Gibt es Ziele in der Natur?

von Heinz-Hermann Peitz

Heinz-Hermann Peitz
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Heinz-Hermann Peitz

Dr. Heinz-Hermann Peitz, geboren 1958, Studium der Biologie, Theologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Dissertation in Theologie zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Seit 1993 an der Akademie zuständig für das Referat Naturwissenschaft – Theologie. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie zwischen Theologie und Naturalismus; Seitenblick: Bioethische Grundsatzfragen
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Gibt es Ziele in der Natur?
Über Sinn und Ziel der Evolution

26.11.2013, Stuttgart-Hohenheim

Folgt der Lauf der Natur sinnfreien Gesetzen oder bestimmen Pläne und Ziele den Gang der Dinge? Die so genannte Teleologiefrage (Telos = Ziel) ist ein Klassiker der Denkgeschichte, der sich mit neuen Argumenten aktuell zurückmeldet.
Eine Tagungsdokumentation von Hildegard Peters und Heinz-Hermann Peitz

Gibt es Ziele in der Natur? Pro- und Antagonisten Prof. Dr. Hans-Dieter Mutschler, Prof. Dr. Kurt Wuchterl, Prof. Dr. Ortwin Renn (Moderation), Prof. Dr. Christian Kummer SJ, Dr. habil. Hansjörg Hemminger, Prof. Dr. Andreas Beyer (v.l.n.r.)

Gibt es Ziele in der Natur? Pro- und Antagonisten
Prof. Dr. Hans-Dieter Mutschler, Prof. Dr. Kurt Wuchterl, Prof. Dr. Ortwin Renn (Moderation), Prof. Dr. Christian Kummer SJ, Dr. habil. Hansjörg Hemminger, Prof. Dr. Andreas Beyer (v.l.n.r.)

Dokumentiert werden zunächst die Impulsreferate, daran anschließend die Kommentare und Diskussionen

Impulsreferate H. D. Mutschler, A. Beyer

    Mutschler, Beyer: Gibt es Ziele in der Natur?

      Hans-Dieter Mutschler "Teleologie ist unhintergehbar. Sie gehört zur Welt wie Schwerkraft oder Elektrizität."

      Hans-Dieter Mutschler “Teleologie ist unhintergehbar. Sie gehört zur Welt wie Schwerkraft oder Elektrizität.”

      Für Hans-Dieter Mutschler begehen Materialisten, die Ziele in der Natur leugnen, wie Intelligent Design Vertreter, die Ziele in der Natur postulierten, denselben Fehler: Beide gingen davon aus, dass solche Ziele empirisch erfassbar sein müssten. Nach Mutschler kommen sie indes nicht als empirische, sondern als metaphysische Größe vor. Die Begründung für die Existenz von Zwecken könne deshalb nicht empirischer Natur sein.

      Einer der Gründe, Finalität als metaphysische Größe in der Natur anzunehmen, liege darin, dass der Mensch sich zugleich als auf Ziele hin Handelnder und als Naturwesen verstehe; er sei Teil der Natur und er stehe ihr als Handelnder gegenüber. Diese Spannung ließe sich entweder dualistisch (Materie/Geist) verstehen, oder aber man müsse von einer Teleologie in der Natur selbst ausgehen.

      Eine solche von Mutschler vorgetragene Metaphysik widerspricht freilich einem Materialismus, der davon ausgeht, dass es nur eine Art von Realität gibt, die von den Naturwissenschaften vollständig erfasst werden kann. Demgegenüber komme Realität auf verschiedenen ontologischen Ebenen vor, auf denen Finalität und Kausalität nicht in einem Konkurrenzverhältnis stehe.

      Andreas Beyer "Es gibt nicht nur keinen Hinweis auf Naturteleologie, darüber hinaus gerät man in der Naturwissenschaft in erkenntnistheoretische und heuristische Probleme, wenn man solche Finalität postuliert."

      Andreas Beyer “Es gibt nicht nur keinen Hinweis auf Naturteleologie, darüber hinaus gerät man in der Naturwissenschaft in erkenntnistheoretische und heuristische Probleme, wenn man solche Finalität postuliert.”

