Lieblingsfrosch der Evolutionskritiker

von Heinz-Hermann Peitz

Foto von Stefan Petri, CC BY-SA 3.0
Heinz-Hermann Peitz
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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Verwandter des (ausgestorbenen) MagenbrüterfroschsFoto von Stefan Petri, CC BY-SA 3.0

Verwandter des (ausgestorbenen) Magenbrüterfroschs
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Überlegungen zum Beitrag von Martin Neukamm: Evolution auf Abwegen? Zur Entstehung des Brutverhaltens des Magenbrüterfroschs Rheobatrachus

Erneut stellt sich Martin Neukamm im oben genannten Artikel einem vermeintlichen Beispiel für irreduzible Komplexität, die ja immer wieder als Argument gegen (Makro-) Evolution ins Feld geführt wird. So erweist „jedes komplexe Organ eines Lebewesens … die Grundschwierigkeit, seine Entstehung verständlich zu machen“, wenn man dem evolutionskritischen Lehrbuch von Reinhard Junker und Siegfried Scherer folgt (Junker/Scherer 2013, 72; siehe unsere Rezension). Die Argumentation läuft dabei meist nach dem gleichen Schema:

  1. Die Evolutionskritiker behaupten von einem komplexen Merkmal, es könne nur durch das gleichzeitige Auftreten zahlreicher Veränderungen (Mutationen) entstanden sein, da schrittweise Veränderungen von der Selektion so wenig positiv bewertet werden könnten wie ein halbes Auge. Es gäbe also keine positiven Zwischenstufen und die Evolution müsse quasi 6 Sechser gleichzeitig erwürfeln, ein aus eigener Erfahrung höchst unwahrscheinliches Ereignis.
  2. Demgegenüber bemühen sich die Evolutionsbefürworter plausibel zu machen, dass die Veränderungen durchaus schrittweise erfolgen können, indem sie den positiven Selektionswert der Zwischenschritte ausweisen. Danach gäbe es positive Zwischenstufen und die Evolution könne auch einzelne Sechser festhalten und damit schrittweise und wahrscheinlicher zum gewünschten Ergebnis kommen.

Sind sechs Sechser möglich?

    Prominentes Beispiel für diese evolutionskritische Argumentation ist die Entstehung der Bakteriengeißel, die an anderer Stelle bereits besprochen wurde. Im vorliegenden Artikel liefert der Magenbrüterfrosch, der seinen Magen bei Bedarf in eine Gebärmutter verwandelt, das evolutionskritische Beispiel, zu dem Junker / Scherer behaupten: „Eine allmähliche Entwicklung dieser ausgefallenen Brutpflege ist unmöglich“ (ebd.). Ausführlicher begründet dies Timo Roller in dem Februar 2016 erschienenen Artikel mit dem Titel „Wie ein Frosch die Evolutionstheorie ins Wanken bringt“. Junker / Scherer wie auch Roller beziehen sich dabei auf den Erstbeschreiber Michael J. Tyler, für den beim Magenbrüterfrosch die „Evolution in einem einzigen riesigen Quantensprung verlaufen sein“ muss (Tyler 1983, 129). Daher ist Roller „überzeugt davon, dass der Magenbrüterfrosch nur als ein einzigartiges Geschöpf Gottes zu erklären ist“ (Roller 2016), denn zu diesem Quantensprung seien 16 gleichzeitige komplexe Veränderungen nötig.

    Genau an diesen Veränderungen setzt nun Neukamm an, indem er Punkt für Punkt die Vielzahl auf eine einzige wesentliche Veränderung reduziert und die übrigen festzustellenden Veränderungen auf kleinschrittige Optimierungsprozesse zurückführt. So sei bereits der eine Schritt, nämlich das Anschalten bereits existierender Hormongene zur Unterdrückung der Magenfunktion, „für das Auftreten eines ersten Selektionsvorteils ausreichend“; er konnte also positiv bewertet und von der Evolution festgehalten werden wie ein festgehaltener Sechser im Würfelspiel.

    Dem Kapitel „Was die Selektion angeblich nicht leisten kann – Diskussion von drei Paradebeispielen“ (Neukamm 2009, 239-301) kann nun ein viertes Beispiel hinzugefügt werden: Die evolutive Entstehung des Magenbrüterfrosches. Rezeption und Diskussion in den Foren mögen erweisen, wie belastbar Neukamms Argumentation ist – oder auch die herrliche Parabel von Richard Dawkins:

    Richard Dawkins Foto von David Shankbone CC-BY 3.0

    Richard Dawkins
    Foto von David Shankbone CC-BY 3.0

    „Das Unwahrscheinlichkeitsgebirge erhebt sich aus der Ebene und streckt seine schwindelerregenden Gipfel in den blassen Himmel. Seine hoch aufragenden, senkrechten Wände sehen aus, als könnten sie niemals bezwungen werden. … Die Höhe des Gipfels als solche ist ohne Bedeutung, solange man nicht versucht, ihn mit einem Schlag zu erklimmen. Man braucht nur den Weg mit der geringen Steigung zu finden, und wenn man unbegrenzt Zeit hat, ist der Aufstieg immer nur so anstrengend wie der nächste Schritt.“ (Dawkins 2008, 85)

    Literatur

    Dawkins, Richard (2008): Gipfel des Unwahrscheinlichen : Wunder der Evolution. Reinbek : Rowohlt.

    Junker, Reinhard; Scherer, Siegfried (2013):  Evolution : Ein kritisches Lehrbuch. 7. Aufl., Gießen : Weyel.

    Neukamm, Martin (2009): Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus : Darwins religiöse Gegner und ihre Argumentation. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht.

    Roller, Timo (2016): Wie ein Frosch die Evolutionstheorie ins Wanken bringt.

    Tyler, Michael J. (1983): The gastric brooding frog. London / Canberra : Croom Helm.