Anthropologie

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Lesehinweise zum Thema

2012/04/09: Dawkins vs. Pell - Q&A; ABC TV

Die transskribierte Debatte zwischen Richard Dawkins und George Kardinal Pell, Erzbischof von Sydney, ist ein Lehrstück für typische Kontroversen zwischen naturwissenschaftlich ausgreifendem Atheismus und religiöser Weltanschauung - inklusive zahlreicher (gewollter?) Missverständnisse. So beantwortet Pell die Frage, warum ("why") der Mensch existiert, final i.S.v. "wozu ist der Mensch da?", während Dawkins finale Zweckaussagen grundsätzlich für sinnlos hält und kausal mit den naturwissenschaftlichen Entstehungsbedingungen für den Menschen antwortet. Und die Entstehung der Welt aus dem Nichts wird naturwissenschaftlich nur plausibel, wenn ein anderes "nichts" angenommen wird als das philosophisch-theologische absolute Nichts: "Er lässt Gott fallen und frisiert das Nichts hoch", kontert Pell zu Recht. Blasser bleiben Pells Aussagen zur Hominisation und Dawkins' Frage, woher die Erbsünde komme, wenn Adam und Eva nie existiert hätten, bleibt unbeantwortet. hhp

2012/04/05: Menschenevolution - Kultursprung durch Großeltern - Spektrum der Wissenschaft

Dass es im Laufe der Menschheitsentwicklung zu einer Zunahme der Lebenserwartung gekommen ist, hat die Autorin und Anthropologin erwartet, nicht aber, dass es zwischen Neandertalern und modernem Menschen zu einem solchen Alters-Sprung kam. Durch den zunehmenden Großeltern-Anteil konnte es einen Zuwachs an Tradition und Beziehungspflege geben, der wiederum höheres Alter ermöglichte. Kann diese positive Rückkoppelung beim modernen Menschen den Untergang des Neandertalers erklären? hhp

2012/03/14: Mysteriöser Misch-Urmensch - Bild der Wissenchaft

Fast wie bei jedem Hominidenfund so vermuten die Entdecker auch diesmal "ein neues Kapitel in der menschlichen Evolutionsgeschichte". Entdeckt wurden vormoderne Hominiden in einem Zeitraum, der bisher den Überresten des modernen Menschen vorbehalten war. Die Besiedlungsgeschichte Asiens müsste dann neu geschrieben werden. hhp

2011/11/02: Paläoanthropologie - Älter als gedacht - FAZ

Wieder einmal scheinen Revisionen des menschlichen Stammbaums fällig. Der moderne Mensch hat Europa offenbar 5000 Jahre früher besiedelt als bisher angenommen. Damit verlängert sich auch die Zeitspanne, in der er mit dem Neandertaler koexisitiert hat, und eine bisher dem Neandertaler zugetraute Schmuckkultur wird jetzt dem modernen Menschen zuerkannt. hhp

2011/09/08 Philosophie: Das rätselhafte Ich - ZEITmagazin Nr. 37

Ein Gespräch mit dem Philosophen Thomas Metzinger über die Schwierigkeit, uns selbst zu erkennen, und die Frage, ob es eine Seele gibt. Metzinger berichtet von außerkörperlichen Erfahrungen, doch was ist das Selbst, das all diese Erfahrungen macht? Ein "feinstofflicher Körper" aus reiner Information, also das innere Bild, das sich das Gehirn vom eigenen Organismus macht? Nach Metzingers Vorstellung ist das bewusste Selbst nicht einfach da, es wird im Gehirn konstruiert: es ist kein Ding, sondern ein Vorgang - auch wenn eine lange philosophische Tradition das anders sieht. Dennoch sollten wir auch nach Metzinger nicht mit dem naturalistischen Menschenbild der Wissenschaft über unser inneres Erleben hinwegreden. Was "Person als Ganzes" bedeutet, will er in seiner Forschung herausfinden. Wir könnten dabei vom Erbe der spirituellen Praktiken der Mystiker lernen, uns aber von den zugehörigen Glaubenssystemen lösen, so Metzinger. Für reichlich Diskussionsstoff ist gesorgt! -al

2011/05/05: Anatomical clues to human evolution from fish - BBC News

Haben Sie sich auch schon beim Blick in den Spiegel gefragt, welche Funktion eigentlich diese vertikale Rinne hat, die zwischen Ihrer Oberlippe und der Nase verläuft? Der BBC-Artikel verrät es: Sie hat keine! Das "Philtrum" ist vielmehr ein Indiz unserer evolutiven Vergangenheit als Fisch. Wenn Sie das nicht glauben, schauen Sie sich das integrierte Video an, in dem die Embryoentwicklung (bekanntlich der Spiegel der evolutiven Stammesentwicklung) in Zeitraffer die Entstehung des menschlichen Gesichts zeigt. Faszinierend. hhp

2011/02/18: Auf den Spuren unseres Denkens (I) - Süddeutsche Zeitung Magazin

Gern glaubt man dem Neurowissenschaftler Eric Kandel, dass aufgrund neuerer Hirnforschung altersbedingter Gedächtnisverlust und selbst Alzheimer heilbar werden könnten. Neurowissenschaften hätten gute Chancen zur Querschnittssprache für viele Wissenschaften zu werden, ohne diese darauf zu reduzieren. Schließlich gebe es "verschiedene Sichtweisen derselben Sache", die sich ergänzen. Ausdrücklich sei damit auch die Religion mit Wissenschaft vereinbar. Aber Achtung! Kandel arbeitet dabei mit einem funktionalistischen Minimalbegriff von Religion: "Meine Religion ist wichtig für mich, nicht weil sie mir die Welt erklärt, sondern aufgrund ihrer Tradition, ihrer moralischen Prinzipien und der Gemeinschaft, die sie stiftet". Religion wird auf soziale Zwecke reduziert und von Welterklärung und Wahrheit dispensiert. Wenn uns etwas "an tiefem Verstehen und Wahrheit liegt", dann müssen wir schon die Wissenschaft bemühen. Dies geht am Wahrheitsanspruch von Religion und Theologie völlig vorbei. hhp

2011/02/18 Starke Zwangsstörungen: Hirnschrittmacher als letzte Hoffnung -SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft

Menschen mit sehr starken Zwangsstörungen kann ein Hirnschrittmacher helfen - dennoch rät einer der Pioniere der Technik dazu, sie mit Vorsicht einzusetzen. Wunder sollte man sich nicht erhoffen. Die Tiefenhirnstimulation macht aus schwerstkranken Patienten lediglich durchschnittliche Patienten. Daher müsse von Fall zu Fall genau abgewogen werden. Tiefenhirnstimulation ersetzt nicht den Therapeuten - sie kann dem Betroffenen aber ermöglichen, durch seinen verbesserten Gesamtzustand endlich von der Psychotherapie zu profitieren. - al

2011/02/18 Hirndoping - Riskanter Muntermacher - sueddeutsche.de

Mancher übernächtigte Prüfling versucht, seine Hirnzellen mit der Lerndroge Modafinil auf Leistung zu trimmen. Nun wird der Stoff, der als Vigil vermarktet wird, als gefährlich eingestuft. Doch keine Panik: Der gleiche muntermachende Effekt ist durch wenige Tassen Kaffee zu erreichen, oder, um das Ergebnis einer Bonner Tagung zum Thema Neuro-Enhancement zu zitieren: durch ausreichend Schlaf. - al

2011/02/04: Spiritualität - Moderne Sinnsuche - Gehirn und Geist

Der Religionspädagoge Anton A. Bucher belegt anhand neuerer, z. T. eigener Umfragen und neurowissenschaftlichen Studien (inkl. Kritik an Persingers "Gotteshelm"), dass auch in einer zunehmend säkularer werdenden Gesellschaft spirituelle Bedürfnisse und Erfahrungen verbreitet sind. Die Attraktivität der traditionellen Kirchen geht bei dieser "modernen Sinnsuche" allerdings zurück. Buchers These: "Ob Menschen in die Kirche gehen, hängt wohl stärker davon ab, wie sie erzogen wurden; ob ihnen spirituelle Erfahrungen zugänglich sind, scheint dagegen eher genetisch determiniert zu sein". hhp

2011/01/24: Nach dem Tod ist vor dem Leben: Clint Eastwood-Film "Hereafter" - Pro - Christliches Medienmagazin

Mehrfach weist das christliche Medienmagazin auf die Leistung des Films "Hereafter - Das Leben danach" hin, interessante Fragen aufzuwerfen und die auch im Film angedeutete "Verschwörung des Schweigens" aufzubrechen. Der Rezensent kann aber nicht umhin vorwegzunehmen: "Es ist kein besonders theologischer Film". Dem ist sicher zuzustimmen. Kritisiert wird dann aber auch, die Darstellung von Nahtoderfahrung entspräche nicht den gängigen Darstellungen. Das allerdings habe ich anders in Erinnerung: Ich fand die Beschreibung durchaus zutreffend, vor allem die tiefgreifende und nachhaltige Wirkung auf Betroffene - hier auf die zweite Hauptperson Lelay - wurde gut zum Ausdruck gebracht. hhp

