Hans Kessler: Wie Auferstehung denken?

Hans Kessler
Prof. em. für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Universität Frankfurt a.M. Arbeitsschwerpunkte: - Schöpfungstheologie (im Gespräch mit Naturwissenschaften und Weltbildern anderer Religionen/Kulturen) - Jesusforschung, Christologie und kulturspezifische Jesusbilder - Hermeneutik Heiliger Schriften u.a.

(erschienen in der Osternummer 2006 von "Christ in der Gegenwart")



Hans Kessler Auferstehung ist ein reales Geschehen, das sich aber der empirischen Feststellbarkeit entzieht.

Auferstehung ist ein schwieriges Thema. Die Texte, die wir Ostern und an den Sonntagen danach als Evangelium hören, machen viele ratlos. Wie soll man sie verstehen? Hört man sie, wie man es von der Zeitungslektüre her gewohnt ist, als Nachrichten über den Ablauf der Geschehnisse, so entsteht der Eindruck von mirakelhaften Vorgängen, welche die Naturgesetze außer Kraft setzten, und man gerät in unlösbaren Widerspruch zum heutigen Weltwissen. Hört man sie als bloße Symbolgeschichten, so hat man sie zwar passend gemacht zu diesem Weltwissen, aber vielleicht etwas ganz Wesentliches preisgegeben und verloren. Wie also soll man sie verstehen? Fragen wir zuerst, welcher Art die Texte sind und was sie zu verstehen geben, und versuchen wir uns dann einem heutigen Verständnis von Auferstehung Jesu wenigstens zu nähern.


Zum einen: Das älteste greifbare Zeugnis von Ostern ist ein ganz knappes eingliedriges Bekenntnis (ohne alle anschaulichen Details), das bis in die Anfänge der Jerusalemer Urgemeinde zurückgeht und das ganze NT durchzieht: „Gott hat Jesus von den Toten erweckt“ oder auch – und vielleicht ursprünglicher noch – „(Gepriesen sei) Gott, der Jesus von den Toten erweckt hat“ (1 Kor 6,14; 2 Kor 4,14; Gal 1,1; Röm 4,24; 8,11; Apg 2,32; 13,34. 37; 17,31; Mk 16,6par; Joh 2,22; 2 Tim 2,8 und sehr viele andere Stellen). Möglicherweise war also die erste Rede von Jesu Auferstehung Gotteslob, lobpreisende Antwort der Jünger/innen auf ihre Ostererfahrung.
Schon früh wurde diese eingliedrige Aussage zu kleinen Glaubensbekenntnissen erweitert: z.B. zitiert Paulus in 1 Kor 15,3-5.6f ein solches, das er um 32 oder 35 n.Chr.(in Damaskus oder von Petrus und Jakobus in Jerusalem) als Tradition „empfangen“ hat und in dem auch schon mit „er erschien dem Kephas u.a.“ auf jene Ostererfahrung hingewiesen wird, die das Osterbekenntnis ausgelöst hat. Dieses entfaltet Paulus um 53 n.Chr., herausgefordert durch Missverständnisse und Rückfragen der korinthischen Gemeinde, in tastenden Argumentationen (1 Kor 15).

Zum andern: Das uralte Osterzeugnis wird szenisch entfaltet in Ostererzählungen, die wir am Ende der ntl. Evangelien (70-100 n.Chr.) finden und die mit ihren bunten Details die volkstümlichen Vorstellungen von Ostern geprägt haben. Doch diese Ostererzählungen sind keine historischen Reportagen der Osterereignisse, sondern spätere erzählerische Inszenierungen des ursprünglichen Osterbekenntnisses („Jesus wurde erweckt“) und der Ostererfahrung („er erschien“), und zwar – je nach den Fragen der Gemeinden und den Antwortversuchen der Evangelisten – sehr unterschiedliche Inszenierungen nach Art von Predigtgeschichten. Wenn man sie fälschlich als Berichte auffasst, ergeben sich nicht harmonisierbare Widersprüche (ein bzw. zwei Engel am Grab; unvereinbare Szenarien, Orte, Zeiten), die antike Christentumskritiker wie Kelsos oder Porphyrios schon auszuschlachten versuchten. Aber es sind ja von den jeweiligen Evangelisten geformte Erzählungen (wenn man z.B. die drei Erzählungen in Lk 24 wie eine Synopse nebeneinander schreibt, erkennt man deutlich die Hand des Lk in den dreimal wiederkehrenden Stilmerkmalen). Das schließt nicht aus, dass in diesen Erzählungen auch überlieferte alte Erinnerungsstücke enthalten und verarbeitet sind.

