Wer sagt, was Leben ist?

von Hartmut Böhme

Hartmut Böhme

Hartmut Böhme ist ein deutscher Kulturwissenschaftler und Literaturwissenschaftler. Bis 2012 war er Projektleiter in verschiedenen DFG-Projekten.

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Wer sagt, was Leben ist? Die Provokation der Biowissenschaften und die Aufgabe der Kulturwissenschaften. In: DIE ZEIT v. 30.11.2000, 41–42.
Hartmut Böhme

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors

Die Naturwissenschaften befinden sich in einem wahren Fortschrittstaumel – gerade auf Gebieten, die traditionell den Humanwissenschaften zuzugehören schienen, den Fragen etwa nach dem Geist, den Sinnen, dem Körper, dem Verhalten, der Gemeinschaftsbildung, dem Lernen, dem Gedächtnis usw. Die epochale Konvergenz von Neurowissenschaften, Computer Sciences, Genetik und Biowissenschaften weckt den Eindruck, als würde hier das Rätsel der Sphinx, das bekanntlich auf den Menschen hinauslief, endgültig gelöst. Wer erwartet bahnbrechende Erkenntnis über den Menschen noch von den Humanwissenschaften? Niemand. Alles hingegen traut man den Biowissenschaften zu. Sie haben die Physik als Leitwissenschaft abgelöst und werden, mit universellem Anspruch, kurzweg als ‘Lebenswissenschaften’ bezeichnet – so etwa vom Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl. Haben die Humanwissenschaften mit dem ‘Leben’ nichts mehr zu tun? Tatsächlich ducken sie sich weg, als wollten sie nicht gesehen werden. Oder sie laufen den Naturwissenschaften nach. Beides hilft nicht. Die Lage ist: die Naturwissenschaften haben gewaltige Erkenntnisfortschritte gemacht – und die Kulturwissenschaften können nirgends mehr von der gesicherten Selbstverständlichkeit ihrer Gebiete und Zuständigkeiten ausgehen. Der interdisziplinäre Brückenschlag zu den Naturwissenschaften ist eine Überlebensfrage der Humanwissenschaften. Allerdings gilt umgekehrt auch, daß eine Welt, die vollständig in die Zuständigkeit der Naturwissenschaften fiele, nicht lebenswert wäre.

Wie oft, so verhilft auch hier historische Besinnung zu mehr Gelassenheit. Seit es neuzeitliche Wissenschaft und Technik gibt, haben immer neue Wellen von monopolistischen Erklärungsmodellen die Natur und den Menschen überrollt. Schien einmal der Kosmos wie eine Uhr eingerichtet, so wurde alles vom kleinsten Lebewesen über den Menschen bis zum Himmel nach dem Vorbild mechanischer Maschinen erklärt. War es hier der Kreislauf, der das Blut ebenso wie die Sternenbewegungen regulierte, so dort die infinitesimale Mathematik, die von der kleinsten Größe bis zum unendlichen All die Welt berechenbar machte. Mit dem Elektromagnetismus schien die Kraft entdeckt, welche die Lebenstätigkeit tierischer und menschlicher Organismen ebenso wie die Ordnung des Universums darstellte. Der Darwinismus bezauberte das Denken mit der These von den alles Leben regulierenden genetischen Selektionsmechanismen. Die Relativitäts- und Quantentheorie erklärte physikalische Strukturen von den Elementarteilchen bis zum Makrokosmos, wurde aber zugleich adaptiert als Modell von Gesellschaft und Geschichte. Heute sind die ‘Lebenswissenschaften’ die Nachfolger solcher entgrenzenden Generalisierungen und euphorischer Heilsversprechen. Die Geschichte lehrt, daß solchen Großansprüchen stets Dementis folgten. Deswegen ist zu vermuten, daß auch die Wissenschaften, die sich unter dem nicht eben bescheidenen Titel der ‘Lebenswissenschaft’ versammeln, von der Ernüchterung eingeholt werden, daß sie ‘das Leben’ nicht verstanden haben und von anderen Konkurrenten des Wissens in ihrer Frontstellung abgelöst werden. Warten wir es nicht ab.
Denn der Anspruch der Biowissenschaften, ‘Lebenswissenschaften’ zu sein, fordert wissenschaftliche, politische und kulturelle Antworten heraus, und zwar heute. Blicken wir dennoch zunächst zurück. Die Lebens- und Biowissenschaften gehen auf das griechische Wort bíos zurück, womit das Leben, die Lebenszeit, sowie der Lebenswandel von Menschen und ausdrücklich nicht von Tieren gemeint ist. Es bezeichnet sodann den Lebensunterhalt, die Nahrung, das Gewerbe und das Vermögen. Es kann sogar in die Lebensbeschreibung (Bio-Graphie) eingehen. Der bíos agathós ist das im ethischen Sinn gute Leben. Doch im Griechischen prägt das Wort bíos auch Wendungen wie ‘Leben schenkend’, ‘in Lebenskraft erblühend’. Es prägt den Ausdruck für Lebensart, das Verb für ‘das Leben lassen, fristen, erhalten, erwecken’ oder für das, was man ‘verrichtet’. Selbst der Generationenbegriff wird als bíos gefaßt.

