Reichholf: Evolution

von Heinz-Hermann Peitz

Heinz-Hermann Peitz
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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Evolution – Was stimmt? Die wichtigsten Antworten Book Cover Evolution – Was stimmt? Die wichtigsten Antworten
Josef H. Reichholf
Freiburg
2007
128

Welchen Gesetzen gehorcht die Evolution? Alles Zufall, ohne Plan? Urknall oder "Intelligent Design"? Wer mehr wissen will, zu Darwins Theorie, findet hier Orientierung durch einen Fachmann, der aufzeigt, was stimmt.

Im Februarheft der Stimmen der Zeit (Presseschau vom 29.02.) empfiehlt der Rezensent Christian Kummer das Taschenbuch „Evolution“ des Zoologen Josef H. Reichholf, der sich September 2007 kritisch konstruktiv mit der katholischen Position zur Evolutionstheorie auseinander gesetzt hat (wir dokumentierten den Wortlaut). Der Buchempfehlung schließe ich mich an, jedoch mit einer kleinen, aber wichtigen Einschränkung.

Solide Grenzziehung …

Josef H. Reichholf "Alles, das gesamte All von Anfang an als ein Schöpfungswerk begreifen zu wollen, stellt keinen Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Erforschung von Weltall, Erde und Evolution dar."

Josef H. Reichholf “Alles, das gesamte All von Anfang an als ein Schöpfungswerk begreifen zu wollen, stellt keinen Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Erforschung von Weltall, Erde und Evolution dar.”

Doch lassen Sie mich mit dem beginnen, was mir an Reichholfs Buch gefallen hat.
Zunächst finden Sie einen leicht verständlichen Einblick in die Funktionsweise der Evolution, dabei auch Aufklärung über die leicht missverständlichen und oft (philosophisch-theologischerseits) pejorativ besetzten Begriffe wie „Zufall“ (siehe z. B. 38) oder „Kampf ums Dasein“ (siehe 27f.). Dabei scheut sich Reichholf nicht, die zentralen, mit der Evolution zusammen hängenden, grenzüberschreitenden philosophischen und theologischen Fragen anzugehen. Themen wie „Evolution als Katastrophengeschichte“, „die Frage nach einem Ziel der Evolution“, „Evolution und freier Wille“, „Evolution und Schöpfung(sbericht)“ werden ausdrücklich weder auf Naturalismus (z. B. 10) noch auf Kreationismus oder Intelligent Design (9, 114ff., 122) enggeführt: „Vielleicht ist vielen Naturwissenschaftlern ein ‚intelligenter Designer’ einfach zu klein geraten. Wer das Göttliche für die gesamte Natur, für alles Sein sucht, muss dafür wohl auch das denkbar Größte annehmen“ (119). Dem ist nur zuzustimmen.

Die Grenzen der Naturwissenschaft werden dabei zunächst wissenschaftstheoretisch solide abgesteckt, denn nach Reichholf „vertritt die Evolutionsbiologie überhaupt keine Sinnfragen, denn diese liegen gänzlich außerhalb ihres wissenschaftlichen Forschungsfeldes“ (10). Dies sind die „wirklichen Grenzen“, nicht das zur Zeit noch Unverstandene, die temporären Grenzen der Naturwissenschaft also, „die diese von Jahr zu Jahr weiter hinausschiebt ins bislang Unbekannte“ (123). Im Blick auf die wirklichen Grenzen sollte „seriöse Naturwissenschaft … darauf bedacht sein, ihre Befunde und Erkenntnisse von den Schlussfolgerungen, die sie daraus zieht, klar zu trennen“ (86). Umgekehrt ist „die Genesis … aus der Sicht der Naturwissenschaft keine wissenschaftliche Kurzfassung zum Verlauf der Schöpfung“ (120). Reichholf weiß: „Die Bibel wird daher aus guten Gründen nicht für ein kurz gefasstes Lehrbuch der Evolution gehalten“ (122). Die Freude über diese so klare und konsensfähige Grenzziehung wird jedoch durch manche Konkretion wieder getrübt: Reichholf hält seine eigene Abgrenzung nicht durch – und hier beginnt meine Kritik.