      Auch für Andreas Beyer gibt es Teleologie beim Menschen, da dieser absichtsvoll und planend handeln kann. Außerhalb des menschlichen Handelns sieht Beyer jedoch keine empirischen Anhaltspunkte für Teleologie, die es aber – gegen Mutschler – geben müsse, wenn Teleologie denn wirksam sein soll. So lasse sich in der Biologie Teleologie auf Teleonomie reduzieren; teleologische Sprache werde nur der Einfachheit halber benutzt (siehe Beispiel unten). Für Beyer gibt es deshalb kein „Telos in der Natur“, ein „Telos hinter der Natur“ sei jedoch denkbar.

      Der hier auftauchende vermeintliche Dissens zwischen Mutschler und Beyer konnte im Fachdiskurs des nächsten Tages entschärft werden. So stellte sich heraus, dass Beyer mit einem engen Naturbegriff arbeitete und die naturwissenschaftlich fassbare Natur meinte. Für Mutschler aber war Natur mehr als das. So konnte sich Beyers „Telos hinter der Natur“ dem Mutschlerschen „Telos in der Natur“ annähern.

      Teleologische Formulierung Übersetzung in Teleonomie
      Blüten bieten Bienen Nektar an, um sich befruchten zu lassen. Im Verlauf der Evolution begann die Geschichte der Blütenpflanzen mit Windbestäubung. Irgendwann begannen Insekten, sich von Blütenbestandteilen zu ernähren, was ihnen einen Selektionsvorteil bot … aber gleichzeitig auch den Blütenpflanzen, weil ihre Bestäubung sicherer und regelmäßiger gewährleistet wurde als vorher. Damit wurde ein (theoretisch verständlicher und mathematisch beschreibbarer) richtender Selektionsdruck begründet, der als Kausalfaktor dafür sorgt, dass jede Mutation positiv selektiert wird, welche die Interaktion zwischen Insekten und Blüten effizienter gestaltet – effizienter im Sinne (a) der kalorischen Versorgung der Insekten und (b) der Bestäubungseffizienz.

      Kommentierungen und Diskussion

        Kommentare zu Mutschler, Beyer: Gibt es Ziele in der Natur

          Hansjörg Hemminger "Teleologie ist für mich eher ein Glaubensproblem"

          Hansjörg Hemminger “Teleologie ist für mich eher ein Glaubensproblem”

          Die Impulsreferate wurden kommentiert von Hansjörg Hemminger, Kurt Wuchterl und Christian Kummer. Danach nahmen Hans-Dieter Mutschler und Andreas Beyer Stellung, wonach das Publikum das Wort erhielt.

          U. a. wurde diskutiert, inwieweit Teleologie für Theologie und Glaube unhintergehbar sind. Für Hansjörg Hemminger (Verhaltensbiologe und Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche) ist die Ineinssetzung einer teleologischen Weltauffassung mit der biblischen Sicht auf die Welt als Schöpfung unzutreffend. So sei es für die Bibel spezifisch, dass sich die Ziele und Zwecke des göttlichen Handelns dem Menschen entziehen. Deshalb sei eine teleologische Weltsicht für Hemminger eher ein Glaubensproblem als eine Glaubenshilfe.

          Christian Kummer "Teleologie ist hilfreich für meinen Glauben"

          Christian Kummer “Teleologie ist hilfreich für meinen Glauben”

          Dagegen kommt für Christian Kummer (Biologe, Naturphilosoph, Theologe) zu seiner Glaubenserfahrung noch eine äußere Bestätigung durch das Sich-Nahelegen von Teleologie in der Interpretation der Evolution. Kummer hat dabei die verschiedenen, nebeneinander her laufenden großen Entwicklungslinien im Blick, die immer wieder dieselbe Richtung haben zu mehr Umweltunabhängigkeit, zu immer komplexeren Nervensystemen und zum Auftreten von Bewusstsein im weiteren Sinne. Was sich in diesen Linien ablesen lasse, sei interpretierbar als eine Entwicklung in Richtung zu ‚immer mehr Geist‘. Kummer schließt: „Der Blick in die Natur ist mir eine Bestätigung, ohne die ich meinen subjektiven Glauben an einen Gott der Vorsehung nur schwer durchhalten würde.“

