Schöner neuer Mensch – Transhumanismus trifft christliches Menschenbild

von Stefan Lorenz Sorgner

Stefan Lorenz Sorgner

Stefan Lorenz Sorgner

Associate Professor of Philosophy an der John Cabot University in Rom, Mitbegründer und Direktor des Beyond Humanism Network. Er ist Fellow am Institute for Ethics and Emerging Technologies (IEET) und Research Fellow am Ewha Institute for the Humanities in Seoul. Schwerpunktthemen u.a. Nietzsche, Transhumanismus. Veröffentlichungen u.a. Schöner Neuer Mensch (2018); Übermensch: Plädoyer für einen Nietzscheanischen Transhumanismus (2019).
Stefan Lorenz Sorgner

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Smart Cities brauchen geupgradete Menschen!” – davon ist Prof. Dr. Stefan Lorenz Sorgner bei der Vorstellung seiner transhumanistischen Vision vom schönen neuen Menschen überzeugt. Dazu sollen Computerchips und Sensoren Einzug in unsere Körper halten und uns mit unserer Umwelt vernetzen. Ziel sei u. a. eine vorausschauende Überwachung, die alterungsbedingte Fehlentwicklungen rechtzeitig korrigiere und so die Gesundheitsspanne des Menschen deutlich erweitere. Als Voraussetzung dafür müsse es eine umfassende, personalisierte Datenerhebung geben, die auch unseren Genbestand erfasst. Um diese “Big-Gene-Data” vor Missbrauch zu schützen, sollten sie – laut Sorgner – nicht von Menschen, sondern von Algorithmen überwacht werden.

    Streitfall Transhumanismus – die kontroversen Thesen in 1 Minute

    Bei der Podiumsdiskussion plädiert der Religionsphilosoph Benedikt Paul Göcke für die kritische Rezeption eines moderaten Transhumanismus, während der Theologe Johannes Hoff deutlich vor den Gefahren eines Transhumanismus warnt.

        Sorgners Plädoyer für ein “Upgrade des Menschen”

        Was ist “Transhumanismus”?

        Julian Sorell Huxley war Biologe und als erster UNESCO-Generalsekretär an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt.
        Foto CC BY-SA 3.0 nl (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/nl/deed.en)

        Der Begriff “Transhumanismus” wurde – so Sorgner – 1951 vom Biologen Julian Huxley geprägt, dem Bruder von Aldous Huxley, Autor des bekannten Romans “Schöne neue Welt”. Als Biologe hätte Julian Huxley die Einbettung des Menschen in die Natur ernst genommen und dabei eine evolutionäre Weiterentwicklung eingeschlossen. Damit sei die grundsätzliche Denkweise der Transhumanisten getroffen, insbesondere mit Blick auf die neuen Techniken, die nun ein aktives Eingreifen in die Selbstgestaltung des Menschen erlaubten.

        Große technische Innovationen der Gegenwart wie Smartwatches, das Internet der Dinge und eine ständig wachsende Zahl selbstfahrender Autos seien heute bereits ein fester Bestandteil unserer Lebenswelt. Es sei naiv anzunehmen, dass all diese Entwicklungen damit abgeschlossen sind. Für Sorgner befindet sich das digitale Zeitalter erst in der Embryonalphase und wird mit umwälzenden Veränderungen voranschreiten. Insbesondere das Zusammentreffen von Digitalisierung und Gentechnik bereite den Boden für eine radikale Transformation des Menschen und seiner Lebensweise. Hinzu komme eine zunehmende Cyborgisierung des Menschen durch Chips und Sensoren, die Einzug in unseren Körper halten und mit der Umwelt interagieren, um alterungsbedingte Fehlentwicklungen rechtzeitig zu korrigieren (“predictive maintainance”) und damit die Gesundheitsspanne drastisch zu erweitern.

