Zukunft des Dialogs

von Heinz-Hermann Peitz

Heinz-Hermann Peitz
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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Zukunftsperspektiven im theologisch-naturwissenschaftlichen Dialog Book Cover Zukunftsperspektiven im theologisch-naturwissenschaftlichen Dialog
Patrick Becker, Ursula Diewald
Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht
2011
431

Das Weltbild unserer Zeit ist von den Naturwissenschaften geprägt. Sie stellen drängende Fragen, die den Kern theologischer Aussagen berühren: Stellt Gott lediglich eine vom Gehirn erzeugte Illusion dar? Sind Religionen rein innerweltlich als soziologische oder psychologische Phänomene erklärbar? Kann beim Menschen noch von echter Willensfreiheit gesprochen werden?
Mit dem Band wird ein Blick in die Zukunft sowohl der naturwissenschaftlichen Entwicklung als auch des theologischen Umgangs mit den Ergebnissen der Naturwissenschaften unternommen.

Ausführliche Leseprobe inkl. Inhaltsverzeichnis 97 KB

Online-Ergänzung zum Beitrag von Heinz-Hermann Peitz, Kriterien für gelingenden Dialog

Es wäre nicht sinnvoll, auf der Grundlage der in diesem Band zusammengetragenen Facetten des Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Theologie ein abschließendes Urteil formulieren zu wollen. Dazu sind die dargelegten Positionen, Anliegen und Argumente zu heterogen, mitunter sogar kontrovers. Es gibt jedoch zentrale Einsichten, die sich in vielen Beiträgen wiederfinden.

Aufbau des Bandes

In den folgenden Beiträgen werden die verschiedenen, in dieser Einführung angeschnittenen Ebenen der Diskussion aufgegriffen und bearbeitet. Dass mitunter konträre Interpretationsmodelle vorliegen, soll die Debatte und den Impuls dieses Buches stärken. Auch die reduktionistische Position ist in diesem Band vertreten, meistens einer anderen Position gegenübergestellt. Die im Vorwort bereits benannte Grobgliederung des Bandes orientiert sich zugleich an systematischen und an historischen Aspekten. Zunächst werden die Grundlagen um das reduktionistische Weltbild diskutiert, die Fragen nach einem kohärenten, naturwissenschaftlich akzeptablen Gottesbild und nach dem Verhältnis von Schöpfung und Evolution gestellt.

1. Theologie in Auseinandersetzung mit dem Naturalismus

Ulrich Lüke beginnt das Gespräch, indem er den zentralen Konflikt um eine evolutive oder eine religiöse Weltdeutung historisch nachzeichnet und dabei Über- und Fehlinterpretationen auf beiden Seiten kennzeichnet. Daraus folgt die Notwendigkeit einer Analyse der Trag- und Reichweite der vertretenen Konzepte und Begriffe, wie sie von Bernulf Kanitscheider im nachfolgenden Artikel für den Naturalismus vorgenommen wird. Durch eine differenzierte Sicht auf den Naturalismus als Methode und als Programm klärt er das Feld für die philosophisch-theologische Kritik. Hans-Dieter Mutschler beleuchtet zwei Grundsätze des Naturalismus, die kausale Geschlossenheit der Welt sowie die Supervenienz. Er benennt Widersprüche und Probleme, die einschlägige Autoren bei der Formulierung dieser Grundsätze aktuell in Kauf nehmen.
Rüdiger Vaas stellt anschließend den aktuellen naturwissenschaftlichen Stand der Forschung im Bereich der Kosmologie vor und sieht durch diesen die Rationalität des Glaubens an Gott in Frage gestellt. Dieser Befund wird von Ansgar Beckermann anhand einer Analyse des kosmologischen und teleologischen Gottesbeweises geteilt. Beide Autoren sehen keine sinnvolle Begründung für den Glauben an einen Schöpfergott.
Derartige naturalistische Erklärungen sind für Thomas Schärtl ein Indiz für die Notwendigkeit alternativer Modelle von Metaphysik. Schärtls Beitrag liefert Voraussetzungen und Klärungen auf der Basis prozessphilosophischen Denkens, welches im anschließenden Beitrag von Tobias Müller explizit wird. Der Prozessgedanke kann demnach metaphysisch sinnvoll evolutive Entstehung reflektieren.

