Erschüttertes Vertrauen?

von Wolfgang Frühwald

Wolfgang Frühwald

Em. Literaturwissenschaftler bei Humboldt Stiftung
Prof. em. Dr. phil. Wolfgang Frühwald ist Literaturwissenschaftler und Wissenschaftsmanager.

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Zum Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit in Deutschland
von Wolfgang Frühwald

Mit freundlicher Genehmigung aus: Gegenworte, 1999, Heft 3

Vertrauensdebatten

Spätestens seit Anthony Giddens’ Untersuchung über »Konsequenzen der Moderne« (deutsch 1988) wissen wir, daß die Institutionen der modernen Industriegesellschaft »zutiefst mit Mechanismen des Vertrauens in abstrakte Systeme verknüpft (sind), vor allem mit Mechanismen des Vertrauens in Expertensysteme«. Dabei werden „Expertensysteme“ als Systeme definiert, die, wie das Auto, der Kühlschrank, das Flugzeug, die S-Bahn, die Stromversorgung etc., das Wissen zahlreicher Experten integrieren, ohne daß die kontinuierlichen Nutzer dieser Systeme mehr als einen kleinen Teil des Systems durchschauen können. Sie müssen sich also, im Glauben an das richtige Funktionieren dieser für sie lebensnotwendigen Systeme, dem darin integrierten Wissen anvertrauen, ohne viel an die mit allen diesen Systemen verknüpften mehr oder weniger großen Sicherheitsrisiken zu denken oder sie beurteilen zu können. Wann immer eines der als „sicher“ geltenden Expertensysteme versagt, hat dies Rückwirkungen auf das Vertrauen in andere Expertensysteme. So hat z. B. die ICE-Katastrophe von Eschede im Juni 1998 die gleichzeitige Debatte um die „verstrahlten“ Atommüll-Transporte beeinflußt, was aus der Schlagzeilen-Kombination beliebiger Ausgaben auch seriöser Zeitungen dieser Wochen belegt werden kann. Die wenigen (1997/98 aufgedeckten) Fälle von Fälschungen im Bereich der Grundlagenforschung haben das gesamte System der Forschung, der Forschungskontrolle und der Wissenschaftsselbstverwaltung auf den Prüfstand gestellt. Vermutlich wird der Unglückstag von Eschede einmal, zusammen mit den Katastrophentagen von Tschernobyl, mit denen der Challenger- und der Sandoz-Katastrophe, als der Tag genannt werden, an dem das Vertrauen in eines der als besonders sicher geltenden Expertensysteme zerbrochen ist. Dabei wird der Glaube an solche Sicherheiten im gleichen Maße geringer, in dem die Menschen sich – wie im Falle der Radioaktivität – unsichtbaren Gefahren ausgesetzt sehen und nicht mehr selbst steuernd oder mitagierend in die jeweiligen Systeme eingreifen können. Sigmund Freuds »Unbehagen an der Kultur« gilt auch und besonders für das „Unbehagen an der technischen Kultur“, zumal wir alle in unserem Alltag dieses wachsende Unbehagen beobachten können. Wenn es richtig ist, daß unter den Bedingungen der Modernität der Begriff des Risikos, Gefahr und Chance in sich bergend, an die Stelle alter „Fortuna“-Vorstellungen (also des Glück-Habens) getreten ist, so ist das Vertrauen in moderne technische Systeme von Beginn an mit einem Schuß Skepsis behaftet, es ist der warnende Unterton, der sich schon durch das 19. Jahrhundert gezogen hat. Anthony Giddens definiert Vertrauen daher als »Zutrauen zur Zuverlässigkeit einer Person oder eines Systems, im Hinblick auf eine gegebene Menge von Ergebnissen oder Ereignissen, wobei dieses Zutrauen einen Glauben an die Redlichkeit oder Zuneigung zu einer anderen Person bzw. an die Richtigkeit abstrakter Prinzipien (technischen Wissens) ausdrückt«. Daß die Betreiber riskanter oder gefahrvoller Expertensysteme alles tun, um das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit und die Zuverlässigkeit ihrer Systeme zu stärken, gerade weil sie keine völlige Sicherheit versprechen können, gehört zu dieser Definition. Von der geheimnisvollen Aura, welche die Forschung um sich erzeugt, auch im herrschaftsbewußt verwendeten Fachjargon, über die Pünktlichkeitsanzeigen der Deutschen Bahn AG bis zum stereotypen Lächeln der Stewardeß im Flugzeug, welches „alles in Ordnung« verheißt, reichen diese Alltagssignale der Vertrauensbildung. Expertensysteme, die ohne diese Signale auszukommen meinen, erschweren sich selbst und denen, die ihnen vertrauen sollen, das Leben zusätzlich. Die Menschen der Moderne sind an solche „vertrauens-bildenden Maßnahmen« gewöhnt und wittern dort Gefahr, wo sie ausbleiben, obwohl sie eher dort Gefahr wittern sollten, wo sie übertrieben werden. Insgesamt aber bedeutet dies, daß der Mensch der Nach-Moderne, an dessen Vertrauensfähigkeit durch die zunehmende Zahl von Expertensystemen große Anforderungen gestellt werden, der Technik immer mit einem Schuß Skepsis gegenübertreten wird. Das Urvertrauen in den von naturwissenschaftlich begründeter Technik hervorgerufenen linearen Fortschritt ist seit der Konstruktion und dem Einsatz der Atombombe ohnehin verlorengegangen.