Es gibt zwei Arten von solchen Ostererzählungen.
Erstens Grabauffindungserzählungen: Die älteste ist Mk 16,1-8 (um 70 n.Chr.; von ihr sind die andern abhängig); sie setzt die Auferstehungsbotschaft (von 1 Kor 15,3-5) voraus, die nun dem Deute-Engel (schon im AT eine literarische Figur) in den Mund gelegt ist, und sie ist auf diese den Gemeinden längst bekannte Osterbotschaft hinkomponiert; in der Erzählung löst ja das leere Grab gar nicht den Osterglauben aus (die Frauen fliehen erschreckt und schweigen), und es ist für diesen auch nicht so wichtig, wie manch unerleuchtete Debatte heute unterstellt.

Zweitens Erscheinungserzählungen: Erst die Großevangelien (Mt, Lk, Joh) inszenieren auch das ihnen längst vorgegebene Datum der Erscheinungen (von 1 Kor 15,5-7) in vielfältigen Variationen. Sie wollen damit weniger die Frage nach dem Ablauf der ursprünglichen Osterereignisse (um 30 n.Chr.) beantworten als vielmehr Anschlussfragen der schon gläubigen Gemeinden (nach 80 n.Chr.).
Lukas z.B. gibt mit der Emmauserzählung Antwort auf die Frage seiner Gemeindemitglieder: Wo können wir heute den lebendigen Jesus erfahren? Seine Antwort: Wie mit Kleopas und seinem namenlosen Begleiter (in den jede/r hineinschlüpfen kann) geht der Herr auf unsern Wegen längst mit uns, noch ehe wir es bemerken; doch wenn wir zusammenkommen, dann ist er es, der uns die Schrift erklärt und uns das Brot bricht, da können wir seiner Gegenwart gewahr werden. Darauf kommt es Lk an, darum kann Jesus in dem Augenblick, da er erkannt ist, aus dem Erzählgang „verschwinden“ und löst dieses Verschwinden keinerlei Enttäuschung oder Bedauern aus (es ist das Verschwinden in die Dimension Gottes hinein, aus der er verborgen gegenwärtig ist). Oder die Thomaserzählung (Joh 20,24-29) will die Frage beantworten: Waren die Urjünger damals privilegiert, durften sehen und mussten nicht glauben, während wir heute glauben müssen, ohne zu sehen? Sie antwortet nicht „Selig die nicht sehen, sondern glauben“, vielmehr: „Selig die nicht sehen und doch glauben“. Die Urjünger mussten also auch glauben, ohne Glauben sahen sie nicht.

Wir sagten, in diesen späteren Inszenierungen der Osterbotschaft sind wohl auch Erinnerungen an die ursprünglichen Ostererfahrungen (von Maria von Magdala, Petrus usw.) bzw. an frühe tastend-stammelnde Erklärungsversuche enthalten. In dieser Hinsicht ist es nun von größter Wichtigkeit, zu beachten, dass diese Erzählungen sehr bewusst mit besonderen Stilmitteln arbeiten: mit der Dialektik von geheimnisvollem Kommen und Verschwinden des Auferstandenen, von seinem Erscheinen und dem Zweifel einiger Jünger, von „leg deine Hand in meine Seite“ und „rühr mich nicht an“. Nirgends heißt es etwa, dass Thomas seine Hand tatsächlich in die Seite Jesu gelegt hat, in der Handlungswelt (der realen Vorkommnisse) kommt dies gerade nicht vor, lediglich in der besprochenen Welt (der Symbole), und dort wird es durch das gegenläufige „rühr mich nicht an“ (Joh 20,17) dialektisch aufgefangen. Es ist – selbst in einem Text, der gegen ein Denken an Gespenst und reinen Geist mit krassen Mitteln die Identität Jesu festhält (Lk 24,36-43) – nicht an körperlich-sinnliche Wiederbelebung und Rückkehr zu handgreiflichen Beziehungen gedacht, sondern es ist auf die leibhaftige Realität des neuen Lebens Jesu abgehoben.


Wenn Fundamentalisten auf massiv sinnlich-physischen Kontakten beharren, so verkennen sie die erwähnten Züge der Erzählungen. (Es führt also in die Irre, wenn etwa Caravaggio in seinem künstlerisch großen Gemälde „Der ungläubige Thomas“ einen fleischigen Jesus malt und einen Thomas, der seinen Finger in die klaffende Seitenwunde schiebt und guckt, ob es geht, und die andern Jünger dahinter gucken auch, ob es geht.)


