Das unsterbliche Gerücht

von Robert Spaemann

Robert Spaemann

Robert Spaemann

Prof. em. für Philosophie bei Universität München
Robert Spaemann war ordentlicher Professor für Philosophie an den Universitäten Stuttgart (bis 1968), Heidelberg (bis 1972) und München, wo er 1992 emeritiert wurde. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Spaemann mit dem Erklärungsanspruch der Evolutionstheorie.
Veröffentlichungen u.a.: Natürliche Ziele: Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens. 2005 (gemeinsam mit Reinhard Löw; zuerst 1981 veröffentlicht unter dem Titel "Die Frage Wozu"); Evolution - Wissenschaft oder Weltanschauung? 1988; Sein und Gewordensein. Was erklärt die Evolutionstheorie? 1984.
Robert Spaemann

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“Wem das alte Gerücht von einem Schöpfergott keine Ruhe lässt, den wird es nicht einschüchtern, wenn die Naturwissenschaft die Entstehung der Arten erklärt. Aber er wird eine ganz anders codierte Botschaft entdecken. Dennoch: Für ein Bündnis ist es zu früh.” (Robert Spaemann, gekürzt)

Robert SpaemannFoto: Frank Eppler

Robert Spaemann
Foto: Frank Eppler

Vortrag von Robert Spaemann auf der Tagung (siehe Tagung im Gesamtüberblick)

Schöpfung und Evolution – ‘Aktuelles Fenster’ zu einer Tagung mit Papst Benedikt XVI.

26.06.2007, Stuttgart-Hohenheim

Peter Schuster, Universitätsprofessor für Theoretische Chemie an der Universität Wien und Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, hatte zur Eröffnung der Tagung Anknüpfungspunkte angeboten. Kann der Philosoph Robert Spaemann, der sich seit Jahrzehnten mit dem Erklärungsanspruch der Evolutionstheorie auseinandergesetzt hat, den Brückenschlag des Biologen Schuster annehmen?

Spaemannvortrag als pdf-Datei

Podium

V.l.n.r.: Robert Spaemann, Wolfgang Beinert, Heinz-Hermann Peitz, Ulrich Lüke, Dirk Evers, Peter Schuster
Foto: Frank Eppler

Auf der einen Seite kommt Spaemann dem Naturwissenschaftler entgegen, insofern er nicht oberflächlich an Lücken anknüpft. Entscheidendes Beziehungsmodell ist für den Philosophen die Doppelcodierung: Es gibt materielle Träger, die Informationen in doppelter Weise enthalten können. So kann ein funktionaler Code die Entstehung von Dingen verstehen lassen und ein zweiter Code kann eine ganz andere Botschaft enthalten. Zwei verschieden codierte Botschaften Spaemann veranschaulicht die Doppelcodierung mit einer Violinsonate von Bach, die nach kabbalistischer Entschlüsselung der Noten einen lateinischen Text hergibt. Die Musik der Sonate ist ein in sich stimmiges und sinnvolles Ganzes. „Wer aber einem Gerücht folgend vermutet, dass hier noch etwas verborgen sein könnte, und den Versuch macht, nach einer weiteren Botschaft zu suchen, … dem tritt auf einmal eine weitere, ungeahnte Dimension dieser Musik vor Augen.“

Übertragen bedeutet dies: „Wem das alte Gerücht von einem Schöpfergott keine Ruhe lässt, den wird es nicht einschüchtern, wenn die Naturwissenschaft in der Überlebensfunktionalität die hinreichende Ursache für die Entstehung der natürlichen Arten einschließlich des Menschen zu finden hofft und teilweise schon gefunden hat. Er wird … hier eine ganz anders codierte Botschaft entdecken, die sich auf die erstere in keiner Weise zurückführen lässt, obgleich schon die erste ihre eigene Schönheit hat.“

Man kann also offenbar den Naturwissenschaftlern hinreichende Ursachen zugestehen, ohne die Tiefendimension zu gefährden, auf die es Philosophen und Theologen ankommt. Aber wie passen beide Zugänge zusammen?

Komplementäre Zugänge zur Wirklichkeit

Bereits zu Beginn seines Beitrags lässt Spaemann keinen Zweifel daran, dass er skeptisch ist, wenn es um Harmonisierungen geht: „Alle Versuche der Integration beider Sehweisen auf eine einzige haben bisher ihr Ziel nicht erreicht. Sie blieben reduktionistisch. Entweder fühlte sich die Naturwissenschaft in ihrem Anspruch nicht ernst genommen, oder Menschen fanden, dass ihre elementaren Erfahrungen nicht erklärt, sondern wegerklärt wurden.“ So bekennt sich Robert Spaemann zu einem komplementären Modell der Beziehung zwischen Naturwissenschaft und Philosophie, zu zwei fundamental verschiedenen Zugängen: „Mir scheint, es ist für das Bündnis immer noch zu früh. Und zwar bleibt es, so vermute ich, für alle Zeiten zu früh.“

Bereits bei der Papst-Tagung hatte Peter Schuster die Dialogprognose Spaemanns bedauert: „Etwas enttäuscht war ich schon, dass Sie die Unmöglichkeit des zielstrebigen Dialogs so stark herausgestrichen haben.“ Auch das Publikum des ‚aktuellen Fensters‘ hakte in der Diskussion an dieser Stelle mehrfach nach. Spaemann präzisierte: „Wenn der Dualismus so radikal wäre, dass er zu zwei Wahrheiten führte: das kann nicht funktionieren.“ Aber beide Zugänge zur Wirklichkeit entsprächen zwei Interessen des Menschen, die nicht aufeinander rückführbar seien.

Was sich Spaemann allerdings durchaus vorstellen kann, ist eine Theorie, die diese Dualität verständlich macht: „Die Physiker haben ja eine Theorie, warum man den Ort eines Elementarteilchens und den Impuls nicht gleichzeitig feststellen kann. Das heißt, das ist ja auch kein radikaler Dualismus, sondern es ist eine Theorie darüber, warum beides nicht zusammenkommen kann.“ Konsens bestand zumindest darin, dass keiner eine vorschnelle Harmonisierung wünscht. Auch keine Harmonisierung, die vorschnell von der Natur auf einen Designer schließt.

Übrigens: Auch Spaemann hielt den Gedanken, unter dem jetzigen Papst sollte irgendwie zurückgegangen werden von der Evolutionstheorie überhaupt, für abwegig. Zwischen Papst Benedikt und seinem Vorgänger gebe es da „überhaupt keinen Unterschied“. Man müsse ja auch bedenken, „dass die Reden, die der verstorbene Papst gehalten hat, im Wesentlichen von Kardinal Ratzinger gemacht worden sind.“

Hauptvorträge der Tagung

Fotos: Frank Eppler