„Schöpfung“ im Spiegel evolutionärer Anthropologie

von Kai Michel

Carel van Schaik

Carel van Schaik

Van Schaik studierte Biologie an der Universität Utrecht. Ab 1989 a.o. Professor am Institut für Biologie, Anthropologie und Anatomie der Duke University in Durham. Von 2004 bis 2018 Professor für biologische Anthropologie an der Universität Zürich.
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Kai Michel

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Historiker, Literaturwissenschaftler, Buchautor bei u.a. Rowohlt
Als Wissenschaftsjournalist schreibt Kai Michel u.a. für GEO, Die Zeit oder die FAZ. Michel lebt als Buchautor in Zürich und im Schwarzwald.
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Was kommt dabei heraus, wenn sich ein Evolutionsbiologe und ein Wissenschaftsjournalist, beide von einem agnostischen Standpunkt aus, mit der biblischen Schöpfungsgeschichte beschäftigen? Das Ergebnis war ein ebenso lehrreicher wie unterhaltsamer Beitrag, der das Narrativ der Genesis in gekonntem Perspektivwechsel beleuchtete und dabei mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften kontextualisierte.

      Carel van Schaik und Kai Michel eröffneten gemeinsam die Tagung der „Arbeitsgemeinschaft katholische Dogmatik und Fundamentaltheologie“ zum Thema „Konstruierte Schöpfung?“. Angelehnt an ihr neues Buch „Die Wahrheit über Eva“ gingen sie der Frage nach, welche kulturellen und anthropologischen Bedingungen dazu geführt haben, dass Frauen systematisch benachteiligt werden.

      Grundlegend für ihre These ist der nicht zielgerichtete Ablauf der Evolution im Unterschied zur Schöpfung. Letztere setze immer einen initiierenden und zielorientierten Schöpfer voraus, der als Begründung des Daseins die Basis für die ätiologischen Narrative der Bibel ist.

      Die Neigung, die bestehenden sozialen Verhältnisse strikt kausal (biologisch) oder final (theologisch) zu zementieren, sei dem Menschen zwar eigen, wie van Schaik und Michel betonen. Der Nachteil an dieser Perspektive sei jedoch, dass man dabei blind werde für die geschichtlichen und kulturellen Einflüsse. So sei die Ungleichbehandlung der Geschlechter biologisch in keiner Weise zu begründen. Dafür spreche eine ursprüngliche Gleichheit, die sich mit evolutionsbiologischen Argumenten belegen lasse. Für eine später in die Gesellschaft eingetragene Benachteiligung von Frauen seien allein kulturelle Faktoren verantwortlich, wie die beiden Referenten anschließend ausführlich darlegten.

      “Wir haben es also mit dem zu tun, was man in der Psychologie einen fundamentalen Attributionsfehler nennt, also eine falsche Ursachenzuschreibung, eine verkehrte Urheberschaft, wenn es um diese finalistischen Neigungen geht, eben Dinge zu deuten, dass sie irgendwie, irgendwann zu irgendeinem Zweck gemacht worden sind. Das heißt umgekehrt, dass wir blind sind für die Gewordenheit der Dinge, für die Entwicklung, das Prozesshafte, für das, was wir kumulative, kulturelle Evolution nennen. Wir sprechen in letzter Zeit sehr oft von Kulturblindheit, die für viele Probleme verantwortlich ist, die uns heute auch noch umtreiben.” (Kai Michel)

      Fazit: Die Ungleichheit von Frauen gegenüber Männern lässt sich nicht natürlich begründen. Das belegen die biologischen Erkenntnisse. Die Referenten schlossen daher mit einem ebenso ernüchternden wie hoffnungsvollen Fazit: Ungerechte und bisweilen antifeminine Strukturen sind kulturell bedingt und daher änderbar.

      (Ludwig Motz)