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Peter Sloterdijk hat mit seiner berühmten Elmauer Rede über die ‚Regeln für den Menschen-park' vor über 10 Jahren eine längst überfällig gewordene Debatte über das technisch Machbare einer Biopolitik und die Frage nach der Menschenwürde angesichts der neuen Möglichkeiten der Genetik ausgelöst. Dabei wurde auch ein Ruf nach einer Renaissance der Theologie, zumindest einer bestimmten Theologie laut, deren Fehlen selbst säkular-aufgeklärte Geister angesichts der Thesen Sloterdijks in einer gewissen Rat- und Orientie-rungslosigkeit zurückgelassen hat. Wenn Theologie in der Frage nach dem Menschen Not tut, wie bringt sie sich und das, was sie zu sagen hat, angemessen zur Sprache? Dem zum Scheitern verurteilten Modell der Menschen-Zähmung durch das Ideal einer hu-manistischen Erziehung ist die Zähmung durch Züchtung, konkret durch genetische Auswahl und Manipulation vorzuziehen. Nicht am Lesen gilt es nun Maß zu nehmen, sondern am Auslesen; nicht die Lektionen sind das Vorbild zukünftiger Erziehungs- und Zähmungs-versuche, sondern die Selektionen. Dabei ist es notwendig, vom bloßen Objekt der Auswahl zu deren selbstbestimmendem Subjekt zu werden, denn im Zeitalter der Anthropotechniken beginnt diese Möglichkeit Realität zu werden. Die aktuellen Diskussionen pro und contra PID zeigen sehr deutlich, wie sehr unser gesellschaftliches Selbstverständnis in Sachen geneti-scher Auswahl bereits vorangeschritten ist und das Versprechen einer ‚schönen neuen Welt' durch die ‚techné' der Genetik unsere Antwort auf die Frage ‚Was ist der Mensch' viel nach-haltiger beeinflussen, als jede Religionskritik es hätte leisten können. Gerade Friedrich Nietzsche darf dabei nicht nur als Urvater der naturalistischen Selbstde-konstruktion des Menschen gelten, sondern gilt zu Recht auch als Vordenker jener Idee der Selbstrekonstruktion, die den Menschen vom Gemachten zum Macher aufsteigen lässt. Nietzsches Grundidee zielt nicht nur auf eine Kritik von Religion und Gottesglaube. Sie ist zugleich die Kritik jeglicher Anthropologie, die noch irgendein Element der Gesichertheit und des menschlichen Daseins annimmt. Sie mündet letztendlich in ein, von ihm noch genealo-gisch interpretierten Naturalismus, der alles für möglich und nichts für gegeben oder verbind-lich hält. Nietzsche benennt bereits die Folgen, die dann keine 50 Jahre später angesichts der modernen Möglichkeiten von Naturwissenschaft und Technik zu ihrer praktischen Aus-wirkung gekommen ist und bis heute kommt. Es ist und bleibt fraglich an zentraler Stelle fraglich, ob Ethik und Moral, also das, was den Menschen ‚zähmt', überhaupt genetisch bedingt und damit gentechnologisch zu beeinflussen sind. Ethisches Handeln ist ein Zusammenspiel von begegnender Erfahrung und Entschei-dung. Das geschieht sicher nicht unabhängig von sozialen und biographischen Faktoren, aber dabei spielt zugleich auch eine ganz andere Ebene mit hinein. Auf die Problematik der Willensfreiheit zugespitzt: Der Raum der Gründe gehört zu einer freiheitlichen Entscheidung ebenso wie der Austausch von Argumenten, das Abwägen, die Entscheidung, die Handlung. All das ist nicht der Art, dass es sich als ein beobachtbarer, allenfalls naturgesetzlich variier-barer Zustand identifizieren, festschreiben und damit rein kausal begreifen ließe. Solcher-maßen ist Moralität ohne Freiheit nicht denkbar und daher nicht technologisch zu ‚erzeugen'. "Signifikant an Sloterdijks Vorstellung der Anthropotechnik ist, dass er so etwas wie Eigen-schaftsplanung künftiger Generationen überhaupt für machbar und kontrollierbar hält. Mög-lich ist dies nur, weil er die Eigenschaften