Naturwissenschaft trifft Religion

von Ian G. Barbour

Ian G. Barbour

Ian G. Barbour

Professor em. of Science, Technology and Society bei Carlton College
Prof. Dr. Dr. h.c. Ian G. Barbour ist Theologe und Physiker, Winifred and Atherton Bean Professor Emeritus of Science, Technology and Society am Carlton College in Northfield, Minnesota. Sein Buch "Issues in Science and Religion" gilt als Grundstein des akademischen Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Religion. 1999 erhielt er den Templeton Prize for Progress in Religion.
Ian G. Barbour

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Naturwissenschaft trifft Religion Book Cover Naturwissenschaft trifft Religion
Ian G. Barbour
Religion
Vandenhoeck & Ruprecht
2010
224

Das englische Original präsentiert sich als DIE Einführung zu dem Verhältnis zwischen Religion und Naturwissenschaft. Und das ist nicht übertrieben. Ian G. Barbour ist der Nestor des naturwissenschaftlich-religiösen Dialogs und sein Buch hält, was es verspricht: Barbour gibt eine übersichtliche, aktuelle Einführung in die Kernthemen des Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Glaube. In einfacher, klar verständlicher Sprache beleuchtet er die faszinierenden Themen, die sich an der Schnittstelle der materiellen und der spirituellen Dimension des Lebens ergeben, z.B. Neurowissenschaften, Genetik und die Natur des Menschen, Evolution und andauernde Schöpfung, die Implikationen der Quantenphysik für das Weltbild, Astronomie und Schöpfung.

Der Altmeister des Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Religion, Ian Barbour, wendet in seinem neuesten in Deutsch erschienenen Werk seine 4 Beziehungstypen (Konflikt, Unabhängigkeit, Dialog, Integration) konkret auf einzelne Themenfelder wie Astronomie, Quantenphysik, Evolution, Genetik, Neurowissenschaften etc. an. Dialogtheorie bei der praktischen Arbeit!

Vor der Leseprobe des Vorworts, ein Reiseführer durch das gesamte Buch, finden Sie einen Auszug aus einem Interview, das Heinz-Hermann Peitz mit Ian Barbour über Intelligent Design geführt habe. Sie können sich an anderer Stelle auch das gesamte Interview anhören.

Vorwort

(mit freundlicher Genehmigung von Vandenhoeck und Ruprecht)

Die erste Begegnung der Religion mit den modernen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert verlief friedlich. Die meisten Begründer der wissenschaftlichen Revolution waren gläubige Christen, die überzeugt waren, dass sie in ihrer wissenschaftlichen Arbeit das Werk des Schöpfers erforschten. Im 18. Jahrhundert glaubten zwar viele Naturwissenschaftler nicht mehr an einen persönlichen Gott, der aktiv an der Welt und dem menschlichen Leben teilnimmt, aber sie waren überzeugt, dass er das Universum entworfen hatte. Im 19. Jahrhundert standen einige Naturwissenschaftler der Religion feindselig gegenüber obwohl Darwin selbst behauptete, dass Gott zwar nicht die Besonderheiten der einzelnen Arten, aber den Prozess der Evolution geplant hatte.

Im 20. Jahrhundert hat die gegenseitige Beziehung von Religion und Naturwissenschaft viele Formen angenommen. Neue wissenschaftliche Entdeckungen stellten viele traditionelle religiöse Vorstellungen in Frage. Einige haben daraufhin die bisherigen Lehren verteidigt, andere haben sich von der religiösen Tradition abgewandt, und wieder andere haben die über lange Zeit akzeptierten Begriffe im Licht der Wissenschaft neu formuliert. An der Schwelle zum neuen Jahrtausend ist das Interesse an diesen Fragen unter Naturwissenschaftlern, Theologen, in den Medien und der Öffentlichkeit neu erwacht. In diesem Buch werden sechs der am meisten diskutierten Fragen aufgegriffen.

Naturwissenschaft und Religion: Gegner, Fremde oder Partner?

