Pesic: Die Spione im Unendlichen

Peter Pesic
Die Spione im Unendlichen. Kepler, Newton, Einstein und die Geheimnisse des Universums
Aus dem Amerikanischen von Dietmar Zimmer. Stuttgart (Klett-Cotta) 2003. 222 Seiten, ISBN 3-608-94350-1


Rezension von Gottfried Kleinschmidt

Musikalisch formuliert, handelt es sich bei diesem Buch um eine „dreistimmige Fuge“. Das erste Motiv ist das leidenschaftliche Ringen des Forschers mit der geheimnisvollen Natur - in einem intellektuellen Kampf, bei dem beide einander auf die Probe stellen. Das zweite Thema sind die Auswirkungen dieses leidenschaftlichen und glühenden Ringens auf die Persönlichkeit des Forschers. Es geht um jene Form der Läuterung, die tiefstes menschliches Wünschen und Verlangen betrifft. Es geht um die Sehnsucht nach der neuen befreienden Idee, die das Denken beflügelt. Im dritten Strang steht eine entscheidende Innovation im Mittelpunkt, die aus diesem geläuterten Verlangen und unausgesetzt angestrengten Nachdenken erwachsen ist: eine „symbolische“ Mathematik und ihre Beziehungen zur Welt.
Das Buch beansprucht nicht, eine Abhandlung im modernen wissenschaftsphilosophischen oder wissenschaftstheoretischen Sinn zu sein. Der Autor betrachtet wissenschaftliche Texte vielmehr als literarische Werke und beschäftigt sich mit stilistischen Nuancen und Feinheiten, die viel über das Denken und Fühlen der „Spione im Unendlichen“ aussagen. Große wissenschaftliche Schriften haben ebenso wie große literarische Werke eine zwingende Integrität und eine bezaubernde Kraft der Phantasie. Gerade dieser lebendige Kern von bedeutenden wissenschaftlichen Schriften kann uns als Menschen unmittelbar betreffen und unser Denken beflügeln.
Außer mit den erwähnten „Spionen Gottes“ (Kepler, Newton und Einstein) beschäftigt sich P. Pesic mit dem Arzt William Gilbert, dem Mathematiker Francois Viète (lat.: Vieta) und dem Lordkanzler Francis Bacon. William Gilbert untersuchte den Magnetismus. Francis Bacon war der Überzeugung, das man der Natur nur dann ihre Geheimnisse entlocken kann, wenn man ihr mit besonderem Respekt und besonderer Achtung vor ihrer bestimmenden Herrschaft begegnet. In „New Atlantis“ schreibt er: „Es gibt unter Sterblichen nichts Erhabeneres und Bewundernswerteres als den reinen, unschuldigen Geist der Forscher“. Bacon präsentiert sich als der „neue Theseus“, der die Menschheit vom Minotaurus des Todes befreit durch das Entschleiern oder sogar Verstehen wissenschaftlicher Geheimnisse, die er dem Labyrinth dadurch entwinden kann. Francois Viète ist durch seine „krypto-analytischen Fähigkeiten“ (zum Entziffern von Geheimschriften) auch Nichtmathematikern bekannt geworden. Der Philosoph G.W. von Leibniz betrachtete die „Kryptologie“ als ein entscheidendes Modell für eine universelle Wissenschaft. Sie schließt nicht nur die verallgemeinerte „symbolische“ Mathematik ein, sondern geht auch davon aus, dass sich die Natur als ein „kryptischer Text“ entziffern lässt. Auch Rene Descartes beschäftigte sich mit Kryptologie. Er interpretierte die Buchstaben der Welt als symbolische“ Kryptogramme und wollte auf diese Weise zur Enthüllung der Geheimnisse der Natur beitragen. Kepler schreibt in den „Epitome Astronomiae Copernicanae“: „Mit reinem Geist bete ich, dass wir über“ die Geheimnisse Seiner Pläne werden sprechen können gemäß dem gnädigen