        “Daten sind das neue Öl”

        Um das Potenzial sowohl der genetischen Veränderung als auch der predictive maintainance nutzen zu können, sei eine umfassende personalisierte Datenerfassung unumgänglich und politisch zu wollen, inklusive eines europäischen Sozialkredit-Systems. Länder und Institutionen (Google, facebook, China) hätten mit Daten die beste Grundlagen für weiteren wirtschaftlichen Aufschwung. So werde in China ab 2020 ein Sozialkredit-System flächendeckend angewendet. Europa dagegen habe Datenschutzbestimmungen institutionalisiert, die der Möglichkeit einer hilfreichen Erfassung digitaler Daten entgegenstehen. Damit würden viele grundlegenden individuellen und europäischen Interessen untergraben – mit verheerenden gesellschaftlichen Folgen, falls wir eine umfassende Datensammlung weiter verhindern. Sorgner fordert daher “ein europäisches Sozialkredit-System als pragmatische Notwendigkeit!” Im Unterschied zu China solle das System allerdings auf der Norm der Freiheit aufgebaut sein.

        Eine vollständige Überwachung müsse dabei durchaus nicht bedeuten, dass Freiheit gefährdet sei. Dass eine solche Gefahr natürlich bestehe, sei der Hauptgrund für die Angst vor solchen Strukturen. Eine Möglichkeit, mit dieser Angst umzugehen, könne darin bestehen, dass primär Algorithmen für die Überwachung eingesetzt werden. In diesem Fall werde die Wahrscheinlichkeit menschlichen Missbrauchs verringert. Psychologische Studien hätten bestätigt, dass Menschen weniger Angst davor haben, von Algorithmen überwacht zu werden als von anderen Menschen. Außerdem könnten Algorithmen so programmiert werden, dass Menschenrechte berücksichtigt werden.

        Die Realisierung all der positiven Ziele erscheint Sorgner so wichtig, dass das Nichterheben von Daten für ihn keine pragmatisch-realistische Option darstellt. Abschließend bilanziert Sorgner, dass er “es kaum erwarten kann, dass unsere posthumane Zukunft eintritt”.

        Göckes kritische Rezeption eines moderaten Transhumanismus

        Göcke: “Können wir die Daten nicht auch anders generieren?”

        Eine solche Euphorie wird bei dem christlichen Religionsphilosophen Prof. Dr. Dr. Benedikt Paul Göcke zwar nicht laut, gleichwohl entdeckt er Schnittmengen zwischen dem christlichen Glauben und einem “moderaten Transhumanismus”. Wenn man mit Göcke zu den Kernelementen christlichen Glaubens den Menschen als Mitschöpfer Gottes zählen kann, der dafür Sorge zu tragen hat, dass es möglichst viel Wohlergehen in der Schöpfung gibt, dann gibt es mit dem Transhumanismus als “besserer Medizin” gemeinsame Ziele. Dies beschränke sich nicht auf Therapie, auch Optimierung sei davon nicht ausgenommen. Wie Sorgner sieht auch Göcke einen radikalen Transhumanismus, der “Mind-Uploading” in Aussicht stellt, als Science-Fiction an.

        Auch mit der Erweiterung des Personbegriffs, den Sorgner – rein spekulativ – auch hochentwickelten KI-Systemen nicht vorenthalten will, kann sich Göcke anfreunden – prinzipiell jedenfalls. So könne es Personen geben, die nicht der Art Homo sapiens angehören. Gleiches werde in der sog. Exotheologie diskutiert, bei der es um mögliche außerirdische Bewusstseinsformen gehe.

        Die kritischen Anfragen Göckes beziehen sich auf die totale Überwachung. Benötigt man zur Erhöhung des Wohlstands tatsächlich personenbezogene Daten in der Größenordnung, die Sorgner vorschwebt? Widerspricht das nicht dem Recht auf Privatheit und damit – auch theologisch gesprochen – der Menschenwürde? Was geht dabei – zugunsten des Kollektivs – für das Individuum verloren? Wollen wir bei diesen Kosten eigentlich “maximalen Wohlstand”?

        Hoff bedenkt die Verkettung des Digitalen mit dem Ökonomischen

        Hoff: “Künstliche Intelligenz ist nicht unvoreingenommen!”

