Erfahrung und ganzheitliche Wirklichkeitserkenntnis

von Matthias Haudel

Matthias Haudel

Matthias Haudel

Professor für Systematische Theologie bei Evang.-Theol. Fakultät der Uni Münster
Neben seiner Tätigkeit als Professor an der Universität Münster hat Haudel auch noch einen Lehrauftrag für Systematische Theologie an der Universität Bielefeld. Für seine Bücher "Die Bibel und die Einheit der Kirchen" und "Die Selbsterschließung des dreieinigen Gottes" erhielt er als erster Theologe zweimal den Theologie- und Ökumenepreis der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Regensburg. Veröffentlichungen u.a.: Gotteslehre 2018; Theologie und Naturwissenschaft 2021.
Matthias Haudel

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2021 publizierte Prof. Dr. Matthias Haudel, der Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster lehrt, ein umfassendes interdisziplinäres Handbuch: “Theologie und Naturwissenschaft”. Dass auch das Thema der diesjährigen Tagung dort ausführlich behandelt wird, war Anlass genug, den Autor zu einer Buchvorstellung mit thematischem Schwerpunkt einzuladen.

Das Thema der Tagung, das zur Zusammenschau religiöser, naturwissenschaftlicher und lebensweltlicher Erfahrungen ermutigt, spiegelt sich bereits in der Unterüberschrift des Buches wider: „Zur Überwindung von Vorurteilen und zu ganzheitlicher Wirklichkeitserkenntnis“. Der Begriff „ganzheitliche Wirklichkeitserkenntnis“ zielt dabei nicht auf die vollkommene Erkenntnis der gesamten Wirklichkeit, sondern auf das Ernstnehmen der verschiedenen Aspekte der vielfältigen lebensweltlichen Dimensionen, in die unsere Existenz eingebunden ist. Denn diese Eingebundenheit kommt in unterschiedlichen Erfahrungsdimensionen zum Tragen, welche uns mehr oder weniger bewusst sind und welche wir mehr oder weniger an uns heranlassen, wobei sich mit dem Menschsein insgesamt die existenzielle Suche nach sinnvoller Ganzheit aller lebensweltlichen Zusammenhänge verbindet.

      Haudel kommt zu dem Schluss, dass sowohl die Theologie als auch die Naturwissenschaften des Dialogs bedürfen.

      • Für die Theologie ist der Dialog dabei nicht nur naheliegend, sondern er ergibt sich wesensmäßig aus der umfassenden Perspektive der Theologie, die Gott als „die Alles bestimmende Wirklichkeit“ (Rudolf Bultmann) und als Schöpfer, Erlöser und Vollender bekennt, wobei sie durch die heilsgeschichtliche Selbsterschließung des dreieinigen Gottes in der Erfahrungswirklichkeit der Welt verortet ist. „Alles Seiende ist Gegenstand der Theologie, und zwar unter dem Aspekt, was es mit Gott zu tun hat“ (so Joachim Weinhardt). Besonders angesichts des stark naturwissenschaftlich geprägten modernen Welt- und Selbstverständnisses bedarf die Vermittlung der Relevanz des Glaubens für die gesamte Wirklichkeit auch der Auseinandersetzung mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrer weltanschaulichen Einordnung, damit Glaubens- und Wirklichkeitserfahrung nicht auseinandertreten.
      • Den Naturwissenschaften drängt sich der Dialog auf, wenn sie die Grenzen ihrer Methoden, die Vielschichtigkeit von Wirklichkeitserkenntnis sowie ihre neue Offenheit für andere Dimensionen ernst nehmen. Der Dialog kann zur erkenntnistheoretischen Vertiefung ihrer Möglichkeiten und Grenzen verhelfen, was vor unangemessenen weltanschaulichen Verabsolutie­rungen zu bewahren vermag. Zugleich ermöglicht der Dialog die ethische Orientierung der Naturwissenschaften und der mit ihnen verbundenen Technik. Schließlich bietet der Dialog die Chance der ganzheitlichen lebensweltlichen Einordnung und Sinndeutung naturwissenschaftlicher Einsichten.

      So können Theologie und Naturwissenschaft im Dialog gemeinsam zur Bewältigung der existenziellen Aufgabe beitragen, vor die sich die Menschen gestellt sehen, nämlich alle lebensweltlichen Zusammenhänge als sinnvolles Ganzes zu verstehen.

      Verlagsinfo zum Buch


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      Beiträge der Tagung (inkl. Link zu den Projektvorstellungen)

      Unter dem Titel "Erfahrung und Transzendenz" ging es vom 1. bis 3. Oktober 2021 um die "Deutung von religiöser Erfahrung in Lebenswelt, Theologie und Naturwissenschaften" - so der Untertitel. Die Dokumentation des Kongresses im Rahmen des "Religion and Science Network Germany" (RSNG) enthält die Hauptvorträge und die Projektvorstellungen.

      Mutschler möchte zunächst einmal die Diskontinuität zwischen Spiritualität und Wissenschaft deutlich herausarbeiten. So stehe eine naturwissenschaftliche Weltbeschreibung für eine objektivierende Beobachterperspektive. Ganz anders die Kontemplation, die eher für die subjektive Betroffenheitsperspektive stehe. Der Wunsch nach Vereinbarkeit finde nicht immer eine glatte Lösung. Gerade der gläubige Mensch zeichne sich dadurch aus, Unvereinbares einfach stehen lassen und erdulden zu können.

      Das Thema der Nahtoderfahrung stellt nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern auch für die Theologie eine Herausforderung dar. Prof. Dr. Enno Edzard Popkes griff diese Spannung in seinem Vortrag „Nahtoderfahrung und ihre Bedeutung für die Theologie“ auf und zeigte die Beziehungen zwischen den nachösterlichen Berichten über den auferstandenen Jesus und Nahtoderfahrungen.

      Auch in diesem Jahr gab es zahlreiche Projektvorstellungen auf akademisch hohem Niveau. Wie üblich stellt die Auswahl zunächst Projekte vor, die dem Schwerpunkt “Erfahrung und Transzendenz” zuzuordnen sind, es folgen Projekte mit anderen interdisziplinären Fragestellungen.