Hieran fällt sofort auf, daß das semantische Feld von bíos bei den Griechen Momente der Natur wie auch und zwar überwiegend solche der Kultur aufweist. Wenn man Bio-Wissenschaft also als ‘Lebenswissenschaft’ bestimmen will, wäre es eine Reduktion, diese als Naturwissenschaft zu konzipieren. Das heißt: Der griechische Begriff von ‘Leben’, der über die Naturbasis hinaus die kulturellen und geschichtlichen Dimensionen des menschlichen Daseins integriert, ist dem heutigen Verständnis von Biowissenschaften weit überlegen. Tatsächlich können die Biowissenschaften nicht zeigen, daß sie gegenüber dem, was ihrer Wortherkunft entspräche (Bio-Logie, als die vernünftige Rede über den bíos) nicht reduktionistisch sind.

Was also gehört in griechischer Traditon zu den Wissenschaften vom bíos dazu? Die Erforschung der Zeit und der Zeitlichkeit, die dem Leben gegeben sind; seiner ethischen, also normativen Orientierungen; der Sorge für Lebensunterhalt im weitesten Sinn. Dazu zählen die Gewerbe und Vermögen, mithin die ‘Wissenskulturen’ von der Agrikultur bis zur Ökonomie, von der Politik bis zum Lebenswandel der privaten Einzelnen (idios bíos) und der Gesellschaft: also die klassischen Gebiete der Sozial- und Kulturwissenschaften. Bíos hat ferner eng mit den Aufgaben der Subsistenzsicherung zu tun, aber auch der ‘Kultur’ (der Pflege) des Hervorbringens, Wachsens, Schenkens, Erweckens – also mit dem Kreativen und Generativen im umfassenden Sinn. Bíos bezeichnet schließlich den Habitus und den Stil, in dem wir unser Leben einrichten, den Lebenswandel als der Kultur von Gemeinwesen. Und dort, wo der bíos sich mit dem Schreiben verbindet – der Graphie (Auto-Bio-Graphie) –, zielt er zuletzt auf die zur Lebensfristung erforderlichen (Selbst-)Reflexion von Einzelnen und der Gesellschaft im ganzen. Hält man sich dies vor Augen, tritt der gewaltige Umkreis dessen hervor, was zur ‘Lebenswissenschaft’ gehören müßte: davon aber sind wir weit entfernt.

