Big History als Suche nach vergangenen Ursachen? Aus G. Vollmers “Im Lichte der Evolution”

von Heinz-Hermann Peitz

Heinz-Hermann Peitz
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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Im Lichte der Evolution Book Cover Im Lichte der Evolution
Gerhard Vollmer
Stuttgart : Hirzel
2017
613

Evolution ist überall. Viele wissenschaftliche und philosophische Disziplinen wurden durch den Evolutionsgedanken wesentlich bereichert; das wird in diesem Buch an mehr als 50 Disziplinen deutlich. In den Wissenschaften reicht das Spektrum von Evolutionären Algorithmen bis zur Frage nach einer Evolutionären Theologie, in der Philosophie von der philosophischen Anthropologie über die Evolutionäre Erkenntnistheorie bis zur Zukunft des Menschen. Allerdings ist der Bezug zur Evolution dabei nicht immer derselbe: Es kann sich um biologische Evolution handeln, aber auch um Evolution in einem weiteren Sinne, manchmal sogar nur im Sinne einer Metapher.
Die einzelnen Kapitel dieses Sachbuchs sind für jeden Interessierten, also auch für Fachfremde lesbar. Es ist ein Buch zum Schmökern, in dem man unendlich viel Wissenswertes, Überraschendes, manchmal auch Kurioses erfährt.

Besprechung zum Kapitel „Evolutionäre Geschichtswissenschaft (Big History)“ in:

Gerhard Vollmer: Im Lichte der Evolution : Darwin in Wissenschaft und Philosophie, Stuttgart : Hirzel 2017

(Im Folgenden beziehen sich eingeklammerte Seitenzahlen – wenn nicht anders angegeben – auf dieses Buch)

Bei der Besprechung des Vollmer-Kapitels “Evolutionäre Theologie” hatte ich ja mögliche weitere Besprechungen in Aussicht gestellt. So habe ich mit großem Interesse den Abschnitt über Big History gelesen und zum Anlass genommen, ihn aus naturphilosophisch-theologischer Perspektive zu betrachten.

Big History als Suche nach vergangenen Ursachen

Zum Artikel „Evolutionäre Geschichtswissenschaft (Big History)“ kommt Vollmer durch das Bedürfnis, Ereignisse der (menschlichen) Geschichte nicht nur aufzulisten, sondern auch nach deren Ursachen zu fragen. Nur: „wenn man schon einmal begonnen hat, nach Ursachen zu fragen, die ja immer in der Vergangenheit liegen, dann nimmt dieses Fragen kein natürliches Ende“ (Vollmer 112). Von daher mündet auch Geschichtswissenschaft letztlich in ein „Wissen über die Evolution des Kosmos, der Erde, des Lebens, des Menschen“ (ebd.).

Man könne diese Geschichtsperspektive mit dem – allerdings wenig gebräuchlichen – Ausdruck „Evolutionäre Geschichtswissenschaft“ (Vollmer 512, Anm. 276) belegen, Vollmer führt daneben aber auch den in den USA seit 1990 üblichen Terminus „Big History“ ein. Vorbilder dieser Geschichtsauffassung seien u. a. Alexander von Humboldt, Julian Huxley, Carl Sagan und Neil Shubin.

Als deutschen Vertreter einer Big History nennt Vollmer interessanter Weise Hoimar von Ditfurth (Vollmer 112f.), der sich als habilitierter Neurologe mit populärwissenschaftlicher Literatur und Fernsehsendungen in den 1970er und 80er Jahren einen Namen und für die Verbreitung des Evolutionsgedankens stark gemacht hat. Die von Vollmer (512, Anm. 287) erwähnten Ditfurth-Bücher „Im Anfang war der Wasserstoff“ (1972) oder noch deutlicher „Kinder des Weltalls. Der Roman unserer Existenz“ (1970) verdienen schon vom Titel her zu Recht die Kategorie „Big History“.

Methodisch gehe es bei Big History „darum, die Gegebenheiten unserer Welt aus ihrer Vergangenheit, also aus ihrer Evolution zu erklären. Und da jede Erklärung auf Ursachen und damit auf zeitlich Vorhergehendes zurückgreifen muss, führt im Prinzip jede vollständige Erklärung zurück bis zum Urknall“ (Vollmer 113).

Big History vom möglichen Ziel her gedacht

„Es ist an der Zeit, dass wir erkennen, dass jegliche zufriedenstellende Interpretation des Universums … sowohl die Innenseite als auch die Außenseite der Dinge umfassen muss – sowohl Geist als auch Materie“. (Teilhard de Chardin, zitiert von Haught 65). Foto CC BY-SA 3.0

Eine solche Art von Geschichtsschreibung hat der Theologe John F. Haught in seinem neuesten Buch als naturalistische Außensicht kritisiert, welche die „Big History“ nur sehr einseitig erzählen kann. Haught fordert daher „ein Narrativ, das die ganze kosmische Geschichte erzählt, aus Innen- wie Außensicht“ (Haught 2). Schließlich habe der Kosmos mit dem Menschen geistige Subjekte hervorgebracht, die sich in ihrer Subjektivität für die naturwissenschaftliche Methode als zu sperrig erwiesen. Von Anfang an habe die kosmische Geschichte eine naturwissenschaftlich unzugängliche „Innenseite“, die aber für die Gesamtsicht der kosmischen Geschichte wesentlich sei (Haught  3).

