Hunger nach Gerechtigkeit

Zwischen Unterernährung und Adipositas

An Hunger leiden oder an Überfluss – beides sind Folgen einer eklatant ungerechten Nahrungsverteilung auf der Welt. Welche Perspektiven darauf können Theologie und Medizin erschließen? Ein Abend der interdisziplinären Auseinandersetzung mit der globalen Ernährungslage.

Von Carolin Hochstuhl

Dass in diesem Jahr die christliche Fastenzeit und der muslimische Ramadan zusammenfallen, ist ein passender Anlass, um über Ernährung nachzudenken und über all die Kontraste, die damit verbunden sind. Ein interdisziplinärer Blick auf dieses Themenfeld führt unmittelbar zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit und Ressourcenverteilung: Während wir im Globalen Norden an zahlreichen Folgeerkrankungen unserer Überernährung leiden, bleibt der Hunger global gesehen weiterhin ein ungelöstes Skandalon. Das Marienhospital als offener „Wissensort“ in Stuttgart brachte als Gastgeberin dieser Begegnung von Medizin und Theologie die gesellschaftliche Relevanz dieser Fragen noch einmal besonders zur Geltung. Wie Philipp Schmitz, Leiter der Unternehmenskultur des Hospitals, direkt zu Beginn deutlich machte, war das Thema Ernährung von den Anfängen des Marienhospitals 1890 an eng mit dieser Institution verbunden und Teil ihres Erfolgsrezepts.

Die medizinische Perspektive: Adipositas als Volkskrankheit

Prof. Dr. Monika Kellerer – Endokrinologin, Ärztliche Direktorin der Klinik für Innere Medizin am Marienhospital und bis 2021 Präsidentin der Deutschen Diabetesgesellschaft – fokussierte auf die medizinischen Folgen des Ernährungsüberflusses in unserer Gesellschaft. Da bei uns Nahrung immer und überall verfügbar sei und wir uns dafür nicht mehr bewegen müssten, komme zur Überernährung auch noch ein Bewegungsmangel hinzu. Dies führe dazu, dass mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung übergewichtig sei und jeder Fünfte gar als adipös gelte. Übergewicht und Adipositas aber seien erhebliche Treiber für verschiedene Erkrankungen, wie z.B. Diabetes oder Bluthochdruck, und damit allgemein schlecht für die Lebenserwartung. Hinzu komme die mit Übergewicht zusammenhängende Stigmatisierung, was in depressiven und phobischen Symptomatiken sowie chronischem Stress resultieren könne – welcher wiederum vermehrtes Essen fördere und damit in einen Teufelskreis führe. Zwar gebe es mittlerweile sogenannte „Abnehmspritzen“, diese seien jedoch für viele Menschen nicht erschwinglich, was die soziale Komponente des Dilemmas hervorhebt.

Wenngleich mittlerweile hinlänglich bekannt sei, welche dramatischen gesundheitlichen Folgen diese Lebensweise mit sich bringt, ziehe das noch bei weitem keine Handlungskonsequenzen nach sich: „Wir wissen, was für uns gesund ist und was wir tun sollten, aber das heißt noch lange nicht, dass wir es tun“, so Kellerer. Zumal es besonders schwierig sei, bereits eingefahrene Lebensgewohnheiten nachhaltig zu ändern. Prognosen gingen gar davon aus, dass das Übergewicht hierzulande immer weiter zunehmen werde. Daher plädierte Kellerer nachdrücklich dafür, bereits bei Kindern und Jugendlichen anzusetzen: „Deutschland braucht mehr Prävention bei Adipositas“. Laut einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2021 sieht ein mediennutzendes Kind in Deutschland pro Tag mehr als 15 Lebensmittelwerbungen für ungesunde Produkte. Vor diesem Hintergrund fordert die Deutsche Diabetesgesellschaft nicht nur eine Zuckersteuer, sondern auch eine Sperre für solche Werbungen vor 22 Uhr, sowie deutliche Warnhinweise auf entsprechenden Lebensmittelverpackungen und die bundesweite Einführung der Standards für gesunde und nachhaltige Ernährung der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung). Und: täglich mindestens eine Stunde Bewegung in den Kitas und Schulen, um alle Kinder an ein bewegtes Leben heranzuführen.