           Kurt Wuchterl "Formulierungen wie 'Unhintergehbarkeit der Teleologie' sind keine radikale Alternative zu wissenschaftlichen Theorien, sondern eher Ausdruck des Unbehagens über deren universellen Anspruch"


          Kurt Wuchterl “Formulierungen wie ‘Unhintergehbarkeit der Teleologie’ sind keine radikale Alternative zu wissenschaftlichen Theorien, sondern eher Ausdruck des Unbehagens über deren universellen Anspruch”

          Für Kurt Wuchterl hat sich innerwissenschaftlich eine teleonome Sichtweise bewährt. Aber bei Extrapolationen, die Beyer z. B. beim zweckgerichtgeten Handeln des Menschen vornehme, sei Vorsicht geboten. Zunächt gestehe Beyer zu, dass das Erleben also die Betrachtung von innen – teleologisch ist und einen Bewusstseinsvorgang darstellt. Wenn er sich dann aber zum Substanz-Monismus bekenne, erfolge eine Extrapolation; denn durch diesen Hinweis werde suggeriert, dass das kategorial völlig andersartige Bewusstsein der naturwissenschaftlichen Systemkausalität unterworfen werden müsse, weil ja nur eine Substanz existiere. Zusätzlich bekenne er sich zum nicht-reduktionistischen Aspekt-Pluralismus – und schon scheint das Problem, wieso man überhaupt von einem Innenaspekt sprechen kann, beseitigt. Hier würden zusätzliche, nicht allgemein anerkannte Prämissen in das naturwissenschaftliche Forschungsprogramm eingeführt, die dieses in eine spekulative Weltanschauung verwandelten. Der Naturalismus enthält damit bekenntnishafte Elemente, die über die methodischen Möglichkeiten strenger Wissenschaftlichkeit hinausgehen.

          Robert SpaemannFoto: Frank Eppler

          Robert Spaemann
          Foto: Frank Eppler

          „Die Teleologie ist nun also verstorben. … Uns bleibt es aufgegeben, für die Teleologie einen schönen Nachruf zu verfassen. … Der Tenor unseres Nachrufs lässt sich mit zwei Sätzen so andeuten: dass, wenn es wirklich die Teleologie war, die hier zur Strecke gebracht wurde, dann mit ihr alle Trauergäste und selbsternannten Erben mitverstorben sind. Da aber die Obduktion der zu Grabe Getragenen ergibt, dass es nicht ‚die Teleologie‘ war, sondern eine schwache Karikatur von ihr, wird sie selbst an der Spitze der Tafel ihres Leichenschmauses Platz nehmen und, wie es immer ihre Art war, ihren Verfolgern wie Anhängern ein reiches Mahl bieten“. Robert Spaemann

           

          Impulsgeber, Kommentatoren und Moderation

          Prof. Dr. Andreas Beyer
          Molekularbiologe, Professor an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, Sprecher der AG Evolutionsbiologie

          Dr. habil. Hansjörg Hemminger
          Verhaltensbiologe, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Stuttgar
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          Prof. Dr. Christian Kummer SJ
          Naturphilosoph und Dipl. Biologe, Prof. em. an der Hochschule für Philosophie, München

          Prof. Dr. Hans-Dieter Mutschler
          Philosoph, Physiker und Theologe, Professor an der philosophisch-pädagogischen Hochschule Krakau, Dozent für Naturphilosophie an der Hochschule St.Georgen/ Frankfurt

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          Ortwin Renn vermittelt zwischen Pro- und Antagonisten

          Prof. Dr. Dr. h. c. Ortwin Renn
          Technik- und Umweltsoziologe, Mediator, Professor am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart

          Prof. Dr. Kurt Wuchterl
          Mathematiker, Physiker und Philosoph, Professor em. für Philosophie in Stuttgart