Erfahrungen am Jahrhundertende

Vermutlich haben drei große, kollektive Erfahrungen das 20. Jahrhundert geprägt:
• Im 20. Jahrhundert hat die Menschheit zum ersten Mal die Erde von außen gesehen. Die Bilder des „Blauen Planeten“ haben sich dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt und das Bewußtsein von der Einsamkeit des Lebens in den Wüsten des Weltalls bestärkt. Umweltbewußtsein und Gefährdungsbewußtsein haben in dieser Erfahrung ihre Wurzeln.
• Wir können die „vielpolig“ gewordene, die komplexe Welt mit all ihren komplexen Systemen nicht mehr als ganze und einheitliche Welt denken (Franz-Xaver Kaufmann). Die Unsicherheit gegenüber dem Ganzen der Welt ist ebenso gewachsen wie die gegenüber den Teilsystemen, weil eine komplexe Welt immer mehr ist als die Summe ihrer Teile und die Auswirkungen des veränderten Teils auf das Ganze schwer zu bestimmen sind.
• Wir wissen, daß wir den Lebensstandard, den das hochindustrialisierte Europa erreicht hat, nicht universalisieren können. Die Ängste vor einem Verlust, der größer sein wird als momentane soziale Besitzstands-Gefährdungen, sind tief verwurzelt.
Dabei wird das 20. Jahrhundert auch als das Jahrhundert gewaltiger Entdeckungen und Erfindungen in das Bewußtsein der Menschheit eingehen. Der Mensch ist in das Innere der Materie ebenso eingedrungen wie in das Innere des Lebens. Er hat erstmals in der Geschichte der Menschheit seinen Lebensraum verlassen und ist auch (messend) tief in das Erdinnere vorgestoßen. Von der Quantenphysik über die Molekularwissenschaften bis zur Biotechnologie, von der Satellitentechnologie über die Konstruktion leistungsfähiger Elektronengehirne bis zur Mondlandefähre und einem Roboter zur Erkundung der Marsoberfläche ist es, als habe der menschliche Geist mit einem Flügelschlag den langsamen Schritt der Evolution überholt und breche nun auf in das extraterrestrische Zeitalter. In dieser „hochtechnisierten“ Welt ist Sicherheit zur Parole des Jahrhunderts geworden. Von der Sicherheit vor äußerer und innerer Bedrohung bis zur Sicherheit der Renten und der Arbeitsplätze und des Wohlstands ist „Sicherheit“ das wohlfeile Versprechen aller Politik.
Die Inflationierung der Sicherheitsparolen im 20. Jahrhundert allerdings belegt, daß der moderne Mensch inmitten von Unsicherheiten und Unwägbarkeiten lebt, die er niemals in volle Sicherheit wird verwandeln können. An die Stelle des „kosmischen Erschreckens“ des 19.Jahrhunderts, also des Erschreckens vor der Einsamkeit des Menschen im Kosmos, ist somit in unserem Jahrhundert das „szientifische Erschrecken« getreten, das Erschrecken vor der Konstruktion immer neuer, noch komplizierterer Expertensysteme, das allgemeine Erschrecken vor den Fähigkeiten und Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik. Dieses Erschrecken ist festgehalten in Gedächtnisfiguren, die von Zeit zu Zeit aktiviert werden und die jeweils aktuelle Debatte belasten. Auschwitz, Dresden, Hiroshima, Tschernobyl etc. sind solche Gedächtnisfiguren, die an Menschheitsverbrechen und Menschheitskatastrophen geknüpft werden und aufs engste mit Expertensystemen zusammenhängen. Ein naives Vertrauen in die Funktion solcher Systeme, auch nur in ihre humane Verwendung, kann es daher in der Moderne nicht mehr geben. Und „Vertrauensverlust“ bedeutet nichts anderes als die jeweilige Aktualisierung tiefliegender kollektiver Ängste, die mit dem täglich erzwungenen Vertrauen in die Expertensysteme mitgegeben sind.