Polidoro Caldaria da Caravaggio Der ungläubige Thomas - public domain

Wenn dagegen Rationalisten das gegenteilige Extrem vertreten und alles auf bloße Trauerverarbeitung der Jünger reduzieren, die sich schließlich in subjektive Visionen hineingesteigert hätten, so verkennen sie, dass die Texte durchweg von nicht selbsterzeugten Ereignissen sprechen, die den Jünger/innen plötzlich widerfahren, die ihre mitgebrachten Vorstellungen und Erwartungen sprengen und die sie nötigen, auf den atl. Theophanie-Begriff „er erschien“ zurückzugreifen (1 Kor 15,3-7), der ein ganzheitliches Ergriffensein der Betroffenen besagt.

Die Texte sprechen also von einem außerordentlich starken, nicht aus der Subjektivität der Jünger kommenden, unerwarteten Neuanstoß (von Gott bzw. dem aus Gott lebendigen Jesus her), der nach Karfreitag die Wende und den geradezu explosionsartigen Neubeginn auslöste, so dass es nach der Hinrichtung Jesu – anders als nach der Tötung anderer damaliger Messiasprätendenten – gerade nicht aus war, sondern erst richtig losging. Schon rein historisch gesehen muss das mit den Erscheinungen gemeinte Geschehen zumindest als so starker, evidenter Neuanstoß gedacht werden, dass es die – angesichts des Verbrecher- und Fluchtods Jesu am Kreuz – wahrlich überraschende Einmütigkeit und Dynamik des österlichen Neuanfangs erklären kann.

Nun kann eine sensiblere psychologisch-neurologische Forschung (M.Schröter-Kunhardt, H.Knoblauch u.a.) durchaus zeigen, dass wir Menschen aufgrund der Beschaffenheit unseres Gehirns auch auf eine andere Dimension ausgerichtet sind und in extremen Stress- und Grenzsituationen bisweilen mit einer transzendenten Wirklichkeit in Berührung kommen können (etwa durch Visionen). Wie wir sie dann freilich wahrnehmen (mit welchen Bildern, Gefühlen, Gedanken), hängt von unserer je eigenen Innenwelt ab; bei den Jünger/innen Jesu war diese entscheidend von den Erfahrungen mit Jesus geprägt. So kann durchaus etwas an den Ostererfahrungen der Jünger/innen Jesu psychologisch erhellt werden, ohne dass sie damit vollständig erklärt wären. Die Wirklichkeit ist viel reicher und tiefer, als die Wissenschaften rekonstruieren.

Was ergibt sich, wenn wir die – sorgsam differenzierenden – Behauptungen der Ostertexte ernst nehmen? Sie behaupten ja in völliger Einmütigkeit, dass der am Kreuz gestorbene Jesus in einer radikal neuen Weise (persönlich) lebendig und gegenwärtig ist, dass er also in seinem Tod von Gott geborgen, gerettet ist, deswegen endgültig in und aus Gott lebt und uns zugewandt ist. Das drücken sie mit vielerlei Metaphern aus: er ist auferweckt/ auferstanden, erhöht, lebendig-gemacht, gerechtfertigt, verherrlicht, zum Vater gegangen usw. „Auferstehung“ ist nur ein begrenztes Bild für das Gemeinte (wenn man das vergisst, kann das Wort die Sache auch verstellen). Erst durch die andern, ergänzenden Bilder wird klar:

Es geht nicht um Wiederbelebung der Leiche, nicht um Rückkehr ins erneut sterbliche Leben (Jesus „stirbt nicht mehr“, ist „ewig lebendig“: Röm 6,9f; Apg 13,34; Apk 1,18), aber auch nicht um Ortswechsel in eine jenseitige Welt hinter unserer Welt, sondern um das Eintreten in eine ganz andere Dimension der Wirklichkeit, die nicht dort erst anfängt, wo die uns bekannten Dimensionen enden, sondern sie alle durchdringt, allem ko-präsent ist. Der „Himmel“ im religiösen Sinn (also heaven, nicht sky) meint diese andere Dimension. Die Mutter bzw. der Vater unser „im Himmel“ ist nicht – jedenfalls nicht nur – in einem fernen Jenseits, sondern uns ganz nahe, weshalb der in den „Himmel“ hinein auferstandene Christus, „nicht gleichsam am Rande des Kosmos sitzt, sondern im Zentrum aller Dinge ist“ (Nikolaus von Kues), so dass wir überall mit ihm rechnen dürfen. Und wenn wir in der Pfingstsequenz den Heiligen Geist bitten, seines Lichtes Strahl zu senden „aus des Himmels Herrlichkeit“, so ist diese all-präsente andere Dimension gemeint, deren wir überall innewerden können, aus der er in uns einfließen und uns verwandeln möchte, mitten im jetzigen Leben, nicht erst an dessen Ende.

