Gott, Selbstorganisation und Evolution

von Niels Henrik Gregersen

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Dr. Niel Henrik Gregersen ist Professor für Systematische Theologie bei Universität Kopenhagen
Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Kopenhagen. Forschungsschwerpunkte: Zeitgenössische Theologie; Dialog Naturwissenschaft - Theologie. Veröffentlichungen u.a.: Editor of: From Complexity to Life - On the Emergence of Life and Meaning, New York 2003; Co-Editor of Encyclopedia in Science & Theology vols. I-II, New York 2003; Complexity: What is at Stake for Religious Reflection, in: The Significance of Complexity, ed. by Kees van Kooten Niekerk & Hans Buhl, Aldershot 2004
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Niels Henrik Gregersen: “Gott wirkt ‘in, mit und unter’ den natürlichen Prozessen.”

Gott, Selbstorganisation und Evolution
Komplexitätstheorie und Darwinismus in theologischer Perspektive 

25. Juni 2006
Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
– Tagungszentrum Hohenheim –

Eine zentrale These

Vortrag als vertonte Präsentation

Die Gnade der Selbstorganisation: eine theologische Interpretation

(Abschluss des Vortrags)

Auf den ersten Blick scheint die Vorstellung der Selbstorganisation eine antireligiöse Spitze haben. Und in der Tat wird in wissenschaftlicher Literatur oft von der Vorstellung der Selbstorganisation als säkularem Ersatz für den Glauben an einen göttlichen Designer Gebrauch gemacht. Diese Sicht ist jedoch ziemlich oberflächlich und funktioniert nur unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass die ursächliche Kraft Gottes und die ursächlichen Kräfte der Natur einander entgegen gesetzt werden können.

Aber es gehört zum theologischen Allgemeingut, dass es keine solche win-lose Relation zwischen Gott und Welt gibt, als ob die Macht, die Gott ausübt, von der Natur abgezogen werden müsste und die Macht, welche die Natur ausübt, Gott verloren ginge. Vielmehr wirkt Gott „in, mit und unter“ natürlichen Prozessen. Das Sein Gottes operiert „konsubstanziell“ mit der Materie, um eine alte Formulierung der Sakramententheologie Martin Luthers neu zu gebrauchen. Die Herrlichkeit Gottes zeigt sich so in den selbstproduktiven Kräften der Schöpfung. Im Neuen Testament deutet Jesus auf die selbstproduktiven Kräfte des Getreides als biologische Parabel für Gottes Herrschaft in der Mitte der Schöpfung: „Die Erde bringt von selbst (griechisch: automatikê) ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre“ (Mk 4,28). Offensichtlich handelt es sich hier um eine win-win Relation zwischen dem Korn und dem großmütigen Gott, der aus göttlicher Liebe heraus die Kraft der Genialität und des Wachstum der Schöpfung weitergibt, und so die Welt der Schöpfung mit Kräften segnet, die gleichzeitig kreatürlich und in eins mit Gott sind. Erneut sehen wir hier die wichtige Formel am Werk: Natur = Gott + Natur.

Die Einheit von Gott und Natur impliziert, dass vom Moment der Schöpfung an Gott von der Welt der Natur nicht subtrahiert werden kann. Finitum capax infiniti: Das Endliche ist in der Lage, das Unendliche zu beherbergen, wie eine alte lutherische Redensart sagt. Die Transzendenz wird in der Immanenz der Welt zur Schau gestellt, besonders in den Merkmalen der Offenheit und Selbsttranszendenz.

Dieses theologische Prinzip des Finitum capax infiniti hat – wie ich denke – auch wichtige Implikationen für die Vorstellung der informationellen Selbstorganisation. Denken Sie an die instruierende Information der DNS (die sich durch Rekombinationen entwickelt) oder denken Sie an die Regeln, die das soziale Leben von Insekten oder Säugetieren bestimmen. Vom theologischen Prinzip des Finitum capax infiniti her gedacht, kommt biologische Information nicht notwendig von außen. Vielmehr emergiert Information von innen als Ergebnis von selbstorganisierenden chemischen „bottom-up“ Prozessen, die fähig sind, sich gegenseitig zu katalysieren und auf diese Weise Lawinen von informationellen Instruktionen mit selektivem „top-down“ Einfluss auf die Interaktionen der Einheiten auf niederer Ebene auszulösen.

In dieser Sicht ist der Platz für Gott als Schöpfer nicht außerhalb der Natur, sondern innerhalb der Natur. Je selbstproduktiver die Geschöpfe sind, desto mehr ist Gott am Werk in und durch diese Geschöpfe. Auch wenn Gott nicht auf spezifische Informationsstrukturen der Materie reduziert werden kann, sollte er nicht als externer Faktor zu solchen lokalen Informationsmustern in Beziehung gesetzt werden. Vielmehr ist Gott das göttliche Muster, das die Quelle jeder konkreten Musterbildung in der Evolution ist, und so die zugrundeliegende Quelle des Neuen während der Evolution. Gott ist die forma formarum, „die Form der Formen“ wie die Scholastiker sagten. Oder Gott ist wie ein Kreis, dessen Zentrum überall und dessen Umkreis nirgends zu finden ist [Nikolaus von Kues; HHP]. Was zu finden ist, sind nur die Auswirkungen der göttlichen Kreativität, dargebracht in der Fülle natürlicher Formen in der Evolution der Komplexität.