Evolution und Religion

von Heinz-Hermann Peitz

Heinz-Hermann Peitz
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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Sitz des FORUM SCIENTIARUM im Studienhaus der Udo Keller Stiftung Forum Humanum an der Universität TübingenFoto: Steffen Sixt

Sitz des FORUM SCIENTIARUM im Studienhaus der Udo Keller Stiftung Forum Humanum an der Universität Tübingen
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Mit dem Thema „Evolution der Religion oder Religion der Evolution?“ waren NachwuchswissenschaftlerInnen zur Frühjahrsakademie des forum scientiarum in Zusammenarbeit mit der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart eingeladen. Anlässlich von drei Impulsreferaten wurde diskutiert, wie auf der einen Seite Evolutionsforscher Religion und auf der anderen Seite Theologen die Evolution in ihr jeweiliges Denken einbeziehen.

1. Religion der Evolution

Ein Impuls (Heinz-Hermann Peitz) stellte sich der Formulierung „Religion der Evolution“, wollte damit aber nicht Evolution als Ersatzreligion thematisieren, sondern ausloten, inwieweit Erkenntnisse der Evolutionsforschung theologisch integriert werden können. Die präzisere Überschrift ginge also eher in Richtung einer „Theologie der (evolutiven) Natur“.

Eine solche Theologie der Natur ist nur dann konfliktfrei konzipierbar, wenn innerweltlich-evolutive Verursachung nicht auf einer Ebene und in Konkurrenz mit der transzendentalen Ursächlichkeit gedacht wird. Es muss von einem entweder-oder zu einem sowohl-als-auch übergegangen werden. Klassisch geworden ist die Formulierung Teilhard de Chardins: „Gott macht, dass die Dinge sich selber machen“. Angewandt heißt dies: Der Mensch ist sowohl ganz Produkt der Evolution als auch ganz Geschöpf Gottes. Ein „nichts anderes als“ wäre Reduktionismus.

Ein solches sowohl-als-auch ist dabei keine konfliktvermeidende Strategie, sondern ureigene theologische Erfordernis, die in Analogie zur 451 reflektierten Bestimmung Christi (ganz Gott, ganz Mensch) und in Analogie zur Auflösung des sogenannten Gnadenstreits im 17. Jhdrt. (ganz Gnade, ganz menschliche Freiheit) nun in der Schöpfungslehre Anwendung findet (ganz Geschöpf, ganz Evolutionsprodukt) und sich damit durch die ganze Theologiegeschichte zieht.

2. Evolution der Religion

Der Verdacht, der Mensch könne nichts anderes als ein Evolutionsprodukt sein, weitet sich freilich auf die Religion aus: Ist auch sie nichts anderes als ein Evolutionsprodukt? Zumindest IST sie ein Evolutionsprodukt, darin waren sich Michael Blume und Dirk Johannsen einig. Auf den ersten Blick könnte man aus theologischer Perspektive ja noch Sympathien mit der Blumeschen Analyse hegen, der zufolge Religion einen evolutionären Vorteil bedeutet. Was aber, wenn (auch) Johannsen Recht hat und Religiosität als selektionspositives Phänomen sui generis aufgelöst und als Trittbrettfahrerin entlarvt werden kann, die von der positiven Selektion verschiedener anderer (nicht religionsspezifischer) Module profitiert, auf die sie letztlich rückführbar ist? Religion also als Nebenprodukt – fast möchte man sagen: Abfallprodukt – der Evolution. Wie kann Religiosität, derart zum Nebenprodukt von „wirklich“ angepassten Modulen degradiert, noch plausibel machen, dass sie dennoch Anpassung an eine (göttliche) Wirklichkeit ist? Sollte dies nicht vielmehr den Illusionsverdacht der Religiosität erhärten? Eine verschärfte Herausforderung für die Theologie also, der es nun nicht nur um eine „Religion der Evolution“, sondern um eine „Religion der Evolution der Religion“ (besser auch hier: „Theologie der Evolution der Religion“) gehen muss.

3. Religion der Evolution der Religion

Die abschließende Diskussion stellte zunächst einvernehmlich klar, dass „Nebenprodukt“ weder negativ gemeint ist, noch dass solche Nebenprodukte für die Wirklichkeitserkenntnis unbedeutend sind. Das beste Beispiel ist das Auge: Die Sehfunktion ist eigentlich „nur“ ein Nebenprodukt der Einstülpung der Sehzellen, die zu ihrem Schutz positiv selektiert wurde und „unbeabsichtigt“ zu einer Art Lochkamera (und später zum Linsenauge) führte. Als die Sehfunktion über die Schutzfunktion (Doppelfunktion) dann aber entstanden war, bot sie selbstverständlich einen evolutiven Vorteil. Die Analogie liegt auf der Hand: Der Beginn der Religiosität als Nebenprodukt (Johannsen) schließt nicht aus, dass sie – erst einmal entstanden – selbst positiv selektiert (Blume) und ein bedeutendes Modul der Wirklichkeitserkenntnis (Peitz) werden kann.