Die sinnlich und wissenschaftlich zugängliche Welt ist nicht das Ganze, das All nicht alles. Juden und Christen sind der Überzeugung, dass da noch wer ist: ein „Ich bin da“ (Ex 3,14), und dass dieses Ich oder Du uns – und alles Kosmische – „von allen Seiten umgibt“ (Ps 139; Apg 17,28; 1 Kön 8,27), zugleich aber auch uns – und alle Wesen – zuinnerst „erfüllt“ (Jes 6,3; Jer 23,24; Weish 1,7; 8,1) und als das große liebende Du stets „mit uns“ ist, uns auf allen Wegen dialogisch begleitet (Ps 23,4 u.a.), dass dieses Ich oder Du durch uns und durch andere geschöpfliche Kräfte in der Welt wirken will, aber auch dort, wo wir mit unseren Möglichkeiten am Ende sind (im Tod, im für uns unwiederbringlich Vergangenen, im nicht wiedergutmachbaren Unrecht) noch schöpferische Möglichkeiten hat, die ein radikal neues, unzerstörbares Leben auftun.

Die Rede von der Auferstehung (Jesu und der Toten) meint also eine Wirklichkeit, die nur im Glauben an die andere Dimension Gottes annehmbar und verstehbar ist. Ohne die Annahme Gottes und seiner ganz anderen Dimension ist diese Rede sinnlos. Sie verlangt ein erweitertes Verständnis der Wirklichkeit.
Bei der Auferstehung Jesu geht es um ein ganz reales Geschehen, das sich aber – von seiner Seinsweise her – unserer sinnlichen Erfahrung und der empirischen Feststellbarkeit entzieht. Deswegen kann es keine Augenzeugen des Auferstehungs-Vorgangs geben. Die Auferstehung Jesu selbst ist kein von uns aus (historisch) prüfbares Ereignis. Prüfbar sind nur die Auswirkungen, vor allem die – von den Jünger/innen bezeugten – Selbstmanifestationen (Erscheinungen) des Auferstandenen in ihre Erfahrung hinein. Aus seiner all-präsenten Dimension (heaven-Himmel) heraus kann Gott – und kann der aus Gott lebendige Jesus – sich kundtun, uns Zeichen und Winke geben, uns anrufen, uns ergreifen.

Was aber meint dann „leibhaftige“ Auferstehung?
Zuvor: Was meint „Leib“? Die deutsche Sprache kann zwischen Körper und Leib unterscheiden; wir sagen „XY leibhaftig“ und meinen damit „XY höchstpersönlich“. Der Leib des andern ist nicht ein bloßer Körper, sondern voller Bedeutung, Selbstausdruck der Person und Medium der Kommunikation; erst wenn wir von dieser bedeutungsvollen Ganzheit absehen, erhalten wir den bloß materiellen Körper, ein Abstraktionsprodukt. Biblisch bedeutet Leib (anders als platonisch) nicht einen Teil des Menschen, sondern den Menschen als ganzen, aber unter einer bestimmten Hinsicht betrachtet, nämlich mitsamt seinen Beziehungen zu den andern und seinem Verwobensein mit der Erde und dem Kosmos. „Leib“ ist die Person selber mit ihrem Gemeinschafts- und Erdbezug.

