Der Fall Darwin – Evolutionstheorie contra Schöpfungsglaube?

von Christian Kummer SJ

Christian Kummer SJ

Christian Kummer SJ

Professor em. für Naturphilosophie bei Hochschule für Philosophie München
Christian Kummer SJ, Jahrgang 1945, Dr. phil., Dr. phil. habil, Dipl. Biol., ist Professor em. für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München. Er hat Theologie, Philosophie und Biologie studiert und leitet das Institut für naturwissenschaftliche Grenzfragen zur Philosophie und Theologie. Kummer ist Mitglied mehrerer interdisziplinärer Arbeitskreise und wissenschaftlicher Akademien, der Kommission der Bayerischen Staatsregierung für ethische Fragen der Biowissenschaften und des Ethikkomitees der Novartis Pharma AG, Basel.
Christian Kummer SJ

Pierre Teilhard de Chardins Merksatz “Gott macht, dass die Dinge sich selber machen” fasst den Vortrag des Biologen und Jesuiten Christian Kummer zutreffend zusammen. Der Merksatz hält fest, dass die Evolution “autonom” abläuft und Gott nicht wie ein Handwerker eingreift und an die Stelle innerweltlicher Ursachen tritt. Damit ist auch ein Konkurrenzverhältnis von Theologie und Evolutionsbiologie ausgeschlossen. 

Vortrag vom 27.02.2009, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Tagungszentrum Hohenheim

Siehe auch Rezension des Kummerbuches “Der Fall Darwin”

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Aus der Plenumsdiskussion

Fragen aus dem Publikum und Antworten von Christian Kummer

(Erstellung der Multimedia-Präsentation und des Diskussionstranskripts: Silke Hartmann)


Wie viel kann die Kenntnis der Struktur und der Veränderungsmöglichkeiten der DNA, die wir heute haben, dazu beitragen, die Erklärungskraft der Evolutionstheorie zu verbessern?

Noch entscheidender als die Veränderungsmöglichkeiten der DNA, die Variabilität auf der Ebene der Erbsubstanz, ist die Umsetzung dieser Veränderung der Erbsubstanz auf den Phänotyp, auf die Erscheinungsweise des Lebewesens. Denn Selektion spielt sich mit Lebewesen ab. Diese beiden Ebenen sind heute sehr stark im Fluss. Die moderne, synthetische Evolutionstheorie basiert eigentlich noch auf der klassischen Populationsgenetik, die eine Anwendung der Mendelgenetik ist und die diese moderne Sicht der Interaktionen auf genetischer Ebene, auf der Ebene der Genprodukte usw. noch überhaupt nicht im Blick hat. Erst von da werden wir weiterkommen im nächsten Ansatz den Übergang von diesem DNA Verständnis auf den Phänotyp – das was heute als „EvoDevo“ diskutiert wird – als Zusammenhang von Evolutions- und Entwicklungsbiologie zu verstehen. Ich bin überzeugt, dass sich da in den nächsten Jahrzehnten sehr viel tun wird.

Verleiht Gott nur den Menschen oder allen natürlichen Organismen Kreativität?

Gott verleiht allen Lebewesen Kreativität.

Verleiht er auch dem Kosmos in seinem Ursprung Kreativität? Würden Sie den Materiebegriff, der mit den zwei Polen ausgestattet ist, auch so weit ausweiten, dass er auf „Vorlebendes“ anzuwenden ist? Also auch auf das Universum kurz nach seiner Entstehung?

Hier bin ich hin und her gerissen. Das Problem ist, dass ich im Vorlebendigen mit Determinismus wunderschön vorankomme. Um primitiv zu sagen, was ich von Lesch kapiert habe: das Universum dehnt sich aus und kühlt sich ab. Diese beiden Prozesse bringen immer mehr Strukturbildung zum Vorschein. Beim Lebendigen kann man ausdehnen so viel man will, dadurch läuft nichts ab. Evolution ist was anderes als nur die Entstehung von größerer materieller Komplexität. Was wir zuerst in den Griff kriegen müssten, wäre diese Eigenart, dass in der Evolution des Lebendigen das Komplexitätswachstum auf andere Weise erfolgt als davor. Diesen Unterschied darf man nicht aus dem Blick nehmen. Darum würde ich den Ausdruck „Kreativität“ als dieses Entstehen von selbstorganisiertem Neuen eigentlich lieber dem Lebendigen vorbehalten.

