Aliens und Glaube sind vereinbar!

von Heinz-Hermann Peitz

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Heinz-Hermann Peitz
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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Jesus, UFOs, Aliens : Außerirdische Intelligenz als Herausforderung für den christlichen Glauben Book Cover Jesus, UFOs, Aliens : Außerirdische Intelligenz als Herausforderung für den christlichen Glauben
Armin Kreiner
Freiburg : Herder
2011
220 Seiten

Sind wir allein im Universum? Diese Frage bewegt Menschen vom Mittelalter an bis heute. Von UFOs und Begegnungen der »dritten Art« bis hin zur modernen Astrobiologie reicht die Palette der Antwortversuche. Welche Konsequenzen aber hat ein eventuelles Auffinden außerirdischer Intelligenz für den christlichen Glauben? Was würde das für die Einmaligkeit und Unüberbietbarkeit der Menschenwerdung Gottes in Jesus Christus bedeuten? Muss die Theologie am Ende sogar gegen außerirdische Intelligenz argumentieren? Armin Kreiners Überlegungen dazu sind klar und präzise und verhelfen zu einem eigenen Standpunkt in dieser Frage.

Außerirdische sind anscheinend – wieder einmal – hoch im Kurs. Nach dem einseitigen Artikel des P.M.-Magazins („Gottesbedrohung aus dem All“) spürt der dem Thema wohlgesonnene Leser das starke Bedürfnis nach seriöser Literatur.

Der P.M.-Artikel hatte bereits die Spur zum vorliegenden Band von Armin Kreiner aufgenommen, ohne ihr jedoch ins astrotheologische Dickicht zu folgen. An dieser Stelle möchte forum-grenzfragen weiter vordringen.

Dass das Thema mit seinem spekulativen bis esoterischen Beigeschmack äußerst gewagt ist und vielerorts (nicht nur bei Theologen) auf Widerstand stößt, hat Kreiner bereits zu Beginn des Projekts zu spüren bekommen: „Als ich meiner Frau von der Idee erzählte, ein Buch über Aliens zu schreiben, zeigte sie sich leicht besorgt und riet mir ebenso spontan wie energisch davon ab. Einige … könnten mich angesichts eines solchen Themas möglicherweise für unseriös … halten. Ich erinnerte sie daran, dass ich Theologe bin und mich ohnehin mit Themen beschäftige, die vielerorts nicht gerade als Inbegriff von Seriosität gelten“ (7). Da dies immer noch kein positiver Grund ist, sich mit Aliens zu beschäftigen, liefert Kreiner im weiteren Verlauf des Buches Gründe nach. Die Ähnlichkeit der „Debatten über die Existenz Gottes und über die Existenz extraterrestrischer Intelligenz“ (11) scheint mir in diesem Zusammenhang jedoch nicht dienlich. Im Gegenteil: Die Parallelisierung verleitet dazu, den Glauben an Gott mit dem Glauben an Aliens zu vergleichen – ein fataler Kategorienfehler. Dass hier unterschiedliche Glaubensbegriffe vorliegen (Du-Glauben vs. Dass-Glauben), ist für theologische Profis wie Kreiner selbstverständliches Allgemeingut. Aber so mancher dürfte in die Kategorienfalle tappen, wie der P.M.-Artikel eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, wenn es dort heißt: „Welcher Mensch könnte weiter zu einer überirdischen Instanz beten, wenn er plötzlich feststellen muss: Moment mal, da draußen (da oben!) gibt es ja noch viel mehr“ (siehe meine Besprechung). Gott und Aliens liegen nicht auf einer Ebene!

Überzeugend wirken dagegen die Gründe, die Kreiner in späteren Abschnitten des Buches für die ETI-Beschäftigung angibt. Dazu zählen weniger die zahlreichen neu entdeckten Exoplaneten, die außerirdische Lebensentstehung und Intelligenzen wahrscheinlicher machen könnten, sondern:

  • „Unabhängig davon, wie wahrscheinlich die Existenz Außerirdischer sein mag, der Glaube an ihre Existenz ist eine unbestreitbare Tatsache.“ (137)
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass Außerirdischer existieren, mag strittig sein, „nichts spricht aber dagegen, dass deren Existenz zumindest möglich ist“ (138).
  • Unumstritten ist auch „der immer wieder geäußerte Verdacht, dass der jederzeit mögliche definitive Nachweis ihrer Existenz fatale Folgen für das christliche Bekenntnis nach sich zöge“ (137).

Vor allem der letzte Punkt lässt es lohnenswert, wenn nicht notwendig erscheinen, über die theologischen Konsequenzen einer möglichen Entdeckung von extraterrestrischer Intelligenz (ETI) zu reflektieren, wenn man mit Kreiner der Überzeugung ist, „dass die bloße Beteuerung einer Verträglichkeit nicht ausreicht“ (138). Recht bald wird dabei deutlich, dass das vermeintliche Randthema in den Kern der christlichen Botschaft führt: die Inkarnation.