        Hauptansatzpunkt für die Kritik des Theologen Prof. Dr. Johannes Hoff ist der ökonomische Wesenszug des Digitalen. Digitale Systeme operieren laut Hoff wie unsere Wirtschaft, und “Big Data” sei ein Produkt der Ökonomie. So bezögen sich die bekannten Ranking-Systeme auf ökonomische Nachfrage: Der Satz “Jesus ist der Sohn Gottes” sei danach weniger wichtig als “Jesus ist ein Alien”, da aufgrund von marktwirtschaftlicher Nachfrage der zweite Satz höher gerankt werde. Die Bewertung durch Künstliche Intelligenz sei also keineswegs neutral und unvoreingenommen. Genau das aber werde im allgemeinen angenommen, da man der Entscheidung einer Maschine mehr Rationalität unterstelle als einer menschlichen Entscheidung.

        Menschliche Intelligenz erscheine oft als irrational, weil sie nicht unseren statistischen Erwartungen entspreche. Dabei operiere die menschliche Intelligenz viel kontextsensitiver, z. B. in dem Bewusstsein, dass mehr im Spiel sein könnte, als gerade offensichtlich ist. Deshalb bezögen Menschen – übrigens auch evolutionär verwurzelte – Erfahrungswerte und Intuitionen ein, die statistisch irrational, aber bei genauerem Hinsehen durchaus rational sind. KI-Systeme müssten davon abstrahieren, sie hätten keine Intuition, seien nicht wertesensitiv, und es bestehe auch wenig Aussicht, diese intuitive Intelligenz in Maschinen zu integrieren.

        Eine Schieflage entstünde, wenn solche Maschinen über Menschen bestimmen. Effizienzgewinne schließt Hoff zwar keineswegs aus. Aber für diese nehme man in der Ökonomie durchaus “Ausschuss” in Kauf. Menschen aber könnten nicht als Ausschuss behandelt werden. Beim Menschen gehe es im Übrigen nicht um Fairness (alle werden gleich behandelt), sondern um Gerechtigkeit! Gerechtigkeit heiße aber, dass jeder Menschen anders behandelt werden müsse. Wenn KI dazu nicht in der Lage ist, werde von vornherein ein falscher Weg beschritten.

        Die Verkettung von Dataismus (der Verarbeitung von riesigen Datenmengen durch KI) und Ökonomie sei damit nicht eine Weise, Wirklichkeit zu beschreiben, sondern eine Weise der Verhaltenssteuerung. Darum sollten wir aufpassen, nicht in einen algorithmischen Gouvernementalismus hineinzurutschen.

        Abschließend macht Hoff auf die Beispiellosigkeit der derzeitigen Entwicklung aufmerksam. So sei auch der Totalitarismus bis zum 20. Jahrhundert beispiellos gewesen. Als er mit Hitler (und Stalin) aufgekommen sei, dachten die Menschen zunächst an einen neuen König, der er aber bekanntlich nicht gewesen sei. Analog schließt Hoff: “Was uns bevorsteht in diesen technischen Entwicklungen ist nicht eine neue Form von Totalitarismus, sondern eine Form von Machtausübung, die beispiellos ist in der Geschichte, aber aus dem gleichen Grunde noch viel gefährlicher ist als die Totalitarismen, die wir bisher kennen gelernt haben.”

        Siehe auch die Rezension von Heinz-Hermann Peitz zu Sorgers Buch “Schöner neuer Mensch”.

        Die Beiträge der Tagung

        Der auf Philosophie des Geistes spezialisierte Godehard Brüntrup hält die Konstruktion künstlicher Freiheitssubjekte prinzipiell durchaus für denkbar. Aber unser Verständnis der grundlegenden geistigen Zusammenhänge sei auf absehbare Zeit dafür nicht ausreichend. So bleibe es eine hochspekulative Möglichkeit, die den Transhumanismus konkret nicht beflügeln könne.

        Die Jahrestagung des Religion and Science Network Germany (RSNG) diskutierte 2019 vor allem den Schwerpunkt "Transhumanismus". Auf der Themenseite sind auch die diesbezüglichen Projekte subsumiert. Neben dem jeweiligen Hauptthema werden bei einer RSNG-Tagung auch sonstige interdisziplinäre Projekte im Dialogfeld von Naturwissenschaft, Philosophie, Theologie vorgestellt. Sie finden hier eine Auswahl. Buch- und Projektvorstellungen