2011/01/28: Clint Eastwoods "Hereafter": Leben und sterben lassen -SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur

In nettem Kontrast zur Filmbesprechung der Stuttgarter Zeitung (s.u.) lobt Andreas Borcholte Eastwoods "Hereafter" als meisterhaftes Alterswerk. Zu Recht stellt er als eine Botschaft des Films die Warnung heraus, dass sich der Mensch allzu sehr geborgen fühlt, wo doch das Unberechenbare immer zuschlagen kann - im Film der Tsunami, der Unfalltod des Jungen etc. Dass der Film darüber hinaus aber "die glaubhafte Möglichkeit einer Jenseitigkeit" schafft, ist mehr als übertrieben. Da halte ich es eher mit der Kritik der Stuttgarter Zeitung. hhp

2011/01/26: Hereafter - Das Leben danach: Botschaften aus dem Jenseits - Stuttgarter Zeitung online

Eine herrlich bissige Besprechung des Eastwood-Films "Hereafter - Das Leben danach". Dem Versuch des Films, vom Leben nach dem Tod zu überzeugen, kann der Rezensent Thomas Klingenmaier wenig abgewinnen, da "der Blick in den Nebel als Klarsicht gepriesen wird". Ganz zu schweigen von der "Ehrenrettung des Spiritismus", die auch mich am meisten befremdet hat. Den Optimismus, einen Blick ins Jenseits werfen zu können, wird man wohl tatsächlich als "arge Naivität" bezeichnen können; ebenso wie Eastwoods Vorstellung von jenseitigen Eingriffen in den Lauf der Welt. Aber: Ein Film ist keine theologische Abhandlung über Eschatologie. hhp

2011/01/27: What's the Problem With a Good Placebo? - Religion Dispatches

"Hoffnung hilft heilen" ist für William Grassie das Mindeste, was man komplementärer und alternativer Medizin attestieren kann. Grassie weist auf Plazebo-Studien und psychosomatische Befunde hin, die er aber mit dem Begriff "psychosozial" um die gesellschaftliche Dimension erweitert. Damit kommen die komplexen sozialen und kulturellen Interaktionen und langen Traditionen in den Blick, deren Weisheit u.a. herausgearbeitet hat, dass ein Plazebo-Effekt umso effektiver wirkt, je ausgefeilter ein Heilungsritual zelebriert wird. Eine auf diese holistische Art unterstützte Schulmedizin mag den Heilungsprozess um mindestens 30% erhöhen - so Plazebo-Studien zu verallgemeinern sind. Wo also liegt das Problem bei guten Plazebos? hhp

2011/01/25 "Neuro-Enhancement": Sollen wir den Menschen verbessern? - evangelisch.de

Ulrich Pontes kommentiert eine Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland (Bonn) zum Thema "Neuro-Enhancement". Dabei sorgten die meisten der eingeladenen Experten für Ernüchterung angesichts des derzeit Machbaren. "Schlaf ist der beste Neuro-Enhancer", war ein Fazit. Deutlich wurde auch, so Pontes, dass die Frage letztlich nur eine weitere Spielart der Problematik darstellt, die hinter so vielen bioethischen Debatten steckt: Welchem Welt- und Menschenbild hängen wir an, und welche Rolle kommt dem Staat in moralischen Fragen zu? - al

2011/01/20 Verhaltensforschung: Fatale Nächstenliebe - ZEIT NR. 4 S.31

Ohne Feinde gibt es auch kein Wirgefühl, so die vor allem mit dem Hormon Oxytocin begründete These des Artikels, der damit ein Fragezeichen hinter zahlreiche populäre Publikationen setzt. Ob man allerdings dem mit transportierten hormonellen Determinismus zustimmen muss, scheint fraglich. Der These des Artikels nach wäre Jesu Gebot der Feindesliebe und das alttestamentliche Gebot der Fremdenliebe vollkommen sinnfrei, dabei machen die hormonellen Befunde doch gerade deutlich, wie wichtig sie sind. Auf genetischer Ebene hat ja selbst Dawkins schon festgehalten: "We, alone on earth, can rebel against the tyrany of the selfish replicators." (The Selfish Gene) - al

2011/01/17: Forscher-Debatte über Religion und Evolution - wissenrockt.de

Der Artikel setzt noch einmal Michael Blumes Thesen über die evolutive Bevorzugung religiöser Gruppen in Kontrast zu Aussagen Richard Dawkins. Der Befund der höheren Kinderquote Religiöser gibt Blume nicht nur Anlass zu Freude, sondern könnte auch bedeuten, dass religiöse Fundamentalismen erstarken. Blume rät der Dawkins-Gruppe, die neuesten Forschungen von Robert Rowthorn zu diskutieren. Der Artikel selbst ist hochpolemisch, wird doch Religiosität undifferenziert mit Indoktrionation gleich gesetzt und auch die Theologien im Christentum verträten "menschenunwürdige und gefährliche Ideengebäude". hhp

2011/01/12: Der freie Wille zwischen Realität und Fiktion

Die Neurologin Imke Puls erinnert daran, dass die so genannten Libet-Experimente, auf die sich so mancher immer noch zur Bestreitung der Willensfreiheit stützt, nach neueren Untersuchungen mit Vorsicht zu genießen sind. Nichts Neues, aber immer wieder gut, darauf hinzuweisen. hhp

2010/12/20 Wer hilft, dem wird geholfen - Spiegel

Wie kann es sein, dass es unter Menschen so etwas wie Altruismus gibt - während im evolutionären Überlebenskampf doch eigentlich Eigennutz und Egoismus gefragt sind? Dieser Frage geht der Artikel nach. Bislang erklären Soziobiologen mit Hilfe der sogenannten Verwandtenselektion, warum sich Tiere für andere Tiere aufopfern. Demnach verhalten sich Lebewesen nur dann selbstlos, wenn davon die eigenen Verwandten profitieren. Doch laut Martin Nowak (Harvard) greift das Prinzip der Verwandtenselektion zu kurz - vor allem wenn es darum geht, menschliches Verhalten zu enträtseln. Kooperation spielt demnach schon in der Evolution, und erst recht in der menschlichen Kultur auch eine Rolle, so eine These des interessanten Artikels. - al

2011/01/02: Atheists a dying breed as nature 'favours faithful' - Richard Dawkins Foundation - News

Schock für Atheisten? Gläubige haben mehr Nachwuchs (2,5) als Atheisten, deren Reproduktionsrate (1,7) nicht einmal zum Selbsterhalt ausreiche. Dies ist die Essenz einer über 82 Ländern erhobenen Studie. Der hier vorliegende Auszug von J. Leake aus der Sunday Times berichtet knapp von dieser Studie und zitiert Michael Blume: "Es ist eine große Ironie, aber die Evolution scheint Atheisten zu benachteiligen und Gläubige zu bevorzugen". Blume stehe damit in direktem Widerspruch zu Dawkins, für den Religion ein mit hohen Kosten verbundenes Virus darstellt. Dawkins kommentierte den vorliegenden Artikel knapp: "Das ganze Argument beruht auf der unausgesprochenen Annahme, dass Kinder automatisch den Glauben ihrer Eltern übernehmen. Lasst uns hoffen ... dass dieser Automatismus unterbrochen werden kann". hhp

2011/01/04: Gruppen-Beziehungen: Warum der Feind meines Feindes mein Freund ist -SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft

Eine Forschergruppe hat Beziehungen in größeren Netzwerken mit einer Differenzialgleichung zu beschreiben und deren Entwicklung zu prognostizieren versucht. Die nicht-trivialen Ergebnisse: Nach einer Zeit sind entweder alle befreundet oder in zwei Gruppen aufgeteit, die verfeindet, aber intern befreundet sind. Die anfängliche Verteilung sei für das Endergebnis entscheidend. An dokumentierten Freund-Feind-Entwicklungen hat das theoretische Modell bereits seinen Praxistest bestanden. Für die sozialen Netzwerke im Internet wären zuverlässige Prognosen von großem Interesse. hhp

2011/01/04: Evolution des Menschen: Schon Frühmenschen-Babys waren proper -SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft

Der Nachteil eines proportional höheren Geburtsgewicht beim Menschen muss durch soziale Unterstützung ausgeglichen werden. Dies gelte auch schon für den Australopitecinen ("Lucy"), 2,5 Mio. Jahre früher als bisher angenommen. hhp

2010/08/12 Das aufgezwungene Leben - ZEIT Nr. 33 S.36

Massive theologische Vorurteile bestimmten Nagels "Pseudoargumentation", so meldet sich der Philosoph Ludger Lütkehaus in der Sterbehilfe-Debatte zur Wort. Angesichts der langen Tradition der Apologie des Suizids könne man in diesen Fällen keinesfalls von der "Kapitulation vor der menschlichen Existenz" reden. Die alte dogmatische Sprache der Heteronomie, wie Nagel sie mit der Rede vom Leben als Geschenk gebrauche, müsse man als theologisch motiverte Freiheitsberaubung ansehen. Das könne sich der an solch einen "diktatorischen Gott" Glaubende aufgrund der Beschränktheit seines Einfühlungsvermögens natürlich nicht vorstellen, so Lütkehaus. Ob es Lütkehaus allerdings gelingt, sich in die Denkwelt des kritisierten Gegenübers einzufühlen, möchte ich ich ernsthaft bezweifeln. Bei aller berechtigten Kritik an der theologischen Tradition der Verdammnis über Selbstmörder ist seine Argumentation sicher eher aufschlussreich hinsichtlich seines eigenen denn Eckhard Nagels Gottesbild. - al