Während wir in unserer Gesellschaft also die Überernährung mit vielen Volkskrankheiten bezahlen, erkranken andere Menschen auf der Welt aufgrund von Nahrungsmangel. Einen Ausgleich zu schaffen ist allerdings ein sehr komplexes Unterfangen – das kann aus medizinischer Sicht nur eingestanden, nicht bearbeitet werden. Doch fasste Kellerer ihr Fazit geradezu in theologische Worte: Wir würden gesünder, wenn wir achtsamer wären – mit uns selbst, mit den Mitmenschen und mit dem, was uns gegeben ist.

Die theologische Perspektive: Hunger als Gerechtigkeitsfrage

Prof. Dr. Kathrin Gies referiert zu "Kein Hunger (SDG 2) Alttestamentliche Perspektiven auf soziale Ungleichheiten und Umverteilung"

Daran knüpfte Prof. Dr. Kathrin Gies, Professorin für Alttestamentliche Wissenschaften in Bamberg, mit ihrem Vortrag über alttestamentliche Perspektiven auf soziale Ungleichheit und Umverteilung an. Angesichts der Tatsache, dass 2022 noch 9,2 % der Weltbevölkerung von chronischem Hunger betroffen waren, wird die Forderung des zweiten der 17 Nachhaltigkeitsziele, die 2015 von der UNO im Rahmen der Agenda 2030 beschlossen wurden, besonders brisant: den Hunger bis 2030 global zu beenden (Sustainable Development Goal 2). In der Aufschlüsselung dieses Ziels werde deutlich, dass die ökologischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen unserer Gegenwart untrennbar miteinander verflochten seien. Gies beschäftige sich als Theologin mit diesem Thema, weil es zum Grundverständnis von Theologie gehöre, sich mit den drängenden Zeichen der Zeit auseinanderzusetzen und weil die Kirche in diesem Feld als Global Player und NGO bereits auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken könne.

Alttestamentlich ließen sich, so Gies, drei historische Gründe für Hungersnöte ausmachen: klimatische Veränderungen, kriegerische Handlungen und gesellschaftliche Ungleichgewichte. Diese Ursachen seien grundsätzlich anschlussfähig an die heutige Situation, wenngleich ein fundamentaler Unterschied zur Gegenwart darin bestünde, dass diese Szenarien im Alten Testament lokale Ereignisse darstellten und keine globalen Auswirkungen nach sich zögen – was sich heute nicht zuletzt angesichts des Klimawandels anders darstellt. Das Bedürfnis, der existentiellen Situation von Menschen, die von Hunger betroffen sind, einen Sinn zusprechen zu können, äußert sich biblisch in theologischen Deutungen. Diese erwiesen sich allerdings, so Gies, für unseren heutigen Blick als problematisch, ja gar inakzeptabel: Im Alten Testament werde Hunger als Ausdruck von Gottes Zorn im Rahmen seines Gerichtshandelns verstanden, als göttliche Strafe für das ungehorsame Volk, oder pädagogisch im Sinne einer Prüfung, wie bei der 40-jährigen Wüstenwanderung. Oder er werde in einen Tun-Ergehen-Zusammenhang gestellt als Folge individueller mangelnder Anstrengung oder frevlerischen Verhaltens. Dies könne heute nur noch im religionsgeschichtlichen Kontext plausibilisiert werden: „Es gibt keinen direkten Weg in die Gegenwart“, stellte Gies mit Blick auf die biblischen Texte fest, also auch keine einzeln auf das Heute übertragbaren Handlungsaufforderungen.