Willen des all-wissenden Schöpfers, mit der Einwilligung und gemäß seines Verstandes“. Kepler notiert, dass sich Gott selbst wohl mit Geometrie beschäftigt haben müsse, was sowohl in Kristallen als auch in der perfekten Schneeflocke erkennbar sei. Der 19. Juni 1595 ist für Kepler unvergesslich. Er war 24 Jahre und bemerkte in Form einer Eingebung (eines Geistesblitzes) einen Zusammenhang zwischen Platons Vision und der kopernikanischen Hypothese von der Sonne als Mittelpunkt des Universums. Ein weiterer Durchbruch gelang ihm durch die Einführung der elliptischen Planetenbahnen. Auf diese Weise konnte er die Erkenntnisse und Theorien von Ptolemäus, Kopernikus und Tycho Brahe in Einklang bringen. Kepler hat auch qualvolle Phasen vergeblichen Suchens durchlebt. Er fühlt sich gequält, er schwitzt, schuftet sich ab mit seinen endlosen Berechnungen. Gleichzeitig macht er sich über seinen bedauernswerten geistigen Zustand lustig. Als ihm dämmert, dass das „Oval“ tatsächlich eine Ellipse ist, rauft er sich die Haare! An einer anderen Stelle schreibt er: „ich forsche fast bis in den Wahnsinn“, aber die Erleuchtung bleibt aus. Als er endlich doch die geheimnisvollen Zusammenhänge entdeckt, ruft er: „Ich Narr!“
Von Newton ist der folgende Abschnitt aus einem Brief an einen Freund sehr bekannt geworden: „Ich weiß nicht, wie die Welt mich sieht, aber ich selbst habe mich immer nur als einen kleinen Jungen gesehen, der am Strand spielt und sich damit vergnügt, gelegentlich einen noch glatteren Stein oder eine noch schönere Muschel zu finden als üblich, während der große Ozean der Wahrheit vollkommen unentdeckt vor mir liegt“. Newton hat sein Leben lang gerne mit Gedanken und Ideen gespielt und sie immer wieder verborgen. 1738 schrieb Voltaire: „Newton hat seine Wahrheiten in einem tiefen Abgrund versteckt, in den man hinabsteigen muss, um sie zu bergen und ins volle Licht zu stellen“. Newton war ein ängstlicher, vorsichtiger und recht misstrauischer Mensch. Er erlaubte die Veröffentlichung seiner wissenschaftlicher Werke nur auf besonders eindringliches Zureden und mit langen Verzögerungen. Mehrmals veröffentlichte er entscheidende Entdeckungen verschlüsselt in Geheimschrift; er wollte sie vor „spionierenden Blicken“ bewahren. So verbarg er auch das Geheimnis seiner Häresie, seine felsenfeste Ablehnung der orthodoxen Vorstellung von der Dreieinigkeit, in einer Geheimschrift, um Angriffe durch die Kirche zu vermeiden. Newton interessierte sich für die tiefsten, „wirklichen“ Geheimnisse, symbolisiert durch den „großen Ozean“. Dennoch gelang es ihm nicht, ganz in diesen geheimnisvollen Ozean einzutauchen. Aus dieser Sicht ist auch sein starkes Interesse an der Alchimie verständlich. Er hoffte, etwas zu finden, das sogar noch stärker war als die mathematischen Prinzipien der Natur. Seine Leidenschaft für die Alchimie war nicht weniger intensiv als die für die Mathematik. Newtons mathematisches Projekt enthielt zwar einen weit reichenden Versuch, den Fluss des Lebens auf der Welt zu verstehen, aber sein Bild vom „geheimnisvollen Ozean“ impliziert noch die tiefere Frage danach, was lebende Dinge tatsächlich zum Leben erweckt. Der Ozean ist größer als der Kieselstein und die Muschel in seiner Hand!
