Von Carolin Hochstuhl
Es gibt kein Entkommen: Digitale Medien gehören für uns alle zum Alltag – das fängt oft schon bei Kleinkindern an. Angesichts dieser Tatsache betonte Franziska Roth, Chefredakteurin des SWR, dem Gastgeber dieser Tagung, wie unumgänglich es sei, damit einen guten Umgang zu finden: Wie kann die mentale Gesundheit im digitalen Raum besser geschützt werden – oder – wie kann sie gar durch ihn gestärkt werden? Es brauche Medienkompetenz auf allen Ebenen und diese entstehe nicht von selbst: Man müsse sich aktiv damit auseinandersetzen.
Prof. Dr. Sabine Trepte, Medienpsychologin an der Universität Hohenheim, richtete ihren Blick auf die salogenetischen Potentiale sozialer Medien, also, wo soziale Medien gesund machen, wo sie nützlich sein können. Auf der Makroebene der Politik ließe sich beobachten, dass bestimmte Inhalte nur auf social media stattfänden. Allerdings müsse man, um diesen Faktor auszuschöpfen, proaktiv recherchieren, statt sich bloß im Feed treiben zu lassen, denn politisches Wissen werde durch Selektionswissen generiert und nur unter 5 % der konsumierten Inhalte seien informationsbezogen. Dabei könne durch aktives Kommentieren eine Macht entfaltet werden, insofern ein als diverser wahrgenommenes Meinungsklima Meinungsänderungen begünstige, weil die Angst vor Isolation angesichts einer großen Mehrheitsmeinung schwinde. Auf der Mesoebene Schule rief Trepte dazu auf, Schüler:innen nicht nur darin anzuleiten, soziale Medien kritisch zu reflektieren und Inhalte zu rezipieren, sondern selbst digital denken und produzieren zu lernen. Aus wirtschaftlicher Perspektive könnten die Schulen zu einer Wiege der digitalen Produktion werden und langfristig aus der Abhängigkeit von USA und China herausführen. Immerhin läge in diesem Bereich bereits eine große Motivation bei den Jugendlichen vor – und sie erlebten, wenn sie medienproduktiv und nicht nur -rezeptiv unterwegs seien, eine starke Selbstwirksamkeit. Auf der Mikroebene der Beziehung zeige sich am Beispiel chronisch kranker Menschen, dass soziale Medien gute soziale Unterstützung leisten könnten – gerade durch ihre Ubiquität.
Dass die positive Nutzung der sozialen Medien allerorts noch viel Arbeit bedeute, daraus machte Trepte keinen Hehl. Doch im Hinblick auf die menschliche Psyche funktionierten die sozialen Medien wie soziale Supermärkte: Es liege in unserer Verantwortung sorgsam mit unserer Aufmerksamkeit umzugehen und sie bewusst zu schenken. Das gelte es zu erlernen, anstatt immer nur über Verbote zu sprechen. Justin Swiencki vom Verein Digital Balance brachte diese Sicht im Hinblick auf KI auf den griffigen Satz: „Ihr habt es in der Hand, ob KI euch bereichert oder ob sie zur Gefahr wird.“
Swiencki plädierte damit aber auch für einen bewussteren Umgang mit den Medien, um der vorhandenen Suchtgefahr vorzubeugen. Große Treiber seien dabei die Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Da bei Suchtprävention häufig nur Substanzmissbrauch im Fokus stünde, sei Aufklärung in diesem Bereich besonders wichtig. Und so sprach sich Prof. Dr. Clarissa Henning, Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin an der Hochschule der Medien Stuttgart, aus ethischer Perspektive angesichts all der Probleme für mehr Beschränkungen aus. Sie schlug vor, Plattformlogiken durch einen Rahmen nach dem Vorbild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einzuhegen. Beim Thema Kinderschutz pflichtete ihr auch Abdirahman Ahmed, Vorsitzender des Landesjugendbeirats Baden-Württemberg, bei. Er betonte zwar das grundsätzlich demokratiebildende Potential von social media, die als Dialogplattformen des politischen Austauschs eine hohe Meinungsbildungsrelevanz hätten, doch räumte er ein, dass eine differenzierte Darstellung von komplexen Themen auf dem dort meist gebotenen Raum von wenigen Sekunden oder ein paar Sätzen schwierig sei. Wie sind nun aber diese Perspektiven, die des Schutzes und die der Nutzungsoptimierung, auszutarieren?