Nun mag man sagen: die alten Griechen, das war einmal. Doch so ist es nicht. Denn es geht um die Frage, ob wir, als Gesellschaft, uns ein Konzept von Bio-Wissenschaften aufreden lassen wollen, das im Rahmen unserer Kultur eine Schwundstufe darstellt, so glänzend die technischen Effekte und kognitiven Einsichten in bestimmten Sektoren dessen, was bíos meint, sein mögen. Das ist eine politische Frage und eine Frage, welche Gestalt wir unserer Kultur und uns selbst in Zukunft geben wollen. Meine These ist, daß die Kulturwissenschaften völlig unverzichtbar sind, um den Horizont des menschlichen Lebens in seiner unreduzierten Weite offen, selbstreflexiv und entscheidbar zu halten. Meine These ist nicht, daß die Kulturwissenschaften diese Aufgabe angemessen begriffen hätten – angesichts der hochtechnischen Bedingungen, unter denen das ‘Leben’ heute in den fortgeschrittensten Industrieländern ‘gemacht’ wird. Es ist zu begrüßen, wenn Probleme der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung öffentlich, vom Bundestag bis zu den Feuilletons, diskutiert werden. Und es ist notwendig, daß die sozialen Implementierungen der hard sciences, wie z.B. bio-engineering oder Transplantationsmedizin, zu Forschungsfeldern auch der Kulturwissenschaften werden. Umgekehrt benötigen die Naturwissenschaftler, gerade weil sie die Entwicklungen von Gesellschaften immer stärker beeinflussen, soziale und kulturelle Kompetenzen, über die sie durchweg nicht verfügen. Was wir dagegen nicht brauchen, sind die delirierenden Heilsbotschaften oder apokalyptischen Predigten, die ahnungslosen Gemälde vom wissenschaftlichen Fortschritt oder die hilflosen Beschwörungen kultureller Autonomie, womit in letzter Zeit Blätter und Kanäle gefüllt werden. Dahinter stehen handfeste ökonomische Interessen oder tiefsitzende Ängste, die als solche, nicht aber in ihren rhetorischen Maskeraden ernst zu nehmen sind.
Es ist nicht den Einsichten der Naturwissenschaften, sondern der historischen Anthropologie zu danken, daß der Mensch ein zoon symbolicon ist, ein zeichenhervorbringendes und Bedeutungen erzeugendes Lebewesen in einem offenen, unbestimmten und darum nicht beherrschbaren Horizont, der niemals, weder zur Vergangenheit noch zur Zukunft, geschlossen werden kann; ein Lebewesen, das deswegen besorgt ist, in Sorge um Geburt und Tod, um Krankheit und Ernährung, um Liebe und Geselligkeit, Feindschaft und Konflikt, um Krieg und Katastrophe, um sein Wohnen-Können und die ‘Reisen jenseits der Grenze’. Erfahren wird dabei eine grundlegende, aber veränderliche Abhängigkeit von Natur und eine steigende Macht der durch Wissenschaft und Technik bewirkten Umgestaltungen natürlicher Umwelten und sozialer Lebensverhältnisse. Jedes einzelne dieser Elemente ist historisch variabel. Jedes für sich und alle zusammen sind ruhelos und dynamisch. Es steht keines von ihnen fest und keines legt fest – doch ist jedes Element unverzichtbar, um die besondere Weise, Mensch zu sein, erfüllen zu können. Es ist kein sinnvolles Projekt, irgendeines dieser Elemente wissenschaftlich-technisch beherrschen oder gar aus dem Alphabet des Menschlichen ausschalten zu wollen. Mit dem Feld dieser Elemente beschäftigen sich die historischen Kulturwissenschaften. Es überschneidet sich, weil der Mensch auch zoon ist – ein Lebewesen, wie Tiere auch –, mit dem Feld der Biowissenschaften. Diese erschöpfen niemals ‘den Menschen’, eben weil dieser keinen ahistorischen Singular, sondern eine historisch und kulturell sich pluralisierende, unabsehbare Seinsform darstellt. Es gibt deswegen von keiner Seite her einen Königsweg in der Erkenntnis der Menschen, ihrer Einrichtungen und Entwicklungen. Darum ist eine gleichberechtigte, transdisziplinäre Kooperation nötig – umso mehr, als die mit den Computer Sciences fusionierten Biowissenschaften einen epochalen Wandel in der Entwicklung der Menschheit eingeleitet haben, ohne daß darüber hinreichend geforscht und politisch-öffentlich verhandelt worden wäre.

Jenseits einer neuartigen Kooperation von Kultur- und Naturwissenschaften ist etwas weiteres erforderlich. Man kann es die Etablierung kultureller Reflexion in den Gesellschaften selbst nennen. Was sollte das sein? Es ist davon auszugehen, daß der Bestand dessen, was in den vielen Weltkulturen als menschenwürdiges Leben ausdifferenziert wurde, und daß der Bestand der natürlichen Umwelt, wie sie erdgeschichtlich gebildet ist, sich dramatisch ändern werden – durch die umwälzenden Bio-Technologien ebenso wie durch den ruinösen Raubbau an der Erde. Das erfordert verbindliche und für nachfolgende Generationen anschlußfähige Konsense darüber, was es für menschliche Gesellschaften heißen soll, sich innerhalb des Horizonts der Erde zu entwickeln. Zuerst hieße es anzuerkennen, daß die Menschheit terrigenus ist, ein Geschöpf der Erde. Dies ist nicht mehr selbstverständlich. Nimmt man das Konzept der ‘Lebenswissenschaften’ aber ernst, dann geht es primär darum, auf der Erde heimisch zu werden. Davon sind wir, im Weltmaßstab betrachtet, weit entfernt. In dieser Sicht ist es einigermaßen absurd, wenn ein hochrangiger Bio-Genetiker unlängst öffentlich die Vermehrfachung von Forschungsgeldern fordert, mit der Begründung, daß damit 0,1 Prozent der (hiesigen) Bevölkerung, die von bestimmten Erbkrankheiten bedroht sind, wahrscheinlich geholfen werden kann. Gesundheit zu verbessern gehört zu den ethisch zweifelsfreien Imperativen der Wissenschaften. Wissenschaft im Horizont der Erde zu betreiben (was etwas anderes ist als Globalisierung von Ökonomie, Technik und Pop-Kultur), heißt aber auch, qualitative Vergleichsmaßstäbe praktisch zu berücksichtigen. Die Weltgesundheitsprobleme sind nämlich banalerer Art und hängen mit Armut, Hunger, mit Entwicklungs- und Gerechtigkeitsgefällen im großen Maßstab zusammen. Und sie haben auch zu tun mit dem bedrohlichen Zustand der Ökologie der Erde. Kapitalintensive Forschungsförderung gerade in den reichen Indurstrieländern hat sich, wenn sie nicht zynisch erscheinen will, angesichts der überwiegend anthropogenen Probleme zu rechtfertigen, unter denen die Mehrheit der Menschheit materiell und kulturell leidet und unter denen die natürliche Mitwelt verarmt und ruiniert. Hier Richtungsänderungen von Wissenschaften und Politik herbeizuführen, bedarf es eines umfassenden kulturellen Lernens. Diesem Ziel sollten die Kulturwissenschaften, aus ihrem Elfenbeinturm heraustretend, zuarbeiten. Die Naturwissenschaften jedenfalls werden allein die erforderlichen Lösungen nicht schaffen, so wenig wie die Politik. Der heute zum beinahe einzigen Antrieb gewordene Wettbewerbsdruck wird glanzvolle Spitzenleistungen der Wissenschaften erzeugen, welche unbeabsicht die längst erkannten Probleme einer “Erdpolitik” (C.U.v. Weizsäcker) noch vergrößern. Die Aufgaben der Kulturwissenschaften sind hier eindeutig: sie haben die kulturelle Vielfalt der Menschheit, die Dimension der Geschichte, die Vermögen der Kommunikation und Verständigung sowie den Horizont des Lebens im Erdkreis nicht etwa nur zu bewahren, sondern als Bedingungen des wissenschaftlichen Fortschritts auch der hochtechnischen Gesellschaften stark zu machen.