2. Christliches Menschenbild und Naturwissenschaften

Nachdem sich die Naturwissenschaft als Modell zur Welterklärung im 19. Jahrhundert erfolgreich in Stellung gebracht hatte, begann im 20. Jahrhundert der Wettstreit um die Deutungshoheit über den Menschen. Der zweite Teil des Buchs beschäftigt sich entsprechend mit den Folgen des wissenschaftlichen Naturalismus für das christliche Menschenbild.
Matthias Petzoldt eröffnet das Feld, indem er das Konzept eines einheitlichen christlichen Menschenbildes anhand einer theologiehistorischen Rekapitulation problematisiert und als Kunstgriff entlarvt. Dabei wird deutlich, dass es in der Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlicher Forschung durchaus wichtige konfessionelle Unterschiede gibt, was Empfindlichkeit und Argumentationsstrategien anbetrifft. Georg Gasser und Josef Quitterer zeigen anhand ihrer Reflexionen zum Menschenbild Inkohärenzen und ontologische Verstrickungen des Naturalismus auf. Ihre Beobachtungen führen sie zu dem Ergebnis, dass das Verhältnis zwischen empirischer Forschung und den Alltagsintuitionen, wie sie im christlichen Menschenbild zum Ausdruck kommen, nicht als Dichotomie begriffen werden muss.
Die im Zusammenhang mit dem Menschenbild als zentral anzusehende Debatte um die Moralfähigkeit wird von Eckart Voland und von Eberhard Schockenhoff aufgegriffen. Während für Voland aufgrund des aktuellen Forschungsstandes feststeht, dass das moralische Handeln des Menschen nicht als kognitive Tätigkeit, sondern als das Ergebnis biologischer Anpassung begriffen werden muss, besteht Schockenhoff darauf, den Menschen als reflexives Wesen zu beschreiben, der über einen genuin moralischen Spielraum verfügt und daher eine herausgehobene Stellung innerhalb der Natur einnimmt.
Damit wird die Frage der Willensfreiheit des Menschen aufgegriffen. Andreas Klein sondiert in seinem Beitrag die möglichen philosophischen Positionen im aktuellen Diskurs zwischen Kompatibilismus und Inkompatibilismus. Seinem Urteil zu Folge konzentriert sich die Debatte zu stark auf den Gedanken der Kontrolle, wodurch die Beurteilung der logischen Konsequenzen der beiderseitigen Argumentation in eine Schieflage geraten ist. Winfried Schmidt kritisiert im folgenden Beitrag die Berufung deterministischer Autoren auf die Quantenphysik. Er zeigt auf, dass auf der Quantenebene durchaus die Basis für eine inkompatibilistische Willensfreiheit gesucht werden kann. Philip Claytonweitet die Fragestellung auf das Verhältnis von Gehirn und Geist aus. Durch die Konzentration auf fünf mögliche metaphysische Positionen analysiert Clayton die aktuelle Debatte und kann Desiderate für die Zukunft des Dialogs formulieren.

3. Empirische Beschreibung religiöser Phänomene

Der herausragende Erfolg der Evolutionstheorie führt zu ihrer Anwendung in Forschungsdisziplinen, in denen Christentum und Theologie selbst qua Religion bzw. qua Wissenschaft in den Fokus geraten. Die Theologie hat dies bislang nur anfänglich zur Kenntnis genommen. Der vorliegende Band präsentiert diese Perspektiven daher im dritten Teil als Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, deren Gewicht in naher Zukunft zunehmen wird.
Neueste Ansätze, Religion als Nebeneffekt der kulturellen Evolution zu begreifen, stellt Wolfgang Achtner dar. Indem er die evolutive Erklärung von Religion positiv aufgreift, gelingt es ihm, die zukunftsgerichtete Diskussion um ihren Wert zu führen. Eine weitere aktuelle Debatte wird vonMichael Blume aufgegriffen. Wenn der Geist des Menschen insgesamt reduktiv erklärt wird, dann liegt der Versuch nahe, auch einzelne Erscheinungsformen des Geistes wie den Gottesglauben zu naturalisieren, also als Nebenprodukt neurobiologischer Phänomene darzustellen. Unter Diskussion aktueller Ansätze zeigt Blume, dass dieses Vorhaben, für das der Begriff der Neurotheologie geprägt wurde, aktuell nicht eingelöst werden kann. Ulrich Ott führt aus, dass bei allerdings vorsichtigerer Vorgehensweise neurobiologische Erkenntnisse für die Analyse theologischer Fragen durchaus Gewinn bringend eingesetzt werden können. Er stellt dazu die aktuelle neurobiologische Forschung zur Meditation vor. Am Ende seines Beitrags begibt sich der Psychologe in einen Dialog mit Autor-Kollegen Wolfgang Achtner. Darin stellt er kritische Anfragen an Methodik und Selbstverständnis der Theologie, die Achtner aus evangelischer Perspektive beantwortet.
Bernhard Grom und Stephanie Klein zeigen, dass die Ergebnisse empirischer Forschung für die Theologie sowohl Herausforderung als auch von Nutzen sein können. Bernhard Grom, der sowohl als Religionspsychologe und als Theologe forscht, nützt diese Doppelstellung als Fundort für künftige Fragestellungen, durch die ein bisher schleppend verlaufender interdisziplinärer Diskurs vorangetrieben werden könnte. Stephanie Klein stellt aktuelle Felder der soziologischen Religionsforschung dar und bietet Theologie so ein breites Spektrum an Interpretationsmodellen für die aktuelle Kirchensituation. Abschließend widmet sich Christiane Schulze einer aktuell unterbelichteten Schnittstelle von empirischer Forschung und Theologie, indem sie Nahtoderfahrungen beschreibt und mögliche Interpretationen vorstellt.

