Könneker: Wer erklärt den Menschen?

von Gottfried Kleinschmidt

Gottfried Kleinschmidt

Prof. Dr. Gottfried Kleinschmidt ist Schulpädagoge im Ruhestand aus Leonberg

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Wer erklärt den Menschen? Hirnforscher, Psychologen und Philosophen im Dialog Book Cover Wer erklärt den Menschen? Hirnforscher, Psychologen und Philosophen im Dialog
Carsten Könneker (Hrsg.)
Frankfurt/Main : Fischer Taschenbuch
286
Können Neurobiologen tatsächlich behaupten, den ›eigentlichen‹ Kern unseres Denkens, Fühlens und Handelns offen zu legen? Psychologen und Philosophen sind durch diesen Anspruch herausgefordert: eine Debatte über die Deutung des Menschen und den Stellenwert naturalistischer Erklärungen. Mit Beiträgen unter anderem von Wolf Singer, Gerhard Roth, Wolfgang Prinz, Christof Koch, Thomas Metzinger, Hubert Markl, Henning Scheich, Hannah Monyer, Herta Flor, Ansgar Beckermann, Elsbeth Stern, Onur Güntürkün, Reinhold Kliegl, Ulman Lindenberger, Amelie Mummendey.

Keiner der 45 Autorinnen und Autoren dieses Sammelbandes behauptet, er könne den Menschen erklären! Alle Texte sind bereits in der Zeitschrift “Gehirn und Geist” erschienen und hier sechs neuen Überschriften zugeordnet worden:


Die Biologie des Bewusstseins
Die Zukunft der Hirnforschung
Quo vadis, Psychologie?
Willensfreiheit
Grenzen der Himforschung
Neuroethik und Menschenbild

Zu den Verfassern der Kurzbeiträge gehören nicht nur Hirnforscher, Psychologen und Philosophen, sondern auch Juristen, Theologen, Mediziner, Psychiater und ein Pädagoge. Der Herausgeber, der Chefredakteur der Zeitschrift “Gehirn und Geist”, hebt hervor, dass die Aktualität der “Hirnforschung” sich u.a. in der Vielzahl der Wortschöpfungen zeigt, mit denen auch Wissenschaftler ihre Arbeiten schmücken, um auf diese Weise in der Öffentlichkeit Beachtung zu finden: Sie betreiben nunmehr “Neuroanthropologie, Neurodidaktik, Neuroethik, Neurolinguistik, Neuromarketing, Neuroökonomie, Neuropädagogik, Neurophilosophie und sogar Neurotheologie”. Weitere Wortschöpfungen wie “Neurojurisprudenz, Neurophilologie und Neurosoziologie” sind zu erwarten. Mit dem Etikett “Neuro…” ist nicht nur Aktualität verbunden, es kündigt sich gleichzeitig eine “Inflation des Denkens” an. Dieses inflationäre Denken zeigt sich beispielsweise in den Analogieschlüssen zwischen Quantentheorie, Relativitätstheorie und Neurologie!

Das Manifest
Es gibt in dem vorliegenden Sammelband zwei Beiträge, mit denen sich auch andere Autoren intensiv auseinandersetzen, weil sie für die Standortbestimmung der “Hirnforschung” wichtig sind. Es handelt sich einmal um das “Manifest zur Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung”. Beteiligt sind elf Autoren. Im zweiten Beitrag nehmen sechs Verfasser eine “Standortbestimmung der Psychologie im 21. Jahrhundert” vor. Da diese beiden Beiträge eine exponierte Position haben, sollen in der zusammenfassenden Würdigung einige Argumente daraus exemplarisch akzentuiert werden. Die Autoren des “Manifestes” betonen, dass das menschliche Gehirn eine enorme Adaptions- und Lernfähigkeit besitzt, die zwar mit dem Alter abnimmt, aber bei weitem nicht so stark wie vermutet.
Die Entwicklungsperspektiven der Neurowissenschaften in den nächsten zehn Jahren werden sehr behutsam mit folgenden Feststellungen gekennzeichnet: “Wie entstehen Bewusstsein und Ich-Erleben, wie werden rationales und emotionales Handeln mit einander verknüpft? Was hat es mit der Vorstellung des freien Willens auf sich? Die großen Fragen der Neurowissenschaften zu stellen, ist heute schon erlaubt – dass sie sich bereits in den nächsten zehn Jahren beantworten lassen, ist allerdings eher unrealistisch. Selbst, ob wir sie bis dahin auch nur sinnvoll angehen können, bleibt fraglich. Dazu müssten wir über die Funktionsweise des Gehirns noch wesentlich mehr wissen”.
Die Autoren des “Manifestes” warnen also vor tollkühnen Spekulationen und fordern realistisches Denken! Es wird vor allem schwer fallen, die “Arbeit des menschlichen Gehirns vollständig zu erklären, das heißt, eine durchgängige Entschlüsselung auf der zellulären oder gar molekularen Ebene” vorzunehmen. Für die Entwicklung eines “neuen Menschenbildes” ist in Zukunft ein intensiver Dialog zwischen den Geisteswissenschaften und den Neurowissenschaften erforderlich.

Das Positionspapier der Psychologen
baut auf einer anderen Argumentationskette auf. Genetik, Hirnforschung, Evolutionstheorie und Philosophie haben die Psychologie “in den Hintergrund gedrängt”. Diese beklagte Randstellung ist allerdings nicht berechtigt, zumal sich die Psychologie mit Antworten auf folgende Fragen beschäftigt: “Wie funktioniert menschliches Wahrnehmen, Denken, Erinnern, Urteilen, Problemlösen und Handeln? Welchen Prinzipien und Entwicklungen unterliegt es? Welche Entwicklungspotenziale weisen bestimmte psychische Leistungen auf? Was befähigt uns zur Sprache und zur Phantasie? Wie werden Traumata verarbeitet? In welcher Weise wird unsere soziale ldentität dadurch bestimmt, dass wir uns sozialen Gruppen zuordnen?”
Auch die Neurowissenschaften suchen nach Antworten auf diese psychologischen Fragen! Allerdings haben Genetik, Evolutionsbiologie, Primatenforschung, Ethologie, Hirnforschung und Informatik zu erheblichen Erweiterungen und Bereicherungen der psychologischen Theorienbildung geführt. Es gibt jedoch eine zunehmende Zahl an Experten, die der Meinung sind, dass andere Disziplinen, insbesondere die Hirnforschung, eher Antworten auf die Grundfragen der Psychologie liefern können. Zu diesen Fachleuten gehört auch Manfred Spitzer (vgl. seine beiden Werke “Nervenkitzel” [Frankfurt/M. 2006] und “Nervensachen” [Frankfurt/M. 2005]). In dem Positionspapier der Psychologen wird diesbezüglich festgestellt: “Solche Auffassungen stellen eine fatale Fehleinschätzung der Rolle der Psychologie dar, die wir als Gefahr für die weitere Entwicklung des Fachs ansehen”. Ein Lehrer der Universität Konstanz ist jedoch der Meinung: “Die Verschmelzung von Allgemeiner und Biologischer Psychologie (mit der Teildisziplin der kognitiven Neurowissenschaft) zu einer Wissenschaft von Geist und Gehirn ist nicht aufzuhalten”.