Bioethische Konvention und Atomenergie

Die wissensschaftsskeptischen Strömungen der Moderne sind spätestens mit der raschen Entwicklung der sogenannten Kerntechniken in Physik und Biologie (also mit Atomtechnik und Gentechnologie) zu politischen und wirtschaftlichen Einflußfaktoren ersten Ranges geworden. Sie haben sich in Deutschland zunächst vor allem innerhalb der grün-alternativen Bewegung konzentriert, sind aber inzwischen als eine Art fundamentalistische Grundströmung in alle Parteien und in viele gesellschaftliche Gruppierungen eingedrungen. Wenn nämlich Modernisierung – und ohne Zweifel unterliegen wir weiterhin einer rasch fortschreitenden Modernisierung – die Tendenz hat, überkommene soziale Milieus aufzulösen, so werden sich in diesen Milieus Widerstände formieren, die bis zu fundamentalistischer Opposition reichen. Wir brauchen dazu nicht auf die in raschem Wandel befindliche Welt des Islam zu verweisen, ein Blick auf die christlichen Kulturen in Europa genügt, um Anschauungsmaterial für dieses Phänomen in Fülle zu finden. So wird z.B. die Menschenrechtskonvention zur Biomedizin (des Europarates), die erstmals einen sehr hohen Schutzstandard gegenüber dem Mißbrauch von Möglichkeiten biomedizinischer Forschung aufrichtet, in allen Ländern Europas unter dem Aspekt der Einschränkung der Forschung diskutiert; in Deutschland aber – und, soweit ich sehe, nur in Deutschland – wird sie als ein Freibrief für die unbegrenzte Forschung auch an entscheidungsunfähigen Personen und an Embryonen diskutiert. Selbst der Deutsche Richterbund hat sich inzwischen dieser Sicht der Konvention angeschlossen. Offenkundig führt die deutsche Verbrechensgeschichte zu erheblichen Wahrnehmungsverzerrungen. Die Frage nach Ratifizierung oder Ablehnung dieser europäischen Konvention hat die bis Herbst 1998 in Bonn regierende Koalition tief gespalten, sie spaltet auch die gegenwärtig in Bonn regierende Koalition, sie hat das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken gespalten, die Ärzteschaft, wo die Kinderärzte durch die Konventionsgegner ihre Forschungsmöglichkeiten grundsätzlich in Frage gestellt sehen usw. Die Fronde gegen eine Konvention, mit der Europa – auch angesichts explodierender Ergebnisse im Bereich der in Deutschland verbotenen Embryonenforschung – beispielgebend für Schutzstandards gegenüber unkontrollierten Forschungsentwicklungen in der ganzen Welt werden könnte, mit der das westliche Europa insbesondere für die ost- und ostmitteleuropäischen Länder beispielgebend wirken könnte, in denen es keinerlei gesetzliche Regelungen für biomedizinische Forschung gibt, ist innerparteilich und überparteilich angewachsen und gibt vielen Abgeordneten in unterschiedlichen Parteien die bequeme Möglichkeit zu öffentlicher Profilierung. An der deutschen Kampagne gegen die europäische Menschenrechtskonvention zur Biomedizin ist exemplarisch zu studieren, wie aus gezielt verstärkten (kollektiven) Ängsten ein antiwissenschaftlicher Affekt erzeugt wird und daraus eine breite Bewegung entstehen kann, die mit der Basis der Auseinandersetzung, dem Text der Konvention selbst, nichts mehr zu tun hat.