Deshalb besagt „leibhaftige Auferstehung“ biblisch (z.B. 1 Kor 15,35-53) nicht Rekonstruktion des Körper-Leichnams, sondern etwas anderes: dass der Mensch als unverwechselbar selbe Person mit den zu ihm gehörenden Beziehungen von Gott gerettet wird, aber nicht nur so, wie er war (z.B. in einem verkrüppelten Körper und mit kaputten Beziehungen), vielmehr ganz-gemacht, geheilt, vollendet. Leibhaftige Auferstehung meint, dass der Mensch selbst geheilt und vollendet wird, und zwar mit seinen – gelebten und verweigerten, gelungenen und gescheiterten – Beziehungen, mit seinen noch uneingeholten oder ihm vorenthaltenen Möglichkeiten (also so, wie Gott ihn gemeint hat, wie er sein könnte und wie er im Tiefsten vielleicht zu sein sich sehnt). Kurz: Leibhaftige Auferstehung besagt, dass Gott aus all unseren Lebensbruchstücken – mit unserer vollen Einwilligung – ein Ganzes macht, dass er uns ganz zu uns selbst kommen lässt, indem wir zu den andern und zu ihm finden. (Werd ich im Himmel meine Lieben wiedersehen, fragte eine Frau den alten Karl Barth; seine Antwort: Sie werden ihre Lieben wiedersehen, aber auch ihre Nichtlieben.)
Zur Identität des neuen Lebens der Person (= zum Auferstehungsleib) gehört auch der Bezug zur Materie (Körperlichkeit), aber – so legen auch Nahtoderfahrungen nahe – nicht lediglich der Bezug zu dem begrenzten Körper, der ins Grab gelegt wurde. Im Tod bricht der Bezug der Person zu den andern und zum materiellen Kosmos nicht ab, im Gegenteil, er wird durch die verwandelnde Kraft des Geistes und der Liebe Gottes geheilt und entgrenzt: Die Person wird nicht materielos, „nicht a-kosmisch, sondern all-kosmisch“ (Karl Rahner); sie verliert sich nicht ins Grenzenlose, aber sie öffnet sich zu allen anderen Wesen hin. Genau dies meint auch die Rede vom „pneumatischen Leib“ (1 Kor 15,44a): die Person ist ganz vom Pneuma (Geist) Gottes beseelt und darum von Güte erfüllt, grenzenlos liebesfähig; mit einem ätherischen oder Astralleib hat das nichts zu tun.

Diese Sicht gewinnt das NT von der Auferstehung Jesu her. Jesus Christus wird in seinem Tod (johanneisch: am Kreuz, nicht erst drei Tage später) von Gott dem Vater (z.B. Gal 1,1) durch die Kraft seines Geistes (z.B. Röm 8,11; Eph 1,19f) leibhaftig auferweckt, d.h. höchstpersönlich mit seinen ihn prägenden, liebenden Bezügen zu den andern gerettet und vollendet, so dass sein Weltverhältnis, das der Intention nach schon immer für alle offen war, nun auch faktisch entschränkt und grenzenlos wird. Jesus, der in seinem irdischen Dasein und Sterben für alle offen war, aber diese Offenheit aufgrund seiner körperlichen Begrenztheit nicht allen Armen, Kranken, Ausgegrenzten, Sündern gegenüber konkret realisieren konnte, ist in seiner leibhaftigen Auferstehung, seinem neuen Leben in und aus Gott, nun auch faktisch allen ganz konkret zugewandt: „der Gekreuzigte, beide Arme weit geöffnet“ (Hilde Domin), gleichsam die ausgestreckte Hand Gottes, die jeder und jede ergreifen kann. Und wer sie ergreift, d.h. sich auf ihn und auf seine alle suchende Agápe-Liebe einlässt, der wird damit Glied am „Leibe Christi“, an dem möglichst alle Glieder werden sollen. Von diesem ekklesialen Leib Christi und vom eucharistischen Leib Christi (also seiner personalen Gegenwart und seiner - im sakramentalen Zeichen - sinnlich spürbaren liebenden Selbstgabe an die zum Herrenmahl Versammelten) zu sprechen, ist nur möglich aufgrund der leibhaftigen Auferstehung Jesu Christi im angedeuteten Sinn.

Nur weil der Gekreuzigte auferstanden und von Gott her lebendig ist, kann er, wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind, mitten unter ihnen sein und ihr Leben jetzt schon verwandeln (Mt 18,20), kann er sich in die Geringsten dieser Erde hinein verbergen und auf unsere Tat der Gerechtigkeit warten (Mt 25,31-45). „Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme. Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden, ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle: zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren“ (Kurt Marti). Auferstehen „mitten am Tage“ (Marie Luise Kaschnitz). Ostern erweist sich in Aufsteh-Geschichten, in denen am Boden liegende Menschen sich wieder erheben, aufatmen, ihres Lebens wieder froh werden können, weil sie sich in ihrer Würde geachtet sehen und ihnen jemand beim Aufstehen hilft.


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