Indigene Spiritualität – Impulse zur ökologischen Umkehr?

Was wir von indigenen Weltbildern lernen können.

Von der Kritik an einem „zwanghaften Konsumismus“ (LS 203) bis zum Aufruf zur „ökologischen Umkehr“ (LS 215f.): die ‚Umweltenzyklika‘ Laudato si‘ von Papst Franziskus schlug vor zehn Jahren große Wellen. Dabei beruft Sie sich auch auf Elemente der indigenen Spiritualität – kann diese Impulse für den notwendigen Wandel liefern? Ein Abend mit Dr. Heike Wagner.

Es beginnt mit dem Feuer, um das Menschen im Morgengrauen versammelt sind, Wayusa trinken und ihre Träume miteinander teilen. Wayusa ist nicht bloß „irgendein Tee“, sondern in den Augen der Indigenen vor Ort eine heilige Pflanze, mit welcher der Mensch in Kommunikation tritt. Diese Anekdote stellt Dr. Heike Wagner vorweg und gibt damit einen Einblick in den jüngsten Jugenddialog in Ecuador, an dem im Frühjahr deutsche und ecuadorianische Jugendliche teilgenommen haben. Dieses Bild, das Trinken des Tees steht sinnbildlich für das Thema des Abends: das Verhältnis von Mensch und Natur. Statt bloßem Konsum handelt es sich beim Trinken des Wayusa um einen Beziehungsakt, der den Menschen in ein Verhältnis zur Natur, zu seiner belebten Mitwelt setzt. Denn: alles ist miteinander verbunden.

Als Papst Franziskus die Enzyklika Laudato si‘ im Juni 2015 veröffentlichte, geschah dies kurz vor der Pariser Klimakonferenz und in Anbetracht der immer sichtbarer werdenden Klimakrise. Diese globale Herausforderung ist gleich in doppelter Hinsicht mit Indigenen verbunden: zum einen sind auch sie von einem Gerechtigkeitsparadoxon betroffen, tragen sie kaum zum Klimawandel bei und sind aber umso stärker von seinen Folgen betroffen. Zum anderen kann der indigene Lebensstil aber auch paradigmatisch für eine ökologische Umkehr stehen. So zeigt Dr. Heike Wagner am Abend explizit einige indigene Stimmen, die ausführen, dass ihre Form der Spiritualität auch grundlegend für die eigene Lebensführung ist. So erzählt etwa Jeidy Campo vom Volk der Nasa aus Kolumbien: „Von dort [gemeint ist Spiritualität – Anm. F.J.] beginnt alles, was uns mit der Natur verbindet, wie die Natur mit uns spricht und wie wir kommunizieren.“

Ihre Aussage macht den praktischen Charakter der Spiritualität deutlich: es handelt sich um eine Alltagsspiritualität, welche nicht von der eigenen Lebensweise zu trennen ist. Wenn man Natur eben nicht als bloßes Objekt versteht, sondern als belebtes Gegenüber betrachtet, das dem Menschen gleichwertig ist, dann pflegt man einen anderen Umgang mit ihr. Es geht um ein Leben in Harmonie. Hierin zeigt sich auch eine Ontologie, die sich deutlich von einem westlichen Verständnis abhebt: ein inklusiver Seinsbegriff, der deutlich über den Menschen hinausweist und diesen eingebunden in einer belebten Mitwelt sieht. Und auch auf der Ebene der Epistemologie zeigen sich deutliche Unterschiede: Erkenntnis geschieht nicht nur im Denken, sondern auch im Wahrnehmen – so wie beim Trinken des Wayusa. Bezeichnend für dieses Verständnis ist die in Lateinamerika verbreitete Wortkombination sentipensar, welche sich aus sentir (fühlen)und pensar (denken) zusammensetzt.

Au diesem Verhältnis zur Natur und der besonderen Verbundenheit mit ihr erwächst auch ein dezidiert politischer Zug indigener Spiritualität. So ist sie explizit auch mit dem territorio, dem Land verbunden und diesem verpflichtet, wird er nicht als bloßes Objekt betrachtet. Entsprechend spielt Widerstand gegen ausbeuterische Praktiken eine große Rolle. Dr. Heike Wagner weist an dieser Stelle auch auf den cartesischen Dualismus und der Differenz zwischen res cogitans und res extensa hin, nach welchem Geist und Materie voneinander getrennt sind – ein wesentlicher Unterschied zum indigenen Verständnis. So heben sich ihre Formen der Spiritualität deutlich von einem modernen Anthropozentrismus ab, welcher auch in Laudato si‘ stark kritisiert wird. Anstelle des Menschen im Zentrum, einer Trennung von Natur und Kultur, Geist und Materie und einer Fokussierung auf Rationalität, geht es vielmehr um ein Sein in Beziehung mit der Mitwelt, um ein Verstehen durch Wahrnehmen und vor allem auch Harmonie statt Ausbeutung.

Doch wie soll man angesichts der enormen Diskrepanz zwischen einem Verständnis von Mensch zu Mitwelt auf der einen Seite und einer konsumorientierten Lebensweise auf der anderen Seite noch Hoffnung hegen? Dr. Heike Wagner gibt die Hoffnung keineswegs auf, sondern hält Dialog und Veränderung – gerade auch aufgrund ihrer Erfahrungen beim Jugenddialog für möglich. Um sich der Ohnmachtserfahrung angesichts der überwältigenden Herausforderungen des Klimawandels entgegenzustellen, hat Dr. Heike Wagner einen Rat: „Wir müssen die Hände wieder in die Erde stecken.“ Vielleicht ist genau dieser kleine Impuls ein erster Schritt zur ökologischen Umkehr: sich die Hände in der Gartenarbeit ‚schmutzig machen‘, um wieder in Beziehung zur Natur zur treten.

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