Chancen naturwissenschaftlicher Bildung

von Gottfried Kleinschmidt

Gottfried Kleinschmidt

Prof. Dr. Gottfried Kleinschmidt ist Schulpädagoge im Ruhestand aus Leonberg

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Einstellungen zu den Naturwissenschaften und naturwissenschaftlich relevante Haltungen bei deutschen und japanischen Jugendlichen – Eine neue Perspektive zur PISA-Debatte Book Cover Einstellungen zu den Naturwissenschaften und naturwissenschaftlich relevante Haltungen bei deutschen und japanischen Jugendlichen – Eine neue Perspektive zur PISA-Debatte
Jürgen Langlet, Gerhard Schaefer
Frankfurt u.a. Peter Lang Verlag
2008
131

Im Unterschied zur Curriculum-Reform der 70er-Jahre dreht sich die heutige PISA-Debatte fast nur um Wissen und Fertigkeiten und klammert die affektive Seite von Unterricht weitgehend aus. In einer von Japan finanzierten und von G. Schaefer wissenschaftlich betreuten Vergleichsstudie wurde die affektive Seite naturwissenschaftlicher Bildung, nach «Einstellungen» und «Haltungen» getrennt, an Jugendlichen untersucht. Dabei zeigt sich, dass deutsche Schüler/innen, sowohl was Einstellungen zur Naturwissenschaft als auch was naturwissenschaftlich relevante Haltungen betrifft, signifikant besser abschneiden als ihre japanischen Altersgenossen. Die Frage, wieso trotz besserer affektiver Voraussetzungen ihre Leistungen bei TIMSS und PISA so hinter den japanischen zurückstehen, wird ausführlich diskutiert.

In der neuen PISA-Studie von 2006 „Schulleistungen im Internationalen Vergleich – Naturwissenschaftliche Kompetenzen für die Welt von morgen ” (Bielefeld 2007) werden zwar auch die Haltungen und Einstellungen der 15-Jährigen zu den Naturwissenschaften und ihr Wissen um die Chancen analysiert, die naturwissenschaftliche Kompetenzen im Leben eröffnen können, aber nicht im bilateralen Vergleich Japan/Deutschland.
Dies wird von der vorliegenden Studie geleistet, die zugleich wesentliche Aussagen zur Lehrerbildung und der Unterrichtsqualität enthält. Interessant sind diesbezüglich zwei weitere OECD-Studien: „Schools and Quality – An International Report” (Paris 1989) mit den „Big Ten” (Zehn Merkmale guten Unterrichts und einer guten Schule) und die besonders wichtige Untersuchung zur Lehrerpersönlichkeit und Lehrerbildung: „Teachers Matter – Attracting, Developing and Retaining Effective Teachers” (Berlin/Paris, Juni 2005), deren Aussagen im vorliegenden Werk mit einbezogen werden.

Die beiden Autoren waren an dem dritten japanisch-deutschen Forschungsprojekt der NIER Tokyo (National Institute for Educational Policy Research) zur naturwissenschaftlichen Grundbildung bei Jugendlichen beteiligt. Sie informieren also aus erster Hand. Zunächst beschäftigen sie sich theoretisch mit den Begriffen „Einstellungen und Haltungen”, geben sachliche Gründe für deren Unterscheidung an und erläutern, was sie unter naturwissenschaftlich relevanten „Haltungen” verstehen. Im Mittelpunkt des zweiten Abschnittes steht der erste Projektteil mit fünf Teiltests: (FA) Freie Assoziation – (FD) Freie Definition – (PP) Polaritäts-Profil – (MC1) Multiple Choice Test – (DA) Direkter Haltungstest. Im zweiten Projektteil stehen die naturwissenschaftlich relevanten Haltungen der beiden (japanischen und deutschen) Schülerpopulationen im Zentrum. Nach der allgemeinen Diskussion folgen die wichtigen Konsequenzen für Erziehung und Unterricht sowie eine bündige Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse. Im Anhang erhalten die Leser einen Einblick in die 25 Aufgaben, die für das dritte japanisch-deutsche Forschungsprojekt der NIER Tokyo entscheidend waren. Informativ ist auch das „Auswerte-Verfahren”.

Drei Punkte dieser Vergleichsstudie sollen herausgehoben werden:

  • Die Haltungen und Einstellungen zur Naturwissenschaft und Technik sind bei Deutschlands 15-Jährigen deutlich besser und positiver als die der japanischen Jugendlichen. Die deutsche Jugend ist besser als ihr Ruf, sie könnte mehr, vielleicht will sie sogar mehr leisten!
  • Trotz guter affektiver Voraussetzungen sind die Leistungen allerdings enttäuschend. Dies verweist auf Mängel im Unterricht: Die Schüler erwarten zu Recht einen Unterricht, der ihre Neugier aufnimmt, ihr Interesse findet, sie zum Forschen anregt und zum Nachdenken auffordert.
  • Als Konsequenz ist ein interessant gestalteter, problemorientierter Unterricht zu fordern, mit Phasen selbständigen und selbstorganisierten Lernens. Dies wäre sicherlich in Deutschland die entscheidende Voraussetzung für bessere Leistungen in den Naturwissenschaften.

Nach Einschätzung der Autoren ist die Lehrerperson als Vorbild im naturwissenschaftlichen Unterricht von größter Bedeutung. Solche vorbildlichen Lehrer brauchen selber Vorbilder. Sie müssen in ihrer eigenen Schulzeit, vor allem aber in der universitären und der Seminarausbildung die erwähnten Einstellungen zu den Naturwissenschaften unmittelbar erlebt haben. In die gleiche Argumentationsrichtung weist die oben erwähnte OECD-Studie „Teachers Matter” (Juni 2005). Zusammenfassend stellen die beiden Autoren kurz und prägnant fest:
„Die affektiven Komponenten von Bildung und Einstellungen zu den Naturwissenschaften und naturwissenschaftlich relevante Grundhaltungen der deutschen Jugendlichen sind besser als erwartet. Die Chancen für eine erfolgreichere und nachhaltigere naturwissenschaftliche Bildung sind in Deutschland als sehr hoch zu bewerten”. Erforderlich ist die Verbesserung der Unterrichtsqualität!

Rezension von Prof. Gottfried Kleinschmidt, aus: Naturwissenschaftliche Rundschau, 62 (2009) Heft 6. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors.