Über die objektivierende Perspektive hinaus

von Stefan Bauberger

Stefan Bauberger

Stefan Bauberger

Professor für Naturphilosophie, Grenzfragen der Naturwissenschaft und Wissenschaftstheorie bei Hochschule für Philosophie München
Dr. habil. Stefan Bauberger SJ ist Physiker und Philosoph, Professor für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie sowie Zenmeister, spiritueller Leiter des Hauses Nordwaldzendo und Priester.
Stefan Bauberger

Thesen auf der Tagung Gottesteilchen oder: Was die Welt im Innersten zusammenhält“, 18. Dezember 2012, Tagungszentrum Hohenheim

Objektivierung

  • Zur Naturwissenschaft gehört das Projekt der objektiven Erkenntnis. Schon Demokrit (einer der Begründer der antiken Atom-Hypothese) unterscheidet ausdrücklich zwischen der echten Erkenntnis der Naturwissenschaft und der unechten Erkenntnis der Sinne.

→ (echte) objektive Erkenntnis versus (unechte) subjektive Erkenntnis

  • Diese objektive Erkenntnis der Naturwissenschaft (allgemeiner: der empirischen Wissenschaft) ist echte Erkenntnis und sie ist in ihrer Weise ein vollständiges Wissen von der Welt. Sie ist aber Erkenntnis nur in einer bestimmten Perspektive, die das Subjektive ausdrücklich ausklammert.

→ Objektive Erkenntnis ist das Ergebnis einer objektivierenden Perspektive. Sie unterliegt den Beschränkungen, die mit dieser Perspektive gegeben sind.

Über die objektive Perspektive hinaus

Warum sind wir hier?

  • Erst einmal ganz konkret: Warum sind wir hier im Raum versammelt?

→ Wir können dieses Phänomen in der naturwissenschaftlichen Perspektive erklären. Durch bestimmte Prozesse in unseren Gehirnen wurden unsere Körper so gesteuert, dass sie sich mit verschiedenen Mitteln hierher bewegt haben. Eine Beschreibung dieser Vorgänge auf der Ebene der Wechselwirkungen und Bewegungen der Atome und Moleküle ist zwar praktisch unmöglich, aber vorstellbar, und sie ist als eine solche Beschreibung vollständig.

→ Haben wir damit verstanden, warum wir hier sind? Müssen dazu nicht vielmehr über unsere Motive sprechen, die uns hierher geführt haben? – Das ist eine ganz andere Ebene oder Perspektive der Beschreibung, die vom Subjektiven nicht abstrahieren kann, die aber über die (in sich vollständige) physikalische Beschreibung hinaus ganz Wesentliches zum Verständnis beiträgt.

  • Vielleicht gibt es eine analoge subjektive Perspektive auch zur metaphysischen Frage „Warum sind wir hier? Warum existiert überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“
  • Warum glauben wir in unserer Diskussion, dass der Andere versucht, die Wahrheit zu sprechen? Ist es besser, die Wahrheit zu sprechen als zu lügen? Wenn ja, dann kennen wir schon einen Begriff, dass ein Zustand besser ist als ein anderer. Das ist jenseits eine objektivierenden Perspektive. Diese kennt kein Kriterium für besser oder schlechter.
  • Was sagt die Naturwissenschaft über die Welt? Physikalische Formel und Begriffe tragen gar nicht zur Weltdeutung, zur Weltanschauung bei, wenn sie nicht interpretiert werden. Diese Interpretationen sollen nicht einfach nur subjektiv sein, sie sollen vielmehr an die Physik und andere Naturwissenschaften anknüpfen, aber sie enthalten subjektiv geprägte Perspektiven.
  • Warum suchen wir nach der Weltformel? Warum glauben an die große Vereinheitlichung? Es gibt keinen objektiven Grund, warum die Welt mit Naturwissenschaft grundlegend verstehbar sein sollte, und noch viel weniger einen Grund, warum die grundlegende Beschreibung einfach und elegant sein sollte.

→ Jenseits einer rein objektivierenden Perspektive lässt sich das so verstehen, dass Erkennen und Sein in einer Einheit stehen oder aus einer Einheit kommen. Das Geistige (bzw. das Bewusstsein) und das Materielle sind ursprünglich verbunden.

  • Die Qualia-Frage: Lassen sich die Qualia unseres Erlebens in rein objektiver Weise erkennen? Ist das Erleben der Farbe Rot nicht etwas kategorial anderes als das Wissen über die Vorgänge bei diesem Erkenntnisvorgang?

Ontologie über die objektivierende Perspektive hinaus

  • Die platonische Ontologie (mit traditionellen Erweiterungen) kennt das Sein, das Wahre, das Gute und das Schöne als grundlegende Perspektiven dessen was existiert. Diese Ontologie schließt die subjektiven Perspektiven und viele Zwischenstufen zwischen einer rein objektiven Erkenntnis und einer rein subjektiven Erkenntnis mit ein.

→ Ist eine solche reichere Ontologie nicht viel besser geeignet, die Welt zu beschreiben, so wie wir sie erleben und wir in ihr leben? – Als Erkennende und als Handelnde, die nach Sinn suchen?

  • Wichtig: Dieses Perspektivenmodell geht nicht davon aus, dass neben den „materiellen“ Dingen noch andere, geistige Dinge existieren. Die Wirklichkeit wird in der objektivierenden Perspektive zu einer, die aus materiellen Dingen besteht, sie kann in anderen Perspektiven eine sein, in der es Schönen, Wahres und Gutes gibt, aber eben nicht neben der Materie.

Religion

  • Die objektivierende Perspektive als prinzipiell begrenzt in ihrer Erkenntnisfähigkeit zu erkennen, öffnet einen Raum auch für religiöse Erkenntnis.
  • Diese hat keine anderen Erkenntnisobjekte als die Naturwissenschaft. Wenn die Entstehung der Welt durch Schöpfung erklärt wird, dann heißt das nicht, dass neben oder hinter den physikalischen Ursachen noch eine Ursache namens „Gott“ existiert, die der Physik nicht zugänglich ist. Sondern es heißt, dass die Existenz der Welt als eine sinnvolle, eine gute und schöne Welt eine Perspektive erschließt, die in ganz anderer Weise zur Erklärung ihrer Existenz beitragen kann.
  • Die religiöse Perspektive ist aber tatsächlich keineswegs selbstverständlich, sondern sie bedarf einer „Rechtfertigung“ (Rüdiger Vaas: „Beweispflicht“). Es ist nicht selbstverständlich, dass die Existenz der Welt gut und schön ist. Das lässt sich aber nicht in derselben Weise rechtfertigen oder beweisen wie in der Naturwissenschaft argumentiert wird, sondern es ist ein zutiefst menschliches Gespräch, das hier gefragt ist.

Die Beiträge der Tagung in Thesen