Die Nacht der Physiker

von Gottfried Kleinschmidt

Gottfried Kleinschmidt

Prof. Dr. Gottfried Kleinschmidt ist Schulpädagoge im Ruhestand aus Leonberg

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Die Nacht der Physiker - Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe Book Cover Die Nacht der Physiker - Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe
Richard von Schirach
Berlin : Berenberg
2012
271

Im Frühjahr 1945 verhafteten die Amerikaner die Elite der deutschen Physiker und internierten sie auf einem englischen Landsitz. Dort erfuhren die Wissenschaftler vom Abwurf der Hiroshima-Bombe. Abgesehen von der Katastrophe war dies auch eine persönliche Niederlage: Bis dahin waren sie überzeugt, dass nur sie den Schlüssel zur Atombombe in der Hand hielten. Spannend schildert Richard von Schirach, wie Deutschland am Ende in einem badischen Bierkeller fast noch eine Atombombe beschert worden wäre. Er erzählt von Wissenschaftlern, die sich für unfehlbar hielten und in Kriegsverbrechen verstricken ließen. Eine deutsche Geschichte zwischen Genie, Hybris, Schuld und Naivität.

Der Abwurf der Atombombe über Hiroshima bedeutete für die Menschheit eine Zäsur – für all jene, die mit ihrem Wissen und Können an der Entwicklung der Bombe aktiv mitgewirkt hatten, war es zunächst ein abgründiger Triumph, der bei vielen in Entsetzen umschlagen sollte. Für die in Deutschland gebliebenen Experten der Atomphysik, die im „Uranverein“ an einer „Uranmaschine“ bauten, hatte der Abwurf der Atombombe noch eine andere Bedeutung: Sie hatten geglaubt, bei ihren Forschungen zur möglichen Nutzung der Kernenergie (auch der militärischen) an der Spitze der Wissenschaft zu stehen, und wurden einer Illusion beraubt. Ihre Reaktionen, ihre persönliche Geschichte, stehen im Mittelpunkt des vorliegenden Buches. Es geht um zehn Experten, die nach dem Ende des Krieges im englischen Farm Hall bei Cambridge interniert wurden. Einige von ihnen sind bis heute weit über die Wissenschaft hinaus bekannt: Otto Hahn, Max von Laue, Paul Harteck, Erich Bagge, Kurt Diebner, Carl Friedrich v. Weizsäcker, Karl Wirtz, Horst Korsching, Walther Gerlach und Werner Heisenberg. Sie hatten bis zum Ende des Krieges an Experimenten gearbeitet, die zuletzt im Hohenzollerischen Haigerloch durchgeführt wurden.

R. v. Schirach ist es hervorragend gelungen, biographische Notizen, markante Persönlichkeitsmerkmale, wissenschaftliche Leistungen, politische Ambitionen und Visionen dieser „zehn Physiker“ mit Wendepunkten der Politik, mit Wahnvorstellungen im Dritten Reich, mit tragischen menschlichen Problemen und mit dem Leiden von Tausenden und Abertausenden Menschen zu verknüpfen. Er beleuchtet dabei auch die Zeiten des Ersten Weltkrieges und die weitere Entwicklung der Zehn. Die Haupthemen der sechs Kapitel des Buches sind: Die Experimente von Haigerloch, das Schicksal der zehn deutschen Physiker, die dunkle Seite (der Giftgaskrieg), Heisenberg und das Uranprojekt, das Manhattan-Projekt und der Durchbruch, der Traum und das Ende des deutschen Uranprojekts, Hiroshima und Nagasaki, die zehn Physiker in Farm Hall, das Memorandum der Zehn, Nobelpreis für Otto Hahn, die Heimkehr der Zehn und danach. Auf diese Weise entsteht ein faszinierendes, facettenreiches, mehrdimensionales Bild von einer Zeit, die nun mehr knapp siebzig Jahre zurückliegt.