Einstein war ein leidenschaftlicher Segler. Überliefert ist folgende Geschichte aus dem Sommer 1931. Während einer Segeltour unterhielt er sich mit seinem Gast über Gott, das Universum und die Menschen. Plötzlich schaute er in den wolkenlosen Himmel über dem blauen See und meinte: „Wir wissen gar nichts über das alles. All unser Wissen ist nur das Wissen von Schulkindern. Möglicherweise werden wir in Zukunft ein wenig mehr wissen als heute. Doch die wahre Natur der Dinge werden wir nie erfahren, niemals“. Einstein hörte allerdings nie auf, nach dem „Geheimnis“ zu suchen. Das begann schon in seiner Kindheit mit einem Kompass, den sein Onkel ihm geschenkt hatte. Mit dem Kompass erkannte er „etwas hinter den Dingen, das tief verborgen war“. Bekannt ist Einsteins Rede zu Max Plancks 60. Geburtstag. Er erwähnt u.a. die „prästabilierte Harmonie“ von Leibniz und meint: „Die Sehnsucht nach dem Schauen jener prästabilierten Harmonie ist die Quelle der unerschöpflichen Ausdauer und Geduld, mit der wir Planck den allgemeinsten Problemen unserer Wissenschaft sich hingeben sehen, ohne sich durch dankbarere und leichter erreichbare Ziele ablenken zu lassen. Ich habe oft gehört, dass Fachgenossen dies Verhalten auf außergewöhnliche Willenskraft und Disziplin zurückführen wollen; wie ich glaube, ganz mit Unrecht. Der Gefühlszustand, der zu solchen Leistungen befähigt, ist dem des Religiösen oder Verliebten ähnlich“. Wie es bereits Bacon und Kepler ausgedrückt haben, wandelt sich Eros vom „Nur-Persönlichen“ zur Suche nach verborgenen Harmonien im Kosmos. Einsteins Sichtweise enthält auch religiöse Elemente. In einigen seiner Darstellungen betont er, was er „kosmische Religiosität“ nannte. Einstein suchte gleichzeitig nach Befreiung von dem „Nur-Persönlichen“ in Form des Denkens in Bildern. Es kommt nicht von ungefähr, dass Baruch Spinoza sein Lieblingsphilosoph war. Er bezeichnete sich selbst als Schüler Spinozas und sprach von einer Art Seelenverwandtschaft. In einem Brief an „Solovinc“ (1949) schreibt Einstein: „Du stellst Dir vor, ich schaue mit ruhiger Zufriedenheit auf mein Lebenswerk zurück. Doch aus der Nähe sieht das ganz anders aus. Da ist kein einziges Konzept, von dem ich überzeugt bin, dass es fest steht, und ich bin unsicher, ob ich überhaupt auf der richtigen Spur bin“. Er hatte die Befürchtung, das Labyrinth der Natur könnte sich in einem endlosen Dunst ohne Zentrum verlieren.
Heute spielen die neuen Techniken der „Quantenkryptographie“ in Verbindung mit dem „Quantenwürfeln“ eine Rolle. P. Pesic stellt am Ende seiner Ausführungen fest: „Die Quantentheorie ist selbst ein one-time-System, das unkontrollierbare externe Zufälligkeit mit interner Determiniertheit koppelt. Dies bedeutet, die Geheimschrift der Natur ist unentzifferbar, obwohl die Geheimschrift selbst nach nachvollziehbaren mathematischen Regeln aufgebaut ist. Das Geheimnis der Natur ist in Form von Zufälligkeit verschlüsselt, die so vollständig ist, dass nicht einmal die Natur selbst sie lösen könnte“. Nochmals kommt der kleine Albert Einstein und sein Kompass ins Spiel. Als er das Geschenk seines Onkels in der Hand hielt, hatte er gezittert und ihm wurde kalt, weil er eine innere Aufwallung spürte, mit der sein Körper auf die Wahrnehmung des Ausschlags der Kompassnadel reagierte. Er spürte nicht nur die Existenz rätselhafter Wunder und Geheimnisse der Natur, sondern auch einen neuen Weg, der sich ihm plötzlich erschloss.