Was soll man an der Bibel wörtlich nehmen, was kann man übertragen?

Nicht immer dann, wenn es einem passt, wörtlich nehmen und wenn es einem passt, übertragen. Ich bin der Meinung, wenn wirklich gute Exegese betrieben wird und man wirklich sauber die verschiedenen Schichten herausarbeitet, wie diese Erzählung entstanden ist, dann bekommen sie damit aus diesen sauberen, exegetischen, handwerklich gut gemachten Dingen die Intention heraus, was damit gesagt werden sollte. Dann können sie diese Intention in Bezug setzen zu dem, was sie erklärt haben wollen und können dann sehen, ob es entweder ganz andere Aussagen sind, die zur Lösung der Frage nichts beigetragen haben oder – viel häufiger der Fall – die erstaunlich viel von einem ganz anderen Hintergrund aus beigetragen haben. Das löst dann diesen Widerspruch auf. Aber es ist selten, dass Bibelarbeit in dieser Breite gemacht wird, denn es ist ja mühsam, viel mühsamer als der Durchschnittskirchgänger am Sonntag von der Kanzel hören möchte. Bloß sollte das für die Kanzelredner kein Grund sein, sich selber dieser Mühe zu entziehen.
Moderator: Ich glaube, es war Carl-Friedrich von Weizäcker, der gesagt hat: „Man kann die Bibel entweder ernst oder wörtlich nehmen“.

Wo sind die Grenzen der Rechtfertigung des Eingreifens in den Prozess der schöpferischen Einigung?

Wenn es stimmt, dass Gott macht, dass die Dinge sich machen, dann gibt es nur einen, der sich diese Grenzen stellt und das sind wir selbst. Wir können uns nicht auf irgendeinen Schöpfungswillen berufen, wie etwa: „Gott hat die Schöpfung so und so gewollt“ oder „wir müssen die Schöpfung bewahren“. Welche Schöpfung? Was ist die Schöpfung? Die Schöpfung als ein von Gott vorgesehen Zustand, den wir so bewahren müssen, gibt es nicht. Die Kreatur, die fähig ist, darüber nachzudenken, ob etwas nachhaltig, verantwortbar etc. ist, die muss ihre eigene Vernunft gebrauchen im Sinne dessen, der will, dass wir kreativ sind, mit dem „Hirnkastel“ kreativ arbeiten.

Bei der Auswahl der passensten Lebewesen muss es doch mehr als Zufall geben.

“Survival of the fittest” und Zufall – wer ist „the fittest“? Derjenige, der in der nächsten oder besser noch in der übernächsten Generation die meisten Nachkommen hat. Bei dem sich also die Anzahl seiner Gene am meisten verbreitet, der wird „the fittest“ genannt. Das ist auf der einen Seite natürlich von Zufall abhängig, es kann ein Männchen noch so fruchtbar sein, wenn ihm vor seiner Reproduktionsphase ein Stein auf den Kopf fällt, dann ist es vorbei. Auf der anderen Seite werden eine ganze Reihe Faktoren der Umwelt, in die dieses Lebewesen eingepasst ist, inhaltlich bestimmen, worin seine Tauglichkeit besteht. Pflanzen beispielsweise benötigen in einer Gegend, in der nur kurz Sommer ist, eine möglichst schnelle Keimfähigkeit, möglichst schnelle Ausbildung von Samen. Ich kann eine ganze Reihe von Dingen inhaltlich angeben, die diese Nachkommen nicht dem Zufall überlassen, sondern im Bezug auf die von der Umwelt gestellten Bedingungen die beste Antwort sind. Variabilität ist zufällig, aber die Auswahlkriterien sind harte Gegebenheiten der jeweiligen Konstellation.

Ist die Evolution falsifizierbar?