Dennoch könne als biblische Grundüberzeugung gelten, dass die Schöpfung Gottes auf Fülle und Nahrung für alle Menschen und Geschöpfe angelegt sei – und dass sich Gott auf der Seite der Armen und Hungrigen positioniere und sich um sie sorge. Darüber könne gar sein Wesen bestimmt werden. Aus diesem Gottesbild erwachse ein Ethos, das den Menschen zur Versorgung der Notleidenden und zur Herstellung von Recht und Gerechtigkeit in die Pflicht nehme. Die Überwindung von Hunger als zentrales Anliegen der Bibel sei im Christentum immer wieder aufgegriffen worden, wie Gies historisch aufzeigte: von den frühchristlichen Bischöfen über die mittelalterlichen Klöster und die Praxis des Almosengebens bis ins 19. Jahrhundert, in dem die punktuelle Fürsorge als nicht mehr ausreichend erkannt und unter anderem der Caritasverein gegründet wurde – wie auch das Marienhospital. Dieses Engagement habe sich in den 1950er und 60er Jahren um eine globale Perspektive erweitert, insofern unter einem neuen Missionsverständnis die Ortskirchen gestärkt und sowohl Misereor als auch Brot für die Welt gegründet wurden. Unter diesen Zeichen nahmen am Zweiten Vatikanischen Konzil auch Vertreter aus dem Globalen Süden teil und die lateinamerikanischen Bischofskonferenzen formulierten die „Option für die Armen“. In diese Tradition habe sich schließlich Papst Franziskus gestellt, wenn er in seinem ersten Apostolischen Schreiben „Evangelium Gaudium“ betonte: „Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden“ (EG 53).

Damit machte Gies den biblisch fundierten Beitrag von Kirche und kirchlichen Institutionen zu einem gerechteren Miteinander stark – individuell wie institutionell. Sie drückte die Hoffnung aus, dass die Theologie eine Stimme im gesamtgesellschaftlichen Diskurs haben sollte, da auch SDG 2 einer Logik der Produktionssteigerung verhaftet bliebe, die der Verschränkung von Hunger und Armut nicht ausreichend Rechnung trage und die den Widerspruch von ökologischen und ökonomischen Zielen nicht aufzulösen vermöge. Der biblisch-theologisch ergänzende Beitrag zur Agenda 2030 könne daher die Aufforderung zur Umkehr der Reichen zugunsten der Armen sein. Denn von einer Erfüllung der SDGs sind wir weit entfernt und eine politische Bewegung in diese Richtung ist nicht zu erkennen. Umverteilung und Maßhalten, Umkehr und Verzicht gelten politisch als „unsexy“, wie Gies konstatierte, der Kirche stünde ein solcher Aufruf eher an.

„Wir müssen auch selber etwas tun“

Prof. Dr. Monika Kellerer referiert zu "Zu viel des Guten - eine medizinische Perspektive zur Ernährung in unserer Gesellschaft"

Somit wurde an diesem Abend sowohl aus medizinischer als auch theologischer Perspektive deutlich: Damit sich etwas bessert, bei uns und global, braucht es eine Verschränkung von individueller und kollektiver Verantwortung – medizinisch spricht man von Verhaltens- und Verhältnisprävention. Denn sicherlich obliegt es jedem und jeder Einzelnen von uns, das eigene Verhalten im Rahmen des alltäglichen Handlungsspielraums zu ändern – und dafür bietet das Fasten, das mittlerweile auch säkular eine große Relevanz hat, einen idealen Anlass zur Reflexion auf die eigenen Abhängigkeiten, wie Gies erinnerte. Doch ist auch eine Veränderung der Verhältnisse vonnöten, die nicht nur dabei unterstützen kann, ein gesünderes und gerechteres Leben zu führen, sondern global gesehen schlichtweg notwendige Voraussetzung dafür ist, dass eine entscheidende Verbesserung geschehen kann: für die, die an Übergewicht leiden und für die, die an Hunger leiden. So formulierte Kellerer zum Schluss eine prägnante Take-Home-Message, die dieser Spannung produktiv zu begegnen sucht: „Wir können nicht immer warten, dass die Politik etwas tut. Wir müssen auch selber etwas tun und damit können wir morgen schon anfangen“.

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