Darwin-Tag: Religion als Abfallprodukt der Evolution?

von Hansjörg Hemminger

Hansjörg Hemminger

Hansjörg Hemminger

Hemminger ist Biologe und Psychologe und hat sich zum Thema Verhaltensbiologie des Menschen habilitiert. Er war lange Jahre Weltanschauungsbeauftragter bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen und bei der Evang. Landeskirche in Württemberg. Veröffentlichungen u.a.: EZW-Text 195 zum Thema "Kreationismus und intelligentes Design" (2007); Und Gott schuf Darwins Welt (2015); Evolutionary Processes in the Natural History of Religion (2021)
Hansjörg Hemminger

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Meine Ansichten (über Religion) sind weit davon entfernt, eindeutig zu sein … (Charles Darwin 1871)

Schon Darwin hat sich Gedanken über den Ursprung der Religion gemacht. Bei Präsentation und Diskussion seines neuesten Buches am Darwintag 2022 zeigte der Biologe Hansjörg Hemminger, dass die heutige erweiterte Evolutionstheorie inzwischen sehr viel feinere Instrumente zur Verfügung stellt, um die evolutive Entwicklung der Religion zu modellieren. Inwieweit kann eine solche naturwissenschaftliche Perspektive dem Phänomen Religion gerecht werden?

Buchvorstellung von Hansjörg Hemminger

      Buchvorstellung und Frage nach dem evolutiven Ursprung der Religion in der Diskussion

          Die Diskussionsteilnehmer:

          • Prof. Dr. Andreas Beyer, Biologe, Recklinghausen
          • Dr. Michael Blume, Religionswissenschaftler, Stuttgart
          • Vertr.-Prof. Dr. Johannes Grössl, Syst. Theologe, Paderborn
          • Dr. habil. Hansjörg Hemminger, Biologe, Baiersbronn
          • Dr. Dennis Stammer, Religionsphilosoph, Frankfurt a. M.
          • Dr. Heinz-Hermann Peitz, Stuttgart (Moderation)

          Ergebnisse

          Als Ergebnis von Buchvorstellung und Diskussion ergaben sich unter anderem folgende Einsichten:

          Konsense

          • Kulturelle Errungenschaften, insbesondere Religiosität, sind so komplex, dass einfache, monokausale Erklärungen unzureichend sind. Aussagen wie “Religion ist evolutiv entstanden, weil sie die ‘reproduktive Fitness’ (Fortpflanzungserfolg) erhöht” greifen zu kurz. Nur mehrdimensionale Modelle können dem Zusammenspiel von genetischen, individuellen, sozialen und historischen Faktoren Rechnung tragen.
          • Der Komplexität geschuldet ist dann auch die Diskrepanz der Forschungslage: Eine gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis liegt (noch) nicht vor.
          • Selbst wenn Religion als Nebenprodukt der kognitiven Evolution verstanden werden kann, sagt dies nichts über Wirklichkeitsgehalt, Wahrheits- und Geltungsanspruch religiöser Auffassungen aus. Alle naturwissenschaftlichen Aussagen sind grundsätzlich weltanschaulich unterbestimmt, d. h. sie können in unterschiedliche – religiöse wie atheistische – Interpretationsrahmen eingebettet werden.

          Dissense

          • Ist die Entwicklung von Religion emergentistisch (Beyer / Hemminger) oder eher panpsychistisch (Stammer) zu verstehen. In letzterem Fall wäre sie in der Natur angelegt (“aus nichts entsteht nichts”), was letztlich bis auf das finetuning des Kosmos zurückgeht.
          • Das finetuning als Hinweis auf (nicht Beweis für) einen Schöpfer zu deuten (Grössl in katholischer Tradition), geht Beyer / Hemminger zu weit – ebenso wie eine teleologische Interpretation. Denn:
          • Beyer / Hemminger sind – in der evangelischen Tradition – für eine scharfe Trennung von empirischen Fakten und weltanschaulichen Interpretationen, die katholischen Kollegen halten das Trennungsmodell à la NOMA (Nonoverlapping Magisteria, deutsch: „sich nicht überschneidende Bereiche“; Stephen Jay Gould) für nicht tragfähig. NOMA würde metaphysische Einstiegsmöglichkeiten abschneiden. Stattdessen bilde eine Transzendentalpragmatik eine Brücke, da Naturwissenschaftler handelnde Menschen seien und es ab einem gewissen Punkt keine weltanschauungsfreie Wissenschaft mehr gebe (s. theoretische Physik).
          • Blume nimmt einen Mittelweg ein: NOMA sei zu einfach, und es gebe feine Überlappungen, die Anknüpfungspunkte für einen interdisziplinären Dialog sein können und müssen.

          Die Einschätzung der Tragfähigkeit von Gottesbeweisen hängt auch mit konfessionellen Unterschieden zusammen, was die mit der Wertschätzung natürlich-theologischer Erkenntnis einhergehende Bedeutung der Gottesbeweise in der katholischen Tradition zeigt, während im Protestantismus die Ambivalenz natürlicher Erkenntnis betont wird. … Dennoch können Gottesbeweise in Form des bescheideneren Verständnisses eines Aufweises von Wahrscheinlichkeiten bzw. eines “Verweises” auf Gott gerade im Dialog von Theologie und Naturwissenschaft zur Vermittlung von Glaube und Vernunft beitragen. (So der evangelische Theologe Matthias Haudel, Theologie und Naturwissenschaft, Göttingen 2021, 109-110)

          Begleitmaterial

          “Religion als Abfallprodukt” (Vortrag in schriftlicher Form)

          “Evolutionary Processes in the Natural History of Religion” (Abstracts aus dem gleichnamigen Buch mit freundlicher Genehmigung des Springer-Verlags)

          Glossar (Erklärung der im Vortrag verwendeten Fachbegriffe)