2010/11/11: Einmal im Jenseits und zurück - Stuttgarter Wochenblatt

Der Titel des Berichts über eine Akademietagung zur Nahtoderfahrung (siehe Dokumentation unter www.forum-grenzfragen.de/diskurs/nahtoderfahrung/nahtoderfahrung.html) führt leider in die Irre: Allen Beteiligten - auch denen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben - ist klar, dass es sich um eine diesseitige und nicht jenseitige Erfahrung handelt. Als Beweis für ein Jenseits lassen sich diese Erfahrungen theologisch jedenfalls nicht missbrauchen. Auch der Schluss des Artikels ist missverständlich: Wenn der Neurowissenschaftler Heydrich vom Tagungsleiter als "relativ bescheiden" bezeichnet wurde, war dies nicht negativ gemeint, wie die umgangssprachliche Verwendung nahelegt. Gemeint war vielmehr positiv, dass Heydrichs Erklärungsanspruch im Unterschied zu manchen naturalistischen Hardlinern "relativ bescheiden" war. Zutreffend aber deutet der Untertitel eine Kernaussage der Tagung an: Die Nahtoderfahrung verändert das Leben der Betroffenen zutiefst und nachhaltig. hhp

2010/11/05: New statistical model moves human evolution back three million years - Science daily

Wahrscheinlich liegt die Trennung der menschlichen Abstammungslinie von der des Schimpansen 8 Mio. Jahre zurück statt der bisher angenommenen 5 Mio. Jahre. Robert D. Martin, der seit langem versucht, genetische Erkenntnisse und Fossilbefunde zu integrieren, kommt zu dem Ergebnis, indem er Lücken des fossilen Stammbaums statistisch auffüllte. Mal gespannt, ob dieser erneute Umbau des menschlichen Stammbaums wieder Evolutionskritiker auf den Plan ruft. hhp

2010/11/08: Thema: Bioethik - Das Parlament

Das Parlament Nr. 45 widmet sich umfangreich dem Themenschwerpunkt Bioethik. Der Titelbeitrag von Oliver Tolmein widmet sich dem Bundestag und den Antworten der Abgeordneten zu den letzten Fragen des Lebens: "Das Gewissen entscheidet". Katja Wilke thematisiert die "Angst vorm Designerbaby", die Aufhebung des Fraktionszwangs, aber auch den straffen Zeitplan zur Abstimmung über die PID. Ausführlich stellt Helmut Stoltenberg unter dem Titel "Riss durch die Fraktionen" die Positionen der Politiker zur PID vor. Der Bioethiker Giovanni Maio hält den Sinn des Ungeplanten wach: "Kinder sind keine Produkte". Aber auch das Lebensende wird bedacht: Pro und Contra zum begleiteten Suizid sowie die Einigung des Bundestages zur Patientenverfügung. Weiteres: Organspende, Glaube und Politik, Klonen, Paragraph 218 und Pränataldiagnostik, regenerative Medizin, Hirntodkriterium, Walter Jens und Demenz. Hochaktuell, differenziert und umfassend! hhp

2010/09/27: Did Volcanoes Wipe Out Neanderthals? Neanderthals may have gone out with a bang - Discovery News

Neues vom Aussterben des Neandertalers: Ein Forscherteam vermutet, dass mindestens drei Vulkanausbrüche vor ca. 40.000 Jahren die westasiatischen und europäischen Lebensräume des Neandertalers verwüstet und damit das rapide Verschwinden der Hominiden angekurbelt haben. Die Vermutung sei durchaus konsistent mit den Genombefunden, die eine Vermischung mit dem modernen Menschen nachwiesen (s. u.), wenn diese im mittleren Osten stattfand, bevor der moderne Mensch sich nach Europa und Asien ausbreitete. Bestritten wird dies von Geologen, die europäische Werkzeugfunde des modernen Menschen vorweisen, die älter sind als die neue These erlaubt. hhp

2010/09/16: Altruismus: Die Gene des Guten - Wissen - ZEIT ONLINE

Erstaunlich, was Autor S. Klein in diesem "Streitgespräch" R. Dawkins entlockt hat. Dessen Bekenntnis "Jesus war ein guter Mann" erinnert nicht entfernt mehr an das, was er im "Gotteswahn" vertreten hat. Dort bezichtigte er Jesus noch, er sei "ein Anhänger der gleichen Gruppenmoral - in Verbindung mit Feindseligkeit gegenüber Außenstehenden -, die im AT als selbstverständlich vorausgesetzt wird" (357). Jetzt erkennt er plöztlich die Feindesliebe an und lässt sich hinreißen: "Jesus war supernett". Dies sei freilich "aus Sicht der Evolution völlig bescheuert", wiewohl erstrebenswert. Das zeigt im Umkehrschluss natürlich (ohne dass dies erwähnt wird), dass sich humane Ethik kaum evolutionstheoretisch begründen lässt. Sofern Dawkins nur die Gesetze Darwins (aner-)kennt, die auch kulturell wirken, kann er sich nur wundern: "Das macht es umso erstaunlicher, dass einige Menschen zur Supernettigkeit fähig sind". Vielleicht wirken ja neben den darwinschen auch andere Kräfte in der Kultur? hhp

2010/08/12: Butchering dinner 3.4 million years ago - Nature News

Die Nature-Ausgabe dieser Woche berichtet von der Entdeckung, dass der Werkzeuggebrauch der frühen Homininen (wahrscheinlich A. afarensis "Lucy") 1 Mio. Jahre früher anzunehmen ist, als bislang angenommen und damit der Gattung Homo vorausgeht. Schlachten mit Steinwerkzeugen bedeute aber auch, dass damals schon bei der Suche nach Fleisch die Sicherheit der Wälder zugunsten des Flachlandes aufgegeben wurde, ein wichtiger Schritt in der Entwicklung des Menschen. Die Entdeckung bedeute zwar nicht, dass Werkzeuge eigens hergestellt wurden, aber auch gezieltes Suchen lässt auf planvolles Handeln schließen. hhp

2010/06/14 Hirnforschung: Die soziale Ich-Maschine - ZEIT Nr. 24 S. 37

Dass es absolute innere Freiheit gibt, glaube in der Wissenschaft keiner, heißt es. Aber muss es dann gleich das Gegenteil sein? Der Mensch sei eine Maschine, die ihre Lebenswelt kollektiv erfinde, ist die These des Hirnforschers Wolfgang Prinz. Gehirne seien Maschinen, die von der Evolution so erzogen wurden, dass sie in Interaktion mit ihrer Umwelt bestimmte Leistungen erbringen. Diese Leistungen könnten zwar nicht allein aus der Struktur dieser Maschine erklärt werden, denn dazu müsse man ihre gesamte Geschichte in Betracht ziehen. Aber es gebe keinen Rest von Subjektivität, dies sei ein Überbleibsel aus der Tradition des deutschen Idealismus. Der Interviewte bevorzuge nüchterne Definitionen. Aber er weiß auch: es gibt für seine These "noch" keine harten Fakten. Ein klassisches Beispiel für Szientismus, den alleinigen Glauben an die Wissenschaft. - al

2010/05/11: Intelligent Design: Scientifically and Religiously Bankrupt - Huffington Post

Michael Zimmerman will Intelligent Design endgültig begraben wissen. Der letzte Sargnagel sei die Entdeckung, dass das menschliche Erbgut grottenschlecht designed sei. Na prima! Oder doch nicht? Der Kommentar von Alyse Sheridan hat Recht: ID mag zwar annehmen, dass die Welt perfekt geschaffen wurde. Aber das war vor dem Sündenfall. Danach hat sie ihr perfektes Design eingebüßt. Das imperfekte Genom lässt sich also immer noch bestens ins ID-Gebäude einpassen. hhp

2010/05/04: Ursprung des Guten: Die Moral als Nebenprodukt der Evolution - SPIEGEL ONLINE

Wertevorstellungen von Menschen ähneln sich - können sich aber auch unterscheiden. Die Frage ist: Woher kommt die Moral? Francisco Ayala erklärt die Moral zu einem eher zufälligen Nebenprodukt der Evolution. Mit seiner These widerspricht der Evolutionsbiologe aus Irvine vielen Kollegen, die die Entstehung der Moral direkt mit der Evolution erklären. Der informative Artikel verweist auf weitere thematisch benachbarte Artikel und bietet einen guten Einstieg ins Thema. - al

2010/04/27: Australopithecus sediba and the creationist response - The Pandas Thumb