In der Debatte um die Kernenergie hat es in Deutschland eine ähnliche Entwicklung gegeben, nur daß diese Konflikte inzwischen schon so alt sind, daß sich bürgerkriegsähnliche Lager gegenüberstehen, die bei jedem neuen Castor-Transport kurzfristig für öffentliche Aufmerksamkeit sorgen, ehe sich dann wieder die Decke unbarmherzigen Schweigens über ein großes technisches, wissenschaftliches und wirtschaftliches Feld breitet. Mit dem Schweigen wenigstens scheint es jetzt vorbei zu sein. Wir treten in eine neue Phase der Debatte ein. De facto aber ist die Bundesrepublik Deutschland aus der Kernenergie-Forschung – im Unterschied zu ihren Nachbarn – seit längerem ausgeschieden. Die freie Wirtschaft und der Staat investierten schon lange vor der Bundestagswahl 1998 nicht mehr genügend in diese Forschung. Das Wissen um die Entwicklung der Kernenergie wandert mit zunehmender Geschwindigkeit aus Deutschland ab. Die als Kernforschungszentren konzipierten Großforschungszentren (KFA, KFK, GKSS) sind zu Umweltforschungszentren umorientiert worden, Reaktorsicherheit und Reaktorrückbau sind die Forschungsfelder, auf denen Deutschland, mit wachsendem Abstand zur internationalen Forschung, noch mitzuhalten versucht. Die Entwicklung neuer Reaktorgenerationen haben wir – trotz Beteiligung deutscher Firmen – im Grundsatz unseren westlichen Nachbarn überlassen, kaufen demnächst wohl Strom aus den veralteten Reaktoren Ost- und Mitteleuropas und setzen damit – in einer von Reaktoren dichtbesetzten Nachbarschaft – unsere eigene Sicherheit aufs Spiel. Über Reaktorsicherheit und Reaktorrückbau kann nämlich verantwortlich nur mitreden, wer zugleich auch konstruktiv tätig ist und wissenschaftlichen Nachwuchs auf diesem Feld ausbilden kann. Die Behauptung, der jetzt bevorstehende „Ausstieg“ aus der Herstellung von Kernenergie sei endgültig und werde für alle Zeit Bestand haben, ist ebenso kurzsichtig und hochnäsig, wie es der (damals) bedenkenlose Einstieg in die friedliche Nutzung der Atomenergie gewesen ist. Dabei ist im Bereich der Kernenergie ja alles schon geschehen, während wir in n einer Ausstiegsdebatte so tun, als könne das Geschehene leicht rückgängig gemacht werden. Allein durch das bisher angefallene Plutonium 239 mit der bekannten Halbwertzeit von 24 000 Jahren (das ist etwa die dreifache Zeit, die die Entstehung der menschlichen Zivilisation brauchte) wird ein weltweit ungelöstes Problem gestellt. Aber »die Brütertechnologie, das einzige Verfahren einer (derzeit) zuverlässigen Wiederaufbereitung« (Klaus Borchard) wurde in Deutschland mit Milliardenverlusten eingestellt. Kalkar ist heute eine makabre, an einen holländischen Vergnügungsunternehmer vermietete Ruine, in denen Touristen, wegen des ruinösen Gesamteindrucks, wie in einem Schauerkabinett moderner Technik umhergeführt werden. Mir scheint aber, daß auch die Energiewirtschaft nur noch eine Rückbaudiskussion führt, in der es lediglich um Fristen des Ausstiegs, um Entschädigung, Vertragstreue und Enteignung geht, nicht mehr um die Entwicklung und die Beherrschbarkeit einer nach wie vor risikoreichen, also gefahren- und chancenreichen Technologie. Ich bin mir nicht sicher, ob Deutschland gerade in dieser Frage ohne seine europäischen Nachbarn handeln kann, auch wenn diese von den Konkurrenzgewinnen zu träumen beginnen.

