Außerirdische als Gottesbedrohung?

von Heinz-Hermann Peitz

Heinz-Hermann Peitz
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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Die Gottesbedrohung aus dem All - Wie der Vatikan sich auf die Landung von Außerirdischen vorbereitet
5/2012
P.M. Magazin

Der von Philipp Saller verfasste Beitrag und das Editorial des Chefredakteurs Hans-Hermann Sprado prophezeien den Religionen im Falle einer Begegnung der dritten Art nicht gerade eine rosige Zukunft. Das Bedrohungsszenario gewinnt seine Plausibilität allerdings allein durch geschickte Verdrehung von Umfrageergebnissen.

Bedrohung für welchen Gott?

Die Wortwahl der Titelstory weckt bereits böse Vorahnungen – nicht auf das bezogen, was da aus dem All auf uns zukommen könnte, sondern auf

Außerirdisches Leben auf dem erdähnlichen Exoplaneten Kepler-22b? Quelle: NASA/Ames/JPL-Caltech

Außerirdisches Leben auf dem erdähnlichen Exoplaneten Kepler-22b? Quelle: NASA/Ames/JPL-Caltech

das, was uns im Heft erwartet. Das Editorial („Kirchensteuer für Aliens?“) macht dann vollends klar, auf welch bescheidenem Niveau hier Populismus betrieben wird. Der Chefredakteur Hans-Hermann Sprado nimmt dort die Kernaussage des Hauptartikels vorweg: Das Erscheinen außerirdischer Intelligenz (ETI) „wäre zweifellos [!] dazu angetan, die Glaubensgebäude nahezu aller Religionen zumindest ins Wanken zu bringen“. Sprado kennt auch den Grund: „Welcher Mensch könnte weiter zu einer überirdischen Instanz beten, wenn er plötzlich feststellen muss: Moment mal, da draußen (da oben!) gibt es ja noch viel mehr“. Die Verwechslung von „sky“ und „heaven“ mag man einem Juri Gagarin, der bei seinem Weltraumausflug Gott leider nicht angetroffen zu haben glaubte, ja noch nachsehen. Aber wie naiv muss man eigentlich sein, oder für wie dumm verkauft man seine Leser, wenn man 50 Jahre nach dem Gagarinschen Fehlschluss glauben machen will, dass Gebete sich an kleine grüne Männchen richten?
Derartige Häme kennt man freilich spätestens seit der „himmlischen Teekanne“ eines Richard Dawkins und dem Schmidt-Salomonschen Gott als „Riesen-Osterhase für Erwachsene“. Eigentlich wäre also eine ernsthafte Auseinandersetzung damit nicht der Mühe wert, wenn nicht im P.M.-Artikel einschlägige Wissenschaftler, die sich fundiert mit außerirdischer Intelligenz beschäftigen, zu Wort kommen und – zumindest im Falle von Ted Peters – instrumentalisiert werden. Laut P.M. drückt Peters’ 2008 durchgeführte Erhebung die Besorgnis aus, ETI könne den Religionen gefährlich werden. Bereits ein oberflächlicher Blick in die frei zugängliche Umfrage offenbart das genaue Gegenteil, und es sind nicht die religiösen Fundamente, die laut Sprado „zerbröseln wie ein Mürbekeks“, sondern die Argumente von P.M.

Haben religiöse Menschen Angst vor Aliens?

Schauen wir also etwas genauer hin. Sehen wir dabei getrost davon ab, dass der Autor des Artikels jemanden für den derzeitigen Papst ausgibt, dessen Amtszeit vor gut 1300 Jahren abgelaufen ist, und halten wir es einmal für einen gelungenen Scherz, dass sich der Vatikan an dem Gedanken berauscht, die Reichweite des Papstes auf Außerirdische auszudehnen. Die Kernfragen des Artikels sind jedoch nachdenkenswert: Würden außerirdische Intelligenzen „das bisherige Weltbild der Religionsgemeinschaften erschüttern“ und würde speziell „die Existenz außerirdischen Lebens die katholische Kirche in größte Erklärungsnot stürzen“? Autor und Chefredakteur scheinen davon überzeugt zu sein und stützen ihre Überzeugung durch die erwähnte Umfrage des systematischen Theologen Ted Peters. Tatsächlich stellte Peters folgende Arbeitshypothese auf den Prüfstand: „Der bestätigte Kontakt zwischen der Erde und einer außerirdischen Zivilisation intelligenter Wesen würde bei den seit langem etablierten religiösen Traditionen der Erde eine Glaubenskrise auslösen, vielleicht sogar deren Zusammenbruch.“ Man braucht nicht die 22-seitige Dokumentation der Umfrage im Detail zu studieren, man wird schon in der Zusammenfassung unmissverständlich davon in Kenntnis gesetzt, dass die Hypothese nicht bestätigt, sondern falsifiziert wurde. Wörtlich heißt es dort: „Die Antworten von Individuen aus sieben religiösen Traditionen – Katholiken, Protestanten, Evangelikale, Orthodoxe, Mormonen, Juden und Buddhisten – zeigen eine breite Akzeptanz der Existenz außerirdischer Intelligenz und ihrer Integration in die bestehenden Glaubenssysteme. Zum größten Teil haben religiöse Menschen keine Angst vor [derartiger] Begegnung.“ (The Peters ETI Religious Crisis Survey, 1). Und die Detailanalyse kommentiert: „Unser zentrales Ergebnis ist: Die Hypothese, dass die großen Weltreligionen in eine Krise geraten oder gar zusammenbrechen, ist durch die … Umfrage nicht bestätigt worden“ (ebd. 13). Das Ergebnis spiegelt also nicht „Besorgnis wider“ (PM 39), wie P.M. es gerne hätte, sondern weitestgehende Gelassenheit.