Theorien sind nie verifizierbar oder falsifizierbar. Man kann aus Theorien Hypothesen ableiten, die man testen kann. Je öfter man Hypothesen, die aus einer Theorie folgen, positiv testet, desto fester und stabiler ist die Theorie. Oder man findet eine Hypothese von der man sagen kann, wenn das nicht geht, dann ist es ein Todesstoß für die Theorie. Das ist aber sehr theoretisch. Man wird fast immer Zusatzannahmen finden, mit denen man eine schon oft bestätigte Theorie weiter stabilisieren kann. Je länger man eine liebgewordene Theorie hat, desto schwerer wird es, sie mit irgendetwas über den Haufen zu werfen. Darwin selbst hat so ein paar Annahmen in „The Origin of Species“ von denen er sagt: „wenn dies oder jenes der Fall wäre, dann wäre es der Todesstoß für meine Theorie“. Das sind aber immer Dinge, die entweder nicht gezeigt werden können, oder bei denen er selbst schon den Ausweg hatte, wie sie mit Hilfe seiner Theorie erklärbar sind.

Wie ordnen sie Seele in die Evolution ein?

Wir haben mindestens zwei Seelen. Man muss also sehr vorsichtig sein, wovon man redet: Seele theologisch oder Seele im Sinne der Neurobiologie oder der Psychologie. Römische Verlautbarungen sagen Evolution sei lehrbar als eine Theorie, aber die menschliche Seele sei unmittelbar von Gott geschaffen. Wenn das eine theologische Aussage sein soll, dann ist das eine Aussage über den Bezug des Menschen zu seinem Schöpfer. Das sagt uns in der Evolutionstheorie aber überhaupt nichts. Zusätzlich heißt menschliche Seele auch meine seelischen Vollzüge, meine Gefühle, Affekte, Empfindungen, also meine mentalen Eigenschaften. Diese sind natürlich evolutiv entstanden.

Zieht sich Gott nach seiner Schöpfung zurück? Ist die Schöpfung abgeschlossen?

Um das zu beantworten muss man Rahners Begriff der Selbsttranszendenz nutzen. Selbsttranszendenz ist möglich durch Selbstmitteilung Gottes. Damit ist Gott dem Geschöpf mitgeteilt nach seiner Fassungskraft. Er ist nicht fern von diesem Geschöpf, sondern er ist in jedem Geschöpf zuerst. Das Beispiel, das ich für diese Art der Gegenwart Gottes gerne nutze, stammt von einem Uhrmachermeister. Er benutzte es im Zusammenhang mit der Geschichte von Anna aus dem Buch „Hallo Mr Gott, hier spricht Anna“, als Anna sagt, Mr Gott sei ganz leer. Um dieses „leer“ zu erläutern, sagte der Uhrmachermeister „Gott ist ständig ganz verschenkt“. Es ist seine eigene Freiheit, seine Liebe, sich an die Geschöpfe hinzuschenken, völlig souverän, nichts zwingt ihn dazu. Deshalb ist Gott in seinen Kreaturen zu finden, in seiner Schöpfung zu finden, nicht irgendwo im Himmel. Somit zieht sich Gott nicht aus seiner Schöpfung zurück. Er ist rettungslos – wenn man von Gott so sagen kann – in seine Schöpfung hingegeben. Und somit gibt es auch keinen Abschluss der Schöpfung.

Pressebericht über die Tagung

Mit freundlicher Genehmigung geben wir den Wortlaut des Artikels der Stuttgarter Zeitung vom 2. März wieder.

Versöhnung der Gegensätze – Darwin contra Schöpfungsglaube

Hohenheim. “Wie viel ist die Theorie von Charles Darwin wert?”, fragt Christian Kummer. Der Philosoph fragt es beim Vortrag in Hohenheim – und in seinem neusten Buch. “Evolutionstheorie contra Schöpfungsglaube” ist dessen Untertitel.