4. Wie gelingt der Dialog?

Den Auftakt zu einer Reflexion über die Bedingungen des Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Theologie bildet die Beobachtung Armin Kreiners, dass Naturwissenschaftler in den Augen der breiten Bevölkerung eine hohe Autorität auch bei religiösen Fragen besitzen. Der Beitrag beschäftigt sich mit Reichweite und Problemen dieses Autoritätstransfers und deutet an, wie die Theologie auf diese Entwicklung reagieren könnte. Die Probleme und Gefahren eines Autoritätsmonopols im Blick nimmt Heinz-Hermann Peitz die vielfach artikulierte Kritik am Naturalismus wieder auf und beschreibt, warum naturalistische Erklärungen häufig als übergriffig zu bewerten sind. Er argumentiert für eine Autonomie der beiden wissenschaftlichen Ansätze. Dabei formuliert er den Vorschlag, die Naturphilosophie als Zwischenwissenschaft zu begreifen, aus der wichtige Klärungen und Impulse für die Vermittlung zwischen Naturwissenschaft und Theologie ausgehen könnten.
Eine solche naturphilosophische Sicht kommt auch im abschließenden Gespräch zwischen Christian Kummer (Biologe und Theologe) und Harald Lesch (Astrophysiker) zum Tragen. Darin werden Besonderheiten der jeweiligen Disziplinen und Probleme des Dialogs diskutiert. Einig sind sich beide darin, dass der Theologie eine einzigartige Funktion in der ethischen Lenkung des technischen Fortschritts zukommt. Damit haben sie eine gewaltige Herausforderung benannt, deren Brisanz inzwischen durch Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit auf dramatische Weise bekräftigt wurde.

Ein erstes Fazit

Es wäre nicht sinnvoll, auf der Grundlage der in diesem Band zusammengetragenen Facetten des Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Theologie ein abschließendes Urteil formulieren zu wollen. Dazu sind die dargelegten Positionen, Anliegen und Argumente zu heterogen, mitunter sogar kontrovers. Es gibt jedoch zentrale Einsichten, die sich in vielen Beiträgen wiederfinden, und auf die an dieser Stelle abschließend hingewiesen werden kann.
Dazu zählt zuallererst, dass die Herausforderung der Naturwissenschaften für die Theologie in einem Ernstnehmen der empirischen Methodik besteht. Der Grundtenor vieler auflagenstarker religionskritischer Bücher unserer Zeit besteht darin, dass religiöse Aussagen eine empirische Relevanz besitzen müssen, und dass diese wahrzunehmen, zu verstehen und zu überprüfen sei. Dadurch verliert die Theologie ihren Alleinanspruch auf Aussagen über Phänomenologie und Gehalt des religiösen Vollzugs. Auch die Neurobiologie, die Psychologie, die Evolutionsforschung, die Physik, die Soziologie und viele andere empirisch arbeitende Disziplinen steuern Erkenntnisse bei, die in die Gesamtbetrachtung des Phänomens Religion einfließen müssen. Insofern der Rationalitätsforderung genüge getan werden soll, kann sich die Theologie nicht gegen die empirischen Wissenschaften immunisieren. Allerdings, das dürfte eine zweite zentrale Einsicht sein, darf sie legitimerweise in Anspruch nehmen, eine Reflexionsebene einzunehmen jenseits der Reichweite der empirischen Methodik. Sie leistet Arbeit sui generis, die ihrerseits nicht ignoriert werden sollten. So gilt es auch, die saubere Trennung der Ebenen zu beachten. Sackgassen entstanden nicht zuletzt dort, wo diese verletzt wurde, etwa weil ein empirisches Forschungsprogramm unter bestimmten ideologischen Voraussetzungen stand. Desgleichen muss jedoch vonseiten der christlichen Theologie eingestanden werden, dass sie selbst innerhalb dieses erweiterten Reflexionsrahmens keinen Alleinanspruch vertreten kann. Mehrere Artikel in diesem Band demonstrieren, dass auch andere Herangehensweisen Überzeugungskraft besitzen, weshalb der naturwissenschaftlich-theologische Dialog immer auch die Auseinandersetzung mit anderen, nichtchristlichen Weltdeutungsmodellen beinhalten wird. Welche dieser Modelle die größte Kohärenz aufweisen und die überzeugenderen Argumente besitzen, bleibt die spannende Frage, die unbedingt als künftiger Lernort begriffen werden sollte.