Darwins Jim Knopf

von Heinz-Hermann Peitz

Heinz-Hermann Peitz
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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Darwins Jim Knopf Book Cover Darwins Jim Knopf
Julia Voss
Evolution (Biology) in literature
2009
183

Was Michael Endes »Jim Knopf« mit Charles Darwin und der Evolutionstheorie zu tun hat. Michael Endes »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« ist eines der populärsten Kinderbücher der Nachkriegszeit. Bisher dachte man auch, dass damit alles gesagt sei. In einer spannenden und aufregenden Spurensuche gelingt es Julia Voss jedoch, eine tiefere Dimension dieses Klassikers der Kinderliteratur freizulegen: Wie eine Detektivin weist sie nach, dass zahlreiche Anspielungen auf Darwin und die Evolutionstheorie das gesamte Buch durchziehen - es sind so viele, dass sich dahinter ein Plan verbergen muss. Diesen Plan legt sie Schritt für Schritt frei und zeigt, dass Michael Endes Buch mehr ist als das Produkt reiner eskapistischer Phantasie.

Wussten Sie, dass Michael Endes “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” die “unheimlichste Rezeptionsgeschichte der Evolutionstheorie in einem Kinderbuch” (FAZ vom 13.12.2008, S. 33) ist? Ich jedenfalls nicht. Obwohl mir Jim Knopf und die Evolutionstheorie keine Unbekannten sind, ist mir deren Verbindung erst durch das aufschlussreiche Buch von Julia Voss “Darwins Jim Knopf” erschlossen worden.

Voss stellt – präziser formuliert – Endes Buch als Gegengeschichte zur Darwinrezeption im Nationalsozialismus heraus. Wer meint, der Bezug dieses (vermeintlichen) Kinderbuches zum dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte – inkl. Bildungsgeschichte – sei an den Haaren herbeigezogen, der lasse doch einmal die überzufälligen Parallelen auf sich wirken.

Jim_Knopf_Marke

Abbildung gemeinfrei

Da ist zunächst der Name “Jim Knopf”. Sein historisches Pendant, ein farbiger Junge aus Feuerland, wird im 19. Jahrhundert per Schiff nach England verschleppt; sein Name: Jemmy Button (engl. “Knopf”). Der spätere Mitreisende, der über Button in einem Reisebericht (“Fahrt der Beagle”) erzählt, ist kein Geringerer als Charles Darwin (Voss 7-9; 60-62). Julia Voss fiel des weiteren auf, dass die Insel Lummerland aus Endes Buch dem damaligen England gleicht: Die einzige Bahnstrecke mit Dampflock erinnert an George Stephensons Pionierstrecke, der Laden, der Güter aus der ganzen Welt geliefert bekommt, erinnert an das England der Kolonialzeit, das Postschiff erinnert an den ersten Liniendienst zu den Westindischen Inseln und in dem regierenden König mit den schottisch karierten Pantoffeln erblickt Voss King William IV. Entsprechend repräsentieren die Bewohner der Insel “die Mikrogesellschaft des 19. Jahrhunderts: Bürger, Kaufleute und Arbeiter” (60), darunter Herr Ärmel (vgl. Ärmelkanal) mit Schirm und Melone als “prototypischer Engländer” (60).

Diese Parallelen ließen Voss eine erste Arbeitshypothese aufstellen: Endes Buch ist “eine Parodie auf Charles Darwins Fahrt der Beagle” (9). Als dann aber Begriffe auffielen wie “Rasse”, “Schande” und “Todesstrafe” (9) reifte die Überzeugung, dass es sich sehr viel tiefer gehend um eine Gegenwelt zur Darwinrezeption des Nationalsozialismus handelt. Voss stellt heraus, dass Darwin für Ende eine “durch und durch negative Gestalt” war, über dessen Evolutionstheorie Ende vermutete, “dass die ganze darwinistische Theorie von der ‘natürlichen Auslese der besser Angepassten’ nichts anders ist, als die naturwissenschaftliche Rechtfertigung einer Gesellschaftsordnung” (O-Ton Ende, zit. nach Voss 12). Wörtlich sagt Ende in einem Interview: “Die Idee des Rassismus und der Rassendiskriminierung … entstand durch Weiterdenken von Darwins Theorien. Die Auslöschung lebensunwerten Lebens und Konzentrationslager” (nach Voss 97).

Diese Ideologisierung Darwins zur Rassendiskriminierung taucht bei “Jim Knopf” spätestens auf, als die Helden des Buches zur Drachenstadt wollen und von dem Eingangsschild gewarnt werden: “!Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten”. Bis in grafische Details hinein ist hier eine Abbildung zitiert, die in einem Kinderbuch von 1936 Juden davon abhält, die Stadt der Reinrassigen zu betreten; Aufschrift: “!Juden! sind hier unerwünscht” (Voss 30). Der Tunnel zur Drachenstadt ist wie ein rauchender Schlot, der weniger Fiktion ist, sondern – vor dem Hintergrund des Ende-Interviews – vielmehr als Anspielung auf die dunkle KZ-Vergangenheit verstanden werden kann (16).

Als Darwinkennerin (Voss verfasste eine mehrfach ausgezeichnete Dissertation über Darwin) weiß und benennt die Autorin unmissverständlich, dass der Weg von Darwin zum Rassismus “weder so geradlinig noch zwangsläufig verlaufen [war], wie Ende annahm” (97). Dennoch aber “vereinnahmten die Nationalsozialisten die Evolutionstheorie, die sie wahlweise ‘Entwicklungs-‘ oder ‘Rassetheorie’ nannten, als Kronzeugen ihrer Ideologie” (98). Bei dieser Rezeption blieb von den Mechanismen der Evolutionstheorie nur die “Selektion” über, und der “Kampf ums Dasein” wurde zur gängigen Formulierungen in Schulbüchern (98), ein Kapitel, dem sich Voss ausführlich widmet und auf deren Parallelen in Endes Buch (Stichwort “Drachenschule”) sie nicht müde wird hinzuweisen. Als Zwischenfazit hält Voss fest: “Als Michael Ende für Jim Knopf ein zweites Leben erfand, ließ er den geretteten Jungen gegen die deutsche Bildungsgeschichte antreten” (98), und “im Namen von Jim Knopf wurden noch einmal alle Dämonen benannt und gebannt” (154). Allgemeiner beendet Julia Voss den FAZ-Artikel: “Jim Knopf bekommt eine zweite Chance. Und mit ihm die Evolutionstheorie”.