Evolution und Schöpfung in neuer Sicht – eine Leseprobe

von Hans Kessler

Hans Kessler

Hans Kessler

Prof. Dr. Hans Kessler war bis 2003 Professor für Systematische Theologie am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main, bis Ende 2005 Leiter der dortigen interdisziplinären Forschergruppe "Naturwissenschaft und Theologie".
Veröffentlichungen u. a. "Evolution und Schöpfung in neuer Sicht", "Das Leid in der Welt - ein Schrei nach Gott", "Was kommt nach dem Tod? Über Nahtoderfahrung, Seele, Wiedergeburt, Auferstehung und ewiges Leben".
Hans Kessler

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Evolution und Schoepfung Cover

Alles in der Welt vom Urknall an geschieht in einer ständigen Interaktion zwischen Gott (als ermöglichendem Grund) und den (freigegebenen) Geschöpfen, in einem mehr oder weniger gut gelingenden und oft auch misslingenden „Dialog“.

Ein zentraler Gedanke von Hans Kessler (Evolution und Schöpfung in neuer Sicht, Kevelaer : Butzon & Bercker 2009), zu dem wir mit freundlicher Genehmigung des Verlages hier den Kontext liefern. (S. 132-135).

(auch als pdf-Datei [168 KB] mit Inhaltsverzeichnis erhältlich)

Die Geschöpfe sind in ihre Eigendynamik hinein freigegeben; alles Leben ist beseelt

1) Der biblisch-christliche Schöpfungsglaube denkt Gott nicht als den Designer, der allem sein fertiges Design verpasst, auch nicht als den großen Kontrolleur, der alle (Marionetten-)Fäden in der Hand behält, sondern als den, der das Geschaffene freigibt, es bejaht und dialogisch begleitet. Alle Wesen sind in Gott von Gott begründet und in ihr Eigenes freigegeben. Schöpfung als die große Freigabe: Freigabe der Geschöpfe in ihr Eigensein, in relative Eigenständigkeit und in Eigenaktivität (Kreativität) hinein.

Das äußerste uns mögliche Deutungsmodell für diese transzendental- göttliche Freigabe ist die personale Beziehung, die sich zurücknehmende und so den anderen freigebende Liebe. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813 – 1855) hat dies feinfühlig und hellsichtig beschrieben:

Søren Kierkegaard Quelle: Wikipedia

Søren Kierkegaard
Abbildung gemeinfrei

Das Höchste, das überhaupt für ein Wesen getan werden kann, ist dies: es frei zu machen. Eben dazu gehört Allmacht, um das tun zu können. Das scheint sonderbar, da die Allmacht gerade abhängig machen müsste. Aber wenn man Allmacht denken will, wird man sehen, dass gerade in ihr die Bestimmung liegen muss, sich selber so wieder zurücknehmen zu können in der Äußerung der Allmacht, dass gerade deshalb das durch die Allmacht Gewordene unabhängig sein kann. Daher kommt es, dass ein Mensch den anderen nicht ganz frei machen kann, weil der, welcher die Macht hat, selbst darin gefangen ist, dass er sie hat und deshalb ständig doch ein verkehrtes Verhältnis zu dem bekommt, den er freimachen will. Dazu kommt, dass in aller endlichen Macht, Begabung usw. eine endliche Eigenliebe ist. Nur die Allmacht kann sich zurücknehmen, indem sie sich hingibt, und dieses Verhältnis ist gerade die Unabhängigkeit des Empfangenden. Gottes Allmacht ist darum seine Güte. Denn Güte ist sich ganz hingeben, aber so, dass man dadurch, dass man allmählich sich zurücknimmt, den Empfänger unabhängig macht. Alle endliche Macht macht abhängig, nur die Allmacht kann unabhängig machen, aus nichts hervorbringen, was Bestand hat in sich dadurch, dass die Allmacht sich ständig zurücknimmt. Die Allmacht… vermag zu geben, ohne doch das Mindeste von ihrer Macht preiszugeben, d. h. sie kann unabhängig machen. Das ist das Unbegreifliche, dass Allmacht nicht bloß vermag, das Allerimposanteste, das sichtbare Weltganze, hervorzubringen, sondern auch das Allergebrechlichste: ein der Allmacht gegenüber unabhängiges Wesen. Dass mithin die Allmacht, die mit ihrer gewaltigen Hand so schwer auf der Welt liegen kann, zugleich so leicht sich machen kann, dass das Entstandene Unabhängigkeit erhält.“ (Kierkegaard 1846/1949, 216f)