Oft werden Naturwissenschaft und Religion als Gegner angesehen, die in einen tödlichen Kampf verstrickt sind. In beiden Lagern gibt es Leute, die den Krieg, vor allem, wenn es sich um die Evolution dreht, in aggressiver Weise fortsetzen. Man kann jedoch den Konflikt vermeiden, wenn Naturwissenschaft und Religion wie Fremde in einem sicheren Abstand voneinander verschiedene Bereiche beanspruchen. Die Naturwissenschaft, so sagt man, fragt nach dem kausalen Zusammenhang von Ereignissen, die Religion nach der Bedeutung und dem Ziel unseres Lebens. Die beiden Arten der Fragestellung erschließen die Welt unter komplementären Gesichtspunkten, die voneinander getrennt und unabhängig sind und nicht miteinander in Konflikt geraten. Heute jedoch suchen viele Menschen nach einer konstruktiveren Form der Partnerschaft. Sie sind überzeugt, dass die Naturwissenschaft Fragen stellt, die sie selbst nicht beantworten kann. Warum gibt es überhaupt ein Universum? Warum ist es genau auf diese Weise geordnet? Ist es das Ergebnis eines intelligenten Designs? Viele Teilnehmer an diesem Dialog wissen um die Begrenztheit ihres eigenen Bereichs und haben nicht den Anspruch, alle Fragen beantworten zu können. Sie sind überzeugt, dass wir voneinander lernen können. Einige Theologen formulieren die traditionellen Vorstellungen von Gott und der menschlichen Natur neu, indem sie Erkenntnisse der Naturwissenschaften berücksichtigen und sich gleichzeitig bemühen, den Kern ihres religiösen Erbes zu bewahren.

Im Anfang: Warum gab es den Urknall?

In überzeugender Weise haben Astronomen gezeigt, dass die Ausdehnung des Universums vor etwa 15 Milliarden Jahren mit einem winzigen, unvorstellbar heißen Feuerball begonnen hat. Aber wie können wir den Anfang selbst erklären, an dem die Gesetze der Physik ungültig werden? Der Theist sieht in ihm den Moment der Schöpfung und den Anfang von Zeit. Doch der Atheist kann erwidern, dass es eine unendliche Zeitspanne gegeben haben könnte, in der viele Universen spontan und rein zufällig entstanden sind. Eine weitere Alternative beruht auf der Auffassung, dass es ein oszillierendes Universum gegeben hat, in dem eine Phase der Kontraktion der gegenwärtigen Expansion voranging. Wie dem auch sei, angesichts der ungeheuren Größe und Dauer des Universums erscheint das kurze Dasein der Menschheit auf einem unbedeutenden Planeten als belanglos. Bei der Interpretation der Geschichte des Universums trifft die Religion auf die Naturwissenschaft.

Die Quantenphysik: Eine Herausforderung für unsere Annahmen über die Wirklichkeit?

Die klassische Physik war durch die Annahme, dass das Verhalten aller Objekte aus der Kenntnis ihrer kleinsten Bestandteile exakt vorhergesagt werden kann, deterministisch und reduktionistisch. Die Quantenphysik geht dagegen von einer inhärenten Unbestimmtheit bei der Vorhersage von Ereignissen auf der atomaren und subatomaren Ebene aus. Außerdem ist sie holistisch, indem sie zeigt, dass das Verhalten größerer Einheiten sich nicht aus der Summe des Verhaltens ihrer Teile ergibt, sondern charakteristische Systemgesetze beinhaltet. Die Quantenwelt kann zudem nie an sich erkannt werden, sondern nur, indem sie aufgrund einer bestimmten Versuchsanordnung mit dem Beobachter in Wechselwirkung steht. Die Quantenphysik ist daher ein Indiz für die Offenheit der Zukunft, die Vernetzung von Ereignissen und die Begrenzung es menschlichen Wissens. Einige theistische Interpreten schlagen vor, dass Gott selbst die Unbestimmtheiten determiniert, die die Gesetze der Quantenphysik offen lassen. Verfechter der östlichen Mystik glauben, dass der Quantenholismus ihren Glauben an die fundamentale Einheit alles Seienden unterstützt. Naturwissenschaftler, Philosophen und Theologen werden durch die neue Physik zu einer spannenden Diskussion über Zeit, Kausalität und die Natur der Wirklichkeit angeregt.

Darwin und der Genesis-Bericht der Bibel: Ist die Evolution Gottes Weg der Schöpfung?

