Biologe Reichholf über Papst und Evolution: Schöpfung mangelhaft!

von Josef Reichholf

Josef Reichholf

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Josef H. Reichholf ist Honorarprofessor an der TU München mit den Schwerpunkten Evolutionsbiologie und Ökologie. Reichholf hat sich auch zur Beziehung Naturwissenschaft - Religion geäußert und anerkennt den evolutiven Vorteil der Religion.
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Schöpfung: mangelhaft!

So titelt ein Beitrag der aktuellen Ausgabe von Bild der Wissenschaft, und fährt fort:

In den aktuellen Streit um die Evolutionstheorie hat sich nun auch der Papst eingeschaltet. Evolutionsbiologe Josef Reichholf verteidigt die Wissenschaft.

Mit freundlicher Genehmigung von Bild der Wissenschaft dürfen wir Auszüge des Beitrags “Schöpfung mangelhaft!” aus Heft 9/2007 wiedergeben (Links auf unsere Inhalte sind mit HHP gekennzeichnet):

 

In einem Punkt muss ich dem Papst zustimmen: Die Wissenschaft kann die Evolution nicht vollständig erklären. Vollständige Erklärungen liefert allein der Glaube. Die Naturwissenschaft ist viel bescheidener. Stück für Stück arbeitet sie sich voran und schafft Wissen, das hinterfragt und widerlegt werden kann.
Es gebe zwar „viele wissenschaftliche Nachweise” für die Evolution, sagte Papst Benedikt XVI. im Juli bei einer Veranstaltung mit Priestern. Allerdings beantworte die Evolutionslehre nicht alle Fragen, schon gar nicht die Frage, „woher alles kommt”. Bei der Tagung über „Schöpfung und Evolution” in Castel Gandolfo im vergangenen Jahr, deren Vorträge und Diskussionsbeiträge jetzt als Buch veröffentlicht wurden, war die päpstliche Kritik an der Wissenschaft sogar noch deutlicher ausgefallen. (siehe die ausführliche Rezension des Buches; HHP)

Rein formal betrachtet stimmt der Papst dennoch mit allen Wissenschaftlern überein, die über die Evolution forschen: Den Anspruch auf Vollständigkeit hat kein seriöser Vertreter unseres Fachs je erhoben. Vollständigkeit zu beanspruchen, beschwört nämlich geradezu die Gefahr der Fehlbarkeit herauf. Und der Wunsch nach Unfehlbarkeit hat in der Naturwissenschaft nichts zu suchen.

An der Wirklichkeit scheitern unsere Wunschbilder oft. Auch die Naturwissenschaft ist dagegen nicht grundsätzlich gefeit. Doch das gereicht ihr nicht zum Schaden. Im Gegenteil: Fehlbar zu sein, stellt ihre Stärke dar, weil Fehler die Möglichkeit zur Korrektur und damit zur Verbesserung offen halten.
Tauchen also, eineinhalb Jahrhunderte nach Darwins epochalem Werk über den Ursprung der Arten, lediglich die alten Missverständnisse zwischen Theologen und Wissenschaftlern wieder auf? Das wäre bedauerlich. Denn die von Papst Benedikt XVI. am 1. und 2. September 2006 einberufene Tagung über „Schöpfung und Evolution” sollte mit ausgewählten Teilnehmern und herausragenden Vortragenden wohl einen neuen Markstein in der Debatte setzen. Das aus der Tagung hervorgegangene gleichnamige Buch wurde dem Papst zum 80. Geburtstag als „kleine Festgabe” von einem Kreis seiner Schüler gewidmet. Der Inhalt darf deshalb durchaus als Positionsbestimmung des Vatikans gewertet werden, zumal Benedikt XVI. in der ausführlich dokumentierten Diskussion immer wieder das Wort ergriff und eigene Gesichtspunkte beisteuerte.

Das reichte für Medienschlagzeilen wie „Papst weist Naturwissenschaft in die Schranken” (Spiegel online). Reicht es auch für eine neue Diskussion über die Evolution? Verpackt in päpstliche neue Kleider vielleicht? Denn das amerikanische Modewort „Intelligent Design” beschreibt nichts wirklich Neues:
Inhaltlich drückt es kaum mehr aus als den mittelalterlichen Glauben an die Weisheit Gottes, die überall in seiner Schöpfung zu sehen sei. Die Natur stelle ein einziges Lob auf den Schöpfer dar und den besten Gottesbeweis. Doch ist die Natur so perfekt?

Josef Kardinal Ratzinger waren anscheinend selbst Zweifel gekommen, als er einst mit seinem Bruder das Naturhistorische Museum in Wien besuchte und feststellte: „Wir waren bestürzt über so viel Schreckliches in der Natur.” Das Schreckliche in der Natur bereitet der kirchlichen Weltsicht auch große Probleme. Das Schlagwort vom „Intelligent Design” ändert nichts daran. Im Gegenteil: Die konkreten Gegebenheiten in der lebendigen Natur müssten eher dazu verführen, auf eine zweite, eine teuflische Intelligenz zu schließen! Ein paar Beispiele mögen das verdeutlichen… Die Natur ist eben nicht so schön und gut, wie man sie sich in Unkenntnis ihrer Wirklichkeit vorstellen mag.

Die neue molekulare Genetik eröffnet seit einigen Jahrzehnten direkte Einblicke in die Stammesgeschichte der Organismen. Evolution kann mit dieser Methode bei Viren, Bakterien, Würmern und Insekten im Labor im Gegensatz zur päpstlichen Annahme richtig experimentell verfolgt und erforscht werden. Die angewandte Molekulargenetik hat über die Gentechnik auch den direkten Zugriff auf das Erbgut und seine gezielte Veränderung ermöglicht – und damit den Beweis erbracht, dass die Deutungen der Molekulargenetik richtig sind.

An Beweisen fehlt es also nicht, und auch der Papst sieht in ihnen, wie er jetzt sagte, „eine Realität, die die Kenntnis des Lebens bereichert”.

Daher mutet es schon merkwürdig an, wenn Kardinale sich ausgerechnet auf schöpfungsgläubige Wissenschaftler stützen, wenn es darum geht, die Evolution in Zweifel zu ziehen. Dies geschieht im Vorwort des Buchs „Schöpfung und Evolution”, in dem Schönborn eine Rede Ratzingers aus dem Jahr 1999 zitiert: Darin beruft sich der heutige Papst auf die beiden namhaftesten deutschen Kreationisten, Reinhard Junker und Siegfried Scherer, und ihr Buch „Evolution. Ein kritisches Lehrbuch”. (siehe meine Meinung dazu im Blog vom 23. Mai; HHP)

In dieser prekären Lage ist ein befreiendes Wort erforderlich. Der katholische Philosoph Robert Spaemann spricht es aus – mit Friedrich Schiller: „Feindschaft sei zwischen euch, noch kommt das Bündnis zu frühe!” Und weiter: „Wenn wir weder die Wissenschaft noch unser menschliches Selbstverständnis preisgeben wollen, dann müssen wir an dem Dualismus beider Weltsichten festhalten.” (siehe Spaemanns ausführlichen Beitrag auf unserer Tagung zum Buch; HHP)