Die von Vollmer so prägnant auf den Punkt gebrachte Sicht von Geschichte ist für Haught zu rückwärtsgewandt. Diese Lesart beanspruche, das Universum vollständig zu verstehen, indem sie bis zum entferntesten Anfang zurückgehe und die physikalische Ursachenkette vom Anfang bis zur Gegenwart identifiziere (Haught 32f.; dass dies kein Strohmann-Argument ist, zeigt die Formulierung von Vollmer). Einseitig werde eine solche rückwärtsorientierte Außensicht, wenn sie sich für den „einzig richtigen Weg hält, gegenwärtige Phänomene zu verstehen“ (Haught 33). Dann hätten Innensichten hier keinen Platz, mit der Folge, dass die menschliche Freiheit eine Illusion (ebd.) und die fiktive Religion „eher ein Rückfall in den Schlaf als ein Erwachen“ (Haught 34) sei. Es überrascht nicht, dass Haught diese Lesart des Universums als pessimistische „Metaphysik der Vergangenheit“ (Haught 34; 59) etikettiert.

Dagegen liest Haught die kosmische Geschichte gleichermaßen wissenschaftlich und religiös, von außen wie von innen (Haught 35). Er liest Natur, Leben, Geist und Religion als Wege, auf denen ein ganzes Universum des Mehrwerdens und des tieferen Sinns am Horizont bewusst wird. (Haught 38)

Während die Metaphysik der Vergangenheit zu kosmischem Pessimismus führe, sieht Haughts „Metaphysik der Zukunft“ (Haught 88) die gesamte kosmische Geschichte potenziell optimistisch als voranschreitendes Bewusstwerden einer Geistigkeit, die gleichzeitig schon real ist, aber noch darauf wartet, weiter realisiert zu werden (Haught 39). Vom Ziel her betrachtet erscheint das Geistige nicht länger als räumliche und zeitliche Marginalie des Kosmos wie bei einer rückwärtsgewandten Perspektive.

Zuviel Teleologie?

So wichtig für eine theologische Perspektive die Innenseite des Universums sein mag: der Optimismus Haughts (ähnlich wie der eines Teilhard) könnte selbst für Theologen ein wenig zuviel des Guten sein. Erst recht Naturalisten werden in einer solchen Metaphysik der Zukunft zuviel Teleologie wittern und hier eher Enthaltsamkeit üben.

Hoimar von Ditfurths Big History ist rückblickend, aber auch auf ein Ziel orientiert.

So wundert es nicht, dass Vollmer bei v. Ditfurths Big History ein wichtiges – ja das in diesem Kontext entscheidende – Buch schlicht nicht erwähnt: In „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ (1981) schließt v. Ditfurth in seiner Big History ganz in Haughts Sinn die Frage nach dem Geistigen und nach der Zukunft ein. Er führt aus, „dass Evolution jenem Geist, der aus dieser Welt selbst nicht überzeugend abzuleiten ist, in diese Welt offensichtlich in zunehmendem Maße Eingang verschafft. Dass Evolution folglich als ein Entwicklungsprozess beschrieben werden könnte, in dessen Verlauf der Kosmos mit jenem geistigen Prinzip zu verschmelzen begonnen hat, das die Voraussetzung für seine Entstehung gewesen ist.“ (Ditfurth 288f.) „Das natürliche Ende der Evolution wäre dann identisch mit jenem fernen Augenblick, in dem diese diesseitige Welt und jener jenseitige Geist völlig ineinander aufgegangen sein werden“ (Ditfurth 289). Ohne einen solchen fernen Augenblick mit dem theologischen Eschaton zu verwechseln und unabhängig davon, dass Ditfurth hier inhaltlich dualistisch denkt, können methodisch durch den Blick auf das Ziel die großen Linien und Tendenzen einer Big History deutlicher hervortreten als bei einer rückwärtsgewandten Perspektive, wie sie bei Vollmer vorkommt.

Gerade bei einem von Vollmer empfohlenen „Studium Generale, das nicht auf Einzelheiten, sondern auf Zusammenhänge und Überblicke ausgerichtet ist“ (Vollmer 115), dürften die von Haught angemahnten Dimensionen einer Big History ihren legitimen Ort haben.

Literatur

Ditfurth, Hoimar von: Wir sind nicht nur von dieser Welt. Hamburg 1981

Haught, John F.: The New Cosmic Story – Inside Our Awakening Universe. Yale 2017

Vollmer, Gerhard: Im Lichte der Evolution – Darwin in Wissenschaft und Philosophie, Stuttgart 2017