Laut christlicher Überzeugung gipfelt das „Heilsdrama“ zwischen Gott und der Schöpfung „in der Inkarnation, in der der Sohn Gottes Mensch wurde, um die Welt zu erlösen“. Nun soll diesem in Zeit und Raum einmaligen Punkt universale Bedeutung zukommen: „Worum es geht, ist eben nicht nur die Erlösung der irdischen Menschheit, sondern des gesamten Alls“ (139).

Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist. (Eph 1,10)
Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut. (Kol 1,19f.)

Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. (Röm 6,10)

Die theologische Herausforderung ist also nicht die Existenz von ETI als solche. Sie führt einmal mehr zum Staunen darüber, dass die Physik unseres Universums so beschaffen ist, das Leben hier und anderswo möglich ist: „Dabei handelt es sich um ein noch weit größeres Wunder, als es gelegentliche Interventionen eines übernatürlichen Designers wären“ (166). Konflikte mit einer Schöpfungstheologie sind also weniger zu befürchten. Die eigentliche Herausforderung ist die universale Bedeutung des Christusgeschehens. Kreiner bringt das Paradox auf den Punkt: „Gott erschafft ein unermesslich großes Universum mit einer Vielzahl intelligenter Wesen, denen er in Liebe zugetan ist. Aber er offenbart sich in seiner Schöpfung auf eine Weise, die nur ein winziger Bruchteil seiner Geschöpfe mitbekommt. Welch merkwürdiges Gottesbild!“ (150)

Die Merkwürdigkeiten kippen vollends ins Skurrile, wenn manche daraus ableiten, die Menschheit habe den Auftrag, das gesamte Universum zu missionieren. Auf solche Leute solle man „vorsorglich ein wachsames Auge werfen“; bei einer tatsächlichen Begegnung der dritten Art würden deren größenwahnsinnige Aktivitäten im günstigsten Fall zu einem „Fremdschämen kosmischen Ausmaßes“ (150) führen.

Wem das zu sehr ins Science-Fiction-Genre abdriftet, sollte diese Gedankenexperimente dennoch nicht vorschnell beiseiteschieben. Hier wie auch an anderen Stellen zeigt sich, dass die Beschäftigung mit ETI letztlich zu einem tieferen Nachdenken über zentrale Glaubensinhalte führt. Denn „der ‚Skandal der Partikularität‘ ergibt sich bereits, wenn man nur in irdischen Dimensionen denkt“ (148). Denn es ist ein klassisches Thema einer sog. Theologie der Religionen, wie die Relation zwischen Christentum und außerchristlichen Religionen zu bestimmen ist: „Beschränkt sich Gottes Heilshandeln in der Welt auf Geburt, Tod und Auferweckung Christi? Wie steht es dann um das Heil all jener Menschen, die außerhalb des Einflussbereichs der christlichen Mission lebten oder leben?“ (174). Diese als ‚anonyme Christen‘ zu bezeichnen ist für Kreiner schlicht eine Vereinnahmung (177). Kreiner formuliert daher als Schlüsselfrage: „Lässt sich ‚Inkarnation‘ so interpretieren, dass sich die Merkwürdigkeiten vermeiden lassen?“ (171). Kreiner gibt zu bedenken, dass der Entstehungskontext, in dem Vorstellungen von Inkarnation, Menschwerdung Gottes, Erlösung etc. formuliert wurden, ganz selbstverständlich geo-, anthropo- und christozentrisch geprägt war (139). Da aber bekanntlich Genese von Geltung zu unterscheiden ist, gelte es nun, „Begriffe wie ‚Inkarnation‘ und ‚Menschwerdung‘ so zu interpretieren, dass sie über die Grenzen der biblisch-christlichen Tradition hinaus anwendbar werden“ (175).

Bei dieser Reformulierung löst sich Kreiner zunächst von einer auf Anselm von Canterbury zurückgehende Engführung, die Menschwerdung allein als göttliche Antwort auf die menschliche Sünde versteht. Kreiner schließt sich eher dem Traditionsstrang an, für den Gott auch ohne den Sündenfall Mensch geworden wäre: „Inkarnation wird folglich nicht als göttliche Reaktion auf menschliches Versagen verstanden. … In dieser Perspektive setzt sich in der Inkarnation fort, was schon in der Schöpfung angelegt ist. … Schöpfung und Menschwerdung erscheinen als zwei Aspekte ein und derselben Sache, nämlich der Selbstmanifestation Gottes.“ (179)