Farm Hall Landsitz nordwestlich von Cambridge (Bild gemeinfrei)

Farm Hall Landsitz nordwestlich von Cambridge (Bild gemeinfrei)

Die in Haigerloch und an ihren Wohnorten inhaftierten zehn Physiker kamen am 3. Juli 1945 auf dem Landsitz Farm Hall an. Ein abgelegener, efeubewachsener Backsteinbau, umgeben von einer Rasenfläche mit Rosenbeeten und ein paar vom Wind gebeugten Bäumen ist für eine unbestimmte Zeit ihr Aufenthaltsort. Das Wissen dieser Experten ist von großem militärischem Interesse und gefährlich. Jeder der Wissenschaftler erhält eine sogenannte „Nazinote“. Die Skala reicht von eins (Antinazi) bis drei (Nazi). Heisenberg wird als Nazi und ausgemachter Lügner eingestuft und erhält die Note drei.

Atompilz über Hiroshima gemeinfrei

Atompilz über Hiroshima gemeinfrei

Die entscheidende „Nacht der Physiker“ findet am 6. August 1945 statt, dem Tag, an dem die Bombe über Hiroshima abgeworfen wurde. Schlagartig zeigte sich damit für die Internierten die Überlegenheit der vielen Wissenschaftler, die am gigantischen amerikanischen Manhattan-Projekt in Los Alamos beteiligt waren. Über dieses schreibt der Autor:

„Tag und Nacht wird in diesen menschenleeren Fabriken ohne Unterlass produziert, um so bald als möglich jenen Stoff zu erbrüten, der Menschen auf eine nie dagewesen Weise und in einem unvorstellbaren Umfang töten soll.“ (129 / 130).

R. v. Schirach – als Sinologe nicht vom Fach, aber als Sohn des „Reichsjugendführers“ Baldur v. Schirach mit den Abgründen des Dritten Reichs vertraut – beschreibt sehr eindrucksvoll, was sich damals in Farm Hall abspielte (Grundlage hierfür sind Abhörprotokolle, vgl. Supplement 1 und 2 NR/1994). Hahn erleidet durch die Nachricht einen Schwächeanfall. Heisenberg hält die Nachricht für eine Propagandameldung. Dieses Ereignis macht den Zehn klar, dass die deutsche Physik nur noch „zweitklassig“ ist. Die britischen Abhörspezialisten, die mit ihren Kopfhörern in ihren Kabinen sitzen, werden Zeugen einer historischen Nacht der „Bekenntnisse, Tränen und letzten Selbsttäuschungen.“ Otto Hahn fühlt sich in dieser Nacht in ganz besonderer Weise schuldig. Er hat als Erster das Tor in das Atomzeitalter aufgestoßen. Die Selbstvorwürfe werden ihn nicht mehr loslassen. „Ich bin schuld“ sagt er mehrmals in dieser Nacht. Carl Friedrich von Weizsäcker stellt viel später in seinen Erinnerungen an diese Nacht von Farm Hall fest, er habe Hahn für wenige seiner Äußerungen „so geliebt wie dafür, dass er das gesagt hat..
Gerlach, der Bevollmächtigte für das Kernwaffenprojekt, wird in dieser Nacht von einem Weinkrampf geschüttelt. Der Abwurf der Bombe hat auch die Bedeutung der Wissenschaftler geschmälert. Der militärischen Niederlage folgt zeitversetzt die bittere Erkenntnis, auch wissenschaftlich versagt zu haben. Harteck beschreibt das deutsche Uran-Projekt viel später als eine Mischung aus Ignoranz, Dünkel und Überheblichkeit. In der Nacht der Physiker stellen die Zehn die bange Frage: „Ist dies das Ende aller Kriege oder das Ende der Menschheit – die Apokalypse?“ – eine Frage, die seitdem im Raum steht. Wer vertraut ist mit diesem ambivalenten Kapitel der Wissenschaftsgeschichte, bei dem Triumph und Tragödie so nahe beieinander liegen, wird aus dem Buch wahrscheinlich nichts wirklich Neues erfahren, doch von Schirach versteht es, die historischen Quellen zu nutzen und damit manche neue Akzente zu setzen, die eine Lektüre lohnen.