eines Menschen als Attribute eines Objektes, des Objektes Mensch, begreift. Dies wiederum hängt damit zusammen, dass er ein hoch ambiva-lentes Verhältnis zur menschlichen Freiheit pflegt, sie am Ende für eine Illusion hält. Täte er dies nicht, müsste er charakteristische Eigenschaften als Ausdruck menschlicher Subjektivi-tät verstehen; als Ausdruck einer freien menschlichen Subjektivität, die zwar beeinflussbar ist, nicht aber technologisch veränderbar, ohne dass damit das Wesen dieser Subjektivität, Freiheit, aufgegeben würde. Ist der Mensch ein mit Freiheit begabtes Wesen oder nicht? - So lautet die im Hintergrund der Elmauer Rede lauernde Kernfrage." (M. Striet, Der neue Mensch? 36f) Sloterdijks jüngstes Werk ‚Du musst Dein Leben ändern' wird wohl von manchen zu Recht als der ‚seit Feuerbach prinzipiellste Angriff auf Religion' (Klaus Müller) bewertet. Denn bei ihm handelt es sich um das Großprojekt einer fundamentalen Naturalisierung von Religion überhaupt. Das macht sich zweifelsfrei in der Grundthese Sloterdijks geltend, so etwas wie Religion oder Religionen gebe es überhaupt nicht. Was unter diesem Titel firmiere, sei nichts anderes als ein Ensemble von Techniken der Selbstvervollkommnung, mit denen der Mensch seit je versuche, sich über seine konstitutionellen Defekte hinweg zu etwas zu stili-sieren, was mehr ausmacht, als er de facto ist. Aber selbst die subtilste Selbstveredelungs- und Selbstrechtfertigungstaktik und -technik schafft es nicht, das Ärgernis des Todes aus der Welt zu schaffen. Christliche Hoffnung gründet und begründet sich in diesem ‚Funken von außen', diesem Gegenüber', das Glau-bende ‚Gott' nennen. Sie provoziert mit dem Zusage, dass sich die Lücke zwischen dem, was ist, und dem, was als Erhofftes sein könnte, nicht durch unser Zutun, sondern durch das eines ganz Anderen schließen wird und gerade in diesem Modus der Hoffnung (Immanuel Kant würde sagen: als Postulat) das entscheidende ‚Humanum' wahrt. a) Rettung durch Übersetzung Religiöse Überzeugungen besitzen "für moralische Intuitionen insbesondere im Hinblick auf sensible Formen eines humanen Zusammenlebens, eine besondere Artikulationskraft. Dieses Potential macht religiöse Rede bei entsprechenden politischen Fragen zu einem ernsthaften Kandidaten für mögliche Wahrheitsgehalte, die dann aus dem Vokabular einer bestimmten Religionsgemeinschaft in eine allgemein zugängliche Sprache übersetzt werden können" (Habermas, Religion 137). b) Jenseits der ‚rettenden Aneignung' - Zum Eigenrecht von Religion und Theologie Die Grundidee biblischer Anthropologie, die insbesondere die erste Schöpfungserzählung mit dem Gedanken der Gottesebenbildlichkeit (Gen 1,27) gerade in der Spur des bilderlosen, nicht vereinnahmbaren Gottes verbindet, zieht die notwendige anthropologische Konsequenz aus einem solchen antiusurpatorischen Gottesbild und der sich daraus ergebenden Beziehung von Gott und Mensch. Darin artikuliert sich jene, im säkular-nachaufklärerischen Autonomie- und damit Freiheitsbegriff niemals erschöpfend erfassbare und auslotbare Grundlegung einer nicht verzweckbaren Würde des Menschen, die Jürgen Habermas als ‚Intuition' der jüdisch-christlichen Tradition bezeichnet, "die auch dem religiös Unmusikalischen etwas zu sagen hat" (Habermas, Glauben 30).
Literatur: Jürgen Habermas, Glauben und Wissen, Frankfurt 2001; ders., Zwischen Naturalismus und Religion, Philosophische Aufsätze, Frankfurt 2005; Peter Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark, Franfurt a.M. 1999; ders., Du musst dein Leben ändern, Frankfurt a.M. 2009; Magnus Striet, Der neue Mensch? Mainz 2000
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