Hier hätte sich Kreiner deutlicher, als er dies später (184, Anm. 9) tut, auf Karl Rahner beziehen können, der diesen Gedanken schon 1962 bei der Integration der Inkarnation in eine evolutive Weltanschauung formuliert hat. Für Rahner ergreift in der Menschwerdung des Logos Gott die Materie, die den Logos selbst ausdrückt und vergegenwärtigt in der Welt. Dies versteht er als Höhepunkt der Dynamik, in der eben dieser Logos die Evolution der Welt trägt. So kann man die Schöpfung in Rahners Worten „als ein Teilmoment an jener Weltwerdung Gottes auffassen, in der … Gott sich selbst aussagt in seinem welt- und materiegewordenen Logos“, so dass – und hier stimmt Kreiner fast bis in die Wortwahl hinein überein – „Schöpfung und Menschwerdung … zwei Momente und Phasen eines einen … Vorgangs der Selbstentäußerung und Selbstäußerung Gottes“ sind (Rahner, Christologie innerhalb einer evolutiven Weltanschauung, in: Schriften 5, 1962, 183-221, hier 205).

Was aber ist gewonnen, wenn Menschwerdung nicht primär mit Sünde, sondern zunächst mit Schöpfung als Manifestation Gottes zusammen gebracht wird? Für Kreiner wird dadurch „der Weg offen, Schöpfung und Inkarnation nicht als zwei getrennte Wirklichkeiten, sondern als zwei Seiten ein und derselben Wirklichkeit zu verstehen. … Die Menschwerdung Gottes wäre Teil und Fortsetzung seiner Weltwerdung, und Christus wäre nicht als die große ontologische Ausnahme innerhalb der Schöpfung zu verstehen, sondern als die – vielleicht auch nur als eine – Erfüllung dessen, worauf die Schöpfung angelegt ist.“ (183f.) Damit ist auch der Weg frei für mehrfache Inkarnationen: „Ginge es nicht primär um die Begleichung menschlicher Schuld, sondern um die Selbstmanifestation Gottes, spräche nichts … gegen die Annahme, dass das, was als Inkarnation bezeichnet wird, keine singuläre irdische Angelegenheit sein muss, sondern irgendwie die gesamte Schöpfung durchziehen und sich folglich auch mehrfach an anderen Orten und zu anderen Zeiten ereignen könnte“ (180). Auch an dieser Stelle ist erstaunlich, dass Karl Rahner bereits vor 30 Jahren unbefangen davon reden konnte, dass es eine „mehrfache Inkarnation in verschiedenen Heilsgeschichten“ geben kann (in: Weltall – Erde – Mensch, Freiburg 1981, 72).

Bei der Bestimmung dessen, wie die Inkarnation „irgendwie die gesamte Schöpfung durchziehen könnte“, bleibt Kreiner indes eigentümlich blass. Er referiert einen Ansatz, für den es naheliegt, bereits „überall dort von einer Inkarnation Gottes zu sprechen, wo in der Schöpfung ein Abglanz des göttlichen Grundes aufleuchtet, also überall dort, wo Leben, Empfindung, Weisheit, Barmherzigkeit, Güte und Seligkeit entsteht“ (184). Damit fielen Inkarnation und Manifestation unterschiedslos zusammen. Dass für Christen Jesus „die herausragende Manifestation des Göttlichen in der Welt“ (184) darstellt, hält Kreiner zwar fest, überlässt das Ausbuchstabieren aber einer künftigen Christologie (185). Als Fortsetzung von ‚Manifestation‘ hätte man aber für ‚Inkarnation‘ zwanglos geltend machen können, dass sich dort die Annahme der Welt durch Gott und Gottes durch die Welt unwiderruflich ereignet und unwiderruflich erkannt werden kann, wie Rahner dies an den genannten Stellen getan hat. Auch dieser engere Begriff von Inkarnation wäre kosmisch übertragbar und kein „Skandal der Partikularität“.

Auch wenn weiteres Ausbuchstabieren in der Tat „die bleibende Aufgabe der Christologie“ (185) darstellt, kann man nicht nur aufgrund von Umfragen (188-203), sondern auch sachlich begründet den Optimismus Kreiners teilen, dass auch ETI keine Glaubensfundamente erschüttert: „In ihrer zweitausendjährigen Geschichte ist es der christlichen Tradition immer wieder gelungen, ihr Bekenntnis unter veränderten kulturellen Bedingungen neu zu interpretieren“ (141). Kreiner hat dazu prospektiv einen Beitrag geleistet, der ihn und seine Leser in die Mitte des christlichen Glaubens geführt hat. Insofern wird Kreiners Bilanz verständlich: „Rückblickend muss ich sagen, dass es zu meiner eigenen Überraschung zum faszinierendsten Projekt wurde, mit dem ich mich je befasst habe“ (7).

(Heinz-Hermann Peitz)