Am Rande des Todes – Eine philosophische Betrachtung zur so genannten “Nahtoderfahrung”

von Godehard Brüntrup

Godehard Brüntrup
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Godehard Brüntrup

Professor für Metaphysik, Philosophie der Sprache und des Geistes bei Hochschule für Philosophie München
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ ist Philosoph mit den Schwerpunkten Metaphysik, Philosophie des Geistes und Sprachphilosophie.
Publikationen u.a.: Das Leib-Seele-Problem (2008); Auferstehung des Leibes - Unsterblichkeit der Seele (2010); Eine philosophische Betrachtung zur so genannten "Nahtoderfahrung" (2014); zus. mit Ludwig Jaskolla hg.: Panpsychism - Contemporary Perspectives (2016).
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Als Vertreter einer Philosophie des Geistes hält Godehard Brüntrup die kontroverse Frage nach einer naturalistischen Erklärung der Nahtoderfahrung offen. Solche Dispute verlören leicht Inhalt und Intensität der Erfahrung selbst aus dem Blick. Brüntrup geht es letztlich um eine Wertschätzung dieser Erfahrungen, wie es in seinem Vortrag zum Ausdruck kommt.

      Auszüge aus dem Vortrag

      Verlassen des eigenen Körpers

      „Menschen, die sich auf Grund einer medizinischen Notlage am Rande des Todes befinden, berichten über intensive Erlebnisse, die den Rahmen des Alltäglichen sprengen: die Nahtoderfahrung. Die typischen Elemente der Nahtoderfahrung, die nicht immer alle erleben werden, umfassen das Erlebnis des Übergangs in eine andere Dimension. Am Anfang der Nahtoderfahrung steht nicht selten das Erleben, den eigenen Körper zu verlassen. Nach dem Verlassen des Körpers wird die normale Alltagswelt aus einer veränderten Perspektive wahrgenommen. Die Person erlebt sich meist als über dem Geschehen schwebend. Der eigene Körper und die Bemühungen der Notfallmediziner sind dann meist der primäre Gegenstand des Interesses. Selbst Blinde berichten von detaillierten optischen Wahrnehmungen. Auffallend ist, dass die erlebte Realität nicht wahnhaft verzerrt ist, sondern das reale Geschehen oft bis in die kleinsten Details exakt beobachtet und oft genug auch langfristig erinnert wird. (…)

      Hier stößt man auf eines der größten Rätsel der Nahtoderfahrung. Es scheint nämlich so, dass sich die Betroffenen in einigen Fällen sehr präzise erinnern können an Ereignisse, die sie eigentlich im Zustand des Herzstillstandes oder der Vollnarkose nicht hätten wahrnehmen können.

      Rätselhaftes Phänomen

      Bei der Konfrontation mit einem rätselhaften Phänomen kann man verschiedene Strategien einschlagen. Die erste und einfachste besteht darin, die Existenz des Phänomens zu bestreiten. Die zweite besteht darin, die Existenz des Phänomens zwar anzuerkennen, ihm aber jede Wichtigkeit und Signifikanz abzusprechen. Eine dritte Strategie erkennt die Existenz und Wichtigkeit des fraglichen Phänomens an, legt aber eine Erklärung im Rahmen der etablierten wissenschaftlichen Theorien vor. Die vierte Weise, mit einem unerklärlichen Phänomen umzugehen, besteht darin, dass man es für im Rahmen der etablierten Theorien unerklärlich hält. Nur eine ganz neuartige Theorie, ein Paradigmenwechsel, könnte das Phänomen erklären. Die fünfte Strategie schließlich besteht darin zu begründen, warum die Lösung des Rätsels die Grenzen des menschlichen Verstandes prinzipiell übersteigt.

      Bezogen auf die dritte Strategie (Erklärung im Rahmen der bisherigen Theorien) bleiben einige grundsätzliche Probleme, die ein Einordnen der Nahtoderfahrungen in das bestehende wissenschaftliche Weltbild behindern. Die größte Schwierigkeit ist sicher die berichtete Wahrnehmung der Außenwelt in einer Phase, in der dem Gehirn kein Sauerstoff zugeführt wurde, die EEG-Linie auf Null ist und zudem eventuell auch noch die Sinnesorgane abgedeckt waren. Sollte auch nur ein einziger dieser Fälle der Wahrheit entsprechen, so müsste unser wissenschaftliches Weltbild vor ihm kapitulieren. Realitätsbezogene und verifizierbare Sinneswahrnehmungen setzen nach der Standardauffassung funktionierende Sinnesorgane und ein funktionierendes Gehirn voraus.

      Betrachtet man die fünf Strategien, so muss nach meiner Ansicht der unvoreingenommene Betrachter zugeben, dass die dritte, vierte und fünfte Strategie bei der Analyse der Nahtoderfahrung nicht ausgeschlossen werden können, während die erste und zweite Strategie offensichtlich inadäquat sind. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sollte man sich also in der Frage der Erklärung der Nahtoderfahrung eines abschließenden Urteils enthalten. Vielmehr sollte man sich dem phänomenalen und kognitiven Gehalt der Erfahrung selbst zuwenden.

      Tiefe mystische Erfahrung

      Dann aber ist die Nahtoderfahrung als eine mystische Erfahrung zu charakterisieren, also eine Erfahrung der spirituellen Dimensionen der menschlichen Existenz, die als Gipfelerfahrung über das normale Alltagsbewusstsein hinausragt. Das Christentum hat als den Test für echte mystische Erfahrungen immer angesehen, ob auf die kurzfristige Erfahrung eine langfristige Veränderung des Charakters in Richtung auf ein Mehr an Glaube, Hoffnung und Liebe erfolgt. Die Untersuchungen zeigen genau das. Liebesfähigkeit, Fähigkeit zu Empathie, Erfahrung von Lebenssinn, Empfindsamkeit für spirituelle Dimensionen, all das und mehr nimmt nach der Nahtoderfahrung dauerhaft und stabil zu. Wir sollten daher die Nahtoderfahrung als eine tiefe mystische Erfahrung akzeptieren und auch wertschätzen.“

      Godehard Brüntrup

      Bei der Konfrontation mit einem rätselhaften Phänomen kann man verschiedene Strategien einschlagen.

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