… und Rückfall in unsaubere Vermischungen

Der Abschnitt „Blickwinkel der Sozialwissenschaften“ sollte besser „Blickwinkel der Soziobiologie“ heißen, weil er gerade eben nicht die Perspektive der Biologie verlässt. Das wird auch an Details deutlich. Einerseits verwahrt sich Reichholf gegenüber einem Biologismus: „Wenn etwas in der Natur so ist, heißt das nicht, dass es für immer und ewig und überall so sein muss!“ (76) Und es lassen sich „Geschlechterrollen keineswegs nur über die Fortpflanzung bestimmen“ (76). Andererseits fordert er aus dem biologisch größeren Anteil der Frau an der Fortpflanzung: „Entsprechend weit höher muss für eine langfristig zukunftsfähige Kernfamilie die Bindung zwischen Frau und Mann, Mutter und Vater, ausfallen als bei den Menschenaffen. Dem vier- bis fünffachen Aufwand der Menschenfrau entspricht biologisch eine entsprechend hohe Verpflichtung des Mannes“ (77). Ein typischer Fall von biologistischem Fehlschluss. Um Missverständnissen vorzubeugen: Nicht, dass ich nicht für eine angemessene Verpflichtung des Mannes einträte, ich frage nur, ob dies biologisch begründbar ist!

Ähnliche Vermischungen finden sich bei Reichholfs Versuch, den vermeintlichen Konflikt der Evolutionstheorie mit den biblischen Schöpfungserzählungen als Scheinkonflikt zu entlarven. Was für Reichholf den Konflikt zu entschärfen scheint und „die Genesis so faszinierend macht, liegt in der so dicht gedrängten Darlegung des Ablaufs … Denn die Abfolge in sechs Hauptschritten trifft im Kern das Geschehen, so wie wir es gegenwärtig aus der naturwissenschaftlichen Forschung heraus verstehen … Ersetzt man die ‚Tage der Schöpfung’ durch Phasen (oder lange Zeiten) der Evolution, kommt in der Grundidee eine recht gute Übereinstimmung zustande“ (120f.). Dies ist in meinen Augen der grundsätzlich falsche Weg, den Konflikt „Bibel gegen Evolution“ zu beseitigen! Entgegen Reichholfs eigener Grenzziehung, wonach die „Bibel … aus guten Gründen nicht für ein kurz gefasstes Lehrbuch der Evolution gehalten“ (122) wird, ist dies doch wieder der Versuch, die Genesis naturwissenschaftlich zu lesen und ihr auf dieser Ebene Recht zu geben. Methodisch gerät er so in gefährliche Nähe zum Kreationismus, von dem er sich doch deutlich absetzen will. Damit bietet ein solcher Versuch ungewollt und unnötigerweise dem Naturalismus eine offene Flanke (siehe die berechtigte Kritik Thomas Junkers: “Die ‘erstaunlichen Übereinstimmungen’ zwischen Bibel und Evolutionstheorie”). Unnötigerweise deshalb, weil er auf falscher Ebene angreifbar macht und dem eigentlichen Wahrheitsanspruch der Genesistexte in keiner Weise gerecht wird.

Marduk tötet Tiamat spaltet sie und bildet aus den Hälften Himmel und Erde (Enuma elisch, babylonischer Schöpfungsmythos)

Marduk tötet Tiamat spaltet sie und bildet aus den Hälften Himmel und Erde (Enuma elisch, babylonischer Schöpfungsmythos)

Das Faszinierende der Genesis liegt eben nicht in der naturkundlichen Übereinstimmung, sondern auf einer ganz anderen Erkenntnisebene. Was mich an der Genesis fasziniert ist z. B. ihre entmythologisierende Kraft: Im Vergleich zu den benachbarten Mythen ist die biblische Schöpfung kein Produkt eines ermordeten und zerteilten Gottes (vgl. den babylonischen Schöpfungsmythos Enûma elîsch); der biblische Gott schafft nicht mit der Keule, sondern mit dem Wort. Und sein Schaffen schließt die Eigendynamik der Natur nicht aus: „Das Land lasse junges Grün wachsen“ (Gen1,11). Gott schafft alles; auch die Gestirne, die nun nicht mehr selbst als Götter dargestellt werden, sondern als schlichte Lampen dienen. Die Menschen werden nicht geschaffen, um den Göttern zu dienen; mit der Gottebenbildlichkeit wird ihnen eine einzigartige Würde zuteil, und sie sind zur Gemeinschaft mit Gott bestimmt. Usw., usf.

Mit diesem Faszinosum der Genesis und unter Verzicht auf allzu direkte Parallelisierungen unterschreibe ich Reichholfs farbig unterlegten Merksatz uneingeschränkt:

„Alles, das gesamte All von Anfang an als ein Schöpfungswerk begreifen zu wollen, stellt keinen Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Erforschung von Weltall, Erde und Evolution dar.“ (118)