Schöpfungsglaube zwischen Anti-Evolutionismus und Atheismus

von Reinhard Hempelmann

Reinhard Hempelmann

Reinhard Hempelmann

Dr. theol. Reinhard Hempelmann war von 1992 bis 1998 Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) für neue religiöse und geistliche Bewegungen, seit 1999 Leiter der EZW und seit 2003 Lehrbeauftragter an der Theol. Fakultät der Universität Leipzig. Exemplarische Veröffentlichungen: (Hg.), Schöpfungsglaube zwischen Anti-Evolutionismus und neuem Atheismus, EZW-Texte 204, Berlin 2009;Die Faszination des Irrationalen und die Vernunft des Glaubens, EZW-Texte 241, Berlin 2016.
Reinhard Hempelmann

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In dem Workshop “Ursprung des Universums” trafen Physiker (M. Bartelmann, J. Hüfner) auf Philosophen (H. Tetens, J. Halfwassen) und Theologen (W. Härle, D. Evers, R. Hempelmann).

Reinhard Hempelmann stellt den Schöpfungsglauben in den Kontext heutiger Herausforderungen. Nach dem Vortragsvideo ist die Tischvorlage Hempelmanns dokumentiert.

    Tischvorlage

    Schöpfungsglaube im Kontext heutiger Herausforderungen

    Esoterische Bewegungen plädieren für eine das Ganze umgreifende, spirituelle Weltsicht. Die dualistische Weltauffassung, die von einer Entgegensetzung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Körper und Geist, zwischen Gott und Welt ausgeht, soll verabschiedet werden. An ihre Stelle soll eine Weltbetrachtung treten, in der das Göttliche in der Welt als „kosmische Lebensenergie“ überall wirkt und sich als kosmisch-evolutives Prinzip entfaltet, als „Geist des Universums“ und sich manifestierende Kraft der Selbstorganisation.

    Andere Interessen verfolgt eine materialistisch-evolutive Weltanschauung, die in atheistischen Weltdeutungen eine zunehmende öffentliche Sichtbarkeit und Resonanz erfahren hat. Sie geht davon aus, dass die gesamt Wirklichkeit verstanden werden kann als „pure Selbstentfaltung der physikalisch, biologisch, biochemisch oder biogenetisch zu erfassende Materie“. (Medard Kehl)

    Während die grundlegende weltanschauliche Orientierung esoterischer Bewegungen lautet, dass der Geist die Materie bestimmt, wird dieses Motto in materialistischen Weltanschauungen gewissermaßen umgedreht.

    Atheismus

    Neue atheistische Bewegungen, die im 21. Jahrhundert eine zunehmende öffentliche Resonanz erfahren haben, sind auch auf dem Hintergrund fundamentalistischer Tendenzen in den Religionen zu verstehen. Der 11. September 2001 hat Debatten überproblematische Seiten der Aufrichtung religiöser Autoritäten und über den Zusammenprall der Kulturen (clash of civilizations) hervorgerufen. In neuen atheistischen Bewegungen wie sie publizistisch ihren Ausdruck in den Büchern von Richard Dawkins (Der Gotteswahn), Daniel Dennett (Den Bann brechen. Religion als natürliches Phänomen), Sam Harris (Das Ende des Glaubens) und Christopher Hitchens (Der Herr ist kein Hirte) fanden, wird die Wahrnehmung der Religionen auf ihre dunkle Seite konzentriert.

    Religionen werden nicht als Quelle moralische Verpflichtungen und Vermittlungsinstanzen eines Orientierungswissens wahrgenommen, sondern als Verstärker gewaltsamer Konflikte. Atheistische Bewegungen gehen von einer engen Verbindung zwischen wissenschaftlicher Weltwahrnehmung und Atheismus aus. Weitere Kennzeichen dieser Ausrichtung sind: polemische Religionskritik, Religionskritik im Namen der Wissenschaft, vor allem der Naturwissenschaften, Ablehnung nicht nur des religiösen Fundamentalismus, sondern auch der moderaten Religiosität.

    Das kreationistische Paradigma

    Mit dem Wort Kreationismus wird jene Auffassung bezeichnet, die auf Genesis 1 und 2 Bezug nimmt und diese Texte in einer sehr spezifischen Weise auslegt: Gott habe gemäß der wortwörtlich zu nehmenden Schrift die Welt in exakt sechs Tagen geschaffen. Die Evolutionstheorie sei deshalb nicht zutreffend. „Für die bibelorientierte Wissenschaft gilt – auch angesichts enormer Probleme –, daß die Aussagen der Heiligen Schrift Vorrang vor empirisch begründeten Theorien haben, auch wenn diese gut durch Daten gestützt zu sein scheinen.“ (Reinhard Junker) Kreationistische Perspektiven können unterschiedlich ausgerichtet sein (Kurzzeitkreationismus, Langzeitkreationismus) und sehen zwischen naturwissenschaftlicher Welterkenntnis – wie sie etwa in der Evolutionsbiologie vorausgesetzt wird – und dem christlichen Schöpfungsglauben einen unüberbrückbaren Gegensatz.