2) Wenn aber alles Geschaffene in seine relative Eigenständigkeit und evolutive Eigendynamik (und im Falle des Menschen in endliche Freiheit) hinein freigesetzt ist, dann vermag das Geschaffene Wege zu beschreiten, die ihm nicht deterministisch von Gott vorgezeichnet sind. Wenn Gott die Welt und die Menschen in ihre Eigendynamik hinein freigibt, dann gibt er ihnen endliche Eigenmacht, die er voll respektiert (also nicht im Konfliktfall revoziert), so dass er darauf verzichtet, auf der Ebene der endlichen Kräfte – ihr Wechselspiel willkürlich verändernd – einzugreifen. Insofern beschränkt Gott sich in der Äußerung seiner Macht und bindet sich an das Wirken der Geschöpfe, dessen Ergebnisse längst nicht immer seinem guten Willen entsprechen müssen. Er muss in Kauf nehmen, dass nicht erst der Mensch, sondern auch die vormenschliche Natur und die Wesen bisweilen seltsame Wege gehen, die nicht immer gott-gewollt sein müssen. Deshalb meinte Teilhard de Chardin, dass Erschaffen für Gott „keine Vergnügungsreise“ sei, sondern ein Risiko und Drama, in das er sich selbst ganz und gar einlässt (Teilhard 1972, 103).

Gott zwingt die Dinge nicht in eine bestimmte Richtung, sondern lädt ein, wirbt, lockt: Alles in der Welt vom Urknall an geschieht in einer ständigen Interaktion zwischen Gott (als ermöglichendem Grund) und den (freigegebenen) Geschöpfen, in einem mehr oder weniger gut gelingenden und oft auch misslingenden „Dialog“. Ein solch „dialogisches“ Verhältnis Gott-Welt ist nicht erst auf der Ebene des Menschen anzunehmen, sondern – in analoger und graduell abgestufter Weise – schon im vormenschlichen Bereich und im kosmischen Prozess von Anfang an.

Auf die Frage, warum Gott die Welt schafft, gab der große Philosoph und Theologe Johannes Duns Scotus (1265 – 1308) die kühne, aber gut biblische Antwort: „weil er Andere als Mitliebende haben will“ (Duns Scotus, Opus Oxoniense III 32,1,6). Wenn das stimmt, wenn Gott auf Realisierung von uneigennütziger Liebe (ntl. Agápe) hinaus will, dann leidet er von Anfang an mit seiner Schöpfung gleichsam Geburts-Wehen, dass die Agápe, nicht ihr Gegenteil, mehr Raum finde. Er bangt darum, wie die Geschöpfe sich selber formen; er bangt, dass wir für uns und andere heilsame Wege gehen. Und er leidet, wo das Geschehen in quälende Zerstörung abgleitet: Er leidet nicht nur im Gekreuzigten, er leidet mit, ja zutiefst in allen Gequälten (und in den Quälenden), und er sinnt darauf, dass ihre Wunden geheilt (bzw. ihre Verhärtungen aufgetaut) werden. Er wirkt auch: inMenschen, die für ihn offen sind, und vermittelt durch sie: wirbt um Guttat, Heilung, Gerechtigkeit, gibt dazu Impulse und Kraft, macht Angebote, eröffnet neue Möglichkeiten und ergreifbare Alternativen.

Diskussion von Kesslers Beitrag

Übel und Leid in einer Welt, deren Entwicklung als Selbstorganisation beschrieben wird - wo wirkt da Gott? Schöpfung und Vollendung, Wunder und Gebetserhörung, gar die Rede von Allmacht scheinen einer naiven, weil magischen Vorstellungswelt zu entstammen. Hans Kessler stellt auf einer Abendveranstaltung zur Diskussion, wie man heute angesichts der genannten klassischen wie modernen Herausforderungen sinnvoll von Wirken Gottes reden kann.