Umgang mit der Öffentlichkeit

Der Eindruck, den die aufgeregten öffentlichen Debatten um den Vertrauensverlust von Expertensystemen hinterließen, kann – aus der Perspektive eines komplexen Expertensystems, nämlich der Forschungsförderung – so formuliert werden: Es kommt bei der Schadensbegrenzung alles auf schnelles, offenes und mit den betroffenen Partnern abgestimmtes Handeln an. Die zuständigen politischen Instanzen müssen ebenso rasch, rechtzeitig und vollständig informiert werden wie die betroffenen Institutionen. Die für derartige Fälle vorgesehenen Regeln und Instrumente müssen sofort und strikt angewandt werden. Es geht darum, die Öffentlichkeit als Partner zur Sicherung von Systemen zu gewinnen, von denen die gesamte Entwicklung der modernen Welt abhängt. Wer aber die „Öffentlichkeit“, wer auch die Medien als Partner gewinnen will, muß die Regeln kennen, nach denen Öffentlichkeit heute funktioniert:
Die Öffentlichkeit (Presse, Rundfunk, Fernsehen) muß auch bei verzweigten Problem-Fällen, an denen viele Institutionen beteiligt sind, einen Ansprechpartner haben. Er spricht im Einvernehmen mit und im Namen der anderen betroffenen Institutionen.
Neben der Pressesprecherin oder dem Pressesprecher einer Institution muß in einem Fall, der großes öffentliches Aufsehen auf sich zieht, die Spitze der Institution (bei großen Betrieben der Vorsitzende des Vorstands) so kompetent und informiert Auskunft geben können, daß keine Irritationen und Widersprüche auftreten und die Institution mit einer Stimme spricht. Es empfiehlt sich, für jede Phase der Entwicklung auch die möglichen rechtlichen Konsequenzen zu bedenken und die Hausjuristen durch Fachanwälte beraten zu lassen.
Beim Fernsehen – häufig auch in anderen Medien – sind im Normalfall Nachrichten- und Wissenschaftsredaktionen voneinander deutlich getrennt. Gelegentlich sogar so deutlich, daß kaum Kommunikation zwischen den Redaktionen besteht und jede Sparte sich auf „ihre“ Experten verläßt. Diese Experten sind bei den Wissenschaftsredaktionen meist sachnah, bei den Nachrichtenredaktionen – der Profession der Redakteure entsprechend – meist „Universalisten“, das heißt Soziologen, Politologen oder andere Sozial- und Geisteswissenschaftler. Entsprechend unterschiedlich fallen die Kommentare aus. Wird ein Phänomen aus der Wissenschaft, der Forschung oder der Technik nachrichten-relevant, so wendet sich die Nachrichten-Redaktion an die eigenen Experten und fragt nicht bei der Wissenschaftsredaktion nach. Nachrichtenrelevanz also bedeutet meist automatisch den sozialkritischen Kommentar. Die Wirkung so kommentierter Nachrichten aber ist ungleich nachhaltiger als die ausführliche Erläuterung der Wissenschaftsressorts, nicht nur wegen der höheren Einschaltquote, sondern auch wegen der Verkürzung und der sozialkritischen Kommentierung. Die Meinung wird in Deutschland über 15-Sekunden-Statements gemacht.
Seit den 80er Jahren unseres Jahrhunderts gibt es im Leseverhalten junger Menschen einen dramatischen Einbruch. Das Lesen von Büchern ist erdrutschartig zurückgegangen, wobei mit der schwindenden Lesekompetenz auch die Medienkompetenz, also die Verstehens-Fähigkeit, der kritische Blick auf die Nachricht, den Kommentar zu schwinden beginnen. Zugleich zeigt sich in vielen Medien die Tendenz, selbstreferentiell zu werden, das heißt Nachrichten über Nachrichten zu bringen, nicht mehr selbst zu recherchieren und sich hauptsächlich aufeinander zu beziehen. Wenn dann noch der Sorgfaltspflicht des Journalisten – wie es die höchstrichterliche Rechtsprechung in Deutschland will – dadurch Genüge getan ist, daß der Berichterstatter das Archiv des Spiegel konsultiert hat, so wird die Selbstreferentialität prekär.