    Kreationismus und ID

    In dem anspruchsvolleren Konzept vom „Intelligenten Design“ (ID), das wie der Kreationismus antievolutionistisch ausgerichtet ist und das nicht nur von evangelikalen Christen vertreten wird, wird von der komplexen Struktur der Lebewesen und einer angenommenen Zielgerichtetheit der Natur auf einen intelligenten Planer, Designer und Architekten geschlossen. Dies geschieht in Analogie zur Struktur teleologischer Gottesbeweise, wie sie aus der Geschichte der Theologie und Philosophie bekannt sind.

    Abschließende Bemerkung

    In kreationistischen Bewegungen wird der Antievolutionismus zu einem Kriterium für die Authentizität des christlichen Glaubens erhoben. Auf konstruierte „kreationistisch-atheistische Frontverläufe“ sollten sich Naturwissenschaftler und Theologen nicht einlassen. Sie sollten vielmehr die „detail- und umfangreiche wissenschaftliche Datenbasis für die Theorie der Evolution“ (Ulrich Lüke) zur Kenntnis nehmen und ihre Aufmerksamkeit auf die Frage angemessener theologischer Auslegungen biblischer Schöpfungsaussagen richten.

    Es ist richtig und begründet, auf die Offenheit der Schöpfung für Gottes Wirken hinzuweisen. Die naturwissenschaftliche Kosmologie enthält jedoch keine eindeutige religiöse Botschaft. „Die Erkenntnis der Existenz der welthaften Erkenntnisgegenstände im einzelnen oder der Welt im ganzen führt also nicht von sich aus zur Erkenntnis des (oder eines) nicht-weltlichen Ursprungs der Welt.“ (W. Härle) Der christliche Glaube kommt aus dem Hören des Evangeliums.

    Zitate

    HVD Bayern, Humanistische Grundsätze, 2012:

    … Humanisten sind Atheisten oder Agnostiker (gegenüber Göttern, Engeln, Dämonen und sonstigen übernatürlichen Mächten). Dies ist kein unbegründetes Dogma, sondern folgt als Konsequenz aus der Anwendung kritischer Vernunft. … Für Humanisten zählt das Diesseits, das einmalige, unwiederholbare Leben. Sie glauben nicht an ein Jenseits, an Auferstehung oder Seelenwanderung.

    Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel von 1978, Artikel XII:

    Wir verwerfen die Ansicht, daß die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel auf geistliche, religiöse oder die Erlösung betreffende Themen beschränkt seien, sich aber nicht auf naturwissenschaftliche Aussagen bezögen. Wir verwerfen ferner die Ansicht, daß Hypothesen der Wissenschaft im Blick auf die Erdgeschichte mit Recht verwandt werden könnten, um die biblische Lehre über Schöpfung und Flut umzustoßen.

    Werner Gitt (geb. 1937):

    Der biblische Schöpfungsbericht sollte nicht als Mythos, als Parabel oder als Allegorie angesehen werden, sondern als ein historischer Bericht, weil er biologi­sche, astronomische und anthropologische Tatsachen in lehrhafter Form enthält. In den Zehn Geboten begründet Gott die sechs Arbeitstage und den Ruhetag für uns mit seinem im Schöpfungsbericht beschriebenen Handeln von gleicher Zeitdauer (2. Mose 20,8 – 11). Jesus bezieht sich im Neuen Testament wiederholt auf Fakten der Schöpfung (z. B. Matthäus 19,4 – 5). An keiner Stelle in der Bibel gibt es Hinweise darauf, dass der Schöpfungsbericht anders als ein Tatsachenbericht zu verstehen sei.

    Studiengemeinschaft Wort und Wissen, Baiersbronn:

    Die Evolutionslehre als Gesamtanschauung macht Aussagen über einen mutmaßlichen vergangenen Ablauf, der als solcher nicht direkt untersuchbar ist. Sie ist damit am ehesten mit einer  geschichtlichen Rekonstruktion vergleichbar, wie sie auch in den Geschichtswissenschaften anhand von Dokumenten der Menschheitsgeschichte vorgenommen wird.

    Michael J. Behe (geb. 1952):

    Ein irreduzibel komplexes System kann nicht auf direktem Weg, also durch kontinuierliche Optimierung einer ursprünglichen Funktion infolge vieler kleine aufeinander folgender Veränderungsschritte aus einem Vorläufersystem entstehen. Der Grund liegt darin, dass jede evolutionäre Vorstufe, der naturgemäß noch eines oder mehrere Teile des irreduzibel komplexen Systems fehlt, definitionsgemäß funktionslos ist. Die Existenz irreduzibel komplexer Biosysteme wäre somit eine echte Herausforderung an die Darwinsche Evolution.

    Die Beiträge des Workshops im Einzelnen