Kurzbeschreibung (amazon.de)

Wie Spionen in einer fremden Welt gelang es Kepler, Newton und Einstein, die geheimnisvollen Botschaften des Unendlichen zu entschlüsseln. Ihm alle Geheimnisse zu entlocken, diesem letzten Zugriff des Menschen, entzieht sich das Universum jedoch unaufhörlich. Dem Geheimnis der Natur auf der Spur, erfahren wir am meisten über uns selbst, das Rätsel, das wir selbst sind.
Sie haben die Welt verändert: Johannes Kepler, Isaac Newton und Albert Einstein gehören zu den Jahrtausendgestalten der Menschheit. Ihr Geist durchdrang das Universum, um ihm die tiefsten Geheimnisse abzuringen.
Wie ist das Weltall aufgebaut? Nach welchen Gesetzen kreisen die Planeten? Wann hat das Universum begonnen? Wie ist es entstanden? Wann wird es enden? Was sind Raum und Zeit? Wie wirken Licht und Schwerkraft? Gibt es Leben im Weltall? Und was stellt dieses kosmische Schauspiel mit uns an, seinen unfreiwilligen Mitspielern und staunenden Beobachtern?
Diese mitreißende Geschichte, wie sich die stillsten, aber radikalsten aller Revolutionen abspielten, trägt der amerikanische Wissenschaftshistoriker Peter Pesic in kurzen Episoden vor. Ein Buch, das Sie einmal aufschlagen und immer wieder lesen werden.


Über den Autor (amazon.de)

Peter Pesic studierte in Harvard und Stanford Physik, wo er von 1975 bis 1979 Vorlesungen hielt. Seit 1980 ist er Lehrender am St. John’s College in Santa Fe (Neumexiko). Peter Pesic tritt auch als Pianist auf. Zahlreiche Veröffentlichungen über Shakespeare, Spinoza, Leibniz, Newton, Kafka und Einstein. Peter Pesic beschäftigt sich mit großen Denkern, Künstlern und Wissenschaftlern aus allen Bereichen, über die er fachlich kompetent, originell und einfallsreich schreibt.


Aus der Amazon.de-Redaktion

Am Anfang erzählt Peter Pesic die Geschichte des ganz kleinen Albert Einstein, der angesichts eines Kompasses das Geheimnisvolle hinter den Dingen verspürt und damit das Wesentliche seiner späteren Fähigkeiten illustriert: den kindlichen Spieltrieb und Wissensdurst. Der Wissenschaftler will das Unbekannte ergründen -- das ihm Unbekannte.
An mehreren Beispielen aus unterschiedlichen Epochen schildert der Physiker und Konzertpianist Peter Pesic den immer wiederkehrenden leidenschaftlichen Dialog des Menschen mit der Natur, an dessen Anfang die Auseinandersetzung mit dem Phänomen steht, gefolgt von dem glühenden Verlangen nach Verständnis, das letztlich erst durch die mathematische Beschreibung befriedigt wird.
Pesics Essay über die mitunter erotisch anmutende Begierde nach der Enthüllung von Geheimnissen beginnt am Beispiel dreier Vertreter der Renaissance: William Gilbert, François Viète und Francis Bacon, die, befreit von den geistigen Ketten des Mittelalters und auf der Grundlage ihrer antiken Vorbilder, die Methoden der systematischen Forschung entwickelten, mit denen Johannes Kepler die Himmelsmechanik begründete, Isaac Newton die Naturgesetze entdeckte und auf die Albert Einstein schließlich seine Theorien von Raum und Zeit baute.
Dass die Ergründung des Kosmos -- der hier für das Unbekannte schlechthin steht -- nichts anderes ist als der stete Versuch, die zeitgemäßen Grenzen zu überschreiten, beschreibt Pesic in fundierter, aber eingängiger Art und Weise. "Hier treffen Ratio und Leidenschaft mit einer Unmittelbarkeit aufeinander, die man religiös nennen könnte", schreibt der Autor etwa zu Kepler, und der Leser spürt, wie sich Pesic von dessen Lust am Wissen und der philosophischen Ergründung der Natur anstecken ließ.

J. Schüring


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