Kontingenz oder das Andere der Vernunft

von Kurt Wuchterl

Kurt Wuchterl

Kurt Wuchterl

Apl. Professor für Philosophie bei Universität Stuttgart
Prof. Dr. Kurt Wuchterl ist seit 1981 außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Stuttgart.
Wuchterl studierte Mathematik, Philosophie und Physik, promovierte bei H.-G. Gadamer und D. Henrich. 1966 erhielt Wuchterl den Preis der Aristotelian Society London für eine Arbeit über phänomenologische Grundlagen der Mathematik. Ab 1970 philosophische Lehraufträge in Konstanz und Stuttgart. 1975 habilitierte Wuchterl in Sprachphilosophie und Logik an der Universität Stuttgart.
Kurt Wuchterl

Letzte Artikel von Kurt Wuchterl (Alle anzeigen)

Kontingenz oder das Andere der Vernunft Book Cover Kontingenz oder das Andere der Vernunft
Kurt Wuchterl
Philosophy
Franz Steiner Verlag Wiesbaden gmbh
2011
300

Wir leben in einer Zeit, in der die alten Ordnungsgaranten ihre Orientierungskraft verloren und die Ordnungsbrueche zu vielfaltigen Konfrontationen gefuehrt haben. Kurt Wuchterl entwickelt in seiner religionsphilosophischen Studie einen epistemischen Kontingenzbegriff, mit dem das gespannte Verhaltnis der Naturwissenschaft zur Religion eine neue Deutung erfahrt. Kontingenz beinhaltet immer die Moglichkeit des Anders-sein-konnens. Und damit stellen sich zentrale Probleme wie Zufall, Chaos und Unverfügbarkeit in verscharfter Form. Wenn es uns als Individuen nicht gelingt, diese Kontingenzen zu bewaltigen, wird die Grenze der Vernunft erreicht. Mit deren Anerkennung aber stellt sich die Frage nach dem Anderen der Vernunft. Wird dies als Chiffre des Religiosen interpretiert, zeigt sich dahinter nicht das Nichts, sondern eben gerade: ein ganz Anderes. In der Kontingenzbegegnung, wie diese Moglichkeit bezeichnet wird, scheiden sich die Geister; ihre Unbestimmtheit ist der Tribut an unsere Endlichkeit.

In seinem neuen Buch will Kurt Wuchterl zeigen, dass der Begriff der Kontingenz zur Lösung vieler Probleme zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Religion beitragen kann.

Kontingenz: -bewältigung -anerkennung -begegnung

Ausgangspunkt ist der Mensch als das Wesen, das Kontingenz erfahren kann (Bewusstsein eines Sinndefizits) und darauf antworten muss. Nicht immer kann die Antwort in derKontingenzbewältigung bestehen, die letztlich die Kontingenz zum Verschwinden bringt. Daneben muss es notwendig eine Kontingenzanerkennung geben, die durchaus auch von Atheisten und Agnostikern geteilt werden kann. Religion geht nun über die Anerkennung der Kontingenz hinaus in Richtung Kontingenzbegegnung, indem sie annimmt, dass jenseits der Grenze nicht das Nichts absoluter Dunkelheit ist, sondern ein Ort der Begegnung mit einem sich zeigenden Anderen. Dabei kommen die Grenzen der Vernunft in den Blick und das religiöse Sprechen von dem ganz anderen wird präzisiert – mit gewisser Annäherung an die negative Theologie.

Grenzüberschreitungen

Die Ausführungen beziehen sich dabei kritisch u.a. auf den Erklärungsanspruch Stephen Hawkings, dessen totale naturwissenschaftliche Kontingenzbewältigung als illegitim hingestellt wird. Aber auch dem zu würdigenden Versuch Dieter Hattrups, einen unauflösbaren Zufallsrest als „echten Zufall“ und Einfallstor der Freiheit auszuweisen, begegnet Wuchterl skeptisch, sofern Hattrup zu sehr in innerwissenschaftliche Diskussionen eingreife und damit in die Nähe eines Lückenbüßergottes gerate.

Fazit

Jenseits von Grenzüberschreitungen der einen wie der anderen Seite versucht Wuchterl in seinem neuen Buch, “durch Aufweis der Grenzen der Vernunft den religiösen Glauben auch in einer von Wissenschaften und säkularem Denken bestimmten Zeit als mögliche und verantwortungsvolle Verhaltensweise in die menschliche Erfahrungswelt einzuordnen” [Einleitung, S. 9]