Wir haben alle von den Debatten über Darwins Evolutionstheorie gehört, die atheistische Naturwissenschaftler und Vertreter einer wörtlichen Auslegung der Bibel erhitzt führen. Zwischen diesen Extremen gibt es jedoch viele Naturwissenschaftler und Theologen, die an der Evolutionstheorie festhalten und gleichzeitig an Gott glauben. Von wissenschaftlicher Seite wurden neue Konzepte der Komplexität und der Selbstorganisation verwendet, um die Emergenz höherstufiger Ebenen darzustellen. Einige Wissenschaftler haben die Rolle der Information für die Molekularbiologie, die Geschichte der Evolution und die embryonale Entwicklung betont; sie sind der Auffassung, dass die Formen der Beziehungen entscheidender sind als die Materie, in der sie ausgedrückt werden. Von theologischer Seite haben viele Wissenschaftler die mittelalterliche Auffassung von einem statischen Universum verworfen, in dem alle Kreaturen in ihrer gegenwärtigen Form geschaffen wurden. Sie haben die Vorstellung von einem dynamischen Universum erforscht, das über einen langen Zeitraum hinweg von einem Gott erschaffen wurde, der der Natur immanent ist und sie zugleich transzendiert, und sind davon überzeugt, dass das Modell einer kontinuierlich fortdauernden Schöpfung im Einklang mit dem biblischen Verständnis des Heiligen Geistes ist, der in der Natur und im menschlichen Leben wirkt.

Die menschliche Natur: Sind wir durch unsere Gene determiniert?

Die Zwillingsforschung zeigt, dass das genetische Erbe viele Verhaltensweisen stark beeinflusst. Andere Studien belegen, dass die Beeinträchtigung bestimmter Bereiche des Gehirns und Veränderungen in der Zusammensetzung der chemischen Stoffe tiefgreifende Auswirkungen auf einzelne mentale Fähigkeiten haben. Einige Naturwissenschaftler schließen daraus, dass die menschliche Freiheit eine Illusion ist. Andere argumentieren wiederum, dass wir, obwohl unsere Entscheidungen gravierend durch Gene und Neuronen beschränkt sind, noch immer frei in einem begrenzten Bereich von Möglichkeiten wählen können. Die Abhängigkeit des mentalen und spirituellen Lebens von biologischen Prozessen stellt den traditionellen Dualismus von Körper und Seele und von Materie und Geist in Frage. Naturwissenschaftler und Theologen entwickeln die Auffassung von einem verkörperten, sozialen Selbst, das mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der Anthropologie ebenso verträglich ist wie mit der biblischen Auffassung der Person als Einheit von Denken, Fühlen, Wollen und Handeln. Es gilt zu zeigen, dass Menschen zugleich ein biologischer Organismus und ein verantwortliches Selbst sein können.

Gott und Natur: Kann Gott in einer von Gesetzen determinierten Welt wirken?

Ein Gott, der das Universum entworfen hat und es dann seinen eigenen Weg gehen lässt, ist zu weit vom menschlichen Leben entfernt, um noch eine religiöse Bedeutung zu haben. Aber kann Gott überhaupt irgendeine Rolle in einer Welt spielen, die durch die Gesetze der Naturwissenschaften determiniert ist? Gott, so lautet eine traditionelle Antwort, unterstützt gesetzmäßige Beziehungen und wirkt durch sie, um vorherbestimmte Ziele herbeizuführen. Aber verträgt sich die Prädestination mit der menschlichen Freiheit, mit der Gegenwart des Bösen und des Leids in der Welt? Wir müssen, so argumentieren einige Theologen, die klassische Vorstellung von der Allmacht Gottes verwerfen. Gott, so sagen sie, habe sich selbst beschränkt, indem er eine Welt geschaffen hat, in der die menschliche Freiheit und eine gesetzesartige Ordnung möglich sind. Andere haben die Begriffe der modernen Naturwissenschaften benutzt, um auszudrücken, wie Gott, ohne gegen die Naturgesetze zu verstoßen, wirken kann etwa indem er die Unbestimmtheiten bestimmt oder Informationen vermittelt. Eine der kreativsten Arbeiten heute beruht auf der Zusammenarbeit von Naturwissenschaftlern und Theologen, die aus der sich entwickelnden Erfahrung einer religiösen Gemeinschaft schöpfen und die Entdeckungen der modernen Naturwissenschaften ernst nehmen. Diese entscheidenden Fragen werden in den folgenden Kapiteln untersucht.