Von Judith A. Sägesser

Gott macht, dass die Dinge sich machen”, das hat Pierre Teilhard de Chardin, ein französischer Philosoph, einst gesagt. Für Christian Kummer ist das die Formel, die Theologen und Naturwissenschaftler miteinander versöhnt – dann, wenn sie sich wieder einmal darüber streiten, wie Evolution eigentlich funktioniert. Für Kummer steht fest: An beiden Weltsichten ist etwas Wahres dran; die eine kann nicht ohne die andere. Ein Grund dafür, dass er so denkt: “Ich vereine beide Wissenschaften in meiner Person.”

Christian Kummer leitet das Institut für naturwissenschaftliche Grenzfragen zur Philosophie und Theologie an der Hochschule für Philosophie in München. Er hat Theologie, Philosophie und Biologie studiert. Sein neustes Buch heißt “Der Fall Darwin – Evolutionstheorie contra Schöpfungsglaube”. Am vergangenen Freitag hat er bei der katholischen Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Hohenheim über seine Gedanken zu diesem Thema gesprochen.

2009 ist das Darwin-Jahr. Der britische Naturforscher Charles Darwin ist vor 200 Jahren geboren. Die Debatte, was seine Evolutionstheorie leisten kann, ist in den vergangenen Wochen hochgekocht. Darwin behauptet, dass sich Lebewesen zwangsläufig perfektionieren. Diejenigen, denen das gelingt, bestehen fort, sie setzen sich gegen Schwächere ihrer Art durch. “Survival of the fittest” ist der Satz aus dem Biologieunterricht, der bei vielen hängen geblieben sein müsste.

Darwins Überlegungen gelten gemeinhin als revolutionär. Allerdings sind sie nicht unumstritten. Das Wissenschaftsmagazin “Science” schreibt, dass nur 40 Prozent der Amerikaner die Darwin-Theorie für wahr halten. Und auch die Europäer zweifeln. Einzig in Island, Dänemark, Schweden und Frankreich sind die Menschen zu 80 Prozent auf der Linie Darwins. Deutschland liegt mit 70 Prozent im Mittelfeld.

“Ich zweifle nicht an der Richtigkeit von Darwins Theorie”, sagt Christian Kummer, “aber ich muss Kritikern gegenüber gleichzeitig zugeben, dass die Mehrzahl evolutionsbiologischer Rekonstruktionen empirisch wenig belastbar ist”. Kummer leuchtet vor allem nicht ein, weshalb Lebewesen unvermeidlich die Vervollkommnung anstreben. Dafür habe Darwin keine stichhaltigen Argumente.

Ebenso lückenhaft findet Kummer die Weltsicht der Kreationisten. Dass es einen Gott geben soll, der Lebewesen formt, einem Handwerker gleich, überzeugt ihn nicht. “Da muss ich meine Vorbehalte anmelden.” Eine Katze unterscheidet sich von einem Stuhl. Der Stuhl war ein Holzstück, bevor ein Schreiner ein Sitzmöbel daraus gezimmert hat. Die Katze lässt sich weder nähen noch gestalten noch kleben. Sie ist. “Es muss zwei Arten von Materie geben.” Auf der einen Seite alles Unbelebte. Auf der anderen Seite das Belebte, das Beseelte – das für Naturwissenschaftler nicht komplett Fassbare. Kummer sieht im Metaphysischen die Lösung der scheinbaren Gegensätzlichkeit von theologischem Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie. Er fragt: “Welche Prinzipien muss ich annehmen, um die Wirklichkeit in einem möglichst wenig eingeengten Sinn zu erklären?”

Unabhängig davon, was Gesellschaften glauben und schlüssig finden, in der heutigen Zeit dominieren die Naturwissenschaftler in der Regel. Die Theologen ziehen sich zurück, ihnen bleibt letztlich, die Alternative zu Formeln und Diagrammen zu bieten. “Naturwissenschaftler halten dieses Alternativangebot in der Regel für überflüssig”, sagt Kummer. “Es ist hier wie mit der Musik: Wer mag, darf sie betreiben, aber wer nicht mag, dem geht ohne sie nichts ab.” Das muss sich seiner Meinung nach ändern.

Christian Kummer: Der Fall Darwin – Evolutionstheorie contra Schöpfungsglaube. Pattloch Verlag, 303 Seiten, 19,95 Euro.