Kommentar zu “Von Göttern und Designern”

von Gerd Weckwerth

Gerd Weckwerth

Gerd Weckwerth

Mitarbeiter am Institut für Geologie und Mineralogie bei Universität zu Köln
Gerd Weckwerth studierte Physik und Mathematik an der Universität Mainz und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig am DLR in Köln. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mineralogie und Geologie an der Universität zu Köln.
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Rückschau auf Film und Diskussion nach einem „Public Viewing“ an der Karl-Rahner-Akademie in Köln

Gerd Weckwerth Der ARTE-Film war sehr polarisierend. Eine Haltung wie "Schöpfung durch Evolution" wurde nicht formuliert.

Gerd Weckwerth Der ARTE-Film war sehr polarisierend. Eine Haltung wie “Schöpfung durch Evolution” wurde nicht formuliert.

von Gerd Weckwerth

“Von Göttern und Designern“ war der erste Film eines Themenabends von ARTE zum christlichen Fundamentalismus. Er berichtete über die zentralen Anliegen des gegen die Evolutionstheorie gerichteten, sogenannten Kreationismus und über die abgemilderte Variante „Intelligent Design“, die in den USA aus eher strategischen Gründen versucht, sich einen wissenschaftlicheren Anstrich zu geben. Wie diese Lehren auch im Biologieunterricht in einigen deutschen Schulen Fuß fassen und die Schulbehörden dem wenig entgegensetzen, bildete die Rahmenhandlung des Films. Hinzu kamen Umfragen und Meinungsäußerungen einiger Befürworter und Gegner wie vom Wiener Kardinal Schönborn, der im letzten Jahr durch einen missverständlichen Kommentar in 2 US-Zeitungen weltweit für Diskussionen um ein Design der Natur gesorgt hat.

Die anschließende Podiums-Diskussion mit den fast 200 Teilnehmern im großen Saal der Rahner-Akademie umfasste auf dem Podium neben der moderierenden Redakteurin von ARTE die beiden Filmemacher, einem kath. Alttestamentler, einen Paläontologen (jeweils aus Bonn) und mich als Physiker und Geowissenschaftler. Nach einigen kurzen Eingangsfragen, die sich nur mit der Entstehung des Films befassen sollten, konnte ich meine Kritik an der inhaltlichen Gestaltung vortragen. Nachdem ich mich viele Jahre mit dem Phänomen des Kreationismus befasse, war ich natürlich zunächst sehr dankbar, dass der Kulturkanal ARTE sich dieses Themas angenommen hat. Völlig unzufrieden war ich jedoch mit der sehr polarisierenden Darstellung, die bis in die Umfragen hinein, zwischen Menschen die für die Evolutionslehre eintreten und denen, die einer aus der Bibel abgeleiteten Schöpfungslehre entschieden haben. Eine Haltung wie „Schöpfung durch Evolution“ wurde nicht formuliert, auch nicht in den gezeigten Stellungnahmen der katholischen Kirche. Deren Akzeptanz von Evolution wurde lediglich mit der heutigen Einsicht begründet, dass die Glaubensaussagen auf einer anderen Ebene lägen. Die anderen Teilnehmer gaben sich weitgehend mit diesem dualistischen Fazit und der Warnung vor einer Vermischung zufrieden. So z.B. der Alttestamentaler, Dr. Michael Konkel, der die Einsicht in diese unterschiedlichen Ebenen als zentral für den historisch-wissenschaftlichen Anspruch der heutigen Bibelauslegung darstellte. Die beiden Filmemacher begründeten ihre etwas vereinfachende Darstellung der Diskussion mit der geringen Dauer des Films und ihrem Interesse, dass die Naturwissenschaften mancherorts durch solche Einflussnahmen nicht wieder in das Mittelalter zurückfallen.

Aus meiner Sicht liegen die Gefahren des Kreationismus jedoch viel mehr auf der Seite des Glaubens, dessen sinkende Glaubwürdigkeit durch geringes Interesse und mangelnde Konsequenzen im Bezug auf die heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gekennzeichnet ist. Viele der heute mehrheitlich naturwissenschaftlich geprägten Menschen, auf die die kreationistischen Aussagen eher lächerlich und peinlich wirken, haben sich inzwischen ganz vom Glauben verabschiedet. Sie werden damit teilweise sogar in die Arme eines atheistischen Evolutionismus getrieben, obwohl dieser ebenfalls unvernünftige, fundamentalistische Züge trägt.

Um dieses zu vermeiden, müssen Kirche und Glaubensvolk die Angst vor den Naturwissenschaften überwinden. Nicht der atheistische Ansatz von Mathematik, Physik und Biologie ist Schuld am Rückgang des Glaubens in den Industrieländern, sondern deren materialistische Ausbeutung und unvernünftige Grenzüberschreitungen auf Bereiche, die jenseits naturwissenschaftlicher Möglichkeiten liegen. Um solche Grenzen der Naturwissenschaften zu achten, bedarf es jedoch genauso fachspezifischer Kompetenz, als auch um Schöpfung und göttliches Wirken im Alltag dieser naturwissenschaftlichen geprägten Welt wieder denkbar und damit glaubwürdig zu machen. Eine am Wortlaut der Bibel orientierte kreationistische Wissenschaft ist dagegen der Versuch, die heutige Welt an das antike Weltbild der Bibel anzupassen, was deren Glaubwürdigkeit jedoch eher schadet. Es kann zwar zum Verständnis helfen, sich der Weltsicht der Antike bewusst zu machen, wie es die historisch-kritische Exegese versucht. Um den Sinn der biblischen Botschaft in unserer heutigen Zeit verständlich und glaubwürdig zu machen, leistet die Kenntnis einer durch die Naturwissenschaft veränderten Weltsicht aber unverzichtbare Übersetzungshilfe.

So wird z.B. heute der Glauben an einen Schöpfungsplan durch eine von den Naturwissenschaften in den letzten Jahrzehnten entdeckten Feinabstimmung der Naturgesetze des Universums eher getragen als die kreationistische Annahme eines direkten Designs aller Tier und Pflanzenarten, weil dafür heute nachvollziehbarere Erklärungen im Rahmen der Evolutionstheorie gefunden wurden. Sofern für die Feinabstimmung morgen weitere innerkosmische Erklärungen sichtbar werden, sind auch diese keine Konkurrenz, sondern Teil einer in seiner letzten Ursache von innen niemals ganz erforschbaren Schöpfung.

Quelle

Text und Foto mit freundlicher Genehmigung des Autors. Dieser Text und weitere Beiträge von der website Naturwissenschaft und Glaube e.V.