Evolutionstheorie, Hirnforschung, Physik und Naturphilosophie im 19. und 20.Jhd.); Religionsphilosophie; Bewusstseinstheorien
Dirk Evers
Follow me

      Sprechender und schweigender Himmel

      evers_kl1Den „Verlust des Himmels“ und die Bedeutung des modernen Weltbildes für die Theologie beleuchtete der evangelische Theologe Dirk Evers (Halle-Wittenberg). Die antike Philosophie habe den Menschen als Beobachter des Himmels (Kosmotheoros, spectator coeli) gekennzeichnet, der in der Himmelsbetrachtung der umfassenden Ordnung und Vernunft der Welt inne werde und sich so wesentlich von den Tieren unterscheide: „Vernunft erkennt Vernunft“. Gott als Urheber und Garant dieser vernünftigen, regelhaften Weltordnung sei im (unsichtbaren) Himmel als äußerster Schale des in der Erde zentrierten Weltbildes ‚lokalisiert’ worden. Mit der Erfindung des Teleskops und seiner Verwendung durch Galileo Galilei (1564–1642) habe sich dieses Weltbild aufgelöst. Ihm zufolge ist „das Buch der Natur in mathematischer Sprache geschrieben, und seine Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. Ohne diese Mittel ist es unmöglich, ein einziges Wort zu verstehen, irrt man vergeblich in einem dunklen Labyrinth umher.“ Das ‚Buch der Natur’ mache den Naturforscher unabhängig vom ‚Buch der Heiligen Schrift’, die jetzt nicht mehr miteinander korrespondieren, sondern für verschiedene Blickrichtungen stehen: „Die Absicht des Heiligen Geistes ist es, uns zu belehren, wie man in den Himmel geht, nicht wie der Himmel geht.“ Im 18. Jahrhundert führte der „theoretisch entgrenzte Blick“ zu einer Vielzahl von Welten (Alexander Pope: worlds on worlds), die wie ein Vorhang das Welt-Theater mit unendlicher Bühne verhängen. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646– 1716) vertritt in seinem aufklärerischen Optimismus die Auffassung, dass eine „Unzahl von Erdbällen ebenso viel Anrecht auf vernünftige Bewohner hat“ wie diese Erde, die dann aber im Unterschied zu uns „vielleicht ausschließlich von glücklichen Geschöpfen bewohnt“ sind. Dieser optimistische Schein löst sich schon bei Immanuel Kant auf, bei dem das „moralische Gesetz in mir“ als Ausdruck für den unendlichen Wert der Person den Verlust des „bestirnten Himmels über mir“ kompensiert. Für den Philosophen Hans Blumenberg wird schließlich die Geschichte des Weltbilds zum anthropologischen Ereignis, bei dem ein „peripherisches Bewusstsein sich selbst auf die Spur“ kommt. Evers deutete am Schluss an, dass der entgötterte Himmel zwar zu unseren Lebensfragen schweige, er schaffe aber „zugleich Raum für ein Weltverständnis, das das Diesseits von innen heraus als gottoffen verstehen kann“.

      Der Vortrag ist Teil der Tagung “Im Diesseits gefangen?“, 23.-24. Juni 2012, Tagungszentrum Hohenheim.

      Die Beiträge der Tagung