Maximilian Schober vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis zeigte auf der Grundlage seiner jüngsten Studie zur Nutzung von Chatbots bei der Bearbeitung psychosozialer Probleme seitens junger Menschen, dass sich zwar einerseits sagen ließe, dass diese emotionale Unterstützung subjektiv funktioniere und niederschwellig wie allzeitverfügbar Orientierung und Entlastung biete – doch reiche dies nicht aus. Die Grenzen der individuellen Handlungsmöglichkeiten lägen nicht nur in der oft mangelnden Reflexion der Datenschutzproblematik und Gewinnorientierung der Unternehmen, sondern auch darin, dass die Nutzung von Chatbots echte soziale Interaktion und pädagogische wie therapeutische Angebote nicht ersetzen könnten. Anstatt diese Fragestellungen über die Medienkompetenz in den persönlich-individuellen Handlungsraum zu verlagern, brauche es einen verstärkten Fokus auf eine „Verantwortungsgemeinschaft“, die nicht nur Eltern und Pädagog:innen umfasse, sondern auch die Medienanbieter selbst und Maßnahmen auf strukturellen Ebenen. Dabei sei nicht nur Medienkompetenz auf allen Seiten gefordert, sondern auch die Ausbildung sozialer Kompetenzen, die sich unter anderem darin ausdrücken, auch im realen Leben über Gefühle sprechen und sich analoge Unterstützung suchen zu können. Gleichzeitig seien mehr entsprechende niederschwellige Räume vonnöten, die genau diese Bedürfnisse aufgriffen, so Schober, und dazu die – auch politische – Erarbeitung von sicheren strukturellen wie kontextuellen Bedingungen.
Besonders erhellend war in diesen Zusammenhängen der Beitrag von Christa Rahner-Göhring vom Netzwerk sii Baden-Württemberg, die darauf aufmerksam machte, dass Senior:innen in diesem Diskurs häufig nicht genügend mitgedacht würden: Manche drohten gar gänzlich abgehängt zu werden, was das Recht auf Teilhabe verletze. Wenn es jedoch gelinge, zwischen den Generationen ein gegenseitiges Verständnis aufzubauen, könne dies bereichernd wirken: Durch die großelterliche Vorsicht und Skepsis und den offenen und angstfreien Mediengebrauch der Enkel:innen könne Lernen auf der einen und Schutz auf der anderen Seite gefördert werden, bestätigte auch Schober. Swiencki gab zu bedenken, dass auch Eltern sich oft abgehängt fühlten und wieder handlungsfähig gemacht werden müssten, um regulierend eingreifen zu können. Doch Schober präzisierte, dass es nicht nur darum gehe Grenzen zu setzen, sondern zu begleiten, Dinge zusammen zu machen und zu besprechen. Denn Erziehung bedeute vor allem, Kinder zu befähigen. Und so könnten letztlich doch beide Aspekte zusammenkommen, Beschränkungen und Nutzungsoptimierung: Beides zusammen kann zu einem konstruktiven Umgang mit digitalen Medien führen und Groß wie Klein darin unterstützen, sicher an der digitalen Welt teilzuhaben und bestmöglich von ihr zu profitieren – damit sie sein kann, was sie ist: Werkzeug und nicht Selbstzweck.
Subscribe to my weekly newsletter. I don’t send any spam email ever!