In der Berichterstattung über die „verstrahlten“ Atommüll-Transporte wurde z. B. Greenpeace dahingehend zitiert, daß »das Problem der Behälter nur die Spitze eines Eisbergs von Zwischenfällen« (sei). Weder lasse sich dieses Problem lösen noch das der Skandale in der Atomwirtschaft, sagte der Greenpeace-Atomexperte Heinz Laing. Bei der Wiederaufbereitungsanlage im englischen Sellafield seien Tauben so hoch radioaktiv belastet, daß sie als fliegender Atommüll, manche sogar als Kernbrennstoff eingestuft werden müßten. Diese Formulierungen stehen zum Sachgehalt in keinem Verhältnis mehr, aber die Botschaft wird schlagartig verstanden. „Öffentlichkeit“, „Veröffentlichung“ und „öffentliche Meinung“ gelten bei uns wie in den USA inzwischen als Wertmaßstäbe, an deren Einhaltung oder Verweigerung die Glaubwürdigkeit der Beteiligten gemessen wird. „Öffentlichkeit“ ist also mehr als nur eine Kontrollinstanz von Politik und Ausübung von Macht, sie ist der Maßstab von Moralität geworden, der auch die Veröffentlichung intimer Details erlaubt. Jene, denen Macht, und sei es nur Informationsmacht, zugeschrieben wird, stehen generell unter Mißbrauchsverdacht, dem nur durch zielgenaue und ehrliche Informationspolitik beizukommen ist. Die Entwicklung einer solchen „Öffentlichkeit“, in der westlichen Welt etwa seit dem Watergate-Skandal zu beobachten, ist eine Begleiterscheinung radikaler Modernisierung, in der durch Ausdifferenzierung der Wertsysteme, durch Hochspezialisierung und Erfahrungs-Beschleunigung die Verständnissegmente eines komplexen Weltzusammenhanges so geschrumpft sind, daß die Öffentlichkeit nicht nur Information, sondern für Laien verständliche Information erwartet und erwarten darf. Schließlich sind in der Mehrzahl aller Fälle wir alle „Laien“. Daß dabei je nach Niveau auch simple Ursachen-Wirkungs-Ketten gefordert werden, ist wiederum nur ein Problem dieser Informations-Erwartungen.
In allen Umfragen bei jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren, die nach den für sie vorbildlichen Eigenschaften von Personen gefragt werden, rangieren Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit an erster Stelle. Die Herstellung von Glaubwürdigkeit durch Ehrlichkeit — auch sich selbst gegenüber — scheint mir in der „vielpoligen“ Welt unter Modernitätsbedingungen die erste Aufgabe von Institutionen und Betrieben, welche in ihrer Funktionsweise auf die Zustimmung von Öffentlichkeit angewiesen sind. Dabei schließt die Öffentlichkeit mit solchen Institutionen gleichsam einen Vertrauenspakt, der aber nicht ein für alle Mal gilt, sondern ständig erneuert und bekräftigt werden muß. Schließlich ändern sich auch Risiken ständig und rasch, so daß sich dementsprechend auch die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit ständig neu stellt. Giddens hat verdeutlicht, daß in der ausdifferenzierten Moderne selbst »die Kontinuität der Routinehandlungen des täglichen Lebens… nur durch die ständige Wachsamkeit aller Beteiligten gewahrt« werden kann. Das wiederum bedeutet, daß in der Moderne sehr kleine Ursachen sehr große Wirkungen haben können. Eine kleine Unachtsamkeit kann Vertrauen deshalb nachhaltig erschüttern, weil von der Nachlässigkeit im Kleinen auf das Verhalten im Großen geschlossen, der Vertrauenspakt als ganzer in Frage gestellt wird. Insofern war wohl die Auseinandersetzung um die „verstrahlten“ Atommüll-Transporte ein Lehrstück im Verhältnis von Vertrauen und Mißtrauen gegenüber modernen Expertensystemen, aber auch ein Lehrstück im falschen Umgang mit der Öffentlichkeit. Ist nämlich der Vertrauenspakt erst einmal zerbrochen, läßt das »Vertrauen in den anderen als zuverlässigen und fähigen Akteur« nach, so breitet sich »ein Strom existentieller Ängste (aus), der die Form von Gefühlen der Kränkung, der Bestürzung und des Verratenseins annimmt, die ihrerseits mit Argwohn und Feindseligkeit« einhergehen. Mir scheint, daß die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit der Forschung nicht nur in Deutschland dringlich wird, weil die täglichen Meldungen über neue Tabubrüche (Stichwort: Humanklonierung) nicht nur am brüchigen Wertekonsens einer Gesellschaft, sondern zugleich auch an der wirtschaftlichen Basis unseres Staates rütteln. Die Herstellung eines Vertrauenspaktes zwischen der Forschung, der forschungsbasierten Industrie und den Menschen, die auf ihre Produkte angewiesen sind, wurde allzu lange vernachlässigt.