Die Darwin-DNA

von Gottfried Kleinschmidt

Gottfried Kleinschmidt

Prof. Dr. Gottfried Kleinschmidt ist Schulpädagoge im Ruhestand aus Leonberg

Letzte Artikel von Gottfried Kleinschmidt (Alle anzeigen)

Die Darwin-DNA – Wie die Forschung die Evolutionstheorie bestätigt Book Cover Die Darwin-DNA – Wie die Forschung die Evolutionstheorie bestätigt
Sean B. Carroll
Frankfurt 2008
330

Nachdem das Genom des Menschen und vieler anderer Tiere vollständig entschlüsselt ist, bekommt man durch einen Vergleich völlig neuartige Einblicke in den Prozess der Evolution. Sean B. Carroll, einer der renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der vergleichenden DNA-Forschung, erzählt in seinem spannenden Buch von uralten, »unsterblichen« Genen, die alle Lebewesen besitzen, von »fossilen« Rest-Genen, die ihre Funktion nicht mehr ausüben, sowie von der verblüffenden Tatsache, dass der Genvergleich zeigt, wie die Evolution sich selbst wiederholt. Entstanden ist ein unterhaltsamer und faszinierender Einblick in die neueste Forschung zur Entstehung und Entwicklung des Lebens.

 

Rechtzeitig zum „Darwin-Jahr 2009″ erscheint ein weiteres hochinteressantes Werk des bekannten Molekularbiologen und Genetikers S. B. Carroll. Charles Darwin ist am 12. Februar 1809 geboren und Die Darwin-DNA macht deutlich, welche gewaltigen Fortschritte die Evolutionsforschung in zweihundert Jahren gemacht hat. Im Mittelpunkt dieses Buches steht die DNA. Durch sie erkennen wir heute, wie die Evolution funktioniert. Im Zentrum stehen dabei wichtige Eigenschaften faszinierender Lebewesen. Das Werk weist drei Hauptteile auf. Im ersten Teil geht es um die drei Faktoren der Evolution: Variationen, Selektionen und Zeit. Entscheidend ist das Zusammenwirken aller drei. Im Hauptteil konzentriert sich der Autor auf die Frage, wie die Spuren in der DNA einen bestimmten Aspekt der Evolution deutlich werden lassen. Die Grundlage bilden dabei neue Befunde, von denen Darwin und seine mathematisch begabten Nachfolger noch nicht einmal hätten träumen können. Ein oft diskutiertes Problem der Evolutionstheorie ist: Wie erwerben biologische Arten ganz neue Fähigkeiten, und wie kommt es zur Feinabstimmung mit vorhandenen Fähigkeiten? Die Leser erhalten hierzu viele interessante Detailantworten aus der Molekularbiologie und Genetik. Die größte Überraschung ist allerdings die Erkenntnis, dass Evolution sich wiederholt. Faszinierend sind auch die Erkenntnisse über die Entstehung und Evolution der Komplexität. Die Spuren in der DNA liefern entscheidende Erkenntnisse darüber, wie Komplexität und Formenvielfalt sich in der Evolution durch die Tätigkeit uralter Körper-Bau-Gene entwickelt haben. S. B. Carroll ist es hervorragend gelungen, seine Begeisterung für die Wissenschaft zu vermitteln. Hierzu tragen nicht zuletzt seine klaren, kurzen Sätze und eindrucksvollen Formulierungen bei. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit überlieferten Vorurteilen und widerlegt diese in sechs Punkten.
Die Tatsache, dass sich Naturgeschichte wiederholen kann, wirft zugleich die faszinierende Frage auf: Wie und wann wiederholt sich Evolution? Die Antwort liegt in dem Wechselspiel aus Zufall, Zeit und Selektion sowie in der Mathematik der großen Zahlen, die über die Häufigkeit von Ereignissen in der DNA und in der Natur bestimmen. Wiederkehrende Ereignisse in der Natur und in Zahlen, die sie erklären, bilden das große „Aha-Erlebnis” und versetzen uns immer wieder in großes Staunen. Selektion wirkt überall dort, wo es im Leben Variationen und Konkurrenz gibt. Wir erfahren darüber hinaus, dass Mutation und Selektion bis heute eine Angelegenheit von Leben und Tod sind. Auch an der Entstehung von Tumoren sind drei immer wieder erwähnte Kernbestandteile der Evolution beteiligt, nämlich zufällige Mutationen, Selektion und Zeit! Das Kernstück der Evolution kann mit folgenden Sätzen gekennzeichnet werden: „Überall wo es Variationen gibt – bei Mollusken oder Schlangen, bei Parasiten, Mücken oder Menschen, aber auch unter den sich teilenden Zellen eines Tumors, führte der ständige Wettbewerb zwischen Räuber und Beute, Krankheitserreger und Wirt, medikamentenresistenten und medikamentensensiblen Zellen zu Veränderungen in der genetischen Ausstattung der Populationen”: Eine aufregende Frage ist daher: Kann die auf kleine Abweichungen einwirkende natürliche Selektion tatsächlich so viele Änderungen „aufsummieren”, dass daraus alle Lebensformen mit ihrer höchst unterschiedlichen Komplexität entstehen?
Genau wie die DNA-Forschung, die sich durch gerichtsmedizinische Untersuchungen, Vaterschaftstests sowie die Diagnose, Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten auf unser gesamtes Leben auswirkt, hat auch die Evolution ihre Bedeutung, wenn wir die wahre Geschichte des Lebendigen und unsere Spezies verstehen wollen. Die in der DNA dokumentierte Evolution wird durch gewaltiges Wissen in Zell- und Molekularbiologie, Genetik, Embryologie und Physiologie untermauert. Zum Schluss seiner Analyse beschäftigt sich S. B. Carroll noch mit einigen Problemen der Umweltverschmutzung, des Klimawandels und der Schädigung der Ökosysteme. Warnend stellt er als engagierter Naturforscher und Biologe fest: „Mittlerweile braut sich durch Überfischung, Umweltverschmutzung und den vom Menschen verursachten Klimawandel ein Unwetter zusammen, das ganze Ökosysteme ohne jede Chance auf Erholung auszulöschen droht”. Die traurige Geschichte, die sich auf der Nordhalbkugel bereits abgespielt hat und zum Verschwinden von Kabeljau, Schwertfisch, Merlin, Seekühen, Austern, Schildkröten, Seeottern und anderen Tieren geführt hat, spielt sich leider derzeit im südlichen Ozean noch einmal ab! Nachdenklich stellt S. B. Carroll am Schluss seiner Untersuchungen Folgendes fest: „Da stehen wir nun am Beginn des 21. Jahrhunderts, können auf zweihundert Jahre Evolutionsforschung zurückblicken und Streiten doch immer noch darüber, ob es die Evolution überhaupt gibt.”

Zum Autor

Sean B. Carroll forscht am Howard Hughes Medical Institute und ist Professor für Molekularbiologie und Genetik an der Universität von Wisconsin (USA). Er ist Fellow der American Association for the Advancement of Science, seit 2007 Mitglied der National Academy of Sciences und hat zahlreiche Preise erhalten. Das TIME-Magazine wählte ihn zu einem der vielversprechendsten Amerikaner.