Interessante Auseinandersetzung mit der Argumentation der Kreationisten. Der Autor sieht bei "Answers in Genesis" Selbstwidersprüche oder Rückzugsgefechte. Während früher behauptet wurde, komplette Skelette seien einfach als Affe oder Mensch zu bestimmen, übt man sich nun angesichts von A. sediba in Zurückhaltung: "Kreationisten müssen vorsichtig sein bei der Interpretation solcher Neuigkeiten", so die Selbsteinschätzung. Der Autor sieht den Grund des Sinneswandels in der erdrückenden Befundlage der Realität. Es gäbe einfach zu viele Fälle, in denen Kreationisten widersprüchlich oder revidierend zu klassifizieren gezwungen waren. hhp

2010/04/23: ''Spuren der Neandertaler leben in uns weiter'' - Sueddeutsche

DNA-Vergleiche haben Anthropologen der Uni New Mexico zur These veranlasst, dass Neantertaler, Heidelbergmensch und moderner Homo sapiens sich gepaart und gemeinsame Nachkommen gezeugt haben. Damit habe der Neandertaler auch in unserem Erbgut Spuren hinterlassen. Der Befund bleibt jedoch umstritten, und man erhofft sich von der Leipziger Max-Planck Gruppe, die jüngst den sibirischen Fund DNA-analytisch (s. u.) untersuchten, Klärung. hhp

2010/04/16: Evolutionsbiologe Reichholf: Am Anfang war das Bier - BR-alpha

Damit Ihnen die spektakuläre Hauptthese des Evolutionsbiologen Reichholf nicht entgeht (falls Sie die Sendung verpasst haben), nun der Hinweis auf die Website, die das Interview als pdf-Datei anbietet. Die Sesshaftigkeit qua Ackerbau war nicht durch Brotbacken motiviert, sondern: Am Anfang war das Bier! Auf die Idee kann nur ein Bayer kommen, oder? hhp

2010/04/14: Scientists, Creationists Agree: 'Sediba' is No 'Missing Link' - Christian Post

Der Artikel berichtet u.a. über Reaktionen aus der Intelligent-Design-Ecke. Aus deren Sicht verdankt sich die Bedeutung des Fundes eher dem Medienspektakel. Anders als Science suggeriert bringe der Fund nämlich kein neues Licht in die Stammbaumfrage, sondern eher Konfusion. Vgl. dazu unser Interview mit Peter Schmid, der an der "Entdeckung dieses neuen Meilensteins in der Menschheitsgeschichte" beteiligt war. hhp

2010/04/09: Urgeschichte: Kind findet ältesten Urahn - Frankfurter Rundschau - Top-News

Neben den Facts zum Fund von Australopithecus sediba werden Stellungnahmen anderer paläontologischer Berühmtheiten (Donald Johanson, Meave Leakey) erwähnt. Außerdem weist man darauf hin, dass der Fundort Teil der "Cradle of Humankind" (Wiege der Menschheit, Weltkulturerbe der Unesco) ist. hhp

2010/04/09: Anthropologie: Neu entdeckter Hominide schließt eine Lücke der Evolution | Wissen | ZEIT ONLINE

In Südafrika haben Forscher zwei Skelette einer neuen Menschenart entdeckt. Australopithecus sediba könnte ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen Affe und Mensch sein. (Text automatisch von ZEIT generiert). "Bindeglied zwischen Affe und Mensch" ist ein wenig arg populär. Da müsste man schon ein paar weitere Millionen Jahre zurückgehen. Mit nur knapp 2 Mio. Jahren handelt es sich bie Australopithecus sediba um ein mögliches Bindeglied zwischen den Australopithecinen und der Gattung Homo. hhp

2010/04/09: Australopithecus sediba: A New Species of Homo-Like Australopith from South Africa - Science

Der Originalartikel in "Science", kostenlos erhältlich bei persönlicher Registrierung, beginnt mit dem Eingeständnis, dass die Herkunft der Gattung Homo und ihr Verhältnis zu den früheren Australopithecinen ein ungelöstes Rätsel darstellt. Der neue Fund wurde zwar den Australopithecinen zugeordnet, teile aber mehr Merkmale mit dem frühen Homo als irgend eine andere Australopithecinen-Art und "könnte so die Herkunft dieser Gattung zu entschleiern helfen". hhp

2010/04/08: New Hominid Species, Au. Sediba, Discovered in South Africa - NYTimes.com

Ein Tag vor der Veröffentlichung in "Science" weiß die New York Times bereits von dem südafrikanischen Sensationsfund Australopithecus sediba zu berichten. Gefunden wurde ein Junge und eine Frau mit einer Mischung aus primitiven und fortgeschrittenen anatomischen Merkmalen. Nach dem Teamleiter könnte der Fund eine Verbindung von Australopithecus zu Homo erectus, ein direkter Vorfahre von homo sapiens, darstellen; möglicherweise aber auch ein Seitenzweig, der nicht zum homo sapiens führt. Auch Wissenschaftler, die nicht zum Team gehören, werten den Fund als "bedeutenden Fortschritt in der frühen Fossilgeschichte der Hominiden". hhp

2010/03/24: Researchers Identify Possible New Human Group With DNA From Bone - New York Times

Der sibirische hominide Fossilfund schreibt den Stammbaum des Menschen neu. Aus einer übersichtlichen Grafik werden die Verzweigungen des neuen Fundes, des Neandertalers und des modernen homo sapiens im Vergleich zum homo erectus und des kürzlich entdeckten homo floresiensis genauso deutlich wie die unterschiedlichen Auswanderungswellen aus Afrika. Der Artikel betont aber erneut, dass erst die Analyse der Kern-DNA Klarheit darüber schaffen kann, ob es sich tatsächlich um eine neue Menschenart handelt. hhp

2010/03/26: Is this a new species of human being? - Guardian

Der Artikel fragt, ob der Sibirische Menschenfund unsere Sicht der menschlichen Evolution transformieren wird. In der Tat zeige die Geschichte des Verständnisses der Hominisation, dass der jeweilige Stand des Wissens in wenigen Jahrzehnten auf den Kopf gestellt werden kann. Der vorliegende Fall wirft ein neues Licht auf die großen Auswanderungswellen, von denen man bisher 3 annahm: Die Auswanderung des Homo erectus, die des Neandertalers und die des modernen Menschen. Nun kommt offenbar ein vierter großer Exodus hinzu. Für DNA-Experte Terry Brown ist dieses Bild noch zu einfach: "Der Marsch aus der Wiege der Menschheit könnte viel eher eine permanente Wanderbewegung sein". Was darüber hinaus zu denken gibt, ist der verblüffende Fundort. Hier müssen offenbar alle drei Arten koexistiert haben. Lebten sie in Frieden oder Krieg? Warum sind zwei von drei Arten ausgestorben? Könnte auch die überlebende Art aussterben? hhp

2010/03/29: Drei Menschenarten In trauter Nachbarschaft - Welt online

Der Artikel begrüßt mit einem Familienfoto unserer entfernten Verwandten. Eine Stelle ist jedoch nur als Silhouette dargestellt: Platz für die sibirische Neuentdeckung, für die der Artikel auch schon einen Artnamen parat hat: Homo denisovensis - wenn sich denn die Vermutung einer neuen Art durch Analyse der Kern-DNA bestätigen lässt. hhp

2010/03/24: Der Alien von Altai: Der kleine Finger der Evolution - Wissen - ZEIT ONLINE

Wer sich lieber in deutscher Sprache über den fossilen Frühmenschen informieren will, wird in der Zeit fündig. Auch dieser Artikel von Ulrich Bahnsen stellt heraus, dass der sibirische Fund weder dem Neantertaler noch dem modernen Menschen entspricht. Offenbar ging die Verbreitung der Gattung Homo in mehr Ausbreitungswellen vor sich, als bisher angenommen. Fakt ist jedenfalls, dass die Ausbreitungswelle des homo sapiens sämtliche anderen Formen verdrängt hat. Bahnsen zitiert Ian Tattersall vom Naturkundemuseum in New York: "Der Mensch ist etwas Besonderes. Und etwas sehr Gefährliches". hhp

2010/03/24: Fossil finger points to new human species - Nature

Der von russischen Forschern gefundene fossile Fingerknochen fand zunächst keine Beachtung, bis ein deutsches Forscherteam eine DNA-Analyse vornahm. Die Überraschung war groß, als diese sich weder mit dem Neandertaler noch mit dem modernen Menschen deckte. Die Befunde deuten darauf hin, dass es sich um eine bisher unbekannte Menschenart handelt, die lange vor den uns bekannten Verwandten aus Afrika ausgewandert ist. So könnte es sein, dass nicht nur der Neandertaler und homo sapiens, sondern mehrere verschiedene eiszeitliche Menschenarten koexistierten. Da die Vergleiche auf mitochondrialer DNA beruhen, raten manche bzgl. weiter reichender Schlüsse noch zur Zurückhaltung. Erst die Entschlüsselung des Gesamtgenoms wird Klarheit bringen und die Vergabe eines formellen Namens erlauben. Svante Pääbo, Koautor der Studie, ist fasziniert von der Möglichkeit, dass molekulare Analysen paläontologisch nutzbar sind: "Wir stehen gerade am Anfang von vielen faszinierenden Entwicklungen". hhp