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Sorgenvolle kirchliche Institutionen?

Laut P.M. „beweist“ auch die verstärkte Aktivität kirchlicher Institutionen, „wie sehr diese Sorge die Kirchen umtreibt“ (PM 38). Als Beispiel wird die 2009 an der päpstlichen Akademie der Wissenschaften durchgeführte Studienwoche zur Astrobiologie genannt. Doch die dort versammelten Experten konzentrierten sich auf innerwissenschaftliche Fragen – von Sorge keine Spur. Auf journalistische Nachfragen hin zeigte der vatikanische Chefastronom José Gabriel Funes einmal mehr die Offenheit für außerirdisches Leben. So ganz kann auch P.M. diese Offenheit nicht ignorieren. Denn im Widerspruch zur soeben unterstellten Sorge muss auch P.M. eingestehen, dass „die Amtskirche merkwürdig gelassen“ (PM 39) bleibt – merkwürdig deshalb, weil Aliens doch angeblich „die katholische Kirche in größte Erklärungsnot stürzen“ (PM 37).

Kosmischer Christus?

Ein tatsächlich spannendes Thema wirft der Artikel mit der Bedeutung Jesu Christi auf (PM 40). Wie kann einem zeitlich und räumlich beschränkten Ereignis universale Heilsbedeutsamkeit zugeschrieben werden? Nur stellt sich diese Frage nicht erst angesichts außerirdischer Intelligenzen, sondern bereits in irdischen Kontexten, z. B. bei der Beziehung des Christentums zu nichtchristlichen Religionen und Weltanschauungen. Außerdem schließt die Einzigartigkeit Christi nicht aus, dass es eine „mehrfache Inkarnation in verschiedenen Heilsgeschichten“ geben kann, wie Karl Rahner dies bereits vor 30 Jahren formuliert hat (in: Weltall – Erde – Mensch, Freiburg 1981, 72). Auch wenn nicht jeder Dogmatiker Rahner hierin folgen wird: Weder damals noch heute ist das Christentum dadurch in eine fundamentale Glaubenskrise geraten.

Bedrohung oder zur größeren Ehre Gottes?

Auch der „theologische Sprengstoff“ (PM 40), den uns eine überlegene und religionslose Zivilisation bescheren könnte, ist nicht neu. Schon hier hat sich die Vermutung, Religion werde durch Aufklärung und Wissenschaft überflüssig, nicht bewahrheitet. Und derselbe Douglas Vakoch, von dem P.M. die Formulierung für den theologischen Sprengstoff bezieht, weiß von entgegengesetzten Stimmen zu berichten, die in Außerirdischen weder einen Anlass zum Atheismus erwarten, noch sich mit einer bloßen theologischen Vereinbarkeit begnügen: Letztlich trage die Existenz Außerirdischer zu nicht weniger als „zur größeren Ehre Gottes“ bei. ETI also nicht als „Gottesbedrohung“, sondern: ETI ad maiorem dei gloriam!

Seriöses Material zur Vertiefung

  • Aliens und Glaube sind vereinbar! In seinem neuesten Buch macht der Fundamentaltheologe Armin Kreiner plausibel, dass ETI keine Glaubensfundamente erschüttert: “In ihrer zweitausendjährigen Geschichte ist es der christlichen Tradition immer wieder gelungen, ihr Bekenntnis unter veränderten kulturellen Bedingungen neu zu interpretieren”. Aber: ETI führt ins Zentrum christlichen Glaubens!
  • Peitz: Der vervielfachte Christus “… Denn selbst wenn wir (was ich nicht glaube) das einzige Leben im Universum wären: im Umstand der unfassbaren Größe und Majestät des Universums liegt eine tiefe Weisheit verborgen, der nachzusinnen sich lohnt. – Danke, Hohenheim, dem Forum Grenzfragen und der katholischen Theologie für dieses wunderbare Büchlein!