2010/03/09: Psychologie: Vom Nutzen der Schwermut - Medizin - Wissen - FAZ.NET

Jonah Lehrer fragt sich, wie sich die weite Verbreitung der Depression mit der Evolutionstheorie vereinbaren lässt. Da eine Depression kaum die "reproduktive Fitness" steigert, hätte sie sich im Sinne darwinscher Gesetzmäßgikeiten nicht durchsetzen dürfen. Es sei denn, sie dient einem "geheimen Zweck". Dieser evolutionspsychologische Versuch, mentale Eigenschaften selektionstheoretisch zu erklären, führt zu dem Befund, dass Depression offenbar mit Weisheit und analytischer Weltbeschreibungskompetenz einhergeht - nach dem Motto "Trauer macht schlauer". Ist das soziobiologisches "Storytelling" oder genetisches Trittbrettfahren, das die Darwinismuskritiker Fodor und Piatelli-Palmarini stark machen? Die mögliche Koppelung der Depressionsgene an kognitive Vorzüge sollte schon mehr als vage Spekulation sein, wenn daraus handfeste therapeutische Konsequenzen folgen und der evolutionspsychologisch orientierte Psychiater Thomson seltener Antidepressiva verschreibt. hhp

2010/03/07: Philosophers Rip Darwin - The Chronicle Review

Der Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse führt hier seine Kritik an Fodor und Piattelli-Palmarini ausführlicher aus (s.u.). Diese seien leider kein Einzelfall, es gebe ein zunehmend lautstarkes Kader bedeutender Philosophen, die Zweifel an Darwin hegen. Exemplarisch greift Ruse drei dieser Vertreter heraus. Bei Alvin Plantinga, Christ und Intelligent Design Enthusiast, versteht Ruse dessen Opposition in einer sehr säkular und neoatheistisch geprägten Szene. Aber auch der bekannte Thomas Nagel schließt sich der Opposition an, ohne an eine Gottheit zu glauben. Ausführlich geht Ruse auf Jerry Fodor ein, der als Atheist die Erklärungskraft der natürlichen Selektion kritisiert. Bei allen drei Opponenten hält Ruse die "totale wissenschaftliche Interesselosigkeit" für viel sagend. Die Kritiker seien offenbar von anderen, tiefer liegenden Sorgen umgetrieben. Der Blick in die Vergangenheit zeige die Initialzündung ihrer Opposition: Die Entstehung von Homo sapiens durch blinde Gesetze. hhp

2010/02/17 - Religion versus Evolution: Wie die Sünde in die Welt kam - SPIEGEL ONLINE

Woher kommt die Moral, und woher die Sünde? Ist es nur die Suche nach einem Grund für alles, die den Mensch zum Glauben bringt, wie der Evolutionsbiologe Pascal Boyer annimmt? Oder seine Autoritätsgläubigkeit Grund der Religion, wie Richard Dawkins sagt? Vielleicht hängen Moral und Religion aber auch gar nicht zsuammen. Andere Stimmen halten Moral für das Ergebnis der jeweiligen evolutionären Situation einer Gesellschaft, die Evolutionstheorie alleine erkläre aber nur ein allgemeines Kooperationsangebot. Theologen wie Wolfgang Achtner betonen den unerklärbaren Mehrwert der Feindesliebe. Der Artikel präsentiert eine breite Palette interessanter Mutmaßungen zum Thema. - al

2010/02/14: New critique intends to rebut Darwin's ideas - The Boston Globe

Der bekannte Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse hält Fodors und Piattelli-Palmarinis "What Darwin Got Wrong" für ein "äußerst ärgerliches Buch". Statt aktuelle Diskussionen der Evolutionstheoretiker zu rezipieren, führten die Autoren richtungslose Rundumschläge gegen den Darwinismus durch. Als Hauptattacken gegen die natürliche Selektion führten die Autoren ins Feld, dass erstens die Lebensentwicklung den selbstorganisierenden physikalischen und chemischen Zwängen unterliege und dass zweitens selektionsnegative Merkmale überleben, die selbst gar nicht überlebensförderlich sind, sondern lediglich an überlebensförderliche Merkmale gekoppelt sind (Trittbrettfahrer). Beide Argumente - so Ruse - seien evolutionstheoretisch längst bekannt und mit dem Darwinismus durchaus verträglich. Ruses Verdacht ist, dass die Autoren - obwohl stolz bekennende Atheisten - die Relativierung des Menschen genauso wenig ertragen können wie die verachteten Christen, dieses aber nicht offenlegen. hhp

2010/01/18: Wird E.T. aussehen wie wir? - Spektrum der Wissenschaft

In dem Artikel diskutiert der US-amerikanische Sachbuchautor Michael Shermer seine These, dass außerirdisches intelligentes Leben zwar wahrscheinlich ist, ein menschenähnliches Aussehen dagegen eher unwahrscheinlich sei. Der Artikel bezieht dabei zwei Stellungnahmen Dawkins' ein, der die Wahrscheinlichkeit humanoider Lebensformen optimistischer einschätzt. Interessant finde ich jenseits der Meinungsverschiedenheit, dass das Vorkommen weiteren intelligenten Lebens im Universum (wie auch immer gestaltet) völlig unstrittig zu sein scheint. Wenn dem so sein sollte, wäre der Mensch - gegen Jacques Monod - durchaus kein "Zigeuner am Rande des Universums", sondern Ausdruck einer Tendenz des Universums, zu intelligentem Leben zu führen. - hhp

2010/01/12: Observatory - Neanderthal Decorative Shells Found in Southeastern Spain - New York Times

Neandertaler galten bisher - im Unterschied zum modernen Menschen - als unfähig zu symbolischem Denken. Nun haben Archäologen in Spanien solide Anzeichen für den Gebrauch von Muscheln zu dekorativem und symbolischem Zweck gefunden. Sie dienten offenbar dazu, anderen zu zeigen, wer man war; sozusagen "sozial wieder erkennbare Personalausweise". Insofern haben sich der frühe moderne Mensch und der Neandertaler "in gleicher Weise verhalten soweit wir Informationen besitzen, um dies abzuschätzen" - folgert Joao Zilhao der Universität Bristol, England. hhp

2010/01/12: Evolution: Spie ein Vulkan die Götter aus? - DiePresse.com

Es ist trendy, Religion evolutionstheoretisch neu zu entdecken. So auch bei einer neuen These, die das Rätsel angeht, dass der moderne Mensch den Neandertaler verdrängt hat. Danach ließ ein Vulkanausbruch vor 73 tsd. Jahren den Überlebensvorteil von Religion zutage treten: Gläubige haben eine kooperative Innen-, aber eine aggressive Außenmoral - was dem Neandertaler zum Verhängnis wurde. Zu Recht hält der Autor des Artikels die These für reichlich spekulativ, zumal auch der Neandertaler religiös gewesen sein mag. hhp

2009/12/15: In Münster wird das weltweit erste Institut für ?Theologische Zoologie? gegründet - domradio.de

Auch der Sender des Erzbistums Köln berichtet über die Eröffnung des Instituts für Theologische Zoologie am 15.12. Die Website erwähnt das Grußwort des Erzbischofs Werner Thissen, der für die "vermehrte Verantwortung des Menschen für seine Mitgeschöpfe" eintritt, sowie den Vorsitzenden des BUND, Hubert Weiger, der einen "zukunftsfähigen Umgang mit den Tieren in der Landwirtschaft" fordert. Das 6-minütige Interview mit Hagencord fragt, ob Tiere eine Seele haben. Antwort: Biblisch gesprochen HABEN Tiere keine Seele, sondern alle Geschöpfe SIND Seele. hhp

2009/12/17: Einmalig in Deutschland: Institut für Theologische Zoologie - Münchner Kirchenradio

Die Website des Kirchenradios informiert knapp über die Eröffnung des ersten Instituts für Theologische Zoologie am 15. Dezember. Der Gründer und Leiter des Instituts, der Biologe und Theologe Rainer Hagencord, will die Stellung der Tiere in der Theologie aufwerten. Aus dieser Motivation - so hört man im ca. 10 minütigen Audio-Interview mit Hagencord - stammt der Name des Instituts: "Theologische Zoologie" soll an "Theologische Anthropologie", die seit jeher einen festen Raum im Gebäude der Theologie hat, erinnern und anknüpfen. Als Schirmherrin des Instituts brachte die bekannte Primatenforscherin Jane Goodall den Begriff von der "Würde des Tieres" ins Spiel. An dieser Stelle dürften einige Ethiker, die sehr wohl vom Eigenwert der Tiere sprechen, dennoch zur Vorsicht raten, um den Begriff der Menschenwürde nicht auszuhöhlen. hhp

2009/12/08: Boom! Hok! A Monkey Language Is Deciphered - New York Times

Eine Forschergruppe um Klaus Zuberbühler, Schottland, hat die Sprache der Campbell-Meerkatze entschlüsselt. Sie besteht aus 6 Arten von Rufen mit je eigener Bedeutung. Sie können die Rufe aber auch zu einer Botschaft ganz eigener Bedeutung kombinieren. Damit besitzen sie eine primitive Form von Syntax, die bisher als ausschließlich menschliche Fähigkeit klassifiziert wurde. Zusätzlich kann die Bedeutung durch Suffixe variiert werden. Das Lautsystem sei - so die Forscher - "das komplexeste Beispiel von 'Proto-Syntax' in tierischer Kommunikation, das bisher bekann ist". - hhp

2009/11/24: Biologe Steve Jones im Interview: "Der Sex wird gewinnen" - Frankfurter Rundschau

Die FR veröffentlich zum 150. Jubiläum von 'The Origin of Species' ein Interview mit dem britischen Biologen Steve Jones, der dieses Jahr sein viertes Buch über Charles Darwin herausbrachte. Darwin ist für Jones "der erstaunlichste Kerl, der je gelebt hat" und Jones nennt 'Die Entstehung der Arten' "das Buch eines Genies". Seiner Meinung nach ist heutzutage die Evolution des Menschen vorläufig beendet, denn es findet keine natürliche Selektion durch frühzeitigen Tod mehr statt, so dass schlechte Gene weitervererbt werden. Die körperliche Entwicklung des Menschen ist - im Gegensatz zur kulturellen Entwicklung - auf Steinzeitniveau stehen geblieben. In gentechnischen Veränderungen des Erbgutes sieht Jones jedoch kein Problem; er stellt fest, dass Sex zu viel Spaß mache als dass er durch Reagenzglasbefruchtungen ersetzt werden könne. sh

2009/11/20: Die Evolution im Paradies - Hamburger Abendblatt

An der Universität Münster entsteht das erste "Institut für Theologische Zoologie" an einer deutschen Hochschule. Der Seminarleiter Rainer Hagencord, Priester, Biologe und Philosoph will mit den Studenten interdisziplinär arbeiten. Erkenntnisse aus der Evolutionstheorie Darwins, aber auch aus der Gen- und Hirnforschung sollen in Beziehung gesetzt werden zum biblischen Schöpfungsglauben - nicht als unversöhnliche Gegensätze, sondern auf der Suche nach einer "angemessenenen theologischen Reaktion auf die Forschungsergebnisse der jüngsten Zeit". So stellen sich angesichts der engen genetischen Verwandschaft von Mensch und Tier neue Fragen zum Verhältnis des Menschen als "Krone der Schöpfung" zu Tieren und Pflanzen. "Der Mensch begnügt sich auch längst nicht mehr damit, Tiere und Pflanzen zu nutzen: Er greift durch Vertreibung, Ausrottung, Zucht und mit immer feineren Veränderungen des Erbguts in die Evolution ein."

2009/11/14: The Evolution of the God Gene - The New York Times

Nicholas Wade kommt bei der Frage, warum religiöses Verhalten in Gesellschaften aller Entwicklungsstufen in allen Teilen der Welt vorkommt, zu der Erkenntnis, dass Religion von natürlicher Selektion bevorzugt worden sei, weil sie alle Kennzeichen von entwickeltem Verhalten trage. Er stellt allerdings fest, dass diese Erkenntnis weder für Atheisten noch für Gläubige bedrohlich oder hilfreich sein sollte, denn weder beweise noch widerlege sie die Existenz von Göttern. Stattdessen wirft Wade die Frage auf, ob diese evolutionäre Perspektive auf Religion nicht für Entspannung zwischen Religion und Naturwissenschaft sorgen könne, da Religion als entwickelter Instinkt gesehen werden könne, dessen konstruktive Rolle anerkannt werden müsse. Religion verdiene daher weder Schuldzuweisungen noch Lob, denn wenn man Religion als soziales Bindemittel betrachtet, sind es die Gesellschaft und ihrer Führer, die dieses Mittel zum Guten oder Schlechten führen. sh

2009/11/11: Meisner vergleicht Dawkins mit Nazis - Presseschau bei forum-grenzfragen

In seiner Predigt zum Hochfest Allerheiligen warnt Kardinal Meisner vor einem "wissenschaftlichen Atheismus". Dabei wirft er Richard Dawkins ein ähnliches Menschenbild vor wie es die Nationalsozialisten vertreten hätten. Die Reaktion der Presse reichte von vehementer Kritik bis zu vorsichtiger Zustimmung. Die Presseschau von forum-grenzfragen gibt einen bewertenden Überblick und vergleicht die Äußerungen mit den Ausführungen Richard Dawkins' im Original. Dabei ergebe sich, dass die Warnung vor einem wissenschaftlichen Atheismus wichtig und richtig sei, der Nazi-Vergleich erweise sich jedoch eindeutig als unzutreffend. hhp

2009/10/21: Evolutionsmedizin: Durch den Geburtskanal in die Praxis - Mensch & Gene - Wissen - FAZ.NET

Erst jetzt fiel mir ein Artikel in die Hände, der von der Etablierung einer recht jungen Disziplin auf dem Weltgesundheitsgipfel berichtet, der Evolutionsmedizin. Die Medizin könne insofern von Darwin lernen, als viele körperliche Defizite (genannt sind z. B. Weisheitszähne, Wurmfortsatz, enger Geburtskanal, Stoffwechselerkrankungen) durch die Evolutionsbiologie eine plausible Erklärung finden. Der evolutive Blick auf die körperlichen Unvollkommenheiten lassen den Artikel so ganz nebenbei und ohne dass dies erwähnt würde zu einem Argument gegen Intelligent Design werden: "Der Mensch ist keine Maschine, am Reißbrett konstruiert, sondern bruchstückhaft von der Selektion geformt". hhp

2009/11/06: Tiere haben einen Wert auch vor Gott - Theologische Zoologie - Gesellschaft-Nachrichten - news.de

Am 15.12. wird das von Rainer Hagencord gegründete "Institut für Theologische Zoologie" eröffnet als Antwort auf das Fehlen der Tiere in der modernen Theologie. Dabei seien Tiere "nicht durch Vernunft oder durch den Sündenfall von Gott getrennt". In dieser Unmittelbarkeit sei das Tier "in einem Zustand, den wir uns erhoffen, wenn wir meditieren" (ob man hier nicht 1. und 2. Naivität unterscheiden müsste? hhp). Die Ziele des Instituts liegen zum einen in der "theologischen Würdigung des Tieres", in tierethischen Fragen (z. B. Massentierhaltung), aber auch das Nahebringen von Theologie in Tierparks. Hagencord grenzt sich dabei von Kreationismus und ID deutlich ab: Die Erde sei eben nicht nur für den Menschen gemacht. Ein Designer wäre nicht sehr intelligent, wenn er einen Planeten für den Menschen erschaffe, der zu 3/4 für diesen unbewohnbar ist. hhp

2009/11/05: San Clemente Company Plays Key Role in Search for Missing Link - San Clemente Times

Um der Frage nachzugehen, wann und warum der aufrechte Gang evolvierte, nutzte man eine "LifeModeler" Software, die bisher bei Hüft- und Knietransplantaten medizinischen Einsatz fand und komplizierte Bewegungen simulierte. Zusammen mit Owen Lovejoy speiste man das Programm mit dem Skelett von Ardipithecus ramidus, fügte Muskeln hinzu und simulierte die Bewegung Ardis. Die Kernfrage war, wie ein Fuß mit einem frei beweglichen großen Zeh Äste greifen und ebenso effizient laufen kann. In dieser Hinsicht erwies sich Ardi als echte Übergangsform. Die Ergebnisse sind übrigens im Discovery Channel ausführlich dokumentiert: http://dsc.discovery.com/tv/ardipithecus/ardipithecus.html. hhp

2009/11/02: Ray Comfort Responds to Genie Scott on Creationist 'Origin of Species' - God and Country

Als Antwort auf Scott sichert Comfort zu, dass die Darwinausgabe, die in einer Auflage von 170000 Kopien (!) an Studenten verteilt wird, den gesamten Text des "Origin" enthalten werde. Immerhin. Das Folgende ist eine Sammlung von typischer Evolutionskritik, zusammen zu fassen unter "irreduzierbare Komplexität" und "Fehlen von Übergangsformen". In diesem Zusammenhang gerät auch der von Scott bemühte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse in die Kritik. Es sei gerade die Entdeckung von Ardipithecus gewesen, welche die bisherige "Annahme, wir hätten uns aus uralten schimpansenähnlichen Kreaturen entwickelt, als ganz und gar falsch" erwiesen habe. Da hat er Recht! Aber Scott hat gar nicht behauptet, dass der gemeinsame Vorfahr schimpansenähnlich war, nur, dass es einen solchen gegeben hat. Und Scotts Aussage, "mehr Fossilien werden mehr Details bringen", dreht Comfort strategisch um: "Sie haben die Fossilien also immer noch nicht!" Mal gespannt, was Genie morgen dazu sagt. hhp

2009/10/30: Eugenie Scott about How Creationist 'Origin' Distorts Darwin - God and Country

Der Kreationist Ray Comfort gibt eine antievolutionäre Version von Charles Darwins "On the Origin of Species" heraus, die im November an Colleges verteilt werden soll. Eugenie Scott (siehe unsere RSNG-Tagung 2009) kritisiert, dass der Comfort-Version des "Origin" nicht weniger als 4 entscheidende Kapitel sowie Darwins Vorwort fehlten, darunter - wen wundert es - "Darwins stärkste Beweise für Evolution". Auch Darwins Entgegnung auf das vermutete Fehlen evolutionärer Übergangsformen im 9. Kapitel "sind interessanterweise in Comforts Version nicht enthalten". Scott benennt Beispiele für "Serien von klaren Übergangsformen" einschließlich der "wunderbaren Fossilreihe, die zum Homo sapiens führt". Für Scott ist der Fossilbefund so beeindruckend (sie erwähnt auch den neuen Fund "Ardi" und den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse), dass die "Umrisse der menschlichen Evolution unter Experten nicht ernsthaft in Frage gestellt werden". hhp

2009/10/28: Friedemann Schrenk im Porträt: Fünf Kilometer pro Generation - Frankfurter Rundschau

Die kurze Biografie des bekannten Paläoanthropologen Friedemann Schrenk beginnt bei dessen früher Begeisterung für Fossilien und macht Station bei dem ältesten Fund aus der Gattung "homo", der einem Mitarbeiter Schrenks geglückt ist. Funde sind für Schrenk verschlüsselte "Nachrichten aus der Vergangenheit", zu deren Entschlüsselung das jeweilige Weltbild "eine riesige Rolle" spiele. Wer an Drachen glaubt, interpretiert ein Wollnashorn eben als Lindwurm, wie im Mittelalter geschehen. Welches Weltbild ist heute prägend, fragt sich Schrenk. Mit Kreationismus und einem intelligenten Designer kann Schrenk wenig anfangen, dazu sei das Design zu unausgereift, wie unser falsch sitzender Kopf und die Überkreuzung von Luft- und Speiseröhre zeige. Allerdings: "Er habe keine Ahnung, ob es irgendwo einen Gott gibt oder irgendeine Kraft". hhp

2009/10/07: Ardi, Humans and Primates - New York Times

Ardipithecus ist auch Gegenstand des Editorials der jüngsten New York Times. Herausgestellt wird die Hoffnung der Paläontologen, den letzten gemeinsamen Vorfahr von Affe und Mensch zu finden. Betont wird richtigerweise, dass "Ardi" nicht dieser gemeinsame Vorfahr ist. Dieser Fund demonstriere aber, wie schnell die frühen Hominiden einen eigenen Evolutionspfad eingeschlagen haben. Er zeige aber auch, dass die lebenden Primaten nicht den primitiven Stand eines gemeinsamen Vorfahren beibehalten hätten, sondern hochspezialisiert sind - aber durch ganz andere evolutionäre Wege. Diese wichtigen Einsichten schreiben die Geschichte der Hominiden-Evolution neu. hhp

2009/10/04: Sensationsfund "Ardi" war nicht Affe, nicht Mensch - Welt online

Auch die Welt berichtet vom "Sensationsfund" - allerdings mit einigen nicht unerheblichen Fehlern: Richtig ist die Aussage, Ardipithecus ramidus sei "unbestritten der Vorläufer des Menschen". Die Fortführung, "zugleich aber auch der des Schimpansen, Orang-Utans, Gorillas", ist jedoch falsch. Wegen der zeitlichen Nähe lässt "Ardi" zwar Rückschlüsse auf den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch zu, Ardi selbst ist aber nicht dieser gemeinsame Vorfahr. Auch kann nicht die Rede davon sein, dass Ardi sich "geschickt auf zwei Beinen am Boden bewegte". Im Science Sonderheft (s. u.) heißt es, dass Ardis "Bipedie primitiver war als die des Australopithecus" (Tim White et all, S. 64). Nicht Ardi, sondern "Lucys Art, Au. afarensis, war ein geschickter Zweibeiner" (Ann Gibbons, S. 39). hhp

2009/10/05: Paläontologie: Der Mensch erschien im Pliozän - Mensch & Gene - Wissen - FAZ.NET

Der FAZ-Artikel fasst die Science-Veröffentlichung zum Hominidenfund des Ardipithecus zusammen, v.a. die Revisionen gängiger Vorstellungen über die menschliche Evolution: der aufrechte Gang (cancelt die Savannenhypothese), der Gebissbefund (lässt Ardi friedlicher erscheinen als gedacht), die Partnerwerbung (lässt Machos alt aussehen). Der Autor äußert aber auch Skepsis gegenüber Lovejoys soziobiologischer Rückbindung einer monogamen Lebensweise an "Ardi". Der Bericht wird ergänzt durch ein Interview mit dem deutschen Hominidenforscher Friedemann Schrenk, der die Bedeutung des Fundes nur bestätigen kann. Schrenk begrüßt dabei v.a. die Neudefinition von "Hominiden", die vor drei Jahren erst auf den Schimpansen ausgedehnt wurden. Die Unähnlichkeit unseres neuen Urahns mit dem Schimpansen engt die "Hominiden" aber wieder auf den Menschen und seine engeren Vorfahren ein. Schrenk glaubt, "dass man mit Schlüssen vom Schimpansen auf den Menschen jetzt vorsichtiger sein sollte". hhp

2009/10/02: Online Extras: Ardipithecus ramidus - Science

Ein sensationeller Hominidenfund ist in einer Science-Sonderausgabe frei zugänglich. Der neue Fund, Ardipithecus ramidus tritt in eine zeitliche Lücke, die bisher zwischen Australopithecus ("Lucy") und dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Affen und Mensch klaffte. Noch können Australopithecus und Ardipithecus nicht mit einer geschlossenen Linie verbunden werden: Die Kluft zu Austr. ist "enorm", so Ann Gibsons. Überhaupt wirft der Fund einige liebgewordene Hypothesen über Bord. Von dem bisher als schimpansenähnlich vorgestellten Urahn weicht Ardipithecus durch aufrechten Gang (nicht erst in der Savanne) und kleinen Eckzähnen deutlich ab. Das deutet auf eine veränderte Sozialstruktur: (a) Fürsorgliche Nahrungsbeschaffung (b) Paar-Bildung und (c) reproduktive Tarnung (Weibchen preisen nicht wie bei Schimpansen ihren Eisprung an). "Diese Verhaltensweisen dürften den männlichen Elternaufwand substanziell intensiviert haben - ein adaptiver Durchbruch ... bis zu uns", so Owen Lovejoy. hhp

2009/09/11: Trustworthy vs lustworthy: the psychology of attraction - Times Online

"Ähnlichkeit ist vertrauensfördernd, aber nicht lustfördernd": Auf diese Kurzformel bringt Lisa DeBruine von der Universität Aberdeen ihre soziobiologischen Erkenntnisse. Versuchspersonen zeigten zu Menschen, die ihnen ähnelten, größeres Vertrauen als zu anderen. Die evolutive Wurzel davon ist die unbewusste Annahme, dass Ähnlichkeit auf Verwandtschaft schließen lasse - und damit vertrauensfördernd sei. Umgekehrt sei der Mensch darauf programmiert, nahe Verwandte sexuell unattraktiv zu finden, wodurch die Partnerwahl in den Zielkonflikt vertrauensvoll vs. lustvoll gerate. Partnerwahl spiele sich daher im Mittelfeld ab. Dies erkläre, warum wir geneigt seien, Partner zu wählen, die unseren Eltern ein wenig ähneln. Hat Ihr Partner etwa die gleichen Augen wie Ihr Vater? Jetzt wissen Sie, warum! hhp -- PS: Experimentieren Sie unbedingt auf DeBruines Website mit Gesichtserkennung und -manipulation.

2009/09/08: Research Indicates Earlier Debut in Europe For Refined Stone Tools - New York Times

Mit paläomagnetischer Datierung konnte herausgefunden werden, dass in Europa eine fortgeschrittenere Werkzeugherstellung schon vor ca. 800.000 Jahren stattfand - bisher ging man von 200.000 Jahren aus. Diese Erkenntnisse tragen zu der wachsenden Evidenz bei, dass der Mensch früher von Afrika nach Europa kam als bislang angenommen. Fraglich sei noch die Migrationsroute. Die Forscher vertreten die "provokative", aber gut begründete Interpretation, dass sie weniger über Nahost als vielmehr über Gibraltar verlief. hhp

2009/07/27: Science Is in the Details - New York Times

Francis Collins, ehemaliger Kopf des Human Genome Project, ist als Direktor der National Institutes of Health nominiert worden. Und schon ärgern sich die militanten Atheisten. Nicht weil Collins Christ ist, sondern weil er "versierter Wissenschaftler und ein aufrichtiger Gläubiger" - und damit ein lebendes Zeugnis für die Vereinbarkeit ist. Genau diese Kombination behagt Sam Harris, Autor des vorliegenden Op-Ed, gar nicht: "Müssen wir wirklich die Zukunft der biomedizinischen Forschung einem Mann anvertrauen, der allen Ernstes glaubt, dass das Wesen des Menschen naturwissenschaftlich nicht verstehbar ist?" Gegenfrage: Sollten wir die biomedizinische Forschung einem Mann anvertrauen, der den Menschen restlos auf Naturwissenschaft reduziert? Klar, für Atheisten müssen Leute wie Collins ein Dorn im Auge sein; rationale Wissenschaftler, die sich vom Atheismus zum Theismus bekehren - ohne dement zu sein. Das passt nun so gar nicht in das Bild von Religion als infantiler Wahnvorstellung. hhp

2009/07/15: Sind wir nicht alle ein bisschen Fisch? - Sueddeutsche.de

In einem amüsanten Artikel schildert Katrin Blawat, wie sehr der Mensch mit den Tieren verwandt ist. Primaten als Vettern zu betrachten, ist für viele schon ein Zumutung; nun liest man: "Physisch sind wir Menschen noch immer Fische, wenn auch stark modifizierte". In der Tat erinnert jedes Körperteil an unsere Herkunft aus dem Wasser. Vor allem unsere Gebrechen erscheinen vor dem Hintergrund unserer Entstehungsgeschichte plausibel: Wäre der Mensch von Grund auf als zweibeiniges Landlebewesen eigens designed worden, würden ihn weder Knie- noch Rückenschmerzen plagen, und er hätte keinen Schluckauf - einen intelligenten Designer vorausgesetzt. Die Realität sieht bekanntlich anders aus und kann gut als Dämpfer für Intelligent-Design-Gläubige verstanden werden, nicht aber als "Dämpfer für alle, die den Menschen als Krone der Schöpfung sehen" - das ist eine komplett andere Kategorie. "Krone der Schöpfung" ist genau wie "Dornenkrone der Evolution" (Wuketits) Weltanschauung, nicht Biologie.hhp

2009/06/25: Gedanken über Zufall und Bestimmung - Nürnberger Zeitung

Zufällig (!) zeitgleich zu unserer Tagung zum Thema "Zufall" (siehe unter Aktuelles) bietet die Nürnberger Zeitung meditative Gedanken über Zufall und Bestimmung. Die Kernfragen des Artikels waren auch die Hauptdiskussionspunkte der Tagung: Wie hängt Zufall mit naturwissenschaftlicher Kausalität auf der einen, wie mit göttlichem Wirken auf der anderen Seite zusammen? Ein entscheidender Unterschied jedoch: Der Artikel kennt nur den sog. "epistemischen" Zufall, das unbeabsichtigte Kreuzen zweier Kausalreihen, das sich nur "mangels näheren Wissens jeder gesetzmäßigen Beschreibung entzieht". Ein solcher Zufall ist noch mit einem mechanistisch-deterministischen Weltbild vereinbar, ein Weltbild, in dem Freiheit letztlich eine Illusion darstellt. Die Tagung machte sich demgegenüber die Erkenntnisse der modernen Physik über "echten" Zufall zunutze und konnte damit auch "echter" Freiheit Raum eröffnen. hhp

2009/06/08: Zukunft der Gentechnik: Plädoyer für den ultimativen Tabubruch - Wissenschaft - SPIEGEL ONLINE

Richard Dawkins plädiert dafür, sich mit dem Gedanken der Kreuzung von Mensch und Tier anzufreunden. Einen qualitativen Unterschied zwischen Tier und Mensch zu behaupten ist für Dawkins Essentialismus und "zutiefst unevolutionär". Evolutionär und naturwissenschaftlich fassbar ist jedoch die Leidensfähigkeit, die am Nervensystem festzumachen sei. Die Summe des Leidens wird zum Kriterium der Schutzwürdigkeit, was Dawkins Ethik zu einer utilitaristischen macht - ausdrücklich in seinem "Gotteswahn", 407. Dort findet sich auch der typische naturalistische Fehlschluss, wenn Dawkins darauf hinweist, "dass die Mehrzahl aller Embryonen ohnehin ganz von selbst kurz nach der Befruchtung als Fehlgeburt abgestoßen wird" (410). Motto: Wenn die Natur tötet, darf der Mensch das auch! Tier-Mensch-Mischwesen nun würden die Enttabuisierung weiter vorantreiben - für Dawkins ein "freudiger Schauer". Und für uns der Hinweis, dass sich Menschenwürde rein evolutionstheoretisch nicht begründen lässt. hhp

2009/04/24: Religion: Ist Glaube ein Produkt der Evolution? | Frankfurter Rundschau - Wissen & Bildung

Um die Frage, ob religiöser Glaube ein Evolutionsprodukt ist, versammelt der Beitrag 4 verschiedene Positionen. Für den Theologen Gerd Theißen hat Religion als "Eros zum Sein" einen ähnlichen biologischen Nutzwert wie erotische Verliebtheit. Auch der Religionswissenschaftler Michael Blume und der Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits sind sich einig, dass Religion einen evolutiven Nutzen darstellt - soweit die empirische Grundlage. Uneinig sind sie darin, ob Religion ein reines "Hirngespinst" ist (Wuketits), oder ob sich hinter Religion eine "höhere Wahrheit" verbirgt (Blume). Dem Theologen Richard Schröder ist das evolutionstheoretische Denken in Zweck-Mittel-Relationen schon im Ansatz suspekt: "Die Frage nach dem Gebrauchszweck passt nicht auf Gott". hhp

2009/05/05: Christlicher Humanismus ? Zenit - die Welt von Rom aus gesehen

Hans Otto Seitschek stellt in diesem Artikel dem naturalistischen Humanismus einen christlichen Humanismus entgegen. Der naturalistische Humanismus, der alles auf den Menschen selbst zurückführen müsse, münde letztlich in einen Transhumanismus, der die Neuschöpfung des Menschen durch den Menschen selbst vornehmen müsse. Seitschek erscheint dies nicht möglich. Der christliche Humanismus gehe ebenfalls davon aus, dass der Mensch seinem Leben Sinn verleihen muss. Aber dieser Sinn sei klar an Gott orientiert, was den Unterschied ausmache. Zwei Punkte möchte ich kritisieren. 1. Ich halte es für theologisch schief und argumentativ entbehrlich, wenn der Autor in evolutiven "Erklärungslücken ... Metaphern für die Offenheit der menschlichen Natur" erblickt. 2. Wenn der "christliche Humanismus ... in Gott ein klares ... Ziel" anerkennt, was heißt dann "klar"? Das riecht nach theologischen Positivismus, der die Schwierigkeit hermeneutischen Ringens um ein konkretes Ziel verschweigt. hhp

2009/05/04: Genforschung: Wie wir neue Software für das Leben schreiben werden - Wissenschaft - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten

In regelmäßigen Abständen gibt die deutsche Presse Verlautbarungen des "Herrn der Gene", Craig Venter, im O-Ton wieder. Nachdem Venter als Pionier das menschliche Genom zu entziffern half, steht für ihn der nächste Schritt an: Wir werden "nicht nur unsere Vorstellung des Lebens verändern, sondern das Leben selbst". Diese Vision ist freilich Headline-tauglicher als der ebenfalls von Venter geäußerte Hinweis, dass wir erst anfangen zu begreifen, wie der genetische Code das Leben programmiert. So verstärken und vereinseitigen die Schlagzeilen der Presse die ohnehin üppige Inszenierung Venters. Man denke zurück an das Jahr 2000, in dem die FAZ am 08.04. im Untertitel verkündet: "Die vollkommene Erkenntnis der Lebensprozesse steht in diesem Jahr bevor", damit aber die Aussagen Venters glatt auf den Kopf stellt. Dieser sagt dort vielmehr, dass die Entzifferung das erste, die vollkommene Erkenntnis das letzte Kapitel sei, und: "Dieser Tag wird nicht morgen oder nächstes Jahr da sein". hhp

2007/08/17: Diskussion um den freien Willen - ''Moralisches Verhalten ist reiner Eigennutz'' - Wissen - sueddeutsche.de

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung bestreitet der Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits die Existenz des freien Willens: "Wir haben nur die Illusion eines freien Willens". All unsere Handlungen seien letztlich durch die evolutive und individuelle Geschichte determiniert. Die Frage, warum sich die Illusion des freien Willens denn überhaupt entwickelt habe, beantwortet Wuketits mit der evolutionären Erkenntnistheorie: Das Gehirn sei ein Überlebensinstrument und kein Wahrheitsinstrument; es erlaubt uns deshalb Illusionen. Dies wäre sicher eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung von Illusionen, aber ist dies schon eine hinreichende Erklärung? hhp

2006/11/04: Papst: Wissenschaft nicht ohne Gottesbezug - Berliner Morgenpost

Einer KNA-Meldung zufolge gab Papst Benedikt zu verstehen, dass die Gesellschafts- und Humanwissenschaften nicht auf einen Gottesbezug verzichten können. Der Grund: Der Mensch (Gegenstand der Humanwissenschaften) lasse sich nicht ohne Gottesbezug verstehen. Wie verträgt sich dies mit dem methodischen (!) Atheismus der Naturwissenschaften? hhp

2009/03/13: Vatikanischer Kongress - Gott vermeiden oder Gott spielen?

Auch die Stuttgarter Zeitung berichtet über den Vatikan-Kongress zur Evolutionstheorie und stellt besonders die Kontroversen um die Stellung des Menschen, den ontologischen Status der menschlichen Seele und die Abgrenzung zu Kreationismus und